Alles über das Abwesende

von Felizitas Ammann

Zürich, 3. Juni 2008. Es ist die Abwesenheit, die den Abend prägt – nicht nur die bevorstehende Abwesenheit des Teams um Intendant Wolfgang Reiter, das sich mit dieser Produktion von Zürich verabschiedet. Ein großer Abwesender ist auch Händl Klaus, dessen "Dunkel lockende Welt" bereits vergangene Spielzeit wegen Krankheit gestrichen werden musste. Das Stück sollte nun die laufende Saison beenden – und die Proben mussten wiederum wegen Erkrankung einer Darstellerin abgebrochen werden.

Beziehung mit frühem Liebesentzug  

Regisseur Jarg Pataki ersetzte lieber das ganze Stück als die Schauspielerin und brachte mit dem gesamten Ensemble (außer der erkrankten Marianne Hamre) Roland Barthes' "Fragmente einer Sprache der Liebe" auf die Bühne – in das Bühnenbild von "Dunkel lockende Welt". Aus Händl Klaus' Stück stammt auch die Grundidee, denn darin wird dringend empfohlen, die "Fragmente“ zu lesen. Pataki und das Ensemble sind dieser Empfehlung mehr als nachgekommen. Sie haben den Text gelesen, bearbeitet und in nur vier Wochen eine "szenische Sprechung" auf die Bühne gestemmt, die sich sehen und vor allem hören lassen kann.

Das ist keine schlechte Lösung, nicht nur, weil der Abend gefällt. Die letzte Produktion steht so auch exemplarisch für die Bearbeitung von theaterfremden Texten, wie sie im Neumarkt in den letzten Jahren immer wieder gewagt wurde. Insgesamt erschien das Programm des Hauses allerdings zu gemischt, um ein treues Publikum aufzubauen. Oder hat einfach die Zeit nicht gereicht? Darüber lässt sich nur noch spekulieren: Der Verwaltungsrat hatte der Leitung bereits nach eineinhalb Jahren die Vertragsverlängerung verweigert. Nun, nach vier Jahren, verlässt Wolfgang Reiter das Haus.

Analyse, Emotion, nachvollziehbare Beobachtungen

Der Abschied beginnt polyphon. Das Publikum staut sich im engen Gang, die Schauspieler bewegen sich sprechend durch die Menge. Dann geben schmale Schlitze den Blick frei auf den weißen Theaterraum. Und schließlich darf man eintreten und mitten im Raum Platz nehmen auf niedrigen weißen Pilzen. Jeder für sich allein. Denn der Diskurs des Liebenden ist eine einsame Sache. Die Abwesenheit des Geliebten ist Voraussetzung für das unablässige Sprechen und Schreiben des liebenden Subjekts. Oder wie es bei Barthes heißt: "Wissen, dass man nicht für den Anderen schreibt, wissen, dass die Dinge, die ich schreibe, mir nie die Liebe dessen eintragen werden, den ich liebe, wissen, dass das Schreiben nichts kompensiert, nichts sublimiert, dass es eben da, wo du nicht bist, ist – das ist der Anfang des Schreibens."

Die "Fragmente" bestehen aus 80 kurzen Sprachszenen. Sie sind alphabetisch geordnet und beginnen in der deutschen Übersetzung mit der Abwesenheit (davor steht nur noch die Abhängigkeit). Barthes' spätes Werk von 1977 speist sich aus Philosophie und Literatur, aus Anekdoten und selbst Erlebtem. Goethes Werther wird angesprochen, Lacan scheint immer wieder auf.

Die einzelnen Teile sind unterschiedlich, angesiedelt zwischen Analyse und Emotion, kryptischen Passagen und nachvollziehbaren Beobachtungen. Etwa, dass man den anderen zu kennen glaubt und ihn doch nie verstehen wird. Oder dass das Lieben ein einziges Warten ist. Das Warten auf den Geliebten im Café kann sich gar zu einem Drama in drei Akten auswachsen – einem in Patakis Inszenierung ziemlich lustigen Drama.

Am Ende wird zusammen gekocht 

Pataki erlaubt sich nur wenige ausgespielte Szenen, ansonsten ist der Abend sehr zurückhaltend inszeniert. Unterstützt von einer Pianistin wird in erster Linie gesprochen. Mal chorisch, mal dialogisch und meist monologisch. Das ist gut so. Denn der Text mit seinen vielen Brüchen erweist sich selbst als eindringlich und immer wieder überraschend.

Schade nur, dass der Abend insgesamt etwas zu leichtfüßig daher kommt: die Katastrophen des Liebenden tun nicht wirklich weh, zu schnell folgen schon die nächsten Beobachtungen zum Thema. Doch schließlich gilt es heute auch, ein Fest zu feiern. Und deshalb endet das Sprechen mit den "glücklichen Tagen" des Liebenden, und beginnt dann das Fest, bei dem Ensemble und Publikum gemeinsam kochen und essen. So erfährt der flüchtige Abend über das Abwesende einen ganz und gar präsenten und währschaften Abschluss.

 

Fragmente einer Sprache der Liebe
nach Roland Barthes, deutsch von Hans-Horst Henschen
Regie: Jarg Pataki, Bühne und Kostüme: Doris Dziersk.
Mit: Silke Buchholz, Adrian Furrer, Silke Geertz, Christoph Rath, René Schnoz, Charlotte Torres.

www.theateramneumarkt.ch


Mehr über Produktionen des Theater am Neumarkt: Im Mai inszenierte Leopold von Verschuer Kathrin Rögglas publikumsberatung, im April entstand Der gefesselte Prometheus nach Aischylos in der Regie von Christoph Rath. Jarg Pataki widmete sich zuletzt in Fremdwerden I-III den Biographien von Aharon Appelfeld, Albert Camus, Petra Kelly; ein Projekt, das er am Theater Freiburg realisierte.

 

 

Kritikenrundschau

Schöner könne eine Direktion nicht enden, freut sich Peter Müller im Zürcher Tagesanzeiger (5.6.) über die letzte Premiere unter Intendant Wolfgang Reiter. Nach einer guten Stunde würden die Schauspieler plötzlich die Fenster aufreißen, würden die Türen geöffnet, und die Technik trage Tische und Bänke in den Theatersaal. Dann stellten sich der Intendant und sein Chefdramaturg Dieter Seiler hinter die Grillpfannen. Aber auch der Abend selbst beglückt den Rezensenten durch weitgehende Leichtfüßigkeit. Zwar gibt es aus seiner Sicht neben Klugem und Komischem auch Sperriges und Sprödes. Dafür hört Müller im Publikum immer wieder jene "Lacher der Selbsterkenntnis", die sich schon Barthes selbst gewünscht habe. Noch einmal also zeige das Neumarkt-Ensemble seine Stärken und Schwächen. Nämlich, das "eindrückliche Engagement, die Neugier, die Lust am Schwierigen. Aber auch einen lachhaften Hang zum Dozieren". "Da lebt man intellektuell über die Verhältnisse, und der erigierte Zeigefinger wirkt ganz unerotisch", seufzt der Kritiker noch mal. "Doch schon gehen die Fenster auf. Auf die Analyse des einsamen Liebenden folgt Agape, das festliche Liebesmahl."

Auch Charles Linsmayer ist im Berner Bund (5.6.) der Ansicht, dass diese, eigentlich als Lückenbüßer für "Dunkel lockende Welt" von Händl Klaus anberaumte Inszenierung ein "wahrer Geniestreich von geglücktem, hinreißend umgesetztem Improvisationstheater" ist. Pataki lasse eine "geschickt gewählte" Auswahl der Texte in einem Raum rezitieren, der die "Vereinsamung direkt fassbar" mache und füge "Schumann-Klavierstücke und pianistische Improvisationen" hinzu, "die das Musikalische seiner festen Umrisse berauben". Ganz unmittelbar könne das Publikum "die Vereinsamung des unglücklich Liebenden und das tröstliche Zurückfinden in die Gemeinschaft" erleben, indem es sich erst durch "labyrinthische Gänge" taste, dann durch "eine Art Schießscharten" in den Saal hineinschaue, um schließlich in der "gleißenden Helle" zu stehen und hinterher vom Theaterdirektor noch opulent bekocht zu werden.

 

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