Die Wolga fließt durch Zürich

von Valeria Heintges

Zürich, 1. Oktober 2017. Dostojewski, wird Frank Castorf im Programmheft zitiert, sei kein klarer Bergsee von Johann Wolfgang von Goethe. Nein, Dostojewski, "das ist die Wolga". Die Wolga wälzt sich jetzt mitten durch den Schiffbau (wie passend) in Zürich. Sie reisst jeden Wunsch nach Klarheit, einfacher Deutung und einer überschaubaren Geschichte mit sich. Sie wirbelt alle und alles durcheinander und hat mit Kathrin Angerer eine Schauspielerin ans Uferland gespült, die in dieses gepflegte Zürcher Ensemble platzt wie eine Naturgewalt.

Spieler im Strudel

Ob sie als kleines Mädchen mit einem Stock und einem Stück Kreide bewaffnet in den Krieg zieht gegen Polen, Amerika, Russland und Deutschland, ob sie mit der absurden Geschichte eines Schlittenunfalls von ihrem Seitensprung ablenken möchte. Oder ob sie würdevoll, aber mit geballter Verachtung hinabschaut auf ihren greisen, erbärmlich hustenden Gatten (Siggi Schwientek) – sie steht immer im Zentrum. Die Wolga ergreift auch Hiesige, macht aus Robert Hunger-Bühler einen wütenden, wahnsinnigen Ehemann, der in den Strudel der Eifersucht gerät, sich mit dem Liebhaber seiner Frau (Johann Jürgens) um Kopf und Kragen redet, in der Oper einen Theaterzettel abfängt und sich mit Posaune unter dem Bett einer fremden Frau wiederfindet, unter dem schon ein anderer Mann liegt. Am Ende ist der Hund der Frau tot und Robert Hunger-Bühler, der lange nicht mehr so quirlig-quecksilbrig gespielt hat, steht mit ewig-müdem Gesicht vor der eigenen Ehefrau.

FremdeFrau4 560 Matthias Horn uJohann Jürgens, Kathrin Angerer und Gottfried Breitfuss  © Matthias Horn

Hunger-Bühler ist der Mann unter dem Bett in der Erzählung "Die fremde Frau und der Mann unter dem Bett", die Frank Castorf jetzt in Zürich mit einer anderen Erzählung von Fjodor M. Dostojewski, "Der Traum eines lächerlichen Menschen", verquirlt hat. Dafür schmeißt er auch Gottfried Breitfuss als "lächerlichen Menschen" in die Weiten der Wolga. Wahnsinnig-lebensmüde ist Breitfuss der mal vor sich hin brabbelnde, mal schreiende Sonderling, der mit seinem Spiegelbild rechtet und als Selbstmörder scheitert. Er wird von einem hilfesuchenden Mädchen angesprochen, verstößt die Achtjährige, schläft am Schreibtisch ein und träumt, auf einem Doppelgänger der Erde zu landen, auf dem alle Menschen gut und friedlich miteinander leben. Dann kommt das Böse und macht auch aus dem Doppelgänger die uns sattsam bekannte, nicht sehr paradiesische Erde, in der "die Erkenntnis höher als das Leben" und "das Wissen vom Glück höher als das Glück" eingestuft wird.

Selbstmord und Lächerlichkeit

Wenig haben diese beiden Erzählungen miteinander gemein; die eine tragikomisch aus den Anfängen des Schriftstellers, die andere philosophisch-tiefgreifend, lebensumgreifend-tragisch aus dem Spätwerk. Auf der Bühne werden sie durch die Besetzung derselben Schauspieler nur lose ineinander verzahnt, wenn Kathrin Angerer das Mädchen in der einen Erzählung und – beinahe – alle Frauenfiguren in der anderen spielt. Motive wie der Selbstmord verbinden sie: So wie sich der lächerliche Mensch umbringen will, greifen auch die düpierten Ehemänner zur Waffe. Tatsächlich stirbt zuletzt niemand, doch wird mal der Ehemann totgeglaubt und flattert mal Ilona Kannewurf als Gogo-Girl mit Schmetterlingsflügeln wie ein Insekt, das sich die Flügel verbrannt hat und abstürzt. Selbstmord in Gedanken?

FremdeFrau1 560 Matthias Horn uGottfried Breitfuss unten auf der Veranda und Ilona Kannewurf auf dem Screen © Matthias Horn

Ein Bindeglied auch die Lächerlichkeit, nur Kehrseite der Einsamkeit dieser lebensuntüchtigen Gestalten. Auch der Abend pendelt zwischen Lächerlichkeit und Ernst, und natürlich zieht Castorf auch in seiner ersten Inszenierung nach der Volksbühnenzeit manche Szenen wie Kaugummi, bis alles unerträglich lang und unerträglich peinlich wirkt. Das ist nicht Wahnsinn, sondern hat Methode; ist für den Regisseur sogar Merkmal der Dostojewskischen Texte, die unendlich weitergehen, etwa wenn die sich belauernden Liebhaber noch einmal in Andeutungen, Verschweigen und Anschuldigungen miteinander ringen.

Ausuferungen

Doch derart feine Verästelungen macht die wilde Flut der Wolga fast unkenntlich. Ihr Merkmal ist die Größe, das Nichtendenwollende, Endlose. Ausufernd das Bühnenbild von Aleksandar Denić: eine zweistöckige, russische Kneipe, mit Terrasse, Bank und Brennholzstapel. Vollgemüllt mit Krimkrams, hier noch eine Kiste auf dem Stuhl, da noch ein Büstenhalter auf der Wäscheleine, hier noch ein roter Vorhang, da noch ein Erker. Natürlich spielt – wir sind bei Castorf – vieles im Innern des Hauses, werden die Akteure mit Videokameras bis in Küche, Wohnzimmer und Ehebett verfolgt, nur auf dem Klohäuschen haben sie Ruhe. Sonst aber zwingt die Kamera zur Entblössung in Grossbildaufnahme. Und das russische Setting die Akteure zum Eisbad in den Fluten.

Eine Inszenierung wie ein riesiger, wilder Fluss. Eine aber auch, in der die Gefahr des Ertrinkens groß ist. Überwältigt werden, das will nicht jeder. Permanent angeschrien und in Musik ersäuft werden auch nicht. So ein Goethescher Bergsee hat viele Vorteile auf seiner Seite.

 

Die fremde Frau und der Mann unter dem Bett
nach der gleichnamigen Erzählung sowie der Erzählung "Der Traum eines lächerlichen Menschen"
von Fjodor M. Dostojewski
Deutsch von E. K. Rahsin in einer Bühnenfassung von Frank Castorf
Regie: Frank Castorf, Bühne: Aleksandar Denić, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Videokonzept und Live-Kamera: Andreas Deinert.
Mit: Kathrin Angerer, Gottfried Breitfuss, Robert Hunger-Bühler, Johann Jürgens, Ilona Kannewurf, Robert Rožić, Siggi Schwientek.
Dauer: 4 Stunden, eine Pause

www.schauspielhaus.ch

 

Kritikenrundschau

"Ein Hoch auf sie alle, auf das zu viel, Zugross, Zulang dieses Abends: Hier kann man sich richtig russisch einen Theaterkater ansaufen", jubelt Alexandra Kedves vom Tagesanzeiger (3.10.2017). "Als stünde in der Regieanweisung ein fettes Fortissimo", prasselten die Szenen auf das Publikum nieder. "So hauen uns die entäusserten Figuren aus der faulen Textrezeption heraus – und es funktioniert. Für einmal ist die burleske Beziehungskomödie nicht einfach bloss banal."

"Was Castorf tut, ist herzzerreissend unmodern. Allein dafür muss man ihn lieben. Seine Helden sind die Schauspieler, es sind immer Menschen, und je lebensuntauglicher sie im Leben – und auf der Bühne – stehen, umso mehr scheint er sie aus seinem Fleisch geschnitten", schreibt Daniele Muscionico von der Neuen Zürcher Zeitung (3.10.2017). Die Aufführung sei ein Abend "der grossen Affekte und grösseren Effekte, der dröhnenden Geschmacklosigkeiten, falschen Töne und gebrüllten Monologe – und der anrührendsten Verzweiflung, die man in ein Schauspielergesicht wie jenes von Robert Hunger-Bühler und Gottfried Breitfuss hineindenken kann".

Selten sei ein Castorf-Abend über lange Strecken so konzentriert und mit dem dominanten Einsatz von Musik mache sich Castorf noch mal ein neues Feld auf, findet Christian Gampert auf Deutschlandunk Kultur (1.10.2017). Robert Hunger-Bühler sei "ein brüllender, schwitzender, von seinen Projektionen gepeinigter Mensch", die "wahnwitzige Kathrin Angerer" ein teenagerhafter Vamp mit Schmollmund und Siggi Schwientek mache aus dem greisen Gatten, unter dessen Ehebett Hunger-Bühler versehentlich enden wird, eine ungeheuer komische Nummer. "Selten so gelacht bei Castorf."

"Loriot hätte einen lustigen Sketch daraus gemacht. Castorf macht aus der Vaudeville-Farce eine absurde Identitätskrise, eine Warten-auf-Godot-Nummer, und walzt die Petitesse nach der Pause vollends platt", schreibt Martin Halter in der FAZ (5.10.2017). Ein Rest metaphysischer Verzweiflung bleibe allerdings durch die Montage der Erzählung 'Der Traum eines lächerlichen Mannes'. Halter schließt: "Vier Stunden Castojewski: Das sind in Zürich ein paar schöne Szenen und geniale Momente, aber auch wieder viel Unfertiges, Griffe ins Klo und Polit-Kitsch."

Castorf ändere sich nicht. "Und das ist irgendwie tröstlich", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (5.10.2017). Er bringe alles so verspielt und umständlich, aber auch so in seinem eigenen Stil sicher aufs Theater, dass einen eine große Vertrautheit umfange. Kathrin Angerer lobt Tholl ausdrücklich: "Sie glitzert und leuchtet, ist Sehnsuchtspunkt aller männlichen Gelüste, die sie mit einem Augenzwinkern sortiert. In ihrer Souveränität der Mittel ist sie die Einzige, die auch eine Poesie hat, eine Not, eine bezaubernde Ruhe."

 

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