Sorry, Jungs!

von Steffen Becker

Memmingen, 13. Oktober 2017. Wenn Kathrin Mädlers Inszenierung von Heinrich von Kleists "Käthchen von Heilbronn" am 31. Oktober erneut aufgeführt wird, könnte es heiß hergehen in Memmingen. Ein Vor- und Nachgespräch diskutiert das Thema "Klassiker heute". Puristische Besucher des Landestheaters Schwaben könnten der Inszenierung eine übergriffige Skelettierung des Stoffes vorwerfen. Intendantin Mädler hat den Text radikal gekürzt und den Schluss so umgestaltet, dass er wie ein feministischer Stinkefinger wirkt. Während bei ihr die Brautkleider an der Theaterdecke hängenbleiben, hat ihr Käthchen andere Pläne.

Überkandidelt, manipulativ, hoch amüsant

Lediglich, dass etwa zwei Drittel aller Rollen wegfallen, könnte man als Purist mit der praktischen Erwägung eines kleinen Ensembles tolerieren. Aber der Regie-Entscheidung, einen dieser so wegfallenden Texte auf die neue Rolle eines Cherub zu übertragen, wohnt mehr inne. Als Ersatz für Kammerzofe und Adelsmann wird der Cherub zum Vertrauten aller Hauptfiguren gleichermaßen – und damit zu einer Art Spielmacher. Einer, der dem Schicksal ein desillusionierend tapsiges Antlitz gibt.

Kaethchen1 560 Monika Forster u Unter ungenutzten Hochzeitskleidern: Sandro Šutalo als Cherub, Miriam Haltmeier als Käthchen
© Monika Forster

Wenn Sandro Šutalo Käthchen, ihrer Rivalin Kunigunde und ihrem geliebten Graf Wetter vom Strahl etwas einflüstert, wirkt er wie der Wedding Planner einer Promi-Doku (und ist auch so zurechtgemacht). Manieriert, genervt vom Unvermögen der Hauptfiguren, die Anweisungen exakt zu vollziehen. Seine zur Schau gestellte Inkompetenz beim Vollführen von Zaubertricks entlarvt zudem die Vorstellung, Lebenswege seien planbar. Irgendwas geht immer schief, Handlungen beeinflussen sich wechselseitig – was in Bezug auf Kleist in Memmingen heißt: Die Traum- und die Handlungsebene des Stücks verschränken sich stärker und zufälliger, als es im Ursprungstext der Fall ist.

Ähnlich knallig wie die Interpretation des Cherubs legt Mädlers Regie die Kunigunde an. Claudia Frost spielt die intrigante Adelige als eine Art Cruella de Vil (aus dem Disneyfilm "101 Dalmatiner") – überkandidelt, manipulativ und fürs Publikum hoch amüsant.

Bretter, Licht und viel Raum für die Figuren

Optisch hätte man dies auch von Käthchen und ihrem Ritter erwarten können. Der Graf Wetter von Stahl ist überdeutlich Patchwork-artig ausstaffiert – mit Springerstiefeln, Eisenfaust, Sakko, Hipsterschal und Fuchsschwanz. Das innere Ringen zwischen Konvention, Gefühl und Prophezeiung einer kaiserlichen Hochzeit zeigt Tobias Loth jedoch erstaunlich unprätentiös. Wenig Haare raufen, viel Reflektion und das Gefühl – da ist einer auf eine passiv-aggressive Art ermattet von der Vielfalt der Möglichkeiten (ein Kommentar zur Krise des Mannes im 21. Jahrhundert?).

Kathchen 560 MonikaForster uDa ist die Welt noch in Ordnung: Tobias Loth als Ritter, Miriam Haltmeier als Käthchen
© Monika Forster

Miriam Haltmeier als Käthchen ist da weit weniger verunsichert. Sie folgt der Prophezeiung einer Adelshochzeit mit dem Urvertrauen, dass alles gut wird – hartnäckig, aber abwartend und ruhig. Gerade dank ihres zurückhaltenden Spiels wirkt Haltmeiers Käthchen damit als ungewöhnlich starke Figur in Regisseurin Mädlers Setting. Zu diesem gehört auch, dass das Liebespaar erstaunlich wenig aufeinander bezogen ist. Die Bühne nehmen sie ebenfalls kaum war. Die Brautkleider, die von der Decke hängen, wirken auch dramaturgisch wie die Hüllen, die sie sind.

Ansonsten gibt es ohnehin nur Bretter, Licht und damit viel Raum für die Figuren, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Ihr Nachdenken hat Folgen bis hin zu einem völlig anderen Schluss des Stücks. Als am Ende die mittelalterlichen Konventionen gegen die Heirat des bürgerlichen Käthchens mit dem adeligen Ritter ausgetrickst werden, entschließt sich das Memminger Käthchen, sie vollends zu brechen. Gemeinsam mit der eigentlich gedemütigten Kunigunde zieht sie lachend von dannen. Mann, Kaiser und Schicksalsspieler bleiben bedröppelt zurück: Sorry Jungs, Bämmm! Auf die Podiumsdiskussion "Klassiker heute" darf man gespannt sein.

 

Das Käthchen von Heilbronn oder Die Feuerprobe
von Heinrich von Kleist
Inszenierung: Kathrin Mädler, Bühne und Kostüme: Ulrich Leitner, Dramaturgie: Anne Verena Freybott.
Mit: Claudia Frost, Miriam Haltmeier, Tobias Loth, Fridtjof Stolzenwald, André Stuchlik, Sandro Šutalo.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.landestheater-schwaben.de

 

Kritikenrundschau

Über einen Kleist-Abend voller "fantastischer Momente mit einem großartig aufspielenden Ensemble" berichtet Brigitte Hefele-Beitlich in der Augsburger Allgemeinen (16.10.2017). Kleists "rätselhaftes Ritterspektakel" werde "als modernes, magisches Spiel um Sein und Schein inszeniert, mit einer Handvoll Figuren, die in unsicheren Zeiten mit großer Sehnsucht nach Identität suchen". Ins Zentrum rücke in dieser Spielfassung die Figur des Cherub, mit der "Magic Sandro Šutalo" zum "Spielmacher" werde.

 

 
Kommentar schreiben