Leer wie der Erinnyenschädel

von Tobias Prüwer

Chemnitz, 14. Oktober 2017. Und los. Wer braucht schon eine Einleitung? Spot on und ohne Umschweife geht Walter Faber in medias res, gelangt zum schmerzhaften Punkt: Das kann doch alles nur Zufall sein. Eingerahmt von glänzender Metalloptik versichert er sich und dem Publikum, dass er gar nicht anders handeln konnte, sein schreckliches Tun aber dennoch eine Aneinanderkettung von Ereignissen, kein Schicksal war. Dieser "Homo Faber" verzweifelt über den Malus, als Mensch sein Menschsein nicht maschinen-analog regulieren zu können. Hasko Weber hat Fabers "Bericht“ mit Präzision und leiser Wucht in Chemnitz inszeniert.

Kluges Stationendrama

Von Beginn an fällt Walter Fabers Zeugnis packend aus. In sachlich-nüchterner Sprache schildert der technikgläubige Rationalist sein Dasein, das er wie eine Figur aus antiker Tragödie erleben muss. Mit einem Selbstmord wäre auch nichts gewonnen, sinniert er am Ende leise auf der Bühne. Ungeschehen könnte er sein Tun – hat er Schuld daran, ja auch nur Verantwortung? – selbst dann nicht machen, wenn er seine Existenz eigenhändig auslöscht.

HomoFaber1 560 DieterWuschanski uIm notlandenden Flugzeug: Philipp Otto (Walter Faber), Magda Decker (Stewardess), Dirk Glodde (Herbert Hencke) © Dieter Wuschanski

Beim Beinahe-Absturz in der mexikanischen Wüste lernt Faber den Bruder eines vergessenen Freundes kennen. Er erfährt, dass dieser der Ex seiner alten Liebe Hanna ist. Er erinnert sich wieder an sie, die er mit einem Kind sitzenließ. Ob sie ihm noch immer zürnt? Auf dem Schiffsweg nach Paris verliebt er sich, ohne es zu wissen, in seine eigene Tochter Elisabeth. Ihre gemeinsame Reise zu kulturgeschichtlich aufgeladenen Stätten endet in der Katastrophe in Griechenland. Elisabeth verunglückt tödlich, Walter begegnet Hanna wieder, muss nun vollends die Wahrheit seiner inzestuösen Beziehung erkennen.

Max Frischs Roman stach 1957 mitten hinein in die tobende Debatte ums Verhältnis von Technik und Kultur, von Natur- und Geisteswissenschaften. Hasko Webers klug zum Stationendrama zusammengestrichener Textversion gelingt es, dessen philosophische Tiefe zu erhalten. Er reduziert den Stoff nicht allein auf die im Kern steckende Tragödienkonstellation, sondern lässt wohldosierte Reflexionen über Schicksal und Kausalität, Werkzeug- und Kulturmensch zu.

Technik und Mythos, Vernunft und Gefühl

Das gelingt Weber in der Umsetzung als hoch pointiertes Sprechtheater, in dem alle Darsteller dem brillant mehrbödigen Text zum Bühnenglänzen verhelfen. Insbesondere Philipp Otto kann seinen Walter Faber nuancenreich vom kühl kalkulierenden über den schwelgerisch verliebten bis zum am Schicksal verzweifelnden Charakter geben. Der will doch nur lieben und das als plötzlich unberechenbar gewordene Leben wieder begreifen, steuerbar machen. Als jugendlich-altkluge und leidenschaftlich-unbedarfte Elisabeth lässt Seraina Leuenberger dessen Herz höher schlagen – kein Wunder bei dem lebenslustig federnden Wesen.

HomoFaber2 560 DieterWuschanski uSeraina Leuenberger als Elisabeth, Philipp Otto als Faber © Dieter Wuschanski

Dramaturgisch geschickt wechseln sich Spiel- und Erzählmomente ab und schieben sich ineinander, gehen die Episodenszenen bruchlos in einander über wie ein Medley. Das Überblenden von Dialogen und innerem Monologen Walters, dass also ein Gespräch mitten im Austausch einfriert und Faber zu sich selbst spricht, schafft Verdichtung. Dezente Regieideen wie eine grotesk gestikulierende Stewardess beim Absturzkollaps unterfüttern den Text theatral. Das reduzierte, flexible Bühnenbild ermöglicht das zügige, nie hastende Inszenierungstempo: Zusammengenietet aus glänzendem Stahl ist das Gehäuse, die Rückwand lässt hin und wieder den Blick auf die Hinterbühne als Spielfläche frei. Erst ist dieser Raum Flugzeug, den ein paar Pinselstriche auf die Hülle zum Dschungel machen und später ein roter Vorhang zum Opernhaus. Staffage nirgends, Requisiten braucht es fast keine.

Nur zum Schluss hin schmückt ein imponierendes Bild die Szenerie aus. Übergroß liegt der Kopf einer schlafenden Erinnye auf der Drehbühne. Zuerst kreiselt das Haupt der Rachegöttin mit einer lässig darauf sitzenden Elisabeth, die die Aussicht zu genießen scheint. Dann befindet sie sich verrenkt daneben auf der Erde. Walter Faber ist jegliche Kontrolle entglitten, auch die tour de force durch die Kulturschichten konnte das Schicksal nicht abwenden. Technik und Mythos, Vernunft und Gefühl schienen einen Moment in der Kunst versöhnt. Dann platzt der schöne Traum, der ebenso als Rettungsanker des Menschseins notwendig, aber auch hohl bleibt. Leer wie der Erinnyenschädel, in den man im finalen Bild von hinten hineinglotzt. Homo Faber, das schaffende Geschöpf, bettet erschöpft sein Haupt zu Boden. Das Licht erlischt.

 

Homo Faber
Ein Bericht von Max Frisch
Dramatisierung von Hasko Weber, René Schmidt und Ensemble
Regie: Hasko Weber, Bühne und Kostüme: Sarah Antonia Rung, Dramaturgie: René Schmidt.
Mit: Philipp Otto, Seraina Leuenberger, Susanne Stein, Magda Decker, Martin Valdeig, Dirk Glodde.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.theater-chemnitz.de

 

Kritikenrundschau

Victoria Winkel schreibt auf Tag 24 einem bunten Online-Magazin der Morgenpost Sachsen: Die Inszenierung besteche durch ihre "Einfachheit und ihren feinen Sinn für Humor, der teilweise ins Sarkastische" gehe. Die Darsteller stünden im Mittelpunkt und "ihr Spiel" werde "nicht abgelenkt von einer erschlagenden Kulisse oder zu vielen Effekten".

 

 

 
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