Pflaster auf die klaffenden Wunden der Welt

von Dorothea Marcus

Düsseldorf, 14. Oktober 2017. Fabian ist wie wir. Der Germanist will ein bisschen die Welt verbessern, hält sich aber gerne als Beobachter heraus. Ein scharfsichtiger Diagnostiker, der sich gerne in Frauengeschichten und ins Vergessen stürzt. Einer, der gerne gut handeln würde, aber nicht so recht weiß wie und sich dann doch lieber durch die Parties des 1920er-Jahre-Berlin treiben lässt. Wie soll man auch eingreifen, wenn es ohnehin in den Abgrund geht? Erich Kästners Roman "Fabian oder Der Gang vor die Hunde" war schon, als er 1931 erschien, das treffende Porträt der untergehenden Weimarer Zeit – mehr als dreißigtausendmal verkaufte er sich, bis er einige Monate später öffentlich verbrannt wurde.

Prototypische Geschichte

In Düsseldorf spielt Publikumsliebling André Kaczmarczyk Fabian psychologisch-realistisch-glaubwürdig, als sei er aus dem Heute entsprungen: ein cleverer, sympathischer Bürgersohn mit Wuschelkopf und grün-rosa Anzug. Kaczmarczyk mag seine Figur und gibt ihr viele Facetten: Ein aufrechter Germanist mit Durchblick und Lebensgier auf der Suche nach sich selbst, attraktiv und unverbindlich surft er durchs Berliner Leben.

fabian2 560 sandra then uHaltloses Hipstertum: André Kaczmarczyk als Fabian  © Sandra Then

Die Regisseurin hat die Bühne zu seinem Kopfkasten gemacht: eine langgestreckte Vitrine, geschmackvoll rosa ausgeschlagen, mit Glühlämpchen versehen: eine prototypische Geschichte wird hier ausgestellt, soll das wohl heißen. Die Figuren, die in Fabians Leben dringen, sind dagegen eher zweidimensionale, stilisierte Schießbudenfiguren, die hinter Schiebewänden kurz erscheinen und wieder abtreten, meist sehen sie aus wie Figuren von Otto Dix oder George Grosz-Gemälden, agieren trashig und albern – an dem distanzierten Fabian rauscht es vorbei. Redaktionsstubentische werden aus dem Boden gefahren, dort wird nur noch geschrieben, was opportun ist. Demonstrativ schlackern die Knie des Volontärs (Marie Jansen) vor dem grotesk dickbäuchigen Zeitungsdirektor (Thiemo Schwarz). Die Schiebewände geben mal gedrängte Autobussituationen, mal Sex-Klischeeposen des sündigen Berlins im Dauerdisco-und Kunstrausch frei, oder auch die naiv-besorgte Mutter, der Michaela Steiger viel liebevoll-mütterliche Kraft verleiht. Jeder Szenenwechsel wird von Drummer Nico Stallmann mit Trommelwirbeln und permanenter Bass-Untermalung angekündigt: So sehr hat sich Fabian von der Außenwelt distanziert, dass seine Lebensbegleiter nur noch als Abziehbilder vor ihm erscheinen, eine klischierte Nummernrevue des Sündenpfuhl-Alltags.

Schwitzend in der Reizüberflutung

Das ändert sich, als er sich verliebt. Dauerlachend und etwas zu affektiert tänzelnd wird Judith Bohle zur kurzzeitigen Gefährtin Cornelia Battenberg. Auf einmal schaffen sie es zusammen aus Fabians Kopfkasten heraus zu einer innigen Szene auf dem Dach. Doch der schöne, utopische Moment der Liebeserhebung verpufft schnell, als Cornelia Karriere macht und sich dafür hochschlafen muss. "Man kommt nur aus dem Dreck heraus, wenn man sich dreckig macht", verkündigt sie und schreitet in wehenden Mänteln von dannen, auch wenn sie schluchzend nochmals wiederkehrt: Mit Kaczmarczyk zusammen hat sie eine große, schöne, dramatisch ausgreifend gespielte Trennungsszene, die man so psychologisch und emotional nah gespielt selten sieht. Als dann auch noch der intellektuelle Wegbegleiter Stephan Labude am Strick baumelt und die Kündigung da ist, ist es um Fabians Contenance geschehen. "Ich wollte mich doch ändern", sagt er zaghaft und geht zitternd, schlackernd und schwitzend unter in der Reizüberflutung Berlins.

Eine aufwändig choreografierte Licht- und Drum-Show illustriert seine totale Verlorenheit. Zuckende Lichter blenden den Zuschauer und Fabian verwandelt sich in ein vom Leben gehetztes Vieh. Bei der Heimkehr zu den Eltern weitet sich auf einmal die Bühne, hebt sich der Guckkastendeckel. Doch jene Figuren, die ihm einst am nächsten waren, sprechen nur noch aus weiter Ferne von der Hinterbühne zu ihm. Und dann springt er, der Nichtschwimmer, ins Wasser, um ein Kind zu retten – und stirbt.

HIlflose Suche nach Weltverbesserung

Es ist erstaunlich, wie sehr das haltlos-unsystematische Gutmenschentum des Fabian heutigen Hipster-Positionen ähnelt. Der zur Moral und zum Leben entschlossene, aber stets distanziert von Außen blickende Intellektuelle Fabian, der kläglich in einer völlig sinnlosen Aktion ums Leben kommt, findet keinen Ansatz, Welt zu gestalten. Sein einziger, gescheiterter Eingreifsversuch ist eine kopflose Bankrotterklärung des intelligenten Mittelstandsbürgers auf der hilflosen Suche nach Engagement und Weltverbesserung: Pflaster auf die klaffenden Wunden der Welt. Man sieht den Untergang kommen und kann außer Mülltrennung nichts dagegen tun. Trotz lärmender Penetranz der permanenten Trommelei, trotz mancher expressionistischer Klischeebilder, zeigt sich Bernadette Sonnenbichler in Düsseldorf als sichere Erzählerin. Die Folie der Weimarer Republik bleibt an diesem Abend ein etwas zu dick aufgetragenes Dekor. Doch dass sich Fabians Frage nach dem Sinn des Lebens und dem Wie des Eingreifens immer noch genauso verzweifelt unbeantwortet stellt, das kam stimmig herüber.

 

Fabian oder Der Gang vor die Hunde
nach dem Roman von Erich Kästner
Fassung von Bernadette Sonnenbichler
Regie: Bernadette Sonnenbichler, Bühne: Wolfgang Menardi, Kostüm: Tanja Kramberger, Komposition: Jacob Suske, Choreografie: Jean Laurent Sasportes, Dramaturgie: Janine Ortiz.
Mit: André Kaczmarczyk, Sebastian Tessenow, Judith Bohle, Cathleen Baumann, Markus Danzeisen, Michaela Steiger, Thiemo Schwarz, Torben Kessler, Alexej Lochmann, Marie Jensen, Nico Stallmann
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.dhaus.de

 

Kritikenrundschau

Alexander Kohlmann fragt in Fazit auf Deutschlandfunk Kultur (14.10.2017), was eigentlich die Botschaft dieses Abends sein solle. Die Inszenierung beginne toll, weil die Regisseurin das Ganze als ein Psychogramm aufbaue. Wenn sich Fabian verliebt, finde die Inszenierung zu sich selbst, da zeige sie einen Menschen, zeitungebunden, der sich nicht traut ins Leben hineinzugehen und es dann doch tue. Inwiefern aber die Weimarer Republik etwas mit heute zu tun habe, erschließe sich nicht. Das Ganze funktioniere als Unterhaltung, auch als Psychogramm, aber der Bezug zu heute müsse stärker herausgearbeitet werden.

Dorothee Krings schreibt in der Rheinischen Post (online 16.10.2017): Die Inszenierung führe die "Revue der schrägen Figuren" mit "hübschem Sarkasmus" ins "Berliner Milljöh", das Ensemble spiele sich mit "viel Witz und Lust an der Überzeichnung" durch die zahlreichen Nebenfiguren. André Kaczmarczyk sei ein "verzweifelt-komödiantischer Fabian", ein "Berliner Charlie Chaplin", sein Spiel berühre. Mit dem Lüften der Showbühne stoße Sonnenbichler ihren Fabian in eine "immer kargere Umgebung", in der es einsam um ihn wird. Doch am Ende vertraue sie nicht mehr auf die Kraft ihrer Darsteller, "viel Lichttechnik" und vor allem der "Bühnenschlagzeuger Nico Stallmann" müssten das Geschehen ins Tragische treiben. Sonnenbichler und die Dramaturgin Janine Ortiz hätten den Episodenroman Kästners in eine "stimmige Bühnenhandlung" mit "klarem Spannungsbogen" verwandelt.

Marion Troja schreibt in der Westdeutschen Zeitung (online 15.10.2017): Wie "gegenwärtig Erich Kästners Berlin 1931" sei, führe Bernadette Sonnenbichler "sinnlich, berührend und ganz ohne angestrengte Aktualisierung vor". Mit "Leidenschaft und Können" wandele sich André Kaczmarczyk vom unberührten Betrachter Fabian zum "verzweifelt Verlorenen". Die "vorüberziehenden Bilder" entwickelten die "Sogkraft eines Films". Das Ensemble spiele "großartig". Die Textfassung sei "sehr gelungen". Und bringe den "zarten und gar nicht zynischen Kästner-Ton" auf die Bühne. Mit "suggestiver Ästhetik" gehe "einem" dieser Abend "empfindlich nah". "Wie weit ist der Untergang noch entfernt? Die Orgie davor ist bereits in vollem Gange."

"Äußerliche Typisierungen, gefällige Karikaturen" hat Andreas Rossmann von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (19.10.2017) in Düsseldorf gesehen. Der Roman werde in einer Revue aufbereitet, deren "Bilderbogen-Dramaturgie, offen und beliebig, den Stoff nicht in Form bringt, sondern zerpflückt und zerstückelt". Die Aufführung "klappert der Vorlage hinterher, ohne deren Leichtigkeit, Lakonie und aphoristischen Witz auch nur momentweise zu treffen".

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