Angstvoll angepasst

von Dirk Pilz

17. Oktober 2017. Diesmal eine Frage: Kann es sein, dass diese Ost-West-Sache in Deutschland doch noch nicht durch ist? Dass die sogenannte Wiedervereinigung zwar in den Geschichtsbüchern steht, aber in den Köpfen und Gefühlen längst nicht vollzogen ist, und zwar hüben wie drüben nicht? Es scheint mir so.

Spinnen die Sachsen?

Es wird jetzt wieder viel von den vorgeblich verbitterten Ostdeutschen (vor allem Männer) und den angeblich Abgehängten geredet, es werden Unterschiede gesetzt, weil es Unterschiede gibt, zum Beispiel den, dass die rechtsradikale AfD bei der jüngsten Bundestagswahl drei Direktmandate im Osten gewann, allesamt in Sachsen.

kolumne 2p pilzWer einfache Antworten sucht, wird falsche Fragen finden: Spinnen die Sachsen? Das höre ich jetzt oft, denn ich wuchs in Sachsen auf. Seit 25 Jahren bin ich zwar fort, aber man wird seine Herkunft ja nicht los. Also glauben Nicht-Sachsen, dass ein Sachse vielleicht erklären kann, was mit den Sachsen los ist. Damit fangen die Probleme schon an: Dass einer über Sachsen Bescheid wissen soll, weil er aus Sachsen kommt – das ist Blut- und Bodendenken. Der AfD zum Beispiel gefällt dergleichen.

Ja, wenn es so einfach wäre. Aber die AfD zum Beispiel ist nicht die Partei der Spinner und Abgehängten. Der Rassismus, die Fremdenfeindlichkeit, das Ressentiment hockt in der Mitte der Gesellschaft, nicht bei "den anderen", nicht an den Rändern. Es ist auch keine Ost-Partei, wie sich der Rechtsradikalismus generell nicht geographisch einhegen lässt.

Späte Ankunft

Woher also dieses überall wachsende negative Grundgrollen im Land? Woher das Ressentiment allerorten? Ein Grund, ein wichtiger in Deutschland, ist – für alle Schnell- und Querleser zur Sicherheit noch einmal: ein Grund, nicht der alleinige –, dass die deutsch-deutsche Wiedervereinigung in mentaler Hinsicht jetzt stattfindet, jetzt erst. Es kommt bruchstückhaft, konfliktreich im Bewusstsein langsam an, was in der Geschichte geschehen ist, im Osten wie im Westen.

Gut ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigungsurkunde wäre es deshalb Zeit, nachzufragen. Bei den Ostdeutschen nach ihrer damaligen Einstellung zu SED, Stasi und Staat in 40 Jahren DDR. Nach der seltsamen Stabilität eines diktatorischen Regimes, das ohne schwierige oder billige Kompromisse, ohne wider- oder bereitwillige Loyalität, ohne kollektives Wegschauen und allseitiges Mitmachen nicht bestanden hätte. Die Erinnerung an die DDR wird jedoch von Helden- und Stasigeschichten dominiert; der gewöhnliche DDR-Mensch kommt darin nicht vor. In solchen Lücken hakt sich das Ressentiment fest.

Gut ein Vierteljahrhundert danach wäre es gleichermaßen Zeit, nach den gewöhnlichen Westdeutschen zu fragen, nach der sonderbaren Interesselosigkeit, der vorherrschenden Annahme, die Wiedervereinigung sei wesentlich eine ostdeutsche Angelegenheit und habe mit dem Leben in Freiburg oder München nichts zu schaffen.

Depression, Desinteresse, keine Fragen

Auffällig, dass im Osten jeder Hauch einer 68er-Stimmung fehlt, dass die Generation der Zwanzig- bis Fünfzigjährigen – meine Generation – von ihren DDR-Eltern nicht wissen will, wie es damals zu diesen oder diesen Entscheidungen kam. Wenn man durchs ostdeutsche Land fährt, erlebt man vornehmlich Depression oder Desinteresse. Ostalgie auf der einen und Ost-Verachtung auf der anderen Seite, das waren Phänomene der Neunziger. Die jetzt dominierende Kultur ist eine Kultur des Schweigens, entweder des schamhaften Wegsehens von der eigenen Vergangenheit oder der dumpfen, dunklen Gewalt der Feindseligkeit. Wer im Osten nach Damals fragt, erntet entsprechend verständnis- oder vorwurfsvolle Blicke – und hört die immer gleiche Antwort: "Das war eben so." Aber wie war es genau? Und wieso will das keiner genauer wissen?

Auffällig auch, dass solches Fragen von der westdeutschen Generation der Zwanzig- bis Fünfzigjährigen schon gar nicht verstanden wird, weil sie sich offenbar – siehe oben – von allen Wiedervereinigungswidersprüchen unbetroffen glaubt.

Revolution als Wunder

Die öffentliche Erinnerung an die DDR wird von ihrem Ende her erzählt – von der friedlichen Revolution, in der Helden über Staat und Stasi siegten. Das teilen, auf unterschiedliche Weise, Ost und West. Christian Wulff sprach als Bundespräsident in seiner Rede zum zwanzigjährigen Jahrestag der Wiedervereinigung von einem "Wunder", davon, dass "die Menschen" sich selbst "aus der Diktatur befreit haben", dass "erst wenige, dann immer mehr Mutige auf die Straßen" gingen, "überall in Ostdeutschland". Das ist die verstaatlichte Vergangenheitskonstruktion: die Revolution als Wunder.

Wunder aber gibt es in der Geschichte nicht. Es sind auch nicht erst wenige und dann immer mehr Mutige überall in Ostdeutschland auf die Straße gegangen. Es waren wenige. Die meisten waren es, gemessen an der Einwohnerzahl, am 7. Oktober 1989 im sächsischen Plauen: über zwanzig Prozent. In Leipzig, zwei Tage später, waren es 13 Prozent. Das ist viel, aber es ist nicht das Volk. Und es war, mit Blick auf die Entwicklungen in den letzten Jahren der DDR, auch kein Wunder.

Zur Wahrheit gehört auch, dass 2,32 Millionen zuletzt Mitglieder in der SED waren, rechnet man die Blockparteien hinzu, kommt man auf 2,8 Millionen. Jeder fünfte Erwachsene war in der DDR parteilich gebunden; über 90 Prozent der 6 bis 16-jährigen gehörten zu den Pionier- und FDJ-Organisationen.

Es gibt, wie immer, viele Gründe, warum sich so viele in den Staatsapparat integrierten. Die Aussicht auf Karriere und die Angst vor Repressionen mögen die wichtigsten gewesen sein, auch echte Überzeugungen hat manche bewogen. Aber wie war es genau? Und warum will das heute kaum jemand so genau wissen?

Andrew I. Port, ein amerikanischer Historiker, hat in seinem Buch "Die rätselhafte Stabilität der DDR" behauptet, es habe in der DDR mehr widerständlerischen Eigensinn in der Bevölkerung gegeben als gemeinhin unterstellt. "Auffallend geschickt" aber waren die meisten vor allem "bei der Einnahme einer defensiven Haltung". Politischer Widerstand blieb die Ausnahme. Die Regel war in der Mecker- und Mängelgesellschaft DDR Protest aus materiellen, rein privaten Gründen. Die große Mehrheit, sagt Port, hat sich "irgendwie mit dem Regime arrangiert".

Von dieser Mehrheit ist heute kaum die Rede. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, als hätte es zwischen Helden und Stasi kein Volk gegeben. Als wäre es erst 1989 als Schar der Mutigen wundersam auferstanden.

Wiedervereinigung heilt Auschwitz? 

Die seltsame Stabilität dieser Weise des DDR-Erinnerns hat damit zu tun, dass die friedliche Revolution von 1989 für Gesamtdeutschland die Rolle einer historischen Positiv-Folie spielen soll. Gegen die negative Erfahrung aus und mit der NS-Zeit wird das Leuchtbild geglückter deutscher Geschichte gehalten. Die beiderseitigen Schatten der damaligen Verbrechen (und ihrer über Jahrzehnte missglückten "Aufarbeitung") sollen durch die Strahlen von 1989 aufgehellt werden. Der Rest wird in Museen, Erinnerungsnischen oder der Wissenschaft entsorgt.

In bemerkenswerter Einmütigkeit arbeiten die Medien, die Politik und die Menschen damit an einer Erinnerungsenteignung zum Zwecke gelingender Wiedervereinigungsgeschichte: Differenziertes Erinnern, ungemütliches Nachfragen ist dabei weder vorgesehen noch erwünscht. Das ist eine Arbeit an der Geschichte, die nicht von dem Wunsch getragen wird, heilsames Vergessen und widerspruchsförderndes Erinnern zu stiften, sondern die Widersprüche sowohl der DDR- als auch der gesamtdeutschen Geschichte zu verwischen, wenn nicht zu leugnen.

Was auf diesem Boden gedeiht, ist ein Wunderglaube, der von den wahren Verhältnissen hüben wie drüben nichts wissen will – und aus dem es nur ein schreckliches Erwachen geben kann. Der Schrecken kündigt sich in den mentalen Landschaften als Bewusstseinsgeste an: Selbstmitleid oder Selbsthass, Trotz und Grimm hier (vornehmlich im Osten), Selbstgerechtigkeit oder Saturiertheit dort – und überall jener dunkle Groll über "die Verhältnisse", die so schlecht oder gut nie sind, wie es das Ressentiment will.

Und immer noch: den Muff bewirtschaften

Die wirklichen DDR-Menschen waren, wie es die meisten Menschen überwiegend sind, gewöhnliche Mitmacher, mutlos, angstvoll, angepasst; ich war das auch, obwohl ich keiner FDJ und keiner SED angehörte, dafür aber der DSF, der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetisch-Freundschaft. Bis heute habe ich nicht in Erfahrung bringen können, wie es zu dieser Entscheidung (meiner Eltern) kam: keine FDJ, aber DSF. Aber in solchen Details ist die Geschichte zu Hause, um solche Fragen ginge es, beispielsweise.

Danach nicht zu fragen (im Osten) und davon nichts wissen zu wollen (im Westen), von der Geschichte also allenfalls in Allgemeinplätzen zu handeln und als Lieferant für Abziehbilder zu nehmen, heißt den "Muff" bewirtschaften, der die Gesellschaft "buchstäblich irre" macht, nämlich den Nährboden des Ressentiments bereitet. "Mehr denn je lebt man mit ihm" – Ernst Bloch 1934 – denn "auch wer nicht mitatmet, den grüßt die enge verbrauchte Luft."

 

Dirk Pilz ist Redakteur und Mitgründer von nachtkritik.de. In seiner Kolumne "Experte des Monats" schreibt er über alles, wofür es Experten braucht.


Zuletzt stellte Dirk Pilz an dieser Stelle Fragen an die Kritik.

 

 

Kommentare

Kommentare  
#1 Kolumne Pilz: erfahrungsbasiertEiner Schlief 2017-10-17 12:23
"Dass einer über Sachsen Bescheid wissen soll, weil er aus Sachsen kommt – das ist Blut- und Bodendenken."

Nein, ist es nicht. Es ist vielmehr die Hoffnung, daß jemand erfahrungsbasiert berichten kann. Was dann ja auch in diesem Text geschieht!
#2 Kolumne Pilz: schon zweiD. Rust 2017-10-17 12:39
Danke, Prof. Dr. Dirk Pilz und Nachtkritik.de. Ich hab das Gefühl, jetzt sind wir schon zwei, die das so fühlen, sehen, denken, als neudeutschen Ist-Zustand bemeckern. Wir sind gewiss mehr, aber bisher eben leider unsichtbar.
#3 Kolumne Pilz: Irre Gesellschaft heutemarie 2017-10-17 13:56
doch dem "angstvoll angepaßten unwohlsein" möchte ich als ergänzung das "aufgeklärte unwohlsein" hinzufügen. die tief eingefressene bigotterie mit ihren haltlosen doppelstandards und deren tabu-besetzte hinterfragung. entschuldigen sie bitte, dass ich nicht auf die ddr und die afd eingehe, denn die längste zeit der realen (wieder)vereinigung fand ja ohne beider existenz statt. sehr klar und erhellend scheinen mir jedoch die gedanken von daniela dahn, die zu diesen themen oft ihre stimme erhoben hat - auch wenn sie zu "Differenziertes Erinnern, ungemütliches Nachfragen dabei weder vorgesehen noch erwünscht war und ist."

hier macht sie sich gedanken über ihren kollegen deniz yücel, den man ja fast täglich in den medien wahrnimmt und der unsere unterstützung verdient - doch auch er ist teil einer "irren gesellschaft"

"Wie ist einem Journalisten zumute, der verhaftet ist, weil er nach bestem Wissen und Gewissen seine Arbeit getan hat. Wie hält man dieses Gefühl himmelschreienden Unrechts aus?
Die PR-Berater von Recep Tayyip Erdogan scheinen zu glauben, wenn ihr Mandant anderen Regierungen, gern auch der deutschen, faschistoide Methoden vorwirft, mache er sich selbst gegen diesen Vorwurf immun. In der Tat kann man diesen Präsidenten kaum einen klassischen Diktator nennen. Denn er ist, das macht es besonders bitter, unbestritten von Mehrheiten demokratisch legitimiert.

Das kommt uns bekannt vor. Auch der Freitod der Demokratie ist ein Meister aus Deutschland. Nationalistischer Narzissmus, religiöse Erweckungsphantasien, imperialer Größenwahn – was für ein Vernunft narkotisierendes Gebräu. Kritische Journalisten erfahren in der Türkei nun am eigenen Leibe, was Gleichschaltung von Medien bedeutet. Zu den willkürlichen Anschuldigungen gegenüber Deniz Yücel gehört, die Unterstützung terroristischer Vereinigungen wie der Gülen-Bewegung und der kurdischen PKK. Dabei ist man als Journalist schon Unterstützer, wenn man nur einen führenden PKK-Vertreter interviewt. Der türkische Rechtsstaat schwankt und wankt, als sei er einem Hurrikan ausgesetzt. Für Andersdenkende und Oppositionelle werden inzwischen dubiose rechtliche Maßstäbe angewandt, eine Art politisches Feindstrafrecht.

Dies mit der gebotenen Empörung niederschreibend, stutze ich plötzlich. Nicht, weil auch bei uns tausende politisch aktive Kurden, die aus der Türkei geflohen sind, kriminalisiert worden sind, ihre Druckereien und Redaktionen untersucht, sie inhaftiert oder abgeschoben wurden.

Ich stutze, weil Deniz Yücel auch der Straftat Datenmissbrauch beschuldigt wird. Aber ist bei uns etwa klar, was Datenmissbrauch ist?

Die Praxis bleibt absurd. Außer in den USA gilt Edward Snowden auf der ganzen Welt als Held der Wahrheitsfindung. Als solcher hat er in 20 westlichen Staaten um Asyl gebeten, mit dem bekannten Ergebnis.

EU-Kommission will Whistleblower schützen, doch Deutschland bremst.

Wer sich für eine andere Wirtschaftsordnung einsetzt, könnte also als Terrorist bestraft werden. Das ist auch bereits passiert. 2006 haben Greenpeace-Aktivisten in Dänemark ein Bürohaus erklommen, um ein Anti-Genmais-Plakat auszurollen. Für diesen Akt zivilen Ungehorsams sind sie nach einer Strafnorm verurteilt worden, die sich auf jene EU- Terrorismusdefinition berief.

Strafrecht ist Individualstrafrecht, doch hier genügt es, einer Organisation anzugehören oder Sympathie bekundet zu haben, der die Begehung künftiger Straftaten unterstellt wird.

Westliche Werte verteidigt man am besten, indem man sie selbst einhält. Damit Geschichte sich nicht wiederholt, muss aus ihr gelernt werden."

www.rubikon.news/artikel/journalismus-ist-kein-verbrechen
#4 Kolumne Pilz: Mehrheit?Asterix 2017-10-17 20:19
@2: Vielleicht sind wir sogar die Mehrheit?
#5 Kolumne Pilz: Snowden and moreD. Rust 2017-10-18 11:09
#3: Liebe/r marie,
das ist eine wirklich beeindruckende Aufzählung von Beispielen. Ich denke, man sollte nicht unterlassen, zu jedem Beispiel, das einem im Alltag begegnet, auch eine Haltung auszubilden, die sich auf das Menschenmögliche ausrichtet. Beispiel Snowden. Natürlich hat die Welt diesen Erst-Whisleblowern was die Einsicht in die Methoden der jeweils staatlichen Geheimdienste aber auch in die Möglichkeiten der Wirtschaftsspionage im Digitalen Zeitalter betrifft sehr viel zu verdanken. Trotzdem konnten sich so viele Staaten der sogenannten westlichen Welt nicht durchringen ihm Asyl zu gewähren und das geschah m.E. nach, weil alle diese Staaten vor allem Angst hatten vor Amerika. Auch dem unter Obama. Es ist ja nicht die amerikanische Katastrophe des Geheimnisverrates des Ex-NSA-Mitarbeitern Edward Snowden, die die USA vorgeben unverzeihlich finden zu können. Die wirkliche durch Snowden ausgelöste amerikanische Katastrophe besteht ja darin, dass durch diese Öffentlichmachung ihr die Vormachtstellung des Wissens um die breitest anwendbare Funktionalität der Digitalen Produktionsmittel verloren gegangen ist. Das Welt-Herrschaftswissen was die digitalisierten Produktionen betrifft ist ihr so verloren gegangen. Und das ist gut so. Es wäre gut, wenn heute nicht immer so getan würde, als hätte die USA dieses Welt-Herrschaftswissen nie gehabt und man bräuchte nur so einige hochqualifizierte Inder in sein Land zu holen und damit sei diese Vormachtstellung dann gebrochen gewesen... Es ist schließlich eine Weltklasse-Leistung, diese Vormachtstellung erarbeitet zu haben! Es ist aber auch eine Weltfrieden gefährdende Haltung, sie unter allen Umständen allein behalten zu wollen. Snowden könnte zum Beispiel ein Europa-Asyl gewährt bekommen, wenn Amerika ihn nicht frei von Anklage spricht. Das wäre mein Vorschlag. Es wäre ein erster Schritt in eine wirklich europäische Einigung.

Teil 2 zu ausgewählten marie-Beispielen:

Was die JournalistInnen betrifft, die weltweit unter Verfolgung und Bedrohung für Leib und Leben zu leiden haben, ist doch die folgende Frage im Zeitalter der digitalen Kommunikationsmöglichkeiten von Ereignissen in Echtzeit unerlässlich:

Durch welche Medien genau sind sie als Arbeitgeber geschützt?

Ist es überhaupt noch Journalismus, wenn jemand der über Ereignisse oder Verhältnisse an irgendwen, irgendein noch nicht benanntes Medium berichten will, Gespräche mit Leuten verfeindeter Parteien sucht?
Weil er selbst gern Aufklärung über scheinbar unentwirrbare politische und soziale und ökonomische Verhältnisse, unter denen er selbst leidet, erlangen möchte?
Warum muss sich jemand, der diese Aufklärung haben möchte, extra JournalistIn nennen? Es ist doch ein normaler Vorgang, ein Menschenrecht, dass man Bescheid wissen möchte über die Verhältnisse, in denen man lebt...

Und deshalb bleibt die entscheidende politisch aktuelle Frage:
Werden in der Türkei jetzt Menschen auch anderer Staatsangehörigkeiten eingesperrt, nur weil sie ganz normal diese Aufklärung für sich haben wollen?
ODER weil sie die Ergebnisse ihrer Selbst-Aufklärung an Medien verkaufen, damit, mit normalem Menschenrecht, also Gewinn erzielen wollen?
ODER weil sehr bestimmte Medien sie beauftragt haben, etwas zu schreiben, was die Türkei als Unrechtsstaat in der Welt darzustellen geeignet ist?

Ich würde das gern von Herrn Erdogan wissen, weshalb genau er also diese Menschen - Männer wie Frauen und deren Kinder, einsperren lässt.
Vielleicht kann unser Außenminister ihm diese Frage übermitteln.
Und ich möchte bitte gar keine Gülen-Partei- oder PKK-Erklärung dafür haben. Es ist für mich auch ohne jede politische Begründung eine Menschenrechtsverletzung, wenn Leute mit oder sogar ohne fadenscheinige Begründungen einfach verhaftet und ohne ordentliche rechtsstaatliche Mittel gefangen gehalten werden.
Ich will das nur ohne politische Begründungen beantwortet haben, weil mich alles andere als Urteil über Menschenrechtsverletzungen allgemein überfordert. Weil ich keine türkische Ministerin bin, keine Kurdin und auch keine Expertin für speziell nationale politische Bewegungen irgendwo in der Welt, bin.

Auch wenn die Beschuldigungen beauftragte oder selbsternannte JournalistInnen betreffen, will ich nur diese einfachen Antworten haben auf die einfachen Fragen nach der momentanen türkischen Straf-Einordnung des normalen menschlichen Bedürfnisses nach Aufklärung über die Verhältnisse, in denen man - gleich wo - lebt.

Ich bin Schriftstellerin und weder Außenministerin eines Landes meiner Muttersprache noch Innenministerin irgendeines Landes und ich fühle mich nicht verpflichtet, mich ständig für oder gegen irgendeinen Vorgang der aktuellen Weltpolitik auszusprechen oder mich in dieser Hinsicht als kenntnisreicher auszugeben, als ich bin und von meinem Schreibtisch aus oder als geistig arbeitender Globaltourist überhaupt je sein kann.
Wenn ein solcher, selbstgerecht politisch übergriffiger Habitus der Preis dafür ist, dass man überhaupt in irgendeiner Form veröffentlicht wird, die man nicht selbst initiiert, dann werde ich ihn nicht zahlen. Denn er bedeutet eine Art ideologisch motivierter Positiv-Zensur von Literatur. Auch der deutschsprachigen.

#4: Das hoffe ich - ehrlich gesagt - nicht, verehrter Asterix. Denn das würde bedeuten, dass die öffentliche Stimme der Mehrheit in Deutschland seit Jahren massiv unterdrückt wird. Und dann wäre die Bundesrepublik gar keine Demokratie, sondern eine Diktatur. Ein Unrechtsstaat nicht besser als die DDR, von der die alte Bundesrepublik immer behauptet hatte und von der die jetzige unablässig behauptet, sie sei zweifelsohne einer gewesen. Ohne dabei zu bedenken, dass sie damit deren ehemalige Bürger generalisiert zu Verbrechern erklärt.

(Werte D.Rust, werte Marie, bitte, das führt jetzt aber doch recht weit vom Thema weg und wird länger, als es der Aufmerksamkeit des Lesers zuträglich ist. Vielleicht doch etwas konziser und weniger mit Blick fürs weltumspannend Große und Ganze. Mit besten Grüßen, Christian Rakow/Redaktion)
#6 Kolumne Pilz: DrachenblutClaus Günther 2017-10-19 22:18
Drachenblut
Dirk Pilz hat sich, so mein Eindruck, auf einem sehr weiten Feld verloren. Er tappt völlig im Dunkeln und zündet zur besseren Desorientierung ein paar Irrlichter an. Die helfen ihm nicht einmal, einen Weg zum Theater oder wenigstens zur Literatur zu finden.
Dabei: „Die wirklichen DDR-Menschen waren, wie es die meisten Menschen überwiegend sind, gewöhnliche Mitmacher, mutlos, angstvoll, angepasst;…“, heißt es bei ihm und „man is a giddy thing, and this is my conclusion“ bei Shakespeare in „Viel Lärm um nichts“. Also nichts Neues seit über 400 Jahren?
„Auffällig, dass im Osten jeder Hauch einer 68er-Stimmung fehlt, dass die Generation der Zwanzig- bis Fünfzigjährigen – meine Generation – von ihren DDR-Eltern nicht wissen will, wie es damals zu diesen oder diesen Entscheidungen kam.“, so schubst Dirk Pilz die Schaukel an. Auf der anderen Seite steht zum Beispiel Sachsen-Anhalts AfD-Landeschef André Poggenburg, der – so die Welt im Newsticker am 18.08.2017 - „die DDR für ihr Bekenntnis zum deutschen Volk“ lobte. So könnte man sich Hochschaukeln. Bis zum Überschlag wie am Ende der Weimarer Republik?
Ich habe in diesem Jahr die beiden neueren Romane von Christoph Hein gelesen, „Glückskind mit Vater“ und „Trutz“. In beiden Romanen sind die Hauptfiguren, Konstantin Boggosch und Maykl Trutz, DDR-Bürger, die nach einem mehr oder weniger lückenlosen Berufsleben in einen mehr oder weniger sorgenfreien Ruhestand eingetreten sind, nicht unbedingt Stoff für einen Roman. Konstantin Boggosch rieb sich zeitlebens an seinem Vater, einem als Unternehmer und SS-Verbrecher repräsentativen Vertreter des NS-Staates, was ihn in größere Nähe zur DDR als zur BRD brachte, weil in der DDR als „Sowjetzone“ das Erbe der NS-Verbrecher ausgeschlagen wurde, während sich der Wohlstand der Wirtschaftselite der BRD eben auf dieses Erbe der NS-Verbrecher gründete. Als ob er diese Lehre aus „Glückskind mit Vater“ rasch ‚überschreiben‘ müsse, hat sich Christoph Hein in „Trutz“ in penibelster Weise die Verbrechen des Sowjet-Stalinismus anverwandelt, weswegen der Rahmenfigur Maykl Trutz für 30 Jahre Leben in der DDR ganze 5 von 470 Seiten gewidmet werden.
Christoph Hein war für mich der düsterste DDR-Schriftsteller, er hatte mich schockiert. 1985 las ich „Horns Ende“. Auf die letzte Seite notierte ich mit Bleistift: „Insgesamt zu düster, zu bitter! Warum?“
Erst viel später las ich „Der fremde Freund“, wo eine junge Frau abschließend erklärte: „Ich bin auf alles eingerichtet, ich bin gegen alles gewappnet, mich wird nichts mehr verletzen. Ich bin unverletzlich geworden Ich habe in Drachenblut gebadet, und kein Lindenblatt ließ mich irgendwo schutzlos.“
Als Pendant dazu äußerte Christoph Hein in einem Gespräch 1982: „Soziale Errungenschaften haben ihren Preis. Bei uns ist sozial viel erreicht (schwer erkämpft, unaufgebbar), und auf einmal gähnt da ein riesiges Loch fader Eintönigkeit für den einzelen, so riesig, daß schon die Möglichkeit, sich zu ruinieren hinter einer nicht erreichbaren Schwelle liegt.“
Nach der Wende 1989 gab es reichlich Möglichkeiten, sich zu ruinieren, Clemens Meyer und Andreas Dresen im Film haben es beispielsweise beschrieben: „Als wir träumten“. Von grenzenloser destruktiver Gewalt.
Angela Merkel ist ein Kind der DDR, sie hat in der großen Koalition für ganz Deutschland „viel erreicht“. Paradoxerweise gähnt der „rasenden Menge“, so beschrieb der DDR-Opernführer des Henschelverlags von 1958 den Chor in Bizets „Die Perlenfischer“, da auf einmal „riesiges Loch fader Eintönigkeit“. Und eine Sehnsucht, erst aufzutrumpfen, andere zu vernichten und danach sich wie 1945 komplett zu ruinieren?
Auch ich fand Drachenblut attraktiv, musste aber im Älterwerden erkennen, dass es nicht ewig hält.
#7 Kolumne Pilz: Verharmlosungmarie 2017-10-20 08:44
danke, claus günther

ach hätte doch das nazi-bashing der brd soviel ausdauer bewiesen, wie das der ddr - die geister der interpretation trennen sich bei allgemeiner verharmlosung und maßlos einseitiger übertreibung

wer ist nur auf die idee gekommen, die versäumisse an der einen stelle durch spitzfindig-selektive vergleiche zu relativieren? die antwort ist in diversen strategiepapieren zu lesen - die dazu passenden interpretationen in den medien zu hören und lesen.
wer beides miteinander vergleicht sollte vorher in drachenblut baden und an die nebenwirkungen denken - oder besser nicht?

grüße marie
#8 Kolumne Pilz: Theaterdichtemarie 2017-10-20 10:17
ganz zufällig komme ich aus der ddr ... und habe sehr gerne in der reichhaltigen theater-literatur-kunstszene GELEBT, die ich unsagbar vermisse und mich mit zeit- und geldinvestitionen in gastronomie/boutiquen irgendwie aber auch gar nicht - und immer weniger - lebendig fühle ...


"Schon nach der Wende wurden Theater geschlossen und zusammengelegt – und beispielsweise die Zahl der Musikerstellen von 1066 auf 587 reduziert. Dies war damals unumgänglich, weil die DDR eine hoch subventionierte Kulturlandschaft hinterlassen hatte, deren Theaterdichte enorm war – und die noch heute im Vergleich zu Westdeutschland beachtlich ist."

www.deutschlandfunkkultur.de/bedrohte-theater-politiker-vernachlaessigen-die-kultur.1005.de.html?dram:article_id=344390

warum findet keine umfassenden WERTE-diskussion statt? weil die statistischen umfragewerte ergebnisse erwarten lassen, die die augen öffnen könnten??
#9 Kolumne Pilz: Eltern-StressWennMuttifrühzurArbe 2018-07-16 11:51
Ja, diese Lücken, die von Ressentiments gefüllt werden… Ich erinnere: wir als Eltern hatten Stress. Extremen Stress. Plötzlich musste man streiten um kassenärztliche Dienstleistungen für die Kinder – bei dreien ist ja immer irgendwas – plötzlich jährlich eine Steuerklärung machen und zuerst einmal – auch privat – einen Generalinventur, um für die – gänzlich neue! – Pflicht überhaupt eine Ausgangslage zu schaffen. Man musste sich mit neuem Geld zurechtfinden und permanent materielle und geldwerte Gegenwerte vergleichen. Man musste Schulen nach anderen Gesichtspunkten aussuchen als den, welche am nächsten liegt, am besten selbstständig durch das jeweilige Kind zu erreichen ist. Wenn man weiter vor allem für die größtmögliche Selbstständigkeitserziehung war, musste man unsäglich bürokratisch darum kämpfen, dass Geschwister zum Beispiel die gleich Schule besuchen dürfen;
man musste für und gegen Zensuren und nicht mehr inhaltlich für und gegen Schulbücher streiten, sondern nach Schönheit und Menge von Bildchen, die die lieben Kleinen zum ABC und Algebra motivieren, vor allem das, motivieren, sollten. Motivation war davor nie die Frage, dafür gab es kaum Analphabeten… Man musste plötzlich saturierten Bonner Eltern erklären, dass bitteschön die lieben Heranwachsenden keine winterliche Klassenfahrt nach Vorarlberg zum gemeinschaftlichen Skifahren brauchen, damit sie als Klasse zusammenwachsen können, sondern dafür auch eine Demo gegen die rechtsradikale Zeitung (aus dem Westen frisch angekommen), die sich gleich neben der Schule eingemietet hatte und ein innerschulischer Protest gegen die Vermietung der Schulaula an die Zeugen Jehovas genügen täte – Es gab UNENDLICH viel mehr Erledigungsstress… Und unsere damalig lieben Kleinen, die diesen Stress als dumpfe Zwangsglocke „Wende“, die über ihren Eltern lastete wie ein Berg von nix als Stasiunterlagen – das lernten die in der Schule, damals zwangsberaten durch das Schulssystem NRW… – erlebten, wurden nicht müde, die Augen zu verdrehen, wenn wir über einen Ost-West-Unterschied differenziert reden wollten. Um ihnen unsere – und damit ihre – neue Lage klarzumachen. Sie wurden nicht müde uns zu sagen, was sie in der Schule und von den Eltern ihrer neuen zugezogenen West-Freunde (oft Kinder ihrer neuen Lehrer*innen, Ärzt*innen, Anwält*innen…) täglich zu hören bekamen: Ihr seid sowas von gestrig – für UNSERE Generation spielt das Ost-West-Ding überhaupt keine Rolle mehr! –
Nun, in dieser Zeit sind vermutlich diese Ressentiments-Lücken in den Familien entstanden: HEUTE dämmert es den einstig lieben Kleine der Generation Pilz, dass man mal fragen könntemüsstesollte: Wie war das eigentlich damals wirklich? – Aber die ganz normalen Ex-DDR-Eltern haben den Kanal voll von den nun spät aufwachenden lieben Kleinen. Weil inzwischen fast 30 Jahre ins Land gegangen sind, wo ihre Leistungen von ihren eigenen Kindern nicht angemessen gewürdigt wurden, für die sie sich damals den Arsch aufgerissen haben, damit die nicht hinten runterfallen in dieser ganzen und zu guten Teilen – was das ehemalige Volkseigentum allein an Boden betrifft! - räuberischen Bürokratentsunamie-Scheiße… Und deshalb haben sie keine Lust mehr, ihren inzwischen nicht mehr so lieben Kleinen auf ihre plötzlich aufkommenden Fragen noch nett zu antworten. Weil die in der Zwischenzeit nämlich nicht besonders nett zu ihnen waren. Weil ihnen ihre unbekannten neuen Westfreunde mit ihren überaus karrieristischen, in den vergleichsweise paradiesisch billigen Osten strebenden Eltern nämlich so lange Zeit mehr bedeutet haben als ihre eigenen Eltern. DAS TUT WEH! wenn man so ohne Achtung der eigenen Kinder älter werden muss als liebevolle Eltern – Und nu kommt es halt zurück.
#10 Kolumne Pilz: bitte Pseudonym beibehaltenFreundschaft 2018-07-16 13:44
(...)

(Werte "Freundschaft",
wir verzichten auf die Veröffentlichung Ihres Kommentars, da Sie unter gleicher IP-Adresse bereits mit anderem Namen gepostet haben. Wir gestatten hier auf nachtkritik.de das Kommentar-Schreiben unter Pseudonym, möchten unsere Kommentator*innen aber dazu anhalten, in ein und demselben Thread nicht mit verschiedenen Pseudonymen zu agieren und dadurch den Eindruck zu erwecken, es posteten mehr Personen, als es eigentlich der Fall ist.
Mit freundlichen Grüßen, Anne Peter / Redaktion)
#11 Kolumne Pilz: zu pauschalInga 2018-07-16 20:54
@ WennMuttifrühzurArbe: Hui, jetzt sind Sie aber wütend geworden. Können Sie mir sagen, auf wen genau und warum? Auf Ihre Kinder? Oder auf sich selbst, weil Sie so perfekt im realsozialistischen DDR-System kooperiert haben? Auf mich wirkt das, was Sie schreiben, sowieso eher wie der allgemeine Frust von Eltern, die plötzlich erkennen müssen, dass Kinder, auch ihre eigenen, nicht nur Trichter sind, welche mit politischer Ideologie oder anderem (Leistungsdenken usw.) gefüllt werden müssen, um später im Leben perfekt zu funktionieren. Ohne auf Ihre pauschalen Ressentiments gegen "den Westen" einzugehen, möchte ich hinzufügen, dass nicht alles, was dort entwickelt wurde, schlecht ist und dass es dort auch Kritik an der Protestantischen Ethik als Geist des Kapitalismus gab und sicher weiterhin gibt. Kurz: Bereits Dirk Pilzs Entgegenstellung "Selbstmitleid oder Selbsthass, Trotz und Grimm hier (vornehmlich im Osten), Selbstgerechtigkeit oder Saturiertheit dort" stimmt so pauschal für mich nicht, wird von Ihnen aber sogar noch getoppt. Absurd. Und ausserdem ist das Schreckensbild der wechselseitigen Ressentiments, das Dirk Pilz hier eröffnet, für mich persönlich sowieso kein guter Ansatz. Ich bin auch kein Punk, aber es gibt doch gerade eine Ausstellung über die DDR-Punks, oder?

Kommentar schreiben