Der kleine, dumme Zuschauer

von Michael Wolf

24. Oktober 2017. Im Journalismus gilt das Gebot, sich klar auszudrücken. Mindestanforderung an eine Kolumne ist zum Beispiel, dass die Leser nach der Lektüre verstanden haben, was drin stand. Gleiches gilt für Aufsätze in der Schule, für berufliche E-Mails und Post-Its am Kühlschrank. Nicht aber für das Theater. Sehr oft lese ich mir Beschreibungen von Inszenierungen durch und habe danach keine Ahnung, worum es konkret gehen soll. Der Vorschau-Text auf Internetseiten oder in Spielzeit-Heften hat eine eigenartige Rhetorik herausgebildet.

Einfache Sprache ist schlaue Sprache

Typisches Stilmittel ist eine möglichst klug klingende Sprache. Da wird dann multidisziplinär das Consciousness-Raising sublimiert oder der Entnaturalisierung kakophonisch gehuldigt, bevor man die Entgrenzung des neoliberalen Narrativs dekonstruiert. Während sich die Leichte Sprache immer weiter verbreitet, fordert Theater selbst von Kindern eine profunde humanistische Bildung. In einer Inszenierung mit dem Titel "Der Nachmittag der Maulwürfe" lebt der Held des Abends nicht unter der Erde, sondern haust in seinem "subterranen Refugium".

kolumne wolfIn Theatern haben sie offenbar noch nicht mitgekriegt, dass der einfache Ausdruck inzwischen als schlauer gilt. Der moderne Streber nutzt leicht veraltete deutsche Wörter. Probieren Sie es aus: Sagen Sie mal Teuerung statt Inflation und ruckzuck sonnen Sie sich im Ruf eines Klugscheißers.

Ebenfalls nicht fehlen darf das Namedropping: Am besten sind französische Namen. Jean-Luc Nancy war als Referenz einige Jahre sehr chic, Lacan passt auch, Derrida geht immer. Es ist nicht mal entscheidend, dass die Macher auch wirklich Ahnung von diesen Autoren haben. Ich vermute das Gegenteil. Dafür steht in den Vorschauen viel zu viel Blödsinn. (Bitte, bitte, liebe Dramaturgien, ignorieren Sie doch wenigstens nicht so penetrant den Unterschied zwischen dem Wort Diskussion und dem Foucault'schen Begriff Diskurs. Es gibt ihn! Ich schwör.) Es genügt die Behauptung der Gelehrsamkeit. Eine Menge Vorschau-Texte transportieren die Botschaft: Theater ist schlau. Auf jeden Fall schlauer als du, mein kleiner, dummer Zuschauer.

Theater als elitäres Projekt

Denn das Publikum soll zwar möglichst kanonisch bis poststrukturalistisch gebildet sein, so ganz darf man ihm die Deutung des Abends aber nicht überlassen. Um keine Missverständnisse zuzulassen, steht deshalb oft auch schon drin, was man im Parkett erleben und fühlen soll. Im Grunde braucht man nur noch die Texte zu lesen und muss gar nicht mehr hin. So läuft es ja auch an vielen Häusern.

Vorschau-Texte sind die Aushängeschilder von Inszenierungen. Sie sind die Tür, durch die die meisten Zuschauer hindurch müssen. Und diese Tür ist eine der härtesten im deutschsprachigen Kulturbetrieb. Es wäre verfehlt, den Theatern dafür die Schuld zu geben. Es ist ihr Verdienst. Sie wollen es offenbar nicht anders. Denn: Die Häuser müssten ihre Produktionen nicht auf diese Weise bewerben. Sie könnten sich auch als Raum des gemütlichen Versammelns darstellen, ohne deshalb gleich Mario Barth einladen zu müssen. Dass Spannung, Gefühle und Unterhaltung nicht konträr zu einer klugen und intellektuell bereichernden Aufführung stehen, sollte sich herumgesprochen haben.

Die Selbstdarstellung vor allem avantgardistischer Theaterproduktionen erinnert stattdessen an den Kampf für ein bürgerliches Theater im 18. Jahrhundert, das den Hanswurst und alles Volksnahe dem Ziel einer einheitlichen, gehobenen Sprache opferte. Das Publikum soll geformt und belehrt werden. Vor allem aber möge der Plebs draußen bleiben. "Geh weiter, hier gibt es nichts für dich zu sehen." Gerade die ach so engagierte Postdramatik orientiert sich an diesem elitären Projekt. Sie geriert sich mit Vorliebe als Ort der gesellschaftlichen Verständigung, weist dann aber Menschen ab, die einen Code nicht lesen können. Als gute Nachricht sei immerhin versichert: Bei einem großen Teil derart angekündigter Aufführungen lohnt es sich eh nicht hinzuschauen.

 

Michael Wolf, Jahrgang 1988, ist Redakteur bei nachtkritik.de. Er mag Theater am liebsten, wenn es schön ist. Es muss nicht auch noch wahr und gut sein.

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