ÜBER DAS SCHREIBEN, UND JA: FÜRS THEATER

von Wolfram Lotz

26. Oktober 2017.

Liebe Leute,

ich finde es auch ein wenig seltsam, dass ich gerade jetzt den Wunsch gehabt habe, über das Schreiben von Theaterstücken zu sprechen

In einer Phase, in der ich mehr als jemals zuvor das Gefühl habe, es nicht mehr zu können, es wirklich nicht mehr zu wissen, wie es gehen könnte für mich, in Zukunft

Und es sich für mich gerade auch eher so anfühlt, als würde es mir nicht mehr möglich werden (damit meine ich nicht so sehr das Schreiben allgemein, sondern vor allem das Stückeschreiben)

Was dann auch OK wäre, übrigens, auf eine bestimmte Weise

Aber vielleicht möchte ich gerade jetzt darüber sprechen, wie es geht, oder wie es für mich bisher gegangen ist
Um es somit hier in diesen Text zu legen, damit es darin wie in einem kleinen Boot dann den Fluss hinabfahren kann, fort

Und etwas anderes ganz anders möglich wird, dann

ÜBERWINDEN, darum geht's vermutlich hier

Und es kann hier deshalb auch nicht um das Handwerk des Schreibens gehen

Warum?
Weil: das Handwerk des Schreibens GIBT ES NICHT

Weil das, was man kann, was schon mal gelungen ist, was also das gekonnte Handwerk wäre, sofort tot ist, denn das Schreiben ist kein Zustand, sondern eine Bewegung, immer weiter, fort von dort, wo man eben noch war, entdeckend; die (wenn auch nur im Minimalsten) NEU sich plötzlich in und vor einem aufstellende Sprache erzeugt erst dieses Leuchten im Hirn des Schreibenden und somit auch potentiell: der Lesenden; versieht es mit Geste und also mit Körper, und das ist es, was das Geschriebene oder Gesprochene überhaupt zu einer Mitteilung macht, alles andere ist höchstens INFORMATION, DATEN, tot, Unfug, bitte bleiben lassen

Und wenn ich über das Schreiben spreche, muss ich nochmal in die andere Richtung überspringen, möglichst nochmal ganz weg von allem, nochmal zurück zur Sache selbst, wie sie also geschieht, wie sie in mir als dann Schreibendem beginnt

Und also auch nochmal weg vom Gesellschafts-Aufriss-Getöse des Theaters, des dort üblichen Gesprächs, das gar nicht falsch ist, das ich sogar wichtig finde, das aber nicht selbstverständlich ist, sondern eben eine Eigenheit, in die das Geschriebene gerne eintreten soll, dann

Ich möchte also anfangen mit:

 

1. ANFANG

Als Erstes: In mir vor mir: Schrift auf Papier, schwarze Zeichen auf weißem Grund:
Buchstaben

Die Schönheit dieses Konzepts, ja: Schrift, das ist für mich das Schönste, Klarste, was es gibt, die Abstraktion einerseits und zugleich die maximale Konkretheit dieser Sache, DA BIN ICH FAN VON, und das ist Grundlage für den Text

So wie einen Augenblick später, bei der sich praktisch selbst fällenden Entscheidung, die Schrift dem Theater zu – was, ja: zu widmen, das Theater auftaucht in mir, vermutlich sogar zunächst als ein Gebäude, ein verschwenderisches angezehrtes Ding in der Welt, also mehr als eine Atmosphäre, eine Oberfläche

(Das sind ja intime Dinge, die ich hier gar nicht äußern möchte, aber deshalb ja gerade muss)

Vielleicht sehe ich Bertolt Brecht dann als Gespenst etwas spackohaft im Berliner Ensemble stehen bzw. vor allem seine sozialistische Hose und Lederjacke und Brille und Haare usw., ich sehe auf jeden Fall die ritushafte Statik eines Kinderkrippenspiels, nur schemenhaft, wie ein Nachbild auf der Netzhaut, aber deshalb besonders deutlich: die Langsamkeit und Klarheit der Bewegungen; ich sehe die auf der Bühne besonders leuchtende Energie eines unfertigen jugendlichen Körpers und die wunderbare wahrhafte Abgefucktheit eines vom Leben abgefuckten Schauspielerkörpers; ich sehe den Schnürboden als eine verheißungsvolle Maschine, als einen Himmel aus Technik; ich sehe den kleinen bunten Salatteller in der Glasauslage der Kantine, die alltägliche Profanität eines Dramaturgiebüros; sehe vor mir, wie sich ein Mund öffnet und höre, wie Sprache da hinausgeht in einen ganz realen Raum, in dem jemand sitzt und hört; ich sehe die schillernde Oberfläche eines Kostüms im künstlichen Licht, ich sehe das und noch andere Dinge

als ein unglaubliches Versprechen, bzw. sehe ich das nicht, es geistert mehr vor mir herum, und ja, das sind ja im Grunde erotische Fantasien, infantiles Begehren, Form und Wirrnis, wie die Traumbilder der eigenen kindlichen Sexualität früher, noch völlig ungerichtet, verstörend, aufregend, unfassbar schön

Und damit geht‘s los

 

2. AHNUNG VOM EIGENEN STÜCK

Wie sieht‘s aus, das Stück? Wie soll es sein?

Da ist ja schon was, eine Art Abglanz des zukünftigen Stücks ist bereits sichtbar, aber noch nicht die Quelle

Beim ersten Stück besonders, aber auch bei jedem weiteren, erneut

Wie manchmal im Traum: man blickt darin auf ein Papier, das Ergebnis des Sehens ist bereits spürbar, aber da stand noch nichts, das merkt man, wenn man aufwacht, dieser Text fehlt noch, und will deshalb geschrieben werden

So wie mich ja die Stücke von Achternbusch so inspiriert haben, mehr als alles andere, weil ich schon von Achternbusch gehört hatte und gelesen, aber keine seiner Texte, keine Stücke, und ein Buch war auf die Schnelle nicht organisierbar, zu dem Zeitpunkt, da ging das bei mir noch nicht mit Internet usw., und ich habe mir deshalb für einige Zeit die Stücke vorgestellt, nicht inhaltlich, aber in ihrem potentiellen Leuchten, ihrer ästhetischen Wärme, die sie abgeben, und in dem inneren Aufruhr, den sie dadurch erzeugen, auch habe ich Schrift auf Papier gesehen in Anordnung – und diesen Stücken schreibe ich noch immer völlig verzweifelt und fröhlich hinterher

Als ich dann die wirklichen Achternbuschstücke las, überrollte mich ihre reale Tollheit trotzdem, der Zug kam plötzlich aus einer anderen, ja gerade nicht so erwarteten Richtung auf mich zu und über mich drüber gebraust, weil sie natürlich sofort sagten, wir sind nicht diese vorgestellten Stücke, aber eben andere, reale
Nicht so schön, ja, aber weil real, eben doch: noch schöner

 

3. SOUND

Eine Folge von Buchstaben, Wörtern, die aufregend aussehen würden, da jetzt auf dem weißen Grund

Ein Satz, der toll wäre, würde ihn jetzt jemand hineinsprechen in einen Raum mit Menschen

Erstmal also:
Nix Idee, nix Meinung zu irgendwas, nix interessanter Gedanke, nix psychologisches Problem

Sondern Sound

Sound, dem ist jetzt zu vertrauen
der weiß ja alles schon

In ihm ist zwar alles noch nicht ausdifferenziert, aber alles ist darin und kann sich ausdifferenzieren

Wenn der Sound stimmt, heißt das für den Schreibenden: Das ist das Feld, um das es mir geht
auch wenn ich vielleicht noch nicht weiß, um was es mir geht
das stellt sich eben im Schreiben erst heraus
das ist das Aufregende

Das, was da im Verborgenen liegt, und zwar: SPÜRBAR

Das Schreiben handelt ja ganz besonders von LATENZ, vielleicht das Schönste überhaupt an der ganzen Tätigkeit

Thema, Idee, Meinung usw. eignen sich schon deswegen nicht zum Beginnen, weil Literatur heißt: Die Dinge eben unideenmäßig zu verhandeln
Wirklichkeit (und also immer auch die eigene innere) nicht zu analysieren, sondern abzubilden, offen zu lassen, aber zu denaturalisieren
in diesem Sinn anders begreifbar zu machen

Was ja nie so ganz gelingt, aber das ist die Richtung

Der Sound ist in sich völlig offen, aber er ist nicht die Bohne beliebig

Denn die Lust am speziellen Sound BEDEUTET JA WAS, das ist nicht zufällig

Er ist eben gerade nicht oberflächlich im Sinne von eindimensional
sondern in ihm ist das Ganze schon enthalten, eben weil es noch nicht ausdefiniert ist
sondern anti-ideenhaft und also UNREDUZIERT vorhanden ist

Das Thema dagegen bleibt nur in seiner Dimension, es kann sich höchstens verästeln, aber es bringt über seine Dimension nichts mit, ebenso wie die (Form-)Idee, an die kann sich vielleicht eine weitere anlagern, aber das reicht alles noch nicht für den Text

Auch nur im Sound drückt sich übrigens die sogenannte Haltung aus
nicht in der Meinung
die Meinung ist nur ein singuläres Denkresultat

Der Sound dagegen: momentane sprachgewordene Haltung zu den Dingen

Intuitiv Form gewordener Inhalt

Im Schreiben muss es in mir sagen:
Ja, da sitzt es
was
ich weiß es noch nicht
aber da ist es und ich habe Lust darauf
das handelt jetzt offenbar ganz besonders von MIR IN DER WELT

 

4. AM TISCH AM TEXT: JETZT

Sagen wir der Schreiber, der na gut: jetzt also nach der Entscheidung: Dramatiker

Sagen wir der Dramatiker
Sagen wir der Dramatiker Wolfram
Sagen wir der Dramatiker Wolfram – ja was – Höll natürlich
Sagen wir der Dramatiker Wolfram Höll setzt sich jetzt an den Tisch

sofort steht er wieder auf, noch schnell
Kaffee, oder eben noch da anrufen beim Soundso
muss noch gemacht werden, klar

Musste den ganzen Tag nicht gemacht werden, aber jetzt, unbedingt

Der Dramatiker Wolfram Höll jetzt wieder am Tisch
Computer auf, Datei auf
Text schon angefangen, da steht schon Schrift drin also, erste Sätze anschauen, was ist das jetzt schon wieder
Gestern war es doch viel einleuchtender, schöner

Jetzt also erstmal: Lesen
Nochmal alles lesen, was da ist, den Text zurück in den Körper schaffen, den Körper nochmal dahin schaffen, wo der Text vielleicht weitergeht, lesend da an diese Klippe, wo danach alles weiß ist, da den großen Mangel spüren

Und dann eben aus der Sprache heraus noch einen Satz dranschreiben

Und der ist dann vielleicht richtig

Ja, der ist jetzt richtig, denkt Wolfram Höll, keine Ahnung warum, weiter

Und jetzt wird der Wolfram Höll ganz fuchsig, warum stimmt das denn jetzt, was stimmt da denn jetzt gleich NOCH und warum, sprachlich, und spätestens jetzt ist der Körper vom Höll ganz verkrampft

Ja: Braucht der Höll diesen Krampf, gerade weil es ein Stück ist, wird er ganz zuckig, wie er da grad sitzt

und zwar weil in der Sprache des Stücks ja der Körper schon mitgemeint sein muss, die Sprache in die Körper der Spielenden auf besondere Weise hineinmuss, um die geht es ja, mehr als um das Gesagte, und das ist keine Überlegung, keine Technik, sondern die Sprache, die den Körper meint, kann aus Feinstofflichkeitsgründen auch beim Schreiben nur mit größter Körperlichkeit hervorgebracht werden, weil es die Körper der Spielenden geben wird

Aber auch die Körper der Lesenden, Zuschauenden, ganz real

Der GESTUS DES SCHREIBENS ist das, was am Ende eine Art äußere Bedeutungshülle des Textes sein wird, das unmittelbar Ansteckende, Sprechende, deshalb muss direkt mit dem eigenen Körper, also möglichst allen Hirnarealen, geschrieben werden, denn in alle gleichzeitig soll der Text dann ja wieder rein, anders geht’s nicht, sonst wird das alles HOLZ

Es ist aber gar nicht zu sagen, wie die Sprache zu sein hat, die kann auf der Makroebene völlig unterschiedlich sein, jedesmal
Wesentlich ist: Sie muss im Bewusstsein für den Körper geschrieben werden. Deshalb fährt dem Höll die Sprache auch beim Schreiben, wenn es gut läuft, so wie jetzt gerade, direkt da rein, da fängt der Höll so an, auf dem Stuhl herumzuhippeln, aber in größter Konzentration, immer mit den Augen am Text

Jetzt fährt der Fahrradfahrer mit der blöden Jack-Wolfskin-Jacke da vor dem Fenster einfach nicht vorbei, und auch der Wind wühlt da jetzt grad NICHT so schön in der Esche, die auch nicht da ist

Aber man kann nicht sagen: Die Sätze nicht so lang o.Ä. Das stimmt so nicht. Das können die sein, aber die müssen ein Bewusstsein für einen – ja: realen Atem haben, und nicht erst hinterher (das ist da nicht mehr durch Bearbeitung reinzukriegen), sondern: im Augenblick des Schreibens

Gegenwart, Sprache und Körper, sonst nichts

Aber die Notwendigkeit dieses Krampfes liegt auch noch woanders, in der sogenannten Gattung: Das Stück ist nämlich nicht das offene Gelände, wie es der Roman ist, es führt nicht wie der Roman in die Weite, sondern es geht um Zuspitzung, nein, nicht das ausreichend richtige Wort: um eine Form der Beharrlichkeit, Besessenheit, Wühlmauserei
Leider nicht: Relaxtheit, sondern Ungeduld, Wahn, Krampf
Beim Romanschreiben kann man sich stellenweise auch mal hinten am Stuhl anlehnen, das tut dem Roman gut und ist da ganz richtig, beim Stück nicht, TOTALE AUFGEREGTHEIT ist notwendig
Deshalb geht der Roman beim Höll auch nicht, dafür ist er, ja, doch: ganz einfach zu UNRELAXED

Im Kern ist das Stück eben nicht Panorama, sondern Fokus, und gerade deshalb zeigt sich das Zuviel, das Überflüssige im Stück erst wirklich, als Provokation und also in seinem politischen Gehalt
Im Roman kann ALLES stehen, im Drama auch, aber da ist klar, dass es verboten ist
(und im Drama soll es aber gerade auch stehen, eben genau WEIL ES DA VERBOTEN IST)

Und das spürt der Höll ja auch jetzt, schreibend

Denn wenn es beim Schreiben eine Art Handwerk gibt, dann besteht es nur aus der durch ständige Praxis angelernten Hyper-Sensibilität für das, was da steht, was da jetzt gerade die Ordnungen sind in diesem Wort
in diesem Satz
in diesem Sprechgestus
in diesem gerade begonnenen Erzählvorgang, der ja sofort seine eigenen Gesetze da behauptet

 

5. DRAMAGIETUR

Weiterkommen am Text und durch den Text im Umgang mit allem, gerade, Stelle für Stelle. Das nenne ich Dramaturgie

Konstruktion, Aufbau, Bogen: Schnickschnack

Wie wäre es mit dem Konzept der Interessantheit? Der Text soll immer, Stelle für Stelle, INTERESSANT sein. Das heißt, klar, auch, dass sich der Text immer allem Vorherigen bewusst ist

Suspense dagegen, Anlegen: scheußlich: Versprechen für die Zukunft, da kommt noch was, später, ganze Stücke werden so geschrieben, dass die Leserin oder der Zuschauer nur die ganze Zeit in Erwartung gesetzt wird, hysterisiert wird auf das Kommende, und währenddessen passiert selbst aber die ganze Zeit NICHTS
NADA NÜSCHT

Aber das Theater handelt von der Gegenwart, ganz fundamental, und nur dadurch dann (und deshalb ganz besonders) vom Kommenden, der kommenden Gegenwart, also der Zukunft

Klar, in diesem Sinn können und sollen auch schon Dinge erahnt werden, kann es Ideen geben für Stellen, die einen in der Vorstellung beim Schreiben erwarten, auf die man sich aufgeregt freut
Kann und soll es auch schon eine Ahnung geben vom Ende, das ja so wichtig ist, weil es die Form des Stücks als Ganzes betrifft, es einem also vorschlägt, was das für ein Stück sein könnte
Aber es soll nicht schon GEWUSST sein, sondern eben nur erahnt, mehr ein Lichtverhältnis, die Ahnung eines noch anderen Raums

Dieser ganze Konstruktionsschema-ich-male-das-vorher-genau-auf-Quatsch, der immer wieder irgendwo empfohlen wird, ist das Idiotischste überhaupt, das machen nur Leute, die von der LEBENSPRAXIS Schreiben keine Ahnung haben

Wer vor dem Schreiben die Struktur des Ablaufs schon genau geplant hat, ist ja dann im Schreiben permanent in einem HINTERHERGEH-MODUS, Ergebnis: TEXTTODMÜDIGKEIT, die Sprache wird vom Nochmalerzählen verholzt, kommt dann eben nicht in den ansteckenden Aufgeregtheits-Sound des Neu-Entdeckens, handelt dann eben nicht vom JETZT, das im Theater so wichtig ist

Und so auch mit den Figuren (wenn es welche gibt): Die zeigen sich ja erst durch das, was da im Schreiben und also im Verlauf des Stücks mit ihnen geschieht, die müssen die Möglichkeit haben, gleich nochmal ganz anders zu sein, wie die Menschen da draußen, ja, die werden erst kennengelernt, das ist ja das Aufregende und Schöne daran

Das Projekt heißt deswegen aber nicht: Undramaturgie, sondern gerade dadurch entsteht Dramaturgie

Zuspitzung und Vertiefung im Verlauf des Stücks: Das Ding auf eine bestimmte Weise durch das bereits Geschriebene jetzt umfänglicher gefasst kriegen, mehr ist das ja nicht

Deshalb muss die Chronologie des Schreibens am Stück für mich auch eingehalten werden, das Material ist nicht irgendwie zusammenzustückeln am Ende, weil die Sätze immer genau wissen, was zuvor geschrieben wurde, ihr jeweiliger Stück-Gegenwarts-Stand ist in sie eingeschrieben, das kann ich nicht ignorieren. Jeder Satz ist Teil der Schreibhistorie, und nicht nur für sich

Aus diesem Grund kann ich auch nicht einfach schon mal das Ende schreiben, wenn mir die Mitte gerade nicht einfällt. DAS GEHT NICHT. DANN MUSS ICH EBEN WARTEN

Klar, im Kleinen passiert das trotzdem, weil man eben nicht immer im Schreiben voll in der Gegenwart des Textes steht. Aber es ist immer schon ein Verlust für den Text, es tut ihm nie gut

Die Sätze am Ende des Stücks sind andere, als die am Anfang, eben weil das bereits Geschehene im Schreiben ein anderes Bewusstsein hervorgebracht hat, auch wenn das nicht in einer Signifikanz wahrnehmbar ist

Aber wie heißt es in diesem vielzitierten Dings eben nicht

Richtig:
DAS WESENTLICHE IST FÜR DIE OHREN UNSICHTBAR

Ja, noch was:
Über Dramaturgie sprechen heißt immer zu schnell: Über Handlung zu sprechen

Aber auch ein Stück besteht zuallererst nicht aus Handlung, sondern aus Sprache
Und also aus dem Sound der Wörter und den an ihnen klebenden Bildern, den in unterschiedliche Richtungen herausschießenden aber sehr spezifischen Assoziationen

Deshalb für die Dramaturgie so wichtig:

Welche Motive kommen, was fehlt also zur Gegenwartsabbildung, was braucht es da jetzt, ist der Raum zu klar, sind die Motive vielleicht gerade nur aus einem Realitätsbereich, sagen wir z.B. aus der Technik, aus dem Leben in Städten, dann sehnt sich der Text plötzlich nach etwas Wind, der durch eine Erle
was
hustet, natürlich

Oder es geht um die Welt der Gefühle, der Ideen, also um die abstrakten Dinge, dann sehnt sich der Text direkt – schon beim Schreiben dieses Satzes geht es mir so – nach einem Kühlschrank oder nach einem Igel oder nach dem Wort
Netflix

Jetzt erst spannt der Satz ein Feld auf, durch diese Differenz der Motive, so nur nähert er sich der Realität, und so passiert es auch im Stück, Stelle für Stelle

Das ist das Prinzip der Liste für mich, keine Ordnung ganz werden lassen, sondern jede Ordnung bis in ihre Zerstörung erweitern, in den Widerspruch hinein, also auch sprachlich in ein dramatisches Spannungsverhältnis, nicht aus Funktionsgründen, sondern weil es ja doch so ist

 

6. REALISMUS

Ja: Realismus, Motor des Textes

Von wo stößt sich der Text immer wieder ab, in Hinblick auf was wird der Text schreibend immer wieder befragt

Ich kann mir kein anderes Schreiben für mich vorstellen, nein, mehr, ich kann kein anderes Schreiben richtig finden, als das REALISTISCHE

Realismus meint für mich aber eben nicht eine bestimmte Form der Darstellung, sondern ein unbedingtes INTERESSE FÜR DIE WIRKLICHKEIT

Zunächst also gerade keine Frage der Form, sondern eine der Schreibherangehensweise

Alle Kunst, alles Schreiben, das für mich von Bedeutung ist, hat darin seinen letzten Grund

Dagegen: Autoren, die sich beim Schreiben ausschließlich oder vor allem danach sehnen, ihre Erzählung möge möglichst GUT FUNKTIONIEREN

FEINDE

Von diesen Leuten aber wird ja gerade so oft der Begriff des Realismus benutzt, gemeint ist damit fast immer nur: Form unsichtbar werden lassen, angeblich für den Inhalt, als gäbe es das eine ohne das andere

Dann kommt so gern BLÖDSATZ NUMMER EINS:

Ich will nur eine gute Geschichte erzählen

Als wäre das etwas Unschuldiges

IST ES NICHT

Wo Form unsichtbar wird, ist sie trotzdem da
nur eben: ALS KONVENTION
und nur deshalb: unsichtbar

Nicht der Form-Text ist META, sondern gerade der Unsichtbar-Form-Text ist es

Gerade am deutlichsten zu sehen am Fernsehfilm, z.B. am sonntagabendlichen Tatort-Wahnsinn
Würden da tatsächliche Ermittlungsvorgänge gezeigt, tatsächliche Verhörsituationen, wirklich stattgefundene Dialoge in tatsächlich unmittelbar wirklichkeitsabbildender Sprache, würde es den Zuschauer da sofort als totale Formirritation anfallen, auf terroristischste Weise

Denn der dort praktizierte Realismus kommt eben gerade nicht aus der Wirklichkeit, sondern meint nur und ausschließlich eine ganz andere Realität: nämlich die des üblicherweise dort praktizierten Erzählens

Nur unter dieser Maßgabe kann Form NATÜRLICH wirken, und also scheinbar verschwinden

Es gibt keinen Realismus, in dem die Form unsichtbar ist, die Form ist in jeder tatsächlich realistischen Literatur spürbar anwesend, und also auf irgendeine Weise: künstlich, das kann es nicht anders geben, wer etwas anderes behauptet
LÜGT

Und gerade der Wunsch nach Realitätsabbildung verlangt für mich nach Verwandlungen, denn im Text liegt die äußere Realität ja nicht mehr in ihrer ursprünglichen Materialität vor, sondern als Sprache, also in einer völlig anderen Physik, und wenn ich eben nicht nur über die Realität reden will, sondern wenn ich sie ABBILDEN möchte, muss ich diese völlig andere Textur bedenken, muss ich VERWANDELN, um das Jeweilige in dieser ganz anderen Form dennoch genau so sichtbar zu machen

Der Schreibende ist dann Realist, wenn er das jeweils Geschriebene gegenüber des Abzubildenden als immer nicht ausreichend erkennt, und: und das ist das Wichtige: Sich in keinem Zustand damit abfindet

Und so wird geschrieben, dann

Jeder Satz hat die Frage in sich: Reiche ich schon aus? Nein, natürlich nicht. So stimmt das noch nicht, da fehlt noch was, und das kommt im nächsten Satz, und dann? Ja, was dann? Dann stimmt es immer noch nicht oder eben nicht mehr. So geht es weiter

Das ist wahrscheinlich auch nur eine Form des dialektischen Vorwärtswälzens, aber immer in Anbetracht der Wirklichkeit, und damit meine ich: der von einem empfundenen Wirklichkeit, was sonst

Ganz individueller Realismus also, glücklicher- und bedauerlicherweise von der eigenen Wahrnehmung ausgehend. In diesem Sinn: auch deprimierend

Deshalb betrifft das Schreiben aber natürlich nicht nur das Amschreibtischsitzen, sondern wie man durch die Welt wackelt, zugänglich bleibt für WIRKLICHKEIT NEU, oder ob man mit den Dingen abschließt; auch hier: Nicht einfach vom vermeintlichen eigenen Wissen ausgehen, sondern von der Außenwelt, die dieses Wissen ja ununterbrochen mit Widersprüchen zubombt

Was im ersten Augenblick vielleicht ja gerade als Geschenk zu sehen wäre, aber tatsächlich ist die Heftigkeit des wirklichkeitsbedingten Widerspruchbombardements ja von einer solch schrillen Frequenz, dass es so überanstrengend ist, diese Offenheit beizubehalten, und der Reflex eben ist, vom Körper und vom Hirn: Fort davon, nichts wie weg

Ich muss ja immer wieder davon ausgehen, dass ich mich, ohne es zu merken, offenheitsmäßig beständig auf dem Rückzug befinde
Der eigene Körper will ja vor allem nicht wahrnehmen, sondern AUSBLENDEN, böses Grundprinzip auch des Erzählens

Die Aufgabe also: Immer wieder alles einblenden, sich sehend nicht zur Ruhe kommen lassen

In den Bereichen des eigenen Selbst, die man nicht beobachtet, stellt sich ja meistens nichts Tolles ein, sondern VERBLÖDUNG, das ist meine ständige Erfahrung MIT MIR

Offenheit ist eben kein Zustand, sondern eine UNAUFHÖRLICHE AKTIVITÄT

Und so verstehe ich für mich auch die Ironie:
Nix Relativierung, sondern noch Widerspruch zum BIS JETZT Gesagten, Gemeinten, auffindbar überall draußen und also nicht wegzulassen als Realist, sondern eben: Praxis des realistischen und also möglichst infiniten Wahrnehmens und Denkens

Und also rein in den Text

Widerspruch, Vielheit, Nicht-Einheit

Abstraktgerede, Abstraktgerede

Also raus, der Höll jetzt auf dem Fahrrad, unterwegs zum neuen Lidl, zu holen: Milch, Birnen, Vanillejoghurt, Raspelkäse, und ja: Frischei-Waffeln; und da jetzt an der Bushaltestelle vorbei, wo der Typ steht im Camp-David-Sweat-Shirt, und die Oma mit dem Blumenjackerl und der blauen Katzentransportbox, wo aber vielleicht was ganz anderes drin ist, das ist ja gar nicht zu sehen, der Höll auf dem Fahrrad radelt wie verrückt (weil die Gangschaltung kaputt ist), möchte jetzt, so vom Schreibtisch kommend, eigentlich nicht von diesen Außenwelt-Dingen angefallen werden, möchte doch da jetzt in dem in ihm ablaufenden Text drin bleiben, und weiß natürlich – strampel strampel – dass das aber genau richtig ist, dass das jetzt gestört wird, auch wenn‘s weh tut, Widerspruch, weiter jetzt, am Poststellchen vorbei, die Text-Ich-Blase um den Höll bereits massiv eingerissen von dem ganzen Zeug, das zu viel ist, und gerade deshalb sein muss, um ihn da rauszubringen, auch wenn er gleich im Supermarkt teilweise noch immer im Text stecken wird, für die Anderen dort deshalb in irgendeiner Situation gleich sicher wieder als Verpeilo auftretend, obwohl der Höll das eben gerade nicht ist, eigentlich ja ein mehrfacher Konzentrations-Weltmeister ist, weiter weiter, die Beine des Höll da unter ihm jetzt tretend tretend, zwei Dinger aus Fleisch (aber in Hosen drin), kommt er an die Ampel, die gerade auf Grün springt, obwohl der Höll doch sonst immer das Gefühl hat, sie spränge bei ihm meistens eher auf Rot, das denkt der wirklich oft, unfassbar, was für ein Idiot bin ich eigentlich, denkt der Höll, und jetzt also schnell rüber, am wartenden Toyota Hilux vorbei, dass der Wind in den Ohren, flattert: nein, was ist das überhaupt für ein Geräusch, das ist ja gar nicht zu sagen, das wäre jetzt mal wirklich zu bedenken, strampel

Auf dem Dach vom Brathähnchenwagen sitzt ein Rabe und guckt, das Licht ist klar –

So war‘s doch gar nicht, als ich vorher auf dem Fahrrad, denkt der Höll

Wie klingt das denn, das ist ja ganz unausreichend so

Alles
falsch falsch falsch

Wieso diese Hektik-Erzählung? War da nicht auch Ruhe? Warum so parodistisch – ich bin doch da trotzdem einer dieser ganzen Sterbenden gewesen, die am Leben sind und herumlaufen? Fehlt da nicht total noch ein anderer Sound?

Und das ist für mich ja auch das Schöne daran: dass über das Schreiben das Denken und Weltempfinden so immer wieder geerdet wird, in der subjektiven Wirklichkeitserfahrung, über den Text kann ich mir nicht dauerhaft etwas zurechtdenken, da weigert sich der Text dagegen, da stimmt er dann nämlich spürbar einfach nicht mehr

Wenn ich dagegen anfangen würde, so klassisch klar argumentativ zu denken, würde ich auf meinem Niveau sofort die Abzweigung in den mir passenden totalen Quatsch machen. Über das Schreiben wird mir das erschwert, und es ist meine Aufgabe, dafür möglichst sensibel zu sein. Es geht da um die Wahrnehmung des Wortes, Satzes, Absatzes, und das sich sofort einstellende Gefühl: Richtig oder IRGENDWIE FALSCH. Und das hat eben einen Grund, der einem dann als Analyse einsichtig werden kann

Dem entgegen steht aber: Die Konvention der Erzählung. Da referieren die Dinge nämlich nicht mehr auf die Realität des eigenen Welterlebens, sondern das „Richtig“ wird von der Erzähltradition in einem gerufen, ganz vorlaut. Diese Stimme ist die große Gefahr, ich sitze ihr ständig auf. Meine Aufgabe als Schreibender: Sie erkennen und dann nicht auf sie hören, oder zurückfragen: Warum denn? Nein, so nicht, Freundchen

Die Erzählung geht halt nie so, wie sie bisher ging

Hier nämlich auch notwendig: Die Einsamkeit des Schreibens, Missachtung des Sozialen in Form der Konvention

 

7. ÜBERSCHREITUNG

Poesie, darum geht‘s, da bleibe ich bei, ist halt doch ein schönes Wort, trotz aller Verwendung

Meint: noch so geringe Verschiebung in der Sprache, vielleicht nur ins MINIMAL NEUE, aber trotzdem

Etwas nochmal anders sagen

Meint eben: Über die bisherige Konvention des Sagens wenigstens ein Millimeterchen hinausgehen

Da kommt die Aufregung des Schreibens her, da wird plötzlich was hörbar, was vorher einfach verschwunden war ins GARNICHTDA

Auch im Theater, wenn das sichtbar wird: Dann tut sich da plötzlich ein Möglichkeitsraum auf, weil das Bisherige, Bekannte, Weltumzäunende soeben kurz an einer Stelle überschritten wurde, da zeigt sich die Möglichkeit als etwas Grundsätzliches, leuchtet erst die Zukunft, und darum geht‘s für mich

Im Schreiben am Schreibtisch: Die plötzliche Abzweigung aus dem Gewohnten, ich weiß gar nicht unbedingt, wie die zustande kommt, wie das geht, aber manchmal geschieht‘s
Und dann ist alles hell und schön, in mir, alle Qual des Schreibens mehrfach aufgewogen

Der schon aus dem allgemeinen Gerede und Erzählen irgendwie bekannte Satz wird verlassen, ins Unterholz hinein, die gerade angefangene und nun eigentlich schon feststehende Kleinst-Erzählstruktur wird durch Realitätswiderspruch angefahren, und ihre Enden ragen jetzt ins Offene

So in etwa

Es geht um Lust und Zerstörung, das Soziale also mit seinen Regeln wird im Ganzkleinen durch das asoziale Ich des Schreibenden kurz weggepusht

Das Ungehörige ist kurz angesagt, also: Das Böse, wenn auch vielleicht nur in kleinster Dosis, weil ich ja selbst sozial so ein Krampf-und-Angst-Mensch bin

Das erste Lied von meinem kleineren Sohn E, vor Kurzem, also mit drei Jahren: eine irgendwo aufgeschnappte Sentenz, dann endlos immer wieder gesungen beim Spielen von ihm in irgendeiner so bewundernswerten Entrücktheit und Auflösung in den Gesang hinein – also jedenfalls ging das so:

Der Wald brennt lichterloh
der Wald brennt lichterloh

lichterloh
lichterloh!

Und ich dachte: Wie verrückt, superschön, genau!
Zerstörung und Überschreitung, Lust, die sprachliche Feier der Zerstörung, aber ganz auf die Sprache gerichtet, ja, die ganz genau wahrgenommene SELTSAMKEIT bzw. FREMDHEIT der Sprache, im Wort LICHTERLOH, die damit einhergehende jaja usw. usf. DAS SPRICHT JA EBEN GERADE FÜR SICH SELBST, ich Idiot –

Da war es mir jedenfalls wieder geschenkt, von der Umwelt: hier von E, in einer nicht-reduzierenden Genauigkeit

Und E weiß in der Sprache von all diesen Dingen, er weiß das alles sehr genau, über die Konkretheit der Sprache, Dinge, die er ansonsten mit seinen drei Jahren nicht mal annähernd weiß, wissen kann

Und so geht es mir ja auch immer, das ist die Klugheit des Textes bzw. der Form, die Ausdruck des ganzen – ja – Körpers ist, über das simple Gefühl: Ja, so ist es richtig, schön, wahr, geil

In der Sprache weiß ich viel mehr

 

8. DER AUFTRAG

Anruf Intendant
Hallo, lieber Wolfgang Höll, unsere nächste Spielzeit
ihr Stück Die finstere Lächerlichkeit
das hatte uns, aber jetzt
Wir hatten daran gedacht, es gibt da einen jungen Regisseur
der arbeitet zum Thema

in unserer Stadt

Flüchtlinge

Text müsste bis November
aber kein Stress, es ginge auch bis Mitte Oktober

Wir verstehen wenn Sie
aber kommen Sie doch einfach mal vorbei
wir zeigen Ihnen gerne
DIE BOX

in der Sie dann –

Freundlich antworten, verabschieden, auflegen
kurz Ruhe
draußen vor dem Fenster den Flieder sehen im Wind

Nein

Schon diese angenommene Selbstverständlichkeit, man schreibe jetzt nochmal ein Stück als sogenannter Dramatiker: leider falsch
Ein Stück zu schreiben ist eine grundsätzliche Entscheidung, die Welt noch mal auf eine bestimmte Weise abzubilden, ja: sie überhaupt auf diese Weise ZU SEHEN, die ja extrem heikel ist, mir immer wieder praktisch erneut unmöglich vorkommt

So viel spricht dagegen, mit dieser Form, dem Theaterstück, nochmal das, was mich umgibt, wahrheitsgemäß wiedergeben zu können
Vieles spricht auch dafür, aber reicht das diesmal, wenn ich damit umgehe

Ich bin eben nicht DRAMATIKER, wie kann es das geben, ich verstehe das gar nicht, wie kann man das behaupten, in einer offensichtlich doch zumindest nicht mehr eindeutig dramatisch strukturierten Welt, um es mal vorsichtig zu sagen

Da würde ich mir ja schon eine bestimmte Weltannahme als Identitätsmäntelchen anziehen, aber ich möchte diesbezüglich doch immer möglichst nackt in alles hinausspringen, immer von Neuem

In diesem Sinn ist für mich ja nicht mal die Sprache gesetzt

Ich kann zwar verstehen, aber verstehe es eben nicht, dass man als Bisher-Theaterstücke-Schreibende ja aus lebenserhaltenden Gründen vielleicht nicht frei entscheiden kann

Aber diese Unfreiheit, die ja dann ganz real ist, klar

diese Unfreiheit resultiert ja doch aus der Annahme, das Schreiben solle einem auf diese Weise das Leben erhalten, und diese Koppelung nimmt ja jeder für sich selbst vor, die ist eben KEIN ÄUSSERER ZWANG, sondern selbst hergestellt

Für mich immer ganz wichtig: Das Schreiben nicht auf diese Weise als Beruf sehen

Wenn es für den Text, der geschrieben werden muss, kein Geld gibt, weil er nicht mehr in einer für was auch immer brauchbaren Form vorliegt, DANN IST DAS HALT SO

Oder wenn mal gar kein Text angesagt ist, mal besser geschwiegen wird, weil da vielleicht grad nichts ist

Dann
sind vielleicht in einer Anwaltskanzlei Excel-Tabellen zu erstellen
ist dem Nachbar für ein Schwarzgeld der Baum zu stutzen
sind hinterm Rewe um die Ecke Paletten von einem Lastwagen zu packen

Aber: nicht mehr als nötig

Und ja, da wehrt sich in mir alles dagegen, das ist mir ein Graus, ich bin der arbeitsscheuste Mensch, den ich kenne

Und trotzdem: Insgesamt: Nicht schön, klar, aber leider halt doch richtig

Ganz grundsätzlich, nochmal:

Ich kann keinen Auftrag schreiben. Das geht doch nicht. Ich kann doch nicht als Schreibender IM AUFTRAG von jemandem unterwegs sein. Das ist ganz falsch falsch falsch, das ist schon völlig falsch begonnen, das würde bei mir sofort in die Sprache fahren, dieses Verhältnis. Alles, was es geben kann, ist: der eigene Auftrag

Der Text beginnt nicht mit einem Anruf, einem Gesuch

Er beginnt mit Einsamkeit

Ruhe,
Hören,
Sehen,
Denken (wenig),
dann:
Sprache,

los

 

9. ASOZIAL SEIN MIT DEN ANDEREN

Theaterstück: Ein literarischer Text, der die Bühne meint. Er findet aber nicht erst auf der Bühne statt, sondern schon als Literatur – das ist wichtig. Als Text, Buchstaben auf Papier usw.

Aber es ist eben Teil seines speziellen Literaturseins, Teil dieser Form, dass er sich nach der Bühne sehnt, dass er in seiner abstrakten Buchstabenhaftigkeit also einen realen Ort meint

Zweiheit des Theatertextes

Kürzlich rief mich ein Regisseur an, sagte:
Wir sollten endlich was zusammen machen

Und als Schreibender habe ich da sofort eine Sehnsucht danach, ich sitze ja immer nur alleine am Tisch und rede schriftmäßig mit mir selbst, ASOZIALITÄT des Schreibens

Aber das Schreiben wird eben nicht zusammen gemacht, sondern einsam, FÜR SICH, und damit aber natürlich auch sofort im partiellen Widerspruch zum Rest, und also auf irgendeine Art auch immer: dagegen

Und so sagt auch der Text: Ich bin Literatur, Sprache, und nicht schon eure Aufführung

Er kommt ins Theater und bollert möglichst überall dagegen, macht für alle in seinem geradezu Liam-Gallagher- oder Miley-Cyrus-haften Auftreten nochmal die ganze Umgebung sichtbar

Und jetzt also die Frage, wie damit umzugehen ist, mit so einem, und da eben beginnt erst das Gespräch in der Gemeinschaft des Theaters

Und das heißt dann: neu denken: wie machen wir das jetzt, um was geht‘s eigentlich, was machen wir hier gerade eigentlich, was sind wir nur für ein Haufen geworden, was für ein Haufen wollen wir sein, in was für einem Zeug sitzen wir hier gerade drin

Und nur das führt ja aus dem schon Gekannten und Gewussten heraus, dazu, dass auf der Bühne überhaupt etwas GEMEINT werden kann, von Neuem

Das ist für mich die Sozialfunktion des Asozialen

Und so ja dann auch die Position des Theaters wiederum zur Gesellschaft insgesamt:
Störung, Verschwendung, eben nicht im Sinn der Gesellschaft: sondern gegen die Gesellschaft, gegen die Ruhe der Institution, reinrumpelnd, sich aufführend als Zumutung, und damit: wichtigster Bestandteil der Gesellschaft, für das Gespräch

Das ist doch so schön am Theater, dass diese Dinge da so wunderbar schachtelmäßig passen, ja, dass diese Dinge (so wie es erstmal aussieht) da wirklich schon im Auffinden in Ordnung sind und toll, darüber freue ich mich so oft

(Auch wenn das oft vielleicht nicht genutzt wird)

Das heißt aber eben auch: Die Aufführung ist nicht die Aufführung meines Stücks, sondern ich bin da als Schreibender asozial mit dran beteiligt, aber es ist die Aufführung des Gesprächs aller

Da kann ich aber jetzt nicht sagen: Das habe ich so aber nicht gesagt, jetzt bitte mal alle die Dinge so sagen, wie ich das sehe
Das ist kein Gespräch, das ist Bullshit
Im Gespräch reden halt alle mit, die reden da auch Zeug, das ich ganz anders sehe, darum geht‘s ja

Wenn die Schauspielerin sagt: Text, was du da sagst und wie, also ehrlich, ich habe mir das sehr genau angehört, aber ich finde das ganz große Kacke, und ich sage hier jetzt lieber, wie ich das denke

Dann hat sie recht, darum soll es doch gehen, sie muss es ja so sagen, wie sie das findet, sonst meint sie's ja nicht

Da fürchte ich mich aber nicht vor

Da ist ja der Text, Form, der meldet sich dann, wenn ich den mit einer gewissen Unbedingtheit geschrieben habe, zurück, UND WIDERSPRICHT

Das Gespräch läuft

Literatur, Widerständigkeit des Textes, Unbedingtheit

Neulich dachte ich schon auch wieder, dass diese Unbedingtheit, mit der ich glaube, dann am Schreibtisch alles betreiben zu müssen, diese Wahnerhitzung und Verausgabung, die ja in Anbetracht der eigenen Person am Ende trotzdem NIEDLICH bleibt, dass das natürlich vielleicht auch der totale Unfug ist, warum muss das so sein, aber im Moment finde ich noch: Nein, das geht nicht anders; vermutlich, weil ich denke, dass das ja gerade zum Widerspruch herausfordert, das Unbedingte, und also zum Gespräch, tatsächlich

Der Text geht dann ins Theater, ich muss da nicht hin, wenn ich ihm alles mitgegeben habe als Form

Ich komme vielleicht zur Leseprobe, wenn unbedingt gewollt (sonst auf gar keinen Fall), meine Anwesenheit dort kann aber nur sagen: Hier kommt der Text her, aus diesem Körper mit Ohren und Nase und Haaren, er hat einen realen Ursprungsort, bedenkt dies

Und ich komme zur Premiere, das: ja, denn ich soll mir anhören, was die Anderen nun antworten, so ist das ja mit Gesprächen

Und ich stehe auch danach noch kurz mit rum in Gemeinschaft, das finde ich auch mal schön

Und dann gehe ich wieder heim, Anschrift: Hütte der Literatur, schöne Grüße von da, euer Höll

 

10. DIE TOTEN KOMMEN WIRKLICH

Rudolph Moshammer betritt die Bühne, Kleist betritt die Bühne, Roger Willemsen mit seiner Brille betritt die Bühne, der Dodo betritt die Bühne, Михаил Александрович Бакунин betritt die Bühne, Hannelore Kohl betritt die Bühne, Jan-Carl Raspe und Hanns Martin Schleyer betreten die Bühne, Christa Wolf kommt jetzt auf die Bühne, Julian Amankwaa betritt die Bühne, Marie betritt die Bühne, der 1961 zum Weltraum-Flug gezwungene Schimpanse Ham betritt die Bühne, noch jemand betritt die Bühne (ich kenne ihn oder sie nicht, wer war das, wer ist das), Tofdau betritt die Bühne, Miriam Pielhau kommt jetzt auch hervor, tritt da ins Licht, die vom Hai gefressene Seegurke betritt die Bühne, Elfriede (meine als Kind selbsterwählte Großmutter mit den 21 Katzen) betritt die Bühne

Da sind sie also jetzt wieder
und sprechen

Gerade
und obwohl
das nicht geht:

TROTZDEM

Das ist da JETZT zu sehen

Die sind jetzt alle da und fehlen tatsächlich

Gerade die, die aus der Vergangenheit sichtbar die Gegenwart betreten, meinen die Zukunft

In der Aufführung heißt das zunächst: Die Vergangenheit der Schrift: nun Aufführung, Gegenwart, Auferstehung aus der Totheit der Buchstaben

Das ist das unfassbar Schöne für mich am Theater

Dass die vermeintliche Zukunftslosigkeit des zu Ende-Geschriebenen übergangen wird, das Abgeschlossene wird ignoriert, geöffnet jetzt

Und ja: immer auch anzerstört

Genau das ist ja wichtig

Wo der Text vermeintlich fertig war, präzise und eben auch gesäubert, bricht jetzt die Realität der Aufführung durch:

Die Realität des Sozialen: die Anderen mit ihren Gedanken und Gefühlen, die immer auch widersprechen, nie ganz mit dem Text identisch sind

Und eben auch die übrige Wirklichkeit, ganz direkt: Da hustet jetzt jemand in der dritten Reihe an der falschen Stelle, und damit genau richtig: jetzt geht‘s zu Bruch, jetzt kann sich die Kunst eben nicht auftürmen, sondern wird zerfetzt

Ganz schrecklich, ganz schön

Und im nächsten Moment spricht die Schauspielerin den längst geschriebenen Satz nochmal anders, aus einer momentan anderen Laune heraus, irgendwas war noch in der Garderobe geschehen, auf dem Weg ins Theater, und plötzlich kommt da etwas hinzu, das Andere, und verbindet sich mit dem Text, der jetzt auf der Bühne nochmal neu entsteht, lebendig, leuchtend

Auf diese Art handelt das Theater für mich auf beste Weise vom Leben, ist es für mich viel lebensfreundlicher, offener, wahrer, als es ein von mir geschriebenes, aus- und totgearbeitetes Gedicht für sich allein je sein könnte

Gerade weil sich das von der Kunst einerseits immer ersehnte Absolute ganz offiziell dort auf der Bühne nicht einstellen kann, weil die Bühne ja von der Wirklichkeit handelt

Die ich mir anders ersehne, unbedingt, aber mit der ich trotzdem geduldig sein soll

Beides zugleich

In diesem Sinn geht es für mich beim Fürs-Theater-Schreiben auch darum, Text zu schreiben, der nicht, auch nicht scheinbar, zur Genüge aufgeführt werden kann in der Gegenwart des Theaters

Der es verlangt, dass auf der Bühne noch ein Fehlen sichtbar wird, dass dort also nicht eine Erfüllung, sondern ja: eine Sehnsucht aufgeführt wird

Die Wirklichkeit als das erscheint, was sie ist: Ganz unfertig noch

Als ein Skandal, der aber in Hinblick auf das vielleicht daraus Hervorkommende zu schimmern beginnt, das letzte Wort ist ja immer noch nicht gesprochen

Dass also die Toten auf die Bühne kommen, tatsächlich, obwohl das nicht geht, NOCH NICHT

Dass ein solches Entstehen von Möglichkeiten in der Realität dort sichtbar wird –

Jetzt hier also zum Ende ziemlich abstrakt gesprochen, allgemein
aber das ist eben auch schon da, wenn der Computer aufgeklappt wird, die Datei geöffnet

Oder wenn ich so herumlaufend ans Theater denke

Als wirres Wollen
wenn Schrift gewollt wird

In meinem Fall von mir
da wo ich dann halt gerade so bin

Meistens am Schreibtisch, aber auch in der Küche, im Kinderzimmer, auf der Straße, in der Tiefgarage, im Cineplexx, zwischen den Bäumen am Trafohäuschen, unterm Himmel, unter meiner Mütze

 

Wolfram Lotz, geboren 1981, aufgewachsen in Bad Rippoldsau im Schwarzwald. 2011 wurde er in Kritikerumfrage der Fachzeitschrift "Theater heute" zum Nachwuchsdramatiker des Jahres gewählt, 2015 zum Dramatiker des Jahres. Zuletzt ist das Buch "Drei Stücke" bei S.Fischer erschienen.


Die Poetikvorlesung wurde am 25. Oktober 2017 auf einer Veranstaltung der Theaterakademie Hamburg / Hochschule für Musik und Theater Hamburg in Kooperation mit dem Hamburger Theaterfestival gehalten.

 

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