Mittwoch: Wendepunkt

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 27. Oktober 2017. Es war wie Silvester. Auf der Website zählte es schon tagelang runter. Drei, zwei, eins: "F*ck! Verpennt. Das fängt ja gut an." Mit diesem Facebook-Post startete am 19. Oktober um 12:02 die erste Staffel der "Seestadt-Saga". Hektisches aufrufen der Social-Media-Profile. Bin ich mit allen Figuren befreundet? Was ist los? Passiert da was? Wo passiert denn nun was? Vier Minuten später ging es mit einem Post auf Instagram weiter. Teenager Kathi will nicht umziehen und fotografiert: "Leben du nervst!" Die Erziehungsberechtigten (Vera von Gunten und Sebastian Schindegger sind in Fiktion und Realität Schauspielende angestellt am Schauspielhaus) haben anders entschieden. Der Umzug in die Seestadt Aspern im Nordosten von Wien, einem der größten Stadtentwicklungsprojekte Europas, steht für den nächsten Tag fix.

Speed Dating, Pakete, Muskelspiele

Das Schauspielhaus Wien übertrifft sich mit der "Seestadt-Saga" in Sachen Ausdauer selbst. Cellar Door, eine immersive Installation von Thomas Bo Nilsson, lief im Frühling 2016 durchgehende 504 Stunden lang. Die "erste begehbare Social-Media-Serie" packt nochmal 100 drauf, läuft bis 12. November 18 Uhr, also 25 Tage, also 606 Stunden lang. Verfolgen lässt sich das Geschehen über Social Media oder über die Website, auf der ohne Account auf die gesammelten Posts zugegriffen werden kann. Bei Bedarf ("Wir siedeln morgen in die Seestadt. Speed dating – Pakete – Muskelspiele. Danach gibt’s Bier. (...). Bist Du interessiert dann melde Dich.") oder beispielsweise bei Neugründung einer politischen Vereinigung ("Die LISTE SEESTADT setzt auf BürgerInnen-Partizipation, die nicht nur gepredigt, sondern gelebt wird.") besteht die Möglichkeit der analogen Kontaktaufnahme. Primäres Erzählwerkzeug sind aber die Social-Media-Posts.

SeestadtSaga 560a Social-Media-Posts als Erzählwerkzeug © Screenshot

Die Storyline wurde angelegt von Schauspielhaus-Intendant Tomas Schweigen, dem Wiener Wortstätten-Mitgründer Bernhard Studlar und dem für Theater und Fernsehen schreibenden Autor Lorenz Langenegger. Insgesamt arbeiten etwa 40 Personen am Projekt, wobei elf davon im Writers Room täglich zwischen 10 Uhr und 12 Uhr den jeweils nächsten Tag vorausplanen. Das Back-End der "Seestadt-Saga" ist im Büro von Schweigen zuhause. Da hängt, von der Decke bis zum Boden, ein detaillierter Zeitplan an der Wand. Wer postet was wann? Wer kann wann was wissen? Fährt zu dieser Uhrzeit überhaupt schon eine U-Bahn? "Es ist nicht realistisch." Es wird an den realen Begebenheiten überprüft (Kathis Schulweg dauert nach dem Umzug 90 Minuten: "#seestadtaspern #allesnichtwahr"). Acht Hauptfiguren und mehrere Nebenfiguren (die leibliche Mutter von Kathi tritt ausschließlich online in Erscheinung) müssen koordiniert werden. Das komplexe Unterfangen der Planung von Scripted-Reality in Echt-Zeit mit kohärenten Live-Events geschieht im Kollektiv. Die Beziehungen zwischen Figur und Writer variieren. Teils wurden die Figuren so nah an den Spielenden gebaut, dass diese großteils autonom handeln können. Teils setzen die Schreibenden die Posts selber ab. Alle haben Zugriff auf ein gemeinsames Online-Planungsdokument.

Niemand soll vorgeführt werden

Während Wolfram Lotz mit der Hamburger Poetikvorlesung grade eben für die "Einsamkeit des Schreibens" und den "SOUND" von Sprache argumentierte und Ulf Schmidt am anderen Ende der Debatte in seinen Texten immer wieder das "Ende der Erzählung vom Ende der großen Erzählungen" ankündigt bzw. den Writers Room als Maßnahme für ein Theater der Zukunft propagiert, wagt sich die "Seestadt-Saga" auch formal weit hinaus. Und verlegt "Theater", dieses Liveness- und leibliche-Kopräsenz-Ding in den virtuellen Raum. Nach und nach trudeln die Posts ein. Wer die Story verfolgen will, muss Geduld haben. Muss aufmerksam klicken. Muss nicht zwangsläufig interagieren. Die Serie lässt sich "schauen". Das hat wenig mit der Verlängerung von "Cellar Door" in Online-Chat und Live-Video-Übertragung zu tun. Das hat noch viel weniger mit "Pistole, Psychiatrie, Prostitution", einem gemeinsam geplanten, einsam geschriebenen Theatertext, zu tun, welcher im Rahmen des kürzlich ausgelaufenen Writers Room-Projektes der Wiener Wortstätten entstanden ist. Das ist etwas Genuines.

SeestadtSaga 560 Marko Herz als Sebastian-Kurz-Double in Live-Aktion © Seestadt-Saga

Jeden Sonntag veröffentlicht das Schauspielhaus eine Video-Zusammenfassung der vergangenen Ereignisse. Damit steht fest: Obwohl über Social-Media-Posts erzählt, ist die Erzählung größer als 140 Zeichen Twitter. Was vorher Post, und also bloße sprachliche Behauptung war ("Witz des Tages: Schindl hat den Schlüssel vergessen. Keiner lacht, Vera weint.") wird quasi-dokumentarisch gezeigt und also mit Bildebene belegt. Was vorher Produkt, nämlich fertiges Seestadt-Doku-Video-Projekt der Figur "Filmstudentin Nora Kinski" war, wird im Produktionsprozess gezeigt und also beglaubigt.

"Verschwinden in der Seestadt Menschen?!"

Ähnliches passiert bei der Gründungsfeier der "Liste Seestadt". Marko Herz, ein Sebastian-Kurz-Double, zeigt sich besorgt über die Zukunft der Seestadt. Als bloßer, aber riesengroßer Teil des 22. Wiener Gemeindebezirks fehle den Bewohnenden die adäquate politische Repräsentation. Außerdem: Wenn aus den derzeit 6.000 Bewohnenden mal die geplanten 20.000 geworden sind, kann der saubere See dann noch sauber sein? Ihm hören zu: andere Figuren der "Seestadt-Saga", interessiertes Theater-Publikum und einige potentiell wirklich interessierte Bewohnende der Seestadt. Jemand aus der Lokal-Politik war auf die Gründungsfeier aufmerksam geworden. Das Schauspielhaus informierte vorab über die Zusammenhänge. Niemand solle vorgeführt werden. Wer genau schaut, findet überall Hinweise auf den Theater-Kontext. Sei es über den "Learn More"-Button, sei es über Nebenfiguren, die sich bereitwillig verplappern und die geglückte Hilfe beim Umzug als Fake outen.

SeestadtSaga 560c Verschwinden in der Seestadt Menschen? © Seestadt-Saga

In bester Storytelling-Manier wurde nach ausgiebiger Vorstellung der einzelnen Figuren und ihrer Beziehungen untereinander am Mittwoch ein Turning-Point platziert: "Verschwinden in der Seestadt Menschen?!" Nach einer Woche Laufzeit realisiert sich die Ankündigung im Untertitel: "ein Reality-Thriller". Außerdem war die "Liste Seestadt" am Nationalfeiertag mit einem Info-Stand am Hannah-Arendt-Platz vertreten, joggt Jonas Jelinek alle paar Tage um den See, verbringt die Wohlfühl-Alkoholikerin Greta Tauber weiterhin sonnige Tage in der Toskana und hat der Versicherungsmakler Timur Yilmaz endlich ein Büro gefunden und seine Telefonnummer veröffentlicht. Ich habe angerufen. Er hat sich zuvorkommend gemeldet.

 

Seestadt-Saga
Künstlerische Leitung: Tomas Schweigen, Regie, Tomas Schweigen, Klara Rabl, Ivna Zic, Storylining und Scripting: Tomas Schweigen, Bernhard Studlar, Lorenz Langenegger, Produktionsleitung: Klara Rabl, Regieassistenz / Assistenz künstlerische Leitung: Alexander Tilling, Kira Koplin, Philipp Stögmüller, Autor*innen im Writers Room: Bernhard Studlar (Leitung Writers Room), Lorenz Langegger, Tomas Schweigen, Muhammet Ali Bas, Marc Carnal, Miroslava Svolikova, Claudia Tondl, Vera von Gunten, Sebastian Schindegger, Nicola von Leffern, Ivna Zic, Assistenz Writers Room: Carla Gabriel, Video, Patrick Wally (Sonntags-Filme), Nicola von Leffern (Dokumentar-Filmerin Nora and the See), Musik: Jacob Suske (Musikalische Leitung), Set Design: Moritz Marx, Arne Leibnitz, Set Consultants: Stephan Weber, Grafik: Giovanna Bolliger.
Mit: Vera von Gunten, Jesse Inman, Antonia Jung, Jaschka Lämmert, Nicola von Leffern, Sebastian Schindegger, Anton Widauer, Oktay Günes, Arvin Lehner, Doina Weber.
Dauer: 606 Stunden

seestadt-saga.at
www.schauspielhaus.at

 
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