Kindertheater des Grauens

von Falk Schreiber

Hamburg, 29. Oktober 2017. Da haben wir die Brillenträger also. Benny Claessens, Matti Krause, Anne Müller, Tilman Strauß, Julia Wieninger und Frank Willens sitzen an der Rampe, schweigen ironisch ins Publikum, und das Publikum kichert ironisch zurück. Was soll man auch machen außer sich in die Sicherheit der Ironie zu flüchten, obwohl, so besonders sicher ist es da auch nicht. "Wir haben ausgeredet", resümiert Wieninger endlich, "wir sind mit dem Reden zwar noch nicht fertig, aber uns wurde das Wort im Munde abgeschnitten."

Hilflosigkeit der Intellektuellen

In den vorangegangenen zwei Stunden sah man: Wie der dumme, hässliche, reiche, weiße Mann zum König gewählt wurde. Wie das aggressive, triviale Entertainment die Macht übernahm, wie Frosch Kermit mit Baseballschläger und Miss Piggy mit Maschinenpistole über die Bühne tänzelten (Kostüme: Andy Besuch). Wie ein derangiertes Monster im badischen Singsang zur Finanzkrise salbaderte, dass man Schuldner bestrafen müsse, klar, aber vor allem müsse man helfen, "Helfen, des isch des wichtigschde", und dann lachte er schäublehaft, "mir helfed ihnen, die Schulden erstmal zu machen."

Am Koenigsweg 9 560 ArnoDeclair uWhite-Trash-Tostlosigkeit: Idil Baydar, Anne Müller, Benny Claessens, Frank Willens © Arno Declair

Man sah die blinden Seher, wie sie nicht voraussagen konnten, was passieren würde, und man sah eine Stadt in Flammen aufgehen, Rom, Ferguson, Aleppo? Und nachdem all das auf die Menschheit niederging, lärmend, übertrieben, geschmacklos und disparat, nach all dem sitzen die Brillenträger an der Rampe und wissen nicht mehr weiter.

Zwitscher, Zwitscher, Zwatscher

Elfriede Jelineks "Am Königsweg" ist das Stück der Stunde: eine Auseinandersetzung mit dem erstarkenden Rechtspopulismus im allgemeinen und dem demokratischen Desaster eines US-Präsidenten Donald Trump im besonderen, vor allem aber ist es eine gnadenlose Abrechnung mit der Hilflosigkeit der Intellektuellen, die keine Antwort finden auf die explosionsartige Ausbreitung von Dummheit, Geschmacklosigkeit und Gewalt. Die knapp 100 Seiten starke Textfläche wird während der kommenden Monate an mehreren Theatern nachgespielt, die Uraufführung inszeniert Falk Richter am Hamburger Schauspielhaus als bühnentechnischen Overkill – einerseits vollkommen dessen bewusst, dass auch der irrste Grand-Guignol-Einfall den Wahnsinn von Trumps Selbstinszenierung nur bruchstückhaft erfassen kann, andererseits mit Freude daran, dennoch aus allen Rohren zu feuern.

Also: ein Kindertheater des Grauens, mit Teufels-Handpuppe, die winzig wirkt gegen Claessens twitternden König, "Zwitscher, zwitscher, zwatscher!" Eine Ton-Bild-Collage, bei der in Mindfuck-Geschwindigkeit Fake News, Pornobilder und Valerie Solanas' hardcorefeministisches SCUM-Manifest auf den Zuschauer einprügeln. Laute Elektrobeats (Musik: Matthias Grübel), eine Mehrzweckbühne (Katrin Hoffmann), die kurz nacheinander für neobarocken Protz, White-Trash-Trostlosigkeit und ein Schlachtfeld taugt.

Preaching to the converted

Einen stillen Auftritt der 73-jährigen Theaterlegende Ilse Ritter, deren Autorinnenfigur zwar angesichts der ansonsten vorherrschenden Lautstärke ein wenig verschenkt wirkt, andererseits: "Lasst von mir ab, das macht ihr ohnedies, lasst von mir ab, denn ich bin krank und verstehe nichts." Es ist schon sehr klug, hier eine Autorin zu zeigen, die sich im Zustand der Selbstauslöschung befindet, vor einer schon alleine handwerklich beeindruckenden Überwältigungsstrategie der Theatermittel. Und wenn man dann noch einrechnet, dass diese Strategie nichts ist gegen den Horror aus Glaube, Gewalt und Geld, der die echte Welt beherrscht, dann ist Ritters Performance gleich nochmal berührender. Allerdings in ihrer Sinnlosigkeit auch traurig.

Am Koenigsweg 14 560 ArnoDeclair uMit Mindfuck-Geschwindigkeit: Idil Baydar, Benny Claessens, Matti Krause, Anne Müller, Ilse Ritter, Tilman Strauß, Julia Wieninger, Frank Willens © Arno Declair

Ein Stück gegen Trump, das ist Preaching to the Converted, dessen sind sich auch Regisseur und Autorin bewusst. Praktisch niemand im Publikum dürfte Trump gut finden, und doch gibt es da draußen eine wachsende Zahl von Menschen, die Trump wählen, die FPÖ oder die AfD, die sogar in der Lage sind, Mehrheiten zu generieren. "Am Königsweg" ist entsprechend weniger ein Stück über Trump als ein Stück über die eigene Machtlosigkeit angesichts einer gespaltenen Gesellschaft. Richter löst diese deprimierende Analyse nicht auf, aber er macht sie deutlich, indem er die Comedienne Idil Baydar als Kunstfigur Jilet Ayşe das Schauspielhaus-Bildungsbürgertum frontal angehen lässt: Öffnet ruhig die Augen, es gibt da draußen eine Unterschicht, und die wird es euch richtig besorgen! Oder: "Was machen eigentlich Menschen mit richtig viel Zeit, die sich wertlos fühlen?" Sie wählen jemanden, der ihnen Wert verspricht: "Make America great again!"

Kaninchen und Schlange

Und dann sitzen da also die Brillenträger und wissen nicht, wie sie mit dieser Gesellschaft umgehen sollen. Bis Matti Krause sich die Brille von der Nase reißt, das Hemd vom Körper und die Perücke von der Glatze, um aggressiv, laut und körperlich klar zu machen, dass man ihm mit Identitätspolitik, Gender Studies und intellektueller Verzärtelung erstmal nicht mehr zu kommen brauche. Bemerkenswert ist aber, dass dieser "junge, weiße Mann" zuvor einer der resignierten Stummen war, die wie das Kaninchen auf die Schlange auf die rechtspopulistische Herausforderung starrten. Seine eigene Position so zu verraten, das muss man sich auch mal trauen, und, ja, das ist tatsächlich überaus stimmig, mit welcher Konsequenz sich Richters Regie hier auf diesen so klugen wie schonungslosen Text einlässt.

 

Am Königsweg
von Elfriede Jelinek
Uraufführung
Regie: Falk Richter, Bühne: Katrin Hoffmann, Kostüme: Andy Besuch, Komposition und Musik: Matthias Grübel, Video: Michel Auder, Meika Dresenkamp, Licht: Carsten Sander, Dramaturgie: Rita Thiele, Ton: André Bouchekir, Hans-Peter "Shorty" Gerriets, Lukas Koopmann, Videotechnik: Alexander Grasseck, Antje Haubenreisser.
Mit: Idil Baydar, Benny Claessens, Matti Krause, Anne Müller, Ilse Ritter, Tilman Strauß, Julia Wieninger, Frank Willens.
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

"Ganz großes Weltkasperltheater", sah Christine Dössel von der Süddeutschen Zeitung (1.11.2017). "Und dann geht man raus und ist auch nicht klüger als zuvor. Oder irgendwie erlöst. Nicht einmal erbost." 'Am Königsweg' sei sicherlich nicht Jelineks stärkster Text. Zudem bleibe in Hamburg die Musikalität des Textes und sein traurig-nervig-schöner Sprechopernrhythmus auf der Strecke. Richters "Radikal-Spaßinszenierung" zerfalle in einzelne Nummern, es fehle der Guss, der Jelinek-Fluss. "Es ist ein Zuviel an Stilen und Mitteln." Nach der Pause gewinne der übertourige Abend aber an Dichte und Kraft.

"Falk Richter hat für die Inszenierung zwei Methoden gewählt", so Michael Laages im Deutschlandfunk (29.10.2017). "Der erste Teil, knapp zwei Stunden, gibt sich als theatrales Ballerspiel wie im Internet, das Ensemble rast hin und her, exaltiert sich über die Maßen." Bis zum Abwinken fahre Richter Trash auf. "Ganz anders, und zum Staunen, gerät dann die letzte Stunde." Spürbar vergehe Jelinek gerade das oft so nervige Gewitzel. Dann nehme sich noch einmal Ilse Ritter des Textes an – "und veredelt Richters spektakulären Kraftakt endgültig zum Ereignis".

"Es geht um alles, um die pure Angst und den Ausverkauf von Lösungen. Selten hat man bei Elfriede Jelinek die Grenzen so gespürt: die ihrer Kunst und die der Sprache überhaupt angesichts einer Wirklichkeit, die eigentlich jeglicher Beschreibung und Darstellbarkeit spottet", schreibt Bernd Noack in der Neuen Zürcher Zeitung (29.10.2017). Richters Inszenierung sei "eine grossartige Bühnen-Geisterbahnfahrt zwischen Schmerz- und Scherzabgründen. Laut, schrill, unausweichlich".

Katja Weise vom NDR (29.10.2017) lobt Tempo und Fantasie des Abends, sowie das "fantastisch" aufspielenden Ensemble. Falk Richter serviere beides reichlich: "Jux und Widerhaken, die sich festsetzen". Der Abend wirke wie ein Blick durch ein Kaleidoskop. "Die bunten Splitter, davon etliche ziemlich scharfkantig, ergeben jedoch kein hübsches Muster, sondern spiegeln eine Welt, die vielen eine Fratze zeigt."

Das alles docke mühelos an herausragende Jelinek–Exegeten wie Jossi Wieler und Nicolas Stemann an, findet Frauke Hartmann in der Frankfurter Rundschau (1.11.2017). "Es ist ein hochamüsanter Kniefall vor dieser brillanten Analyse von Schuld, Verantwortung und Hybris aller." Richter tappe nicht in die Falle des gemütlichen Trump-Bashings unter Gleichgesinnten. Stattdessen spanne er den Bogen weiter zu Idil Bayars Figur Jilet, "die dem Publikum von der Loge herab mit Freud und Google erklärt, warum Fremdenhass nur eine Projektion der eigenen Gewaltbereitschaft ist, warum sie selbst immer die ganze Türkei mit sich rumschleppe und daher kein Individuum sein könne".

"Das schlechte alte Poptheater gibt Gas wie bekloppt", befindet Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (1.11.2017), "verliert jedoch bald die Orientierung und kracht halt- wie hirnlos gegen die undurchdringlich düstere Denkwand dieses Dramas." Nur "die große Ilse Ritter" sei an diesem Regiehöllenfahrtskommando nicht beteiligt.

Ein unterhaltsames Spektakel sah Stefan Grund von der Welt (3.11.2017). Lob gibt’s für die Schauspieler*innen. Ilse Ritter: "fabelhaft", Benny Claessens: "eine Naturgewalt". Der Erkenntnisgewinn von 'Am Königsweg' sei aber dürftig, wenn auch Falk Richter eine eindringliche Warnung vor einer Welt voller Gewalt gelinge. Grund schließt: "Donald Trump und Elfriede Jelinek in ihrem Zorn sind beide weiterhin kritisch zu sehen."

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Kommentare

Kommentare  
#1 Am Königsweg, Hamburg: zu viel UnverbundenesKonrad Kögler 2017-10-29 09:20
In der zweiten Stunde bis zur Pause wird der Abend langsam stärker und hat einige schöne Theatermomente zu bieten: Anne Müller trifft das Wut-Staccato von Jelinek am besten. Ilse Ritter spricht die nachdenklichen Passagen über die Ohnmachtsgefühle angesichts des Rechtspopulismus und über das Altern sehr würdevoll. Vor allem musikalisch ist einiges geboten: Benny Claesens schmettert „One of us“ von Joan Osbourne und „Holding out for a hero“ von Bonnie Tyler, Julia Wieninger legt später „Fade into you“ von Mazzy Star nach. Tilman Strauß und Matti Krause rappen über „Mehr Geld Mehr Gold Mehr Golf“, den Song hat Matthias Grübel zu Richters Text komponiert. Alle gemeinsam treffen sich vor einem Wohnwagen und singen zur Klampfe den Lagerfeuer-Hit „Country Roads“.

Falk Richters Uraufführung von „Am Königsweg“ setzt außerdem sehr auf Komik: Idil Baydar darf mit Ausschnitten aus ihrem „Ghettolektuell“-Programm glänzen. Als Kunstfigur Ayse steht sie regelmäßig in der Berliner Bar jeder Vernunft auf der Kleinkunst-Bühne und kommentiert die Integrationsdebatte mit sarkastischen Giftpfeilen. Benny Claesens legt als ewig beleidigtes Riesenbaby mit Königskrone einen Auftritt hin, der zwar kaum noch als ernsthafte Auseinandersetzung mit Trump durchgehen kann, aber das Publikum als typische Benny Claesens-Nummer unterhält. Irgendwann kommt das Ensemble in den Kostümen bekannter Figuren aus der Muppet Show von Kermit bis zu den ewig grantlenden Waldorf und Statler, wie es sich Jelinek auf der ersten ihrer mehr als 90 Manuskriptseiten ausdrücklich gewünscht hat.

Das Problem des Abends ist, dass hier viel zu viel unverbunden nebeneinander steht. Das Schauspielhaus Hamburg hat einen lustigen, oft auch anregenden Premierenabend zu bieten, der seinen Abwechslungsreichtum aus verschiedenen Quellen speist. Dem Jelinek-Text wurde diese Uraufführung jedoch nicht ganz gerecht. Dort wäre wesentlich mehr herauszuholen gewesen.

Komplette Kritik: daskulturblog.com/2017/10/28/am-koenigsweg-falk-richters-ausufernde-urauffuehrung-wird-jelineks-trump-text-nur-zum-teil-gerecht/
#2 Am Königsweg, Hamburg: beängstigend gültigKarin Lieneweg 2017-10-29 14:32
Mich beschäftigt der Abend im nachherein sehr! Allein die Aussage der "alten Seherin"zu gehen, da sie nicht mehr gefragt ist (wunderbar interpretiert von Ilse Ritter) diese Aussage ist beängstigend da gültig.Mit ungeheuer schönem, berührendem Text. Daneben dann die Scenen der Gewalt,der Dummheit, der Selbstgefälligkeit clownesk, böse, gewaltätig. Die grauenvollen immer wiederkehrenden riesigen Videos und die grinsende einfältige Stille der sitzenden Akteure.....nicht weiterwissend aber weitermachend - diese gesammte Ausssage des Abends ist unsere Zeit/unsere Welt.
#3 Am Königsweg, Hamburg: ödipal?Inga 2017-10-31 12:55
Verständnisfragen:
Warum wird ein politisches Phänomen wie Trump hier von einem Zuschauer mit einem Kind verglichen (siehe die Kritik von Katja Weise)? Greift das nicht zu kurz bzw. voll daneben? Wird das politische Phänomen Trump nicht über genau diese Denkbewegung (auch Falk Richters?) verniedlicht bzw. versimpelt? Wo bleibt die genaue politische Analyse?

2) Warum wird hier negativ konnotiert von "Immanuela Kant" gesprochen? Bei Kant geht es um das Handeln ("Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde."). Und hier taucht natürlich sofort die Frage auf, welcher Motivation dieses Handeln folgt. "Zehn kleine Negerlein", tatsächlich nicht schön, dieses Lied. Aber es ist eben erstmal "nur" ein Lied und damit möglicherweise auch ein "Scheinproblem" (von Intellektuellen). Ich könnte ebenso gut das Lied "Zehn kleine Zappelmänner" feministisch kritisieren und stattdessen von "Zappelfingern" singen. Würde das etwas ändern? Kant beschäftigte sich mit der Fähigkeit des Menschen zum (ethischen) Handeln. Fehler machen alle. Auch und vor allem im Affekt. Auch das ist der Mensch. Nur, wer anderen bewusst schaden will und das auch im Nachhinein bzw. vor dem eigenen Gewissen bzw. nach der Reflexion als richtig empfindet, handelt unethisch. Die Unterschicht also, die es mir richtig besorgen wird? Oh je. Ist Trump Unterschicht? Gibt es hier auch jemanden, der keine in die Extreme getriebene Sexualität vorgeführt bekommen will? Und was machen Menschen mit richtig viel Zeit, die sich wertlos fühlen? Trump wählen? Ah ja.

3) Was hat das politische Phänomen Trump mit dem antiken Phänomen von Ödipus zu tun? Ödipus, der seinen Vater töten und mit seiner Mutter schlafen wird? Und dem das erst hinterher bewusst wird? Anders gefragt: Warum haben Frauen im antiken und im Trump-Weltbild eigentlich keine symbolische Macht? Da möchte man doch glatt zur alles verschlingenden Sphinx werden!
#4 Am Königsweg, Hamburg: Text gewinntElfi&Elphi 2017-11-02 17:03
Ein hervorragendes Beispiel, dass - und man musste ja ewig drauf warten an dem Abend - Text durchaus gewinnt, wenn es mal um den Text geht, und auch im Detail um seinen Inhalt, und dass daraus dann plötzlich auch Theater mit Sinn entsteht. Das Theater ohne Sinn davor würde man sich gerne sparen, das hatten wir ja anderswo schon genauso leer. Danke, dass Frau Ritter sich mal gegen das Regisseurstheater durchgesetzt hat.
#5 Am Königsweg, Hamburg: schonungslosReiner Schmedemann 2017-11-27 19:22
Am Königsweg (DT Hamburg 26.11.2017)
Elfriede Jelinek und Falk Richter ein gelungenes Pas de deux. Jelineks wortspielende Wortkaskaden sind eine Abrechnung mit der Hilflosigkeit der Intellektuellen. Donald Trump, das Desaster demokratischer Wahlen, die die Demokratie nur noch persiflieren. Demokratie als Ausdruck der Machtlosigkeit des Einzelnen in der Masse. Stattdessen aggressives, triviales Polit-Entertainment, das die Macht übernimmt und die Massen lenkt. Dies bebildert Falk Richter überbordend mit dem gesamten Kaleidoskop theatralischer Ausdrucksformen. Die audio-visuelle Überflutung mit typischen Reizen der Unterhaltungs- und Eventindustrie führt bis zur Pause zur Erblindung und Hilflosigkeit gegenüber Fake News und Wahrheit. Ilse Ritter konzentriert das endlose Spiel der Wortkaskaden und Sprache erblindet angesichts der unmenschlichen Wirklichkeit und verstummt. Die einzige Wirklichkeit mit Bestand ist bisher die Vergänglichkeit. Falk Richter schafft eine Obsession der Bilder zur Obsession der Wortsalven Jelineks. Am Königsweg eine hoffnungslose Sicht auf unsere Zeit, eine Warnung vor einer Welt der Gewalt. Am Königsweg eine schonungslose Abrechnung mit uns in unserer Zeit.
#6 Am Königsweg, Hamburg: KlugeleiRolf Kemnitzer 2018-05-14 10:11
Habe mir im Theatertreffen den "Königsweg" angesehen. Was für ein Erlebnis. Diese Könige, die alle den imaginären roten Teppich zum OH! Haus der Berliner Festspiele entlang stelzen. Und dann diese Großkunst. OH Eine Nobelpreisträgerin und OH Das Staatsschauspiel Hamburg und OH es geht gegen das Patriarchat HURRA schau mal, wie frech die sind, die machen sich sogar über die Weißen lustig, über die Kolonialisten, über unsere Brillen, Mensch, das ist so cool, wie die sogar HEIL schreien, die trauen sich was, bestimmt meinen die den Nazi in uns, OH TRUMPKRITIK, das ist ja unheimlich gut gespielt, weil die spielen ja gar nicht, sondern reden einfach alles in ihre Mikros nach vorn, so ist das heute, mit Nobelpreisträgerin, die ist richtig klug und geradezu hoffnungslos, und diese Nobelpreisträgerin, die ist auch selbstkritisch, es ist ja eine Frau, und dann, ich werf mich weg!, kommt diese Aische, diese lustige Kleinkunstfrau, wo haben sie die denn her, vom Fernsehen, und erklärt das alles noch einmal sehr lustig mit unserem Rassismus, der uns bis dahin gar nicht bewusst war! OH Und es ist alles so multimedial, mit alles drin, Stößerchen!
#7 Am Königsweg, Hamburg: BlutgrätscheSascha Krieger 2018-05-14 10:18
Es gibt Gewaltwideos und karikatureske Text-Re-enactments in freier Natur, Puppenspiel, Muppets, KKK-Masken, Waffenballetts, einen rastlos zuckenden Frank Willens und Satire. Idil Baydar kommt mit ihrer Kunstfigur Jilet Ayşe vorbei, die mit ihrer direkten Sprache nicht nur dem kulturbürgerlichen Publikum seine Illusionen und Klischeebilder rund um „Integration“ und Rassismus um die Ohren haut, sondern auch so brachial in Jelineks ins Unendliche mäandernde Wortkaskaden hineingrätscht wie einst Klaus Augenthaler in seine Gegenspieler. Immer wieder ist auch Claessens ein solcher Störfaktor, der sich arschbombenhaft in die Textozeane wirft, das Sprachwasser aufspritzen lässt und wiederholt mit einer Wut dessen Tendenz zur Nabelschau konterkariert, dass es eine Lust ist und eine Last.Elfriede Jelineks Text umkreist weniger die karikierte Figur, deren Namen auch hier nicht genannt sein soll (womit dieser Text sich so arrogant kokett gibt wie Jelinek es von dem ihrigen behauptet), als die eigene Hilflosigkeit ob seines Erfolgs, das Unverständnis gegenüber jenen sich unverstanden Glaubenden, die diesen möglich gemacht haben, die Selbstgerechtigkeit der Filterblasenhaftigkeit linksliberaler Denkverweigerung – schön dargestellt in der Überheblichkeit der diskursverweigernden Polstersesselrunde direkt nach der Pause.

Jelineks überbordender Textflut stellt Richter eine ebensolche Bilderwelle gegenüber. So wie die Autorin (jetzt ohne Anführungszeichen) ihre Sprache zumüllt, sich in Assoziationsketten ergeht, die an ihrem Ende ihren Anfang längst vergessen haben, bewirft der Regisseur sein Publikum mit einem Rausch an Zeichenhaftigkeit, dass die Symbole sich gegenseitig auffressen, verdauen und wieder ausscheiden. Das Stück wühlt in den Exkrementen einer sich viel zu lange viel zu sicheren Gesellschaft, die so lange überzeugt war, auf der richtigen Seite zu stehen, bis sie die Augen öffnete und feststellte, dass die „Seiten“ längst woanders hingewandert waren. Die Inszenierung stellt sie auf, bewirft die Zuschauer*innen mit ihnen, lässt sie sich in selbigen spiegeln. Es ist ein ausufernder, eklektischer Abend, an dem nicht zusammenpasst, der viel zu lang ist, viel zu selbstverliebt, viel zu virtuos auf Schauspielersoli setzt (auch Tilman Strauß als gelangweilter Vernunftfeierer sei erwähnt). Und der genau darin den Text auf den Punkt trifft und den Zuschauer in die Fresse. Der unsere Zeit und ihre Vernunft- und Logikverweigerung trifft in einem wütenden Bilderrausch in die Tonne gekloppter Gewissheiten. Kein Spiegel, in den man gern schaut. Aber wegschauen – da ist schon Benny Claessens vor – ist nicht.

Komplette Rezension: stagescreen.wordpress.com/2018/05/14/wegschauen-ist-nicht/
#8 Am Königsweg, Hamburg: Link zum Videokarger 2020-04-23 20:03
wo kann ich denn den stream abrufen ?
auf der seite des schauspielhaus stream geht es nicht
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Im Bildschirm einfach auf Play drücken. www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=18005:nachtkritikstream-am-koenigsweg-von-elfriede-jelinek&catid=1517&Itemid=100416
Mit freundlichen Grüßen
Christian Rakow / Redaktion
#9 nk-Stream, Am Königsweg: kein Linklaibel 2020-04-23 20:36
leider kein link zum stück jetzt? danke

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(Viele Grüße, Die Redaktion)
#10 nk-Stream, Am Königsweg: Buttonweber: wo ist play 2020-04-23 20:39
Wo ist der play Button für "Königsweg". Wir finden ihn nicht.

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(Viele Grüße, Die Redaktion)
#11 nk-Stream, Am Königsweg: HinweisWolfgang Einenkel 2020-04-23 20:39
Tja, da gibt es gerade nur den Trailer...wo gibt es das ganze Stück!! Danke für Hilfe

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(Viele Grüße, Die Redaktion)
#12 nk-Stream, Am Königsweg: HilfeWestphal 2020-04-23 20:51
Sorry,
ich schaffe es auch nicht, den stream abzurufen.
Schade.
Oder können Sie helfen?

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(Viele Grüße, Die Redaktion)
#13 nk-Stream, Am Königsweg: TrailerJoachim Reinke 2020-04-23 20:52
Der Bildschirm zeigt lediglich einen kurzen Trailer...!

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(Viele Grüße, Die Redaktion)
#14 Am Königsweg, Hamburg: Link zum VideoJoachim Reinke 2020-04-23 20:54
Wo kann ich denn den Stream sehen /starten ? Auf der Seite ist nur ein kurzer Trailer zu sehen...
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Hier bitte: www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=18005:nachtkritikstream-am-koenigsweg-von-elfriede-jelinek&catid=1517&Itemid=100416
#15 Am Königsweg, Hamburg: Wo das Video stehtRosmarin Frauendorfe 2020-04-23 23:35
Im Gegensatz zu allen anderen Theatern, die lobenswerterweise ihre Inszenierungen online stellen, habt Ihr eine Software gewählt, die für normale Menschen nicht zu knacken ist!!! Wo in aller Welt ist der richtige play-button, sprich der,mit dem man das Stück ansehen kann??
Würde gerne den Moliere am 8.5. sehen. wie erfahre ich bis dahin, wie es geht?
lg RF
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Sehr geehrte Frau Frauendorfer, das Video läuft auf unserer Startseite und - mit mehr Informationen versehen - auch auf dieser Seite: www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=18005:nachtkritikstream-am-koenigsweg-von-elfriede-jelinek&catid=1517&Itemid=100416. Die Seite, auf der Sie hier kommentieren, enthält die Nachtkritik zur Uraufführung 2017. In diese Seite ist das Video nicht eingebettet. Auf den anderen Seiten lässt es sich bis morgen 24. April 2020 18 Uhr noch anschauen. Den Moliére am 8.5. können Sie ganz einfach auf der Seite des Deutschen Schauspielhauses Hamburg abrufen.
Mit freundlichen Grüßen
Christian Rakow / Redaktion
#16 Am Königsweg, Hamburg: sehenswertP.W. 2020-04-24 10:56
Inszenierung insgesamt überzeugend und unbedingt sehenswert! Die Schauspieler haben allesamt hervorragend gespielt.Die Regie sehr gelungen, die assoziative Herangehensweise von Jelinek kam sehr gut zur Geltung, und es wurde für mich trotz der Fülle nie ermüdend, sondern auf sehr hohem Niveau kurzweilig. Das meine ich als echtes Kompliment! Konnte so dem genialen Text und seinen Abgründen gut folgen. Kein Wunder, dass das Stück mehrere Preise bekommen hat, um auch für die Kostüme! Die Schauspielerinnen will ich noch erwähnen, die sehr gut den Nerv von Jelineks Text getroffen haben, insbesondere die Überlegungen zum Altern und zum Gefühl, nicht mehr in die gegenwärtige Welt zu passen. Auch der Chat mit Falk Richter & Co. war bereichernd, vielen Dank auch dafür!

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