Jeder kreist um sich allein

von Sascha Westphal

Münster, 4. November 2017. "Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht?" Dreimal erklingt diese Frage und mit ihr auch die anderen Fragen aus Shylocks berühmtem Monolog. Allerdings hält er ihn, wie von Shakespeare vorgesehen, nur ein einziges Mal. Zuvor ist es der Prinz von Marokko, einer der glücklosen Freier der umschwärmten Millionenerbin Portia, der sich Shylocks Worte zu eigen macht und voller Verzweiflung fragt: "Hat nicht ein Muslim Augen?" Im letzten Akt greift schließlich noch Nerissa, Portias Begleiterin, den Monolog auf und stellt ihn noch einmal in einen etwas anderen Kontext. Nun ist es eine Frau, die die Männer daran erinnert, dass alle Menschen sterben, wenn sie vergiftet werden.

Erboste Zwischenrufe

Diese Appropriationen weiten den Blick auf das wohl problematischste aller problematischen Stücke William Shakespeares. Ohne den Schmerz und die Wut Shylocks zu relativieren, deuten sie Verbindungen an, die nur niemand im Stück wahrhaben will. Für Solidarität und Verständnis ist weder in der Welt der Kaufleute von Venedig noch auf Belmont, Portias paradiesischem Landsitz, Platz. Jeder kreist alleine um sich und wird so an den anderen schuldig. Als der Prinz von Marokko, der in Stefan Ottenis Inszenierung von der in Damaskus geborenen Schauspielerin Zainab Alsawah gespielt wird, auf Belmont um Portia wirbt und sich der von deren Vater auferlegten Kästchenprobe stellt, bekommen Portias sarkastische Kommentare schnell einen xenophoben Einschlag. Sie erträgt es nicht, dass Alsawah immer wieder Arabisch spricht.

DieFremden3 560 Oliver Berg uÜberall besorgte Bürger: Sandra Bezler, Carola von Seckendorff, Christoph Rinke, Christian Bo Salle © Oliver Berg

Aber nicht nur die Erbin verliert in dieser Szene die Geduld. Auch aus dem Saal kommen sehr schnell erboste Zwischenrufe. Immer wieder wird Zainab Alsawah aufgefordert, Deutsch zu sprechen. Der einsetzende Tumult ist ebenso von Otteni inszeniert wie die Aktion, die schon vor der Aufführung im Foyer für Irritationen und zumindest bei einigen Zuschauern auch für Verärgerung gesorgt hat. Ein paar "besorgte Bürger von Münster" haben kleine Flugblätter mit der alarmistischen Überschrift "Überall sind die Fremden!" verteilt und so Werbung für eben die fremdenfeindlichen Haltungen gemacht, die dann bei Zainab Alsawahs Auftritt offen zu Tage treten.

Grandioser rhetorischer Kniff

Schon in seiner Münsteraner Inszenierung von Joël Pommerats La Révolution #1 – Wir schaffen das schon hatte Stefan Otteni mit im Saal verteilten Statisten gearbeitet, die das Geschehen auf der Bühne mal lauter, mal leiser kommentiert haben. Damals war diese Methode Teil der Vergegenwärtigung historischer Ereignisse und Prozesse. Diesmal konfrontiert sie das Publikum ganz direkt mit sich und seiner Umwelt. Zum einen leitet Otteni mit den 'Zuschauerprotesten' geschickt über zu "Die Fremden", der von Shakespeare geschriebenen Szene eines um 1600 von mehreren Autoren verfassten Stücks mit dem Titel "Sir Thomas Morus", über. Zum anderen erinnern die aggressiven Ausbrüche an den Eklat in der Kölner Philharmonie. Im Februar 2016 hatte ein aufgebrachtes Publikum den Cembalisten Mahan Esfahani mit "Reden Sie gefälligst Deutsch"-Rufen attackiert, als er seine Einführung zu Steve Reichs "Piano Phase" auf Englisch vortrug.

Gerade dieser doppelte Bezugrahmen verwandelt diese Passage von Ottenis Inszenierung in eine kleine Sensation. Natürlich fügen sich "Die Fremden" perfekt in den überaus widersprüchlichen, von Brüchen gezeichneten "Kaufmann von Venedig" ein. Schließlich erzählt diese Szene von einem sich anbahnenden Aufstand der Londoner Bevölkerung gegen französische Flüchtlinge, die in England Schutz gefunden haben. Sir Thomas Morus erstickt den Aufruhr mit einem grandiosen rhetorischen und dramaturgischen Kniff im Keim.

DieFremden2 560 Oliver Berg uOpfer? Spiegelbilder der Peiniger?  Christian Bo Salle, Zainab Alsawah, Sandra Bezler, Christoph Rinke) © Oliver Berg

In einem Gedankenspiel legt er den Aufrührern nahe, sich vorzustellen, sie selbst müssten nach den Ausschreitungen in ein anderes Land fliehen und würden dort ebenso behandelt, wie sie nun die Fremden behandeln wollen. Die Bezüge zu den im "Kaufmann" verhandelten Themen sind nicht nur offensichtlich. Sie rücken auch noch näher an unsere Gegenwart heran.

Und diesen Effekt verstärkt Otteni noch einmal durch die Verweise auf "besorgte Bürger". Während Carola von Seckendorff Morus' Monolog ganz kühl und sachlich vorträgt, erregt sich direkt hinter mir einer der Statisten halblaut darüber, dass er gerade als "Verbrecher" bezeichnet wurde. Ein anderer verlässt türenschlagend den Saal. Auch wenn diese Reaktionen klar als Inszenierung zu erkennen sind, bleibt doch ein extremes Unbehagen zurück. Schließlich hat der Vorfall in Köln bewiesen, dass so etwas durchaus in den heiligen Hallen der deutschen Kultur geschehen kann. Außerdem ist es längst nicht sicher, dass nur Statisten Zainab Alsawah beschimpft haben.

Berghoch ragt Eure Inhumanität

Das Zwischenspiel mit dem Prinzen von Marokko, das dann in dem Morus-Monolog gipfelt, ist ohne Frage ein Paradebeispiel dafür, wie politisches Theater heute aussehen und funktionieren kann. Aber der Rest der Inszenierung besticht durch eine bemerkenswerte gedankliche Klarheit und emotionale Tiefe. In der Gerichtsszene gelingt es Otteni, Entsetzen und Mitgefühl, Verständnis für Shylock und für Antonio im Gleichgewicht zu halten. Wenn Christoph Rinkes Shylock sein Pfund Fleisch einfordert, ist er kein Monster, sondern nur das Spiegelbild seiner Peiniger.

Morus' Monolog endet mit einem vernichtenden Vorwurf: "So geht's den Fremden, und so berghoch ragt Eure Inhumanität." Auch die Inhumanität der Christen in Venedig ragt berghoch. Also erklimmt Rinke diesen Berg, auf dem er Antonio gleichsam als Bruder begegnet. Der homosexuelle Antonio, dessen Liebe zu Bassanio niemals körperliche Erfüllung finden wird, ist bei Christian Bo Salle eher Shylocks Doppelgänger als sein Gegenspieler. Nicht zufällig verabschiedet er sich am Ende mit den gleichen Worten wie Shylock: "Mir ist nicht wohl." Und dieses Unwohlsein wird bleiben, bis er und alle anderen lernen, im Fremden sich selbst zu sehen.

 

Die Fremden / Der Kaufmann von Venedig
von William Shakespeare, Deutsch von Angelika Gundlach und Frank Günther ("Die Fremden")
Regie: Stefan Otteni, Bühne: Peter Scior, Kostüme: Sonja Albartus, Dramaturgie: Barbara Billy.
Mit: Carola von Seckendorff, Sandra Bezler, Natalja Joselewitsch, Christian Bo Salle, Bálint Tóth, Ilja Harjes, Christoph Rinke, Zainab Alsawah, Garry Fischmann und Statisterie.
Dauer: 2 Stunden 55 Minuten, eine Pause

www.theater-muenster.com

 

Kritikenrundschau

Eine "provokante Dekonstruktion" des Kaufmanns von Venedig hat Anke Schwarze gesehen und schreibt im Westfälischen Anzeiger (6.11.2017): Otteni gebe den verstörenden Elemente der Tragikomödie größeres Gewicht. Die umstrittene Szene mit dem Prinzen wertet Schwarze als "gelungene Irritation". Generell sei die Inszenierung dort gut, wo sie dicht am Original sei und Spannung aus den unterschwelligen Emotionen der Darsteller beziehe. "Dagegen verflachen die komischen Nummern."

Die Szene mit dem arabisch sprechenden Prinzen hebt auch Harald Suerland in den Westfälischen Nachrichten (6.11.2017) hervor und findet sie "so glänzend inszeniert, dass man sich in einem echten Tumult wähnt". Auch sonst lobt er die Regie – Otteni verzahne die beiden eher schwach verbundenen Handlungsstränge des "Kaufmanns von Venedig", und "so wunderbar komisch Otteni die Bewerber um Portia zeichnet, so bitter-hell analysiert er Shylocks Hass". Die Schauspieler entsprächen dem in "fabelhafter Ensemble-Arbeit".

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