Die totale Demokratie

von Sascha Ehlert

Berlin, 5. November 2017. Wer mit Milo Rau die Welt verändern möchte, braucht stabiles Sitzfleisch. Der an der Berliner Schaubühne (nach Lenin) zweite Teil von Raus Beschäftigung mit Revolutionen und der Suche nach einer Welt, die besser ist als "die beste aller möglichen Welten", dauerte insgesamt gute zwanzig Stunden. Zwanzig Stunden, die sich selbst als Initiation einer demokratischen Revolution gerierten – unter dem Namen "General Assembly", wie bei den Vereinten Nationen.

Am Freitagabend ist der Saal 1 der Schaubühne am Lehniner Platz fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Auf den Rängen sitzt das Eintritt zahlende Publikum, ganz vorne ist mit blauen Kordeln ein Bereich abgetrennt. Dort sitzen die (nicht demokratisch gewählten) Mitspieler, die in Raus Schauspiel die Rolle von Abgeordneten einnehmen. Auf der Bühne wiederum sitzt das Präsidium, das durch die sieben Sitzungen des Wochenendes führt. Außerdem treten auf: Stenografen, politische Beobachter, Übersetzer und Kamerateams. Letztere filmen zunächst, wie Jo Seoka, ehemaliger Bischoff von Pretoria, vom schmucklosen Rednerpult hinab salbungsvoll in den Raum hinein spricht, bevor er das Wort an die von den Abgeordneten gewählte Präsidentin dieses Weltparlaments abgibt. Kushi Kabir war eine der ersten NGO-Aktivistinnen Bangladeschs, wo sie seit mehr als 40 Jahren nicht nur für die Rechte von Frauen eintritt. Der zentrale Satz ihrer auf Englisch gehaltenen Rede: "What we want is democracy for everyone and anything."

Repräsentation der Lobbylosen

Er wird im Verlauf des Wochenendes ernst genommen: Auf der Tagesordnung der folgenden Sitzungen stehen nicht nur Themen wie Wirtschaft, Grenzen und Migration, sondern auch die Rechte von Tieren oder ungeborenen Kindern. Das Weltparlament soll, in Anlehnung an die Erklärung der Menschenrechte durch die französische Nationalversammlung, den gesamten "globalen dritten Stand" repräsentieren. Damit meint Rau, wie er kürzlich in einem Gespräch mit Harald Welzer verlauten ließ, die "Lobbylosen", also alle Menschen, Tiere, Wesen, deren Existenz durch die Demokratien Europas beeinflusst werden, die aber in unseren nationalen Parlamenten keine Repräsentation erfahren.

assembly3 560 daniel seiffert uDas Theater als Parlament © Daniel Seiffert

Das ist ein hehres Ziel, das die "General Assembly" mit großer Sorgfalt verfolgt. Zu Wort kommen an diesem Wochenende unter anderem: Mitat Özdemir, der als Gastarbeiter in den Sechzigern nach Deutschland kam und sich in der Aufarbeitung der NSU-Morde engagiert hat. Abou Bakdar Sibidé, Flüchtling aus Mali und Regisseur des Films "Diejenigen, die springen". Katja Kipping von Die Linke. Die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot und der Schauspieler Sebastian Urbanski, Ensemble-Mitglied am Theater Rambazamba.

Tugrul Semanoglu: Eklat, Rauswurf, Wiedereinladung

Beeindruckend ist die Bandbreite an Fragestellungen und Problemen, die hier während der drei Tage diskutiert wird: Migrationsbewegungen, Technik, Verteilungs(un-)gerechtigkeit, Persönlichkeitsrechte in der digitalen Gegenwart und Zukunft, Tierrechte – um nur einige zu nennen. Dabei geht es zumeist, auch dann wenn zum Beispiel Orthodoxe mit einer Trans-Künstlerin über individuelle Freiheit diskutieren, respektvoll und friedlich zu. Der einzige echte Antagonist an diesen drei Abenden – die laut Rau auch eingeladenen Vertreter von AfD und CSU blieben der Veranstaltung fern – ist Tugrul Selmanoglu, der vielleicht bekannteste deutsche AKP-Unterstützer. Bereits am Freitagabend provozierte er Buhs und Zwischenrufe, als er die Inhaftierung von Journalisten durch das Erdogan-Regime rechtfertigte, am Sonntag löst er einen kleinen Tumult aus, als er den Genozid an den Armeniern durch das Osmanische Reich leugnet. In der Folge wurde er erst von Milo Rau aus dem Weltparlament geworfen, dann nach einer langen Diskussion unter den Parlamentariern wieder eingeladen – und ging schließlich doch nach Hause, weil das Parlament ihm keinen vierten Redebeitrag zugestehen wollte.

Der einzige wirkliche Aufreger des Wochenendes offenbarte eine Schwäche der "General Assembly": wie genau Rau und sein Team die Abgeordneten ausgewählt/ bestimmt haben, also warum genau diese paar Dutzend Menschen dazu geeignet seien, die Lobbylosen der Welt zu repräsentieren, darauf wurde zu keinem Zeitpunkt näher eingegangen. Darüber hinaus war man über das strenge Limit von fünf bis zehn Minuten für Redebeiträge einerseits dankbar, allerdings führte dies auch dazu, das manches Thema nicht ausreichend diskutiert wurde, weshalb die "General Assembly" am Sonntagabend auch ihr erklärtes Ziel verfehlte: die Verabschiedung einer "Charta des 21. Jahrhunderts", die kurzerhand auf "später" vertagt wurde, da bis zum Sonntagabend keine beschlussfähige Fassung vorlag. Der für kommenden Dienstag geplante finale "Sturm auf den Reichstag" muss also ohne Verlesung der Charta des fiktiven Weltparlaments auskommen.

Hoffentlich wirksam

Ist deshalb das gesamte Projekt gescheitert? Nein, trotz der demokratischen Kinderkrankheiten. Wiederum ein guter Regiekniff nämlich: In ihren Abschlusserklärungen nehmen die Abgeordneten selbst alle möglichen Kritikpunkte an dem Gesamt-Vorhaben vorweg. Auch Rau selbst wird für seinen Umgang mit Selmanoglu kritisiert. Doch bleibt er ohnehin zumeist im Hintergrund, das Schlusswort hat Kushi Kabir als Versammlungs-Präsidentin. Dieses Ende ist durchaus klug gesetzt: Denn durch die geäußerte Kritik entzieht sich die Inszenierung dem Verdacht der gesetzten moralischen Überlegenheit. Ein Glück. Anstatt dessen gibt sie nur selten simple Antworten auf komplexe Zusammenhänge und schafft zumeist, was gute Kunst ausmacht: Sie stellt wichtige und richtige Fragen.

Würde man sich nun also wünschen, dass diese utopische Aufführung "zwischen Größenwahn und staatsbürgerlicher Selbstermächtigung" (so der Menschenrechtsanwalt Wolfgang Kaleck bei seiner Abschlussrede) von der Theaterbühne aus die Weltpolitik beeinflusst? Tatsächlich, ja.

General Assembly
Konzept und Regie: Milo Rau, Recherche und Dramaturgie: Eva-Maria Bertschy, Bühne und Ausstattung: Anton Lukas, Dramaturgische Mitarbeit: Stefan Bläske, Carmen A. J. Hornbostel, Mitarbeit Recherche: Kasia Wojcik, Produktionsleitung: Mascha Euchner-Martinez, Eva-Karen Tittmann, Mitarbeit Produktionsleitung: Thomas Fabian Eder.
Mit: Tariq Ali (Autor, Historiker), Armen Avanessian (Philosoph und politischer Theoretiker), Ulrike Guérot (Politikwissenschaftlerin), Wolfgang Kaleck (Menschenrechtsanwalt, Gründer des ECCHR), Chantal Mouffe (Professorin für politische Theorie), Anu Muhammad (Wirtschaftswissenschaftler) als politische Beobachter, Mely Kiyak (Kolumnistin, Autorin), Robert Misik (Journalist und politischer Schriftsteller) als Stenografen sowie den MdB Frank Heinrich (CDU), Andrej Hunko (Die Linke), Uwe Kekeritz (Bündnis 90/Die Grünen), Katja Kipping (Die Linke), Dr. Daniela De Ridder (SPD), Kathrin Vogler (Die Linke).

www.general-assembly.net
www.schaubuehne.de

 

Milo Rau am 7. November 2017 beim "Strum auf den Reichstag". Vor etwa 200 Teilnehmer*innen spricht er über die Fortführung des Weltparlaments nach der "General Assembly" © sle

Kritikenrundschau

"Konkrete Strategien für die politisch-institutionelle Umsetzung zu entwickeln, war nicht die Stärke von Raus 'Weltparlament'", gibt Arno Orzessek im Deutschlandfunk (5.11.2017) zu Protokoll. "Weit eher der schmerzhafte Nachweis der skandalösen Verfasstheit der Welt." Die Parlamentarier selbst hätten nie Theater gespielt, seien ganz im Als-ob ihrer weltpolitischen Relevanz aufgegangen. "Und in dieser Inszenierung des Authentischen liegt die Kunst des Theatermachers Milo Rau", so Orzessek. "Dass das Parlament kein öder Schmusekurs von Wohlgesinnten wurde, dafür hatte Rau durch die – natürlich undemokratische – Auswahl der Abgeordneten gesorgt."

"Eine gigantische logistische Leistung, eine einmalige Performance, in der ergreifende Schilderungen von erlittener Gewalt, von jahrelanger Beharrlichkeit, einander ablösten" hat Arno Widmann gesehen und schreibt in Berliner Zeitung und Frankfurter Rundschau (6.11.2017): "Der Zynismus der Mächtigen wurde sichtbar, die Verzweiflung derer, denen man ihr Land geraubt, die Männer erschossen und die Frauen vergewaltigt hatte." Die Performance habe eine Ahnung davon vermittelt, "was neben Ausbeutung und Unterdrückung, neben Folter und Gewalt noch unsere Epoche charakterisiert", so Widmann, nämlich wie immer mehr Menschen ihre Stimmen erhöben, protestierten und sich wehrten, aufhörten, nichts als Opfer zu sein. Beispiel: "Thumaka Magwangqana begann leise zu berichten vom Bergarbeiterstreik in Südafrika im Jahre 2012.  Ihre Stimme wuchs. Am Ende füllte sie die Schaubühne und erreichte wohl jeden Einzelnen der  500 Menschen im Saal. Schon indem sie davon erzählte, wie sie zu einem Objekt erniedrigt wurde, wurde sie zu einem Subjekt. Sie wurde aus einem Opfer zu einem Souverän ihrer Geschichte.  Dazu ist eine Bühne, dazu ist Theater da." Milo Raus "großartige Veranstaltung" habe gezeigt: "Wir brauchen keine Weltregierung, kein Weltparlament, sondern die  Vervielfachung der Souveräne und deren Bereitschaft, Fähigkeit und Macht, sich mit einander auseinanderzusetzen. In immer neuen, stets gefährdeten Konstellationen."

"Ein größenwahnsinniges, aber auch ermutigendes Experiment", so Anna Fastabend in der Süddeutschen Zeitung (7.11.2017). "Nüchtern, formalisiert, anstrengend sei der Ablauf der dreistündigen Sitzungen, Parlamentspolitik halt." Vieles wirke echt, so dass man streckenweise vergisst, dass alles in erster Linie nur Fiktion sei, "allerdings eine Fiktion, nach der sich offenbar viele Menschen sehnen". Was man während dieses Wochenendes erfährt, ist hochinteressant, "in seiner Fülle und Komplexität aber nur schwer auszuhalten".

Mit dem Auftritt etwa eines AKP-Politikers entzündete sich ein Streit, "in dem es auch darum ging, ob es demokratisch sei, eine unbeliebte Position auszuschließen oder eben nicht", schreibt Cord Riechelmann in der taz (7.11.2017) und ist angetan: Schwer sei ist es, "aus Parlamentsreden und -gesten gute Kunst zu machen, es sei denn, man holt sie direkt in den Kunstrahmen, wie Milo Rau es getan hat". Eindeutig Theater sei nur der Raum gewesen, "schon das Publikum war nicht mehr so eindeutig Theater, dazu war es viel zu jung, zu weiblich und zu wenig territorial". Und "Die Form des Parlaments (...) erwies sich als genauso gut gewählt wie die Einladung von durchaus in der Repräsentationsmaschine der Staatsapparate erprobten Gästen wie dem AKP-Mann oder der Vorsitzenden der Partei Die Linke, Katja Kipping."

 

 

mehr nachtkritiken

Kommentare

Kommentare  
#1 General Assembly, Berlin: viele SchaufensterredenKonrad Kögler 2017-11-06 08:48
In der Schlussdiskussion am Sonntag gab es noch einige kluge Formulierungen, wie z.B. das Fazit von Wolfgang Kaleck über das "Oszillieren der Veranstaltung zwischen Größenwahn und Selbstermächtigung". Allerdings waren viele der Beiträge auch reichlich redundant und bloße Schaufensterreden. Diese letzte Session schaffte das zweifelhafte Kunststück, dass sie genauso leblos blieb wie eine durchschnittliche Plenardebatte des Bundestags zu GroKo-Zeiten. Deutliche Kritik an Milo Raus Konzept übte vor allem der ehemalige Bischof von Pretoria, der bemängelte, dass auch hier die Armut und die Folgen des Kolonialismus als Ursachen von Ungleichheit und Konflikten zu wenig in den Blick genommen wurden.

Komplette Kritik: daskulturblog.com/2017/11/05/general-assembly-tagte-an-der-schaubuehne/
#2 General Assembly, Berlin: Chance vertan?Jörg St. 2017-11-06 10:46
Hut ab vor der Leistung, die Milo Rau mit seiner Gruppe zustande gebracht hat. Der logistische Aufwand muss gigantisch gewesen sein. Und vieles, was in dieser langen, beeindruckenden Veranstaltung gesagt worden ist, hat mich und sicher viele der Anwesenden doch sehr bewegt und lange Gespräche ausgelöst.
Aber...
Gerade angesichts des Aufwands hätte ich mir doch gewünscht, dass man sich etwas mehr Gedanken über die Form gemacht hätte. Da es einfach mehr an Glaubwürdigkeit gefehlt als unter Einbeziehung der Realität nötig gewesen wäre.
Gerade wenn man sich die „General Assembly“ als modellhaft-experimentelles Weltparlament vorstellt, muss man doch darauf achten, ob es so, wie es entsteht und abläuft, überhaupt ein Vorbild sein und zu einem sinnvollen Ergebnis kommen kann.
1. Die Undurchsichtigkeit des Geschehens. Wie kommt die Zusammensetzung des Parlaments zustande? Aus wessen Feder stammen die 15 Anträge („motions“), über die an den beiden Tagen diskutiert wurde, und wie sah der Prozess ihrer Formulierung aus? Wie wurden die Präsidentin und ihre Stellvertreter ausgewählt? Wie entsteht die Endfassung der „Charta für das 21. Jahrhundert“ und wie wird sie legitimiert? Da hätte schon ein Informationsblatt genügt, um wenigstens etwas Klarheit zu schaffen.
2. Kein Platz für Diskussion, kein Austausch, kein Ringen um die Wahrheit und den richtigen Weg. Dialoge waren ausdrücklich nicht erlaubt. Es wurden Anträge verlesen, Reden gehalten, abgestimmt. Die Mehrheit gewinnt. So funktioniert es bestimmt nicht. Zwar gab es die Möglichkeit, Ergänzungsanträge zu stellen und abstimmen zu lassen, aber wie sie ihren Weg in die „Charta“ finden würden, war auch wieder nicht klar.
3. Westlich-weiße Dominanz. Auch wenn da Menschen aus aller Welt zusammengekommen, deren Probleme im Vordergrund standen und im Präsidium Asien, Afrika und Lateinamerika vertreten waren, hat doch die Zusammensetzung der Abgeordneten in keiner Weise die Zahlenverhältnisse der Weltbevölkerung widergespiegelt.
4. Zu viel Regie. In einem Weltparlament darf es ja gerade nicht die leitende Hand im Hintergrund geben, die letztendlich alles steuert.
Manche dieser Schwächen hängen sicher mit den Zwängen des Theaterbetriebs zusammen, in den sich die Veranstaltung einordnen musste. Trotzdem: Bei einem solchen Experiment ist auch der Weg das Ziel. Und einen solchen Weg hin zu einer quasi allmächtigen Weltinstanz möchte man doch vielleicht lieber nicht gehen - so dringend ein Mechanismus für die demokratisch basierte Regelung übernationaler Probleme benötigt wird.
#3 General Assembly, Berlin: "Ausländer raus" intelligent weitergedachtherrmann 2017-11-06 11:36
Diese Veranstaltung kann sicher auf die eine oder andere Art kritisiert werden, Details können u.U. auch falsch gelaufen sein. Aber dass Milo Rau, die Frage der Repräsentanz als Machtfrage in einem globalen Zusammenhang stellt, macht die einmalige überragende Bedeutung dieses theatralen Ereignisses aus. Beim Teilnehmen wurden meine Wohlstandssorgen unendlich klein und das von Milo Rau schon seit langem propagierte Programm eines "Globalen Realismus" sichtbar und erlebbar. Der Anspruch einer Ausdehnung des Empathiebereichs, den Rau im Interview mit Welzer als eine wesentliche Dimension von Theaterarbeit beschreibt, diesem Anspruch ist diese Veranstaltung vollgültig gerecht geworden. Ob im einzelnen besser oder schlechter empfinde ich als das Vergeben von Haltungsnoten. Darum ging es aber eigentlich in dieser uneitlen Veranstaltung gar nicht. Glänzen oder brillieren konnte da nur wenige. Vielmehr hat Milo Rau die Arbeit von Christoph Schlingensiefs "Ausländer Raus" Container nur intelligent weitergedacht. Wenn die Politik sich in Inszenierungen, spin doctor-Arbeit und Theaterdonner verflüchtigt, kann eine Bühne wieder eine politische Handlung erreichen durch eine exemplarische, symbolhafte Geste "zwischen Selbstermächtigung und Größenwahn". Indem dieses Weltparlament als ernsthafte Fiktion behauptet wurde, wird der Anspruch hoffentlich nicht mehr so einfach hintergehbar. Ob da im Einzelnen die Richtigen richtig berufen wurde, die immer richtigen Fragen gestellt wurden etc. ist mir dann völlig Schnuppe. Der Grad der Ernsthaftigkeit war hoch genug, um dieser Utopie Kontur zu verleihen. Danke, Milo Rau!
#4 General Assembly, Berlin: Folgen des Kolonialismusmarie 2017-11-06 11:48
#2

genau, viel zu viele ABER, die keiner braucht, weil es davon schon viel zu viele gibt >>>

#1

"Diese letzte Session schaffte das zweifelhafte Kunststück, dass sie genauso leblos blieb wie eine durchschnittliche Plenardebatte des Bundestags zu GroKo-Zeiten. Deutliche Kritik an Milo Raus Konzept übte vor allem der ehemalige Bischof von Pretoria, der bemängelte, dass auch hier die Armut und die Folgen des Kolonialismus als Ursachen von Ungleichheit und Konflikten zu wenig in den Blick genommen wurden."

ps.: danke liebe ausländer aus aller welt, laßt uns deutschen mit eurer berechtigten kritik und euren freien-fremd-blick von außen nicht allein!!!
#5 General Assembly, Berlin: weiter brav positivmarie 2017-11-06 14:30
#3

ich kann es in keiner weise nachvollziehen, wenn general assembly "ausländer rein" in die auseindersetzung bringt, wie SIE dann auf schlingensiefs "ausländer raus" assoziieren

doch die löschfreudigkeit bei nachtkritik wird das ja niemand lesen lassen - nur den zensor selbst: also weiter brav mit positiv besetzen "narrativen" um sich werfen ... heute sind ja alle gern schlingensief - nur hat bei dem keiner gegähnt ...
#6 General Assembly, Berlin: wem zu verdanken?D. Rust 2017-11-06 15:21
(Entschuldigung - Korrektur-Kommentar noch einmal...)
Mich macht der Auszug aus dem Bericht der Berliner Zeitung/Frankfurter Rundschau skeptisch.
Einerseits beschreibt Widmann, was mit Sicherheit durch jede gute Kunst möglich ist: eine AHNUNG zu vermitteln von tatsächlichen Geschehnissen, bestehenden Machtverhältnissen und ihren Konsequenzen, emotionalen Vorgängen oder intellektuellen wie praktischen Leistungen.
Ich finde es jedoch schade bis bedenklich, dass er behauptet, jemand würde schon dadurch vom Objekt zum Subjekt werden können, wenn er in den Stand der öffentlich wahrnehmbaren Erzählung gesetzt. Er nennt das Beispiel einer Frau, sie heißt offensichtlich: Thumaka Magwangqana, die über einen Bergarbeiterstreik in Südafrika im Jahr 2012 berichtet und darüber wie sie währenddessen zum Objekt erniedrigt wurde, und allein durch diese Erzählung vor Publikum, zahlendem Publikum, zum Subjekt wurde.
Und genau das möchte ich bitte bezweifeln dürfen. Ich bezweifle nicht, dass sie - schon hier erspare ich mir - weil Kürze in Kommentaren geboten ist, das wiederholte Ausschreiben ihres Namens - das Publikum als Auditorium zu erschüttern vermochte. Dass das Publikum berührt wurde von den rigiden und menschenunwürdigen Verhältnissen, die anderswo auf der Welt herrschen. Dass das Publikum froh war, dafür bezahlt zu haben, dass eine fremde Frau von einem anderen Kontinent über ihre dort herrschenden Verhältnisse authentisch berichten konnte und sich so an ihrer Selbstbefreiung durch es ermöglichte Subjektivierung beteiligt hat. - Allein ist das kein Beweis dafür, dass diese Frau durch diese Art Erzählung wirklich zum Subjekt geworden ist durch ihre Erzählung vor diesem Publikum. Noch weniger ließe sich sagen: Subjekt nunmehr für wen?
Wenn ich jetzt jemanden von diesem 500 Leuten im Saal fragen würde: Wie hieß diese südafrikanische Frau? Können sie mir ihren Namen bitte noch einmal sagen, ihn mir aufschreiben? Was genau hatte sie an, wie bewegte sie ihre rechte Hand und wohin genau, während ihre Stimme beim Erzählen von welchen Details genau kraftvoller wurde und anschwoll? Wen schaute sie an, als sie die Bühne betrat, was haben Sie auf ihrem Gesicht gesehen als Ausdruck, den sie beschreiben können? - Wenn ich jemanden wahllos aus den 500 Anwesenden frage und der mir darüber Auskunft geben kann, DANN ist das gelungen, dass aus der erzählenden Thumaka Magwangqana durch die Inszenierung ein Subjekt hervorgebracht worden ist, das ihrer Objektivierung durch die bestehenden Verhältnisse Genugtuung verschaffen konnte und dem zahlenden Publikum Belehrung über sich selbst und seine Intentionen beim Wahrnehmen von behaupteter politischer Kunst.
Wenn nicht, ist es Milo Rau gelungen, z.B. Thumaka Magwangqana auch in der Fremde zum Objekt zu machen. Nur zu einem in scheinbar besseren Verhältnissen. Zu einem Objekt emotionaler Stimulanz eines vermeintlich politisch abgestumpften Publikums im Namen der politisch relevanten Kunst...

Das sind die Gedanken, die mich dabei bewegen. Dass das NICHT auch sichtbar ist durch diese Berichte von z.B. Herrn Widmann.
Es sind natürlich auch Gedanken, die mich zu den Konzeptionen Milo Raus allgemein bewegen. Denen kann ich aber entgehen, indem ich nicht für die Wahrnehmung ihrer realen Umsetzung als Inszenierung zahle.

Und es bleibt die Frage: Ist meine - gewiss unmaßgebliche - persönliche Kritik an der Kritik der Inszenierung durch Widmann nun Milo Rau und der Schaubühne zu verdanken?
Oder der Berliner Zeitung und der Frankfurter Rundschau, die Widmann den Platz für seine Kritik eingeräumt hat?
Oder Nachtkritik de. als Presse themenorientiert rund-schauendem und zusammenfassendem Medium?
#7 General Assembly, Berlin: umfassend gedachtherrmann 2017-11-07 10:45
@ Marie
Ich verstehe Ihren Kommentar kaum. Mir ging es darum zu beschreiben, wie Milo Rau über die theatrale Repräsentation von Macht reflektiert. Was er in der Schaubühne macht, ist ja nun alles andere als eine Talkshow wie sie der unbedachte Herr Höbel ausgemacht hat. Schlingensief hat die populistische Politik mit den Mitteln der Satire theatral sichtbar gemacht. Rau stellt einer zunehmend theatralen, fake news etc. Politik eine hyperrealistische Simulation von ernster Politik entgegen. Was das mit Ausländer raus oder rein zu tun haben soll, erschließt sich mir leider nicht. Natürlich hat Rau auch postkolonialistisch nachgedacht über ein angemessenes Panel für seine Generalversammlung. Aber das ist ja mal nicht der zentrale Aspekt dieser viel umfassender gedachten Arbeit.
#8 General Assembly, Berlin: hyperrealistische Simulation?marie 2017-11-07 11:49
@herrmann

ich versuche sie ja zu verstehen: ich habe eine andere meinung als sie und kann es dabei mit allem respekt belassen.

sie können ja heute 15 uhr den "reichstag mit milo rau erstürmen" und dann hier über die ernsthaftigkeit bzw. "hyperrealistische simulation" berichten ?

"Rau stellt einer zunehmend theatralen, fake news etc. Politik eine hyperrealistische Simulation von ernster Politik entgegen."
#9 General Assembly, Berlin: Trend missbrauchter, performter BotenberichtD. Rust 2017-11-07 12:05
Was ich meine und was mich sehr bewegt an diesem letzten Rau-Konzept, seiner Inszenierung und seinen medialen Wirkungen:
Ich habe das Gefühl – ich habe das Gefühl schon sehr viel länger, aber erst jetzt kann ich es benennen… Das ist WESENTLICH für Erkennen-Wollen: dem, was man fühlt solange nachzuspüren, bis man benennen kann, was man fühlt. Erst dann HAT man ein Gefühl, vorher allenfalls gefühlige Ahnungen…
Ich jedenfalls habe nunmehr das Gefühl, dass wir in der Kunst vielleicht doch nicht nur zum Trendsetter der Kultur verkommen wären (wie ich früher, vor 20 Jahren das Gefühl hatte und benannte).
Nein, inzwischen habe ich das Gefühl, dass wir als Künstler von den Medien zur politischen Nachricht missbraucht werden.
Zu einer Nachricht, die als aufwendig re-enactete/dargestellte, emotional noch erreichen, beim Empfänger seelisch ankommen soll… Wenigstens so ankommen soll, dass der Empfänger zuverlässig in einen bestimmten Sender investiert, um an genau dessen Nachrichten zu kommen…Was die normal übermittelte Nachricht im Zeitalter der digitalisierten Medien nicht mehr schafft.

Ich habe das Gefühl, dass die Kunst, sonders die Theaterkunst und mit ihr die Schauspielkunst, inzwischen gezielt missbraucht wird von den Medien als performter Botenbericht.
Und damit durch die Medien performatisiert wird. Theater als Ganzes herabgewürdigt zum Botenbericht der Medien.
Und dass die Politik eben genau dies fördert: Journalismus als apolitische Ersatzreaktion auf die Schrecken, die sie weltweit sich nicht scheut, anzurichten durch ihre militant-ökonomischen Entscheidungen.
Dafür spräche auch die international um sich greifende BehinderungVerfolgungDiskreditierung von gerade solchen Journalistinnen und Journalisten, die ihre Geschichten noch dort und konkret bei denen abholen wollen, wo sie und denen sie passieren…
Es ist nur ein Gefühl, das ich habe. Ich hoffe, ein falsches…
#10 General Assembly, Berlin: zwei Seitenmarie 2017-11-07 13:42
@ D.Rust
jedoch gehört dazu ja auch der künstler, der sich mißbrauchen läßt.
#11 General Assembly, Berlin: wichtige FeindeD. Rust 2017-11-07 19:50
#10 - Ja, natürlich. Es kann aber dauern, bis er/sie es bemerkt. Deshalb sind Freunde so wichtig. Sogar Feinde. Alle, die mehr von ihm/ihr sehen als er/sie selber in jedem Moment von sich sehen kann...
#12 General Assembly, Berlin: Kunst an die MachtJonathan Meese 2017-11-07 23:05
Künstler, die in die Politik gehen, verraten nur die Kunst.
Kunst an die Macht!
#13 General Assembly, Berlin: Nach dem SturmJörg St. 2017-11-07 23:27
So, jetzt haben wir auch noch den "Sturm auf den Reichstag" als letzten Akt dieses Reality-Schauspiels mit Zuschauerbeteiligung mitgemacht. Der Spaßfaktor war deutlich erkennbar und das Reichstagsgebäude blieb heil, aber wir haben zumindest Stalin widerlegt, der ja bekanntlich behauptet haben soll, die Deutschen könnten keine Revolution anzetteln, wenn sie dazu den Rasen betreten müssten...

Milo Rau kündigte an, die General Assembly fortzusetzen - in anderen Städten, anderen Ländern, mit neuen Abgeordneten. Man darf gespannt sein. Dieser Mensch entwickelt eine unglaubliche Energie - wie man sie wohl braucht, wenn man vor hat die Welt zu retten. Welcher erfrischende, Hoffnung stiftende Gegensatz zu dem, was sich in Form von Jamaika-Verhandlungen im inneren der Gebäude abspielt, die die Kulisse der heutigen Aktion bildeten.

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