Fakt ist: Das ist Fake!

von Valeria Heintges

Luzern, 16. November 2017. Die Leser im Video haben Schwierigkeiten mit Heinrich von Kleists "Der zerbrochne Krug". Wie war das noch mit dem Dorfrichter Adam? Und wer hat jetzt den Krug zerbrochen? War es der Verlobte Ruprecht oder dessen Nebenbuhler Lebrecht? Oder doch der Dorfrichter Adam? Und warum sagt Eve nicht einfach, wer sie in der Nacht in ihrer Kammer besucht hat? Eine der Luzernerinnen, die das Regieteam befragt hat, gibt freimütig zu, nur ein bisschen am Anfang gelesen zu haben und dann gleich in die Mitte gesprungen zu sein. Ein älterer Herr findet, die Geschichte sei "eine banale Geschichte. Und doch ist sie so ausgestaltet worden, dass sie einen fasziniert." Einer erklärt: "Der Dorfrichter Adam ist ein Dreckschwein." Und die Mutter fasst die Essenz des Werks zusammen mit "Don't trust ..." kurzes Zögern, dann: "the Justiz".

Große Verwirrung also flimmert zu Beginn der Aufführung von "Der unzerbrochene Krug. Alternative Fakten zu Heinrich von Kleist" über die Leinwand in der Box des Luzerner Theaters. Aber auch das Spiel der Profis bringt in Bram Jansens Stückentwicklung keine Klärung. Am Anfang nehmen sie alle den schönen Krug, lassen ihn fallen. Er zerspringt in große Scherben. Wer war's? Ein wertvoller Krug war es, macht Wiebke Kayser in einem langen, quälend schwer geatmeten Monolog klar, einer mit Geschichte, in doppeltem Sinn: Geschichte, die darauf abgebildet war, und Geschichte, die er selbst erlebt hat: Besitzer nach Besitzer, Brände, Diebstähle, Inferno.

UnzerbrochenerKrug Luzern 2 560 IngoHoehn uDer Lügner wird demaskiert? Christian Baus, Jakob Leo Stark, Alina Vimbai Strähler © Ingo Höhn

Aber letzte Nacht brach er in der Kammer in Scherben. Wer hat ihn auf dem Gewissen? Eve weiss es. Aber die will nichts sagen. Also schießen die Gerüchte ins Kraut. Der Lebrecht war's, sagt Dorfrichter Adam. Dann: Der Ruprecht war's. Dann war es der Teufel, dann der Herr Jesus. Christian Baus ist ein aalglatter Adam, der sehr glimpflich davongekommen ist: kein Pferdefuß, keine Wunde an der Seite oder am Knie, nicht einmal zerstörte Hosen, vielmehr schick in Schwarz von Schuh bis Hemd. Nur zwei kleine Wunden zieren den kahlen Schädel.

Auf dem Irrweg zur Wahrheit

Frau Marthe glaubt ihm, dass es der Herr Jesus war, sie wird später als Gekreuzigter auftreten, an ein riesiges Holzkreuz geschnürt ihre Theorie überprüfen, sich winden und krümmen und kaum mit dem Monster durch die Tür passen. Jakob Leo Stark gibt den Ruprecht namensgerecht kräftig, mit Muskeln und Sturheit und hitzigem Gemüt. Verzweifelt versucht er, den Krug zu zerstören. Und genauso vergeblich, die Tat zu rekonstruieren – da wird jeder Theatertag zum Sonntag, wenn er tatortmäßig aufkreuzt und die Möglichkeiten durchspielt. Das Bühnenbild von Sophie Krayer, drei aufgehängte graue Bahnen, die sich nach vorne schieben, bietet noch für die abstrusesten Spekulationen den neutralen Hintergrund.

War es so? Oder doch so? Zunächst ist der Abend ein Spiel mit Möglichkeiten, um zur Wahrheit vorzudringen. Verena Lercher, die als Leserin durch die Szenerie schleicht, setzt die Figuren in Position. Aber dann verselbständigen die sich, schaffen sich eigene Möglichkeiten, konstruieren Wirklichkeiten, die immer weniger wahrscheinlich sind. Szene nach Szene spielen sie, wie es gewesen sein könnte. Wie kam Ruprecht zur Tür hinein? Wo war Eve da? Wo der Krug? Und wo Dorfrichter Adam? Hat Eve Adam wüst weggestoßen, als er ihr an die Wäsche ging? Hat sie ihn ein wenig ermuntert? Gar verführt? Zu sich gelockt? Längst ist die Eve von Alina Vimbai Strähler nicht mehr so herzig wie zu Beginn.

Kleist entkernt

Endlos geht das, die Übertreibung drückt die Wahrheit an die Wand, Lüge entsteht. Neudeutsch: Fake News. Wem nützt das alles? Mal Adam, mal Ruprecht, mal Eve. Der Krug ist die alte Ordnung, erklärt Dorfrichter Adam am Schluss der armen, zunehmend verwirrten Leserin. Der Krug wurde nur in eine neue Daseinsform überführt, behauptet er. "Was in Eves Kammer passiert ist?", fragt sich die Leserin zuletzt. Sie denkt, sie denkt, sie denkt. Und sagt dann nur: "Ach."

Bis aufs Skelett entkernt haben Regisseur Bram Jansen und Dramaturg Hannes Oppermann Kleists Text. Bis nichts mehr übrig blieb außer den Figuren, ihren Zweifeln, ein paar Fakten. Kein Dorfrichter, kein Gerichtsschreiber. Eigentlich auch kaum Kleist noch, denn in zahllosen Variationen wird das Ausgangsmaterial wie der Krug in Scherben geschlagen. Da urteilt mal einer, der zu wenig weiß. Dann urteilt einer, der er es wissen will. Dann einer, weil er will, dass die anderen etwas nicht wissen. Dann ist alles doch ganz, ganz anders gewesen. Wer die Wahrheit sucht, ist hier falsch. Wer wissen will, wie die Lüge entsteht, dem wird es in 50 Minuten locker-luftig beigebracht.

Der unzerbrochene Krug
nach Heinrich von Kleist
Inszenierung: Bram Jansen, Bühne und Kostüme: Sophie Krayer, Video: David Röthlisberger, Musik: Marcel Babazadeh, Dramaturgie: Hannes Oppermann.
Mit: Christian Baus, Wiebke Kayser, Verena Lercher, Jakob Leo Stark, Alina Vimbai Strähler.
Dauer: 50 Minuten, keine Pause

www.luzernertheater.ch

 

Kritikenrundschau

Bram Jansens "spannende Kleist-Bearbeitung" kleistere (sic) Kleists Krug in Varianten zusammen, "für die so mancher Berater aus dem Pressestab von US-Präsident Donald Trump zu wenig Fantasie hätte", schreibt Julia Stephan in der Luzerner Zeitung (18.11.2017). "Es ist ein Lehrstück über die Herstellung von Glaubwürdigkeit über Bilder."

 

 
Kommentar schreiben