So ist der Mensch

von Claude Bühler

Basel, 24. November 2017. Ein Kind ist auf die Welt gekommen, tot. Martha, die Mutter, schreit, als stiege der Schmerz aus ihrem Innersten hervor. Sanitäter führen die zitternde Frau im blutigen Hemd weg. Unbarmherzig brennt ein Scheinwerfer aus der Hinterbühne sein Licht in die Netzhäute im Auditorium: Die Sonne geht auf, also mitleidlos das Leben weiter. Aber wie denn? Die Familienleute stehen da wie Fragezeichen. Licht aus.

Wir alle lassen uns gern etwas vormachen

Der Scheinwerfer als Sonne, und wirken tut es trotzdem: Regisseurin Nora Schlocker betont nicht nur da das Offensichtliche der Theatermittel. Ein Sensor an der Hauswand, der zwei grelle Fluter in Betrieb setzt, symbolisiert den generellen, auf Bewegung empfindlichen Alarmismus im Bürgerhaus. Die wie eine Puppenkiste auf die Bühne gestellte kahle Bühne verdoppelt den Sogeffekt des Guckkastens. Die Leute sind in der künstlichen Welt nicht heimisch, sondern ausgestellt: Im fahlen Grün der Wände heben sich die Familienmitglieder in grün, weiß, beige kaum ab, jedoch überdeutlich stechen die unglücklich gestrandete Familienrückkehrerin Helene Krause in knallrot, in schwarz der undurchsichtige Besucher Alfred Loth hervor.

VorSonnenaufgang2 560 SandraThen u Wie in der Puppenkiste: Steffen Höld, Myriam Schröder, Michael Wächter, Cathrin Störmer, Pia Händler © Sandra Then

Schlocker lässt gut zweieinhalb Stunden naturalistisches Sprechtheater spielen und völlig gebannt folgt das Publikum. Wir alle, so offenbar die hintergründige Botschaft, lassen uns immer gern was vormachen. "So ist der Mensch", resümiert der Arzt das laut ihm unveränderbare Ding voller Vorstellungen, das zwischen zwei Ewigkeiten kurz durchatme. Sollen wir das pessimistische Pathos zum Nennwert nehmen? Palmetshofer und Schlocker lassen uns bewusst mit der Frage allein. Darin liegt die Größe des Abends.

Gefühlssimulanten, Reaktionspuppen, Bedürftigkeitsmonstren

Vordergründig hat der Dramatiker Ewald Palmetshofer aus Elementen von Gerhart Hauptmanns gleichnamigem Stück eine Family Soap mit den genre-üblichen fiesen Neckereien und Rempeleien geschöpft: Ausführlich spricht Hausvater Krause von seinem pünktlichen Morgenschiss, während Tochter Helene am Frühstücken ist. Hausmutter Annemarie spielt die Wächterin über die bürgerlichen Tischsitten, die schwangere Martha die auf Abruf beleidigte Gefühlssuse, und alle erschöpfen ihren Witz darin, sich gegenseitig in die jeweilige Familiencharge zurückzudrücken und die heile Stubenwelt mit Gemeinplätzen festzukleistern.

Auch wenn bis über die Hälfte des Stückes sehr viel gelacht wird, ist es Palmetshofer mit der Familienhölle absolut ernst, in der er die Menschen in der mittelständischen Familie buchstäblich bis auf die Unterhosen als Gefühlssimulanten, Reaktionspuppen und Bedürftigkeitsmonstren auszieht. Aber anders als die Soap und ihre Figuren will er nicht demütigen, sondern aufweisen.

Dabei interessiert ihn nur, wie die Menschen miteinander umgehen. Das scheinbar Greifbare dazu in der Vorlage von 1889 wie etwa die Bildungs-Fallhöhe zwischen Bauern und Städtern oder die Ausbeutung der Minenarbeiter hat er gestrichen. Den fatalen Alkoholismus bei den Krauses hat er bis zu raunenden Andeutungen ausgeblasst.

VorSonnenaufgang1 560 SandraThen u Nur noch dezent dabei: der Alkohol (Pia Händler, Michael Wächter, Simon Zagermann)
© Sandra Then

Zur Probe kommt es, als Alfred Loth am Vortag der Totgeburt seinen einstigen Studienkollegen Thomas Hoffmann besucht, der sich mit Martha in das gutsituierte Unternehmerhaus eingeheiratet hatte. Zwischen dem linken Journalisten und dem bürgerlichen oder vielleicht sogar rechtsstehenden Politiker entbrennt bald ein weltanschaulicher Krach.

Ein Schauspielfest

Palmetshofer vermeidet jedoch auch hier die tagesaktuelle Politdiskussion: Wichtiger ist ihm, wie hasserfüllt sich Hoffmann zum potentiellen Gefährder seiner Karriere verhält, wie feige der Idealist Loth auf die Liebe von Hoffmanns Schwägerin Helene reagiert, als der Arzt Peter Schimmelpfennig ihn auf gesundheitliche Probleme in der Familie hinweist. Die Diskussionen, das Geschrei, ja selbst das ernst gemeinte Weinen werden als hilflose und vorübergehende Artikulationsformen erkennbar, die auf tiefere Nöte und unbekannte Empfindungen hinter den oft verkrampften Gesichtern und Floskeln verweisen, zu denen die Leute den Bezug verloren haben.

Auf die oft unüberwindliche Schwelle zu den Potentialen werfen Palmetshofer und Schlocker das Licht – mit Hilfe eines agil und vielschichtig aufspielenden Ensembles. Ein Schauspielfest, das einen über weite Strecken in Hochspannung versetzt: sorgfältig erarbeitet, diszipliniert, klar akzentuiert und virtuos. Durch die hohe Qualität von Pia Händler, Steffen Höld, Myriam Schröder, Cathrin Störmer, Thiemo Strutzenberger, Michael Wächter und Simon Zagermann leuchten Inszenierung und Stück mit ihrem subtil differenzierten Konzept. Das Publikum jubelte, spendete donnernden Applaus. Hingehen!

 

Vor Sonnenaufgang
von Ewald Palmetshofer nach Gerhart Hauptmann
Uraufführung/Auftragswerk
Inszenierung: Nora Schlocker, Bühne und Kostüme: Marie Roth, Musik: Marcel Blatti, Licht: Tobias Voegelin, Dramaturgie: Constanze Kargl.
Mit: Pia Händler, Steffen Höld, Myriam Schröder, Cathrin Störmer, Thiemo Strutzenberger, Michael Wächter, Simon Zagermann.
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.theater-basel.ch

 

Kritikenrundschau

"Ewald Palmetshofer aktualisiert Hauptmanns mit psychologischem Tiefgang und Nora Schlocker gelingt mit hervorragendem Ensemble ein großer Abend", so die Unterzeile von René Zipperlen Kritik in der Badischen Zeitung am Sonntag (26.11.2017). Schlocker führe eine hochkonzentrierte Regie, "die dem Text gemäß den Frauen mehr Tiefe gibt als den – gürtellosen – Männern, und Marie Roths grelle Bühne ist oft so schmal, dass alle ihren Platz suchend am Abgrund schwanken." Selbst wenn mancher Diskurs etwas aufgepfropft wirke: "Der Abend ist ein Triumph des psychologischen Dramas."

In der zu­rück­hal­ten­den In­sze­nie­rung von No­ra Schlo­cker werde die "anverwandelte Geschichte" recht leicht­fü­ßig da­hin erzählt, gibt Simon Strauß in der FAZ (27.11.2017) über diesen zweiteiligen "Adaptionsabend" zu Protokoll. Und zwar "oh­ne be­son­de­re Vor­komm­nis­se, kurz­wei­lig und an­ge­regt". Hier und da sieht der Kritiker in der ge­schick­ten, die Hin­ter­grün­de erst lang­sam ver­ständ­lich ma­chen­den Er­zähl­tech­nik, Hauptmann durchschimmern, "dann gibt es wie­der ein paar nied­li­che Vul­ga­ri­tä­ten, um an die Mo­der­ni­sie­rungs­ab­sicht zu er­in­nern. Zum Bou­le­vard reicht es nicht ganz, aber ein paar Ka­lau­er kom­men vor und un­ter­hal­ten das Pu­bli­kum. Sprach­lich ist das Gan­ze über­ra­schen­der­wei­se sehr un­am­bi­tio­niert. Pal­mets­ho­fer, der sonst als Sti­list gilt, sei­ne klang­vol­len Sät­ze mit be­son­de­rer Vor­sicht setzt, hat sich hier auf den ein­zi­gen, recht plat­ten Ma­nie­ris­mus be­schränkt, die Vor­na­men der Fi­gu­ren stän­dig wie­der­ho­len zu las­sen." Während er Teil eins des Abends eher gelassen gefolgt sei, sei er im zweiten dann von der nor­ma­ti­ven Kraft des Tra­gi­schen mitgerissen worden.

 

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