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Die Vermarktung der Ehre

von Dirk Pilz

1. Dezember 2017. Am Donnerstag, den 30. November des Jahres 2017, twitterte das Zentrum für politische Schönheit (ZpS) in der Früh': "Es schneit."

Lockruf der Nazis

Das hatten wir bislang noch nicht: Das Wetter ist jetzt auch Bestandteil einer Aktion des ZpS, von der man programmatischerweise nicht weiß, ob man sie künstlerisch oder politisch nehmen soll – und ob die Frage danach überhaupt relevant ist. Irgendwie will sie von beiden Seiten gleichzeitig betrachtet werden, aber was heißt das überhaupt?

ZPS DeineStele 280h PatrykWittZentrumfurPolitischeSchonheitDie ZpS-Aktion "Deine Stele"
© PatrykWitt / Zentrum fur Politische Schönheit
Es heißt zunächst, dass der Betrachter dieses sogenannten Höcke-Mahnmals als mündiger Bürger angesprochen wird, der sich nicht nur ein eigenes Urteil bilden darf, sondern auch muss, weil man gar nicht anders kann als sich zu diesem Mahnmal so oder so zu verhalten. Das ist, was sich das ZpS als Erfolg aufs Aufmerksamkeitskonto bucht. Und zu diesem Erfolg gehört, dass die Positionen kenntlich werden. Es ist ja ausreichend aufschlussreich, wenn hier etwa vom "schadenfreudigen und sehr erwartbaren Applaus aus den gleichgesinnten Reihen" die Rede ist und dort entgegengehalten wird, dass es sich dabei um das "Diskreditieren eines linken Protestes" handle, "mit dem Konservative immer ein Problem haben". Jede Neutralität ist jedenfalls genauso ausgeschlossen wie jede Außenposition.

Oder anders: Die Faschisten sitzen nicht nur im Parlament, sie haben sich mitten in die Diskurse eingenistet. "Auch wer nicht mitatmet, den grüßt die enge verbrauchte Luft", schrieb Ernst Bloch in "Erbschaft dieser Zeit" 1935, und er ließ den Satz auch im Buch, als es 1962 noch einmal erschien, mit "Blick auf den so wenig bewältigten Lockruf der Nazis", wie er im neuen Vorwort notierte. Das hat sich nicht geändert, "die Geschichte ist kein einlinig vorschreitendes Wesen".

Konsequenzen des Fiktiven

Geändert haben sich allerdings die Allianzen, die das ZpS etwa stiftet. Alle werden in dieser Aktion wie auch in den früheren zu Mitspielern (oder Mittätern), Björn Höcke ebenso wie der ZpS-Chef Philipp Ruch, die Kameramenschen wie die Twitterer, die Dorfbewohner wie die Aktionstouristen. Alle Reaktionen und alle Reagierenden sind entsprechend von Anfang mitinszeniert, aber nicht alles ist dabei Theater. Björn Höcke ist uneingeschränkt ein Faschist und kein Opfer, und die Stelen stehen tatsächlich im Garten neben seinem Wohnhaus und nicht nur im Internet.

Das Verwirrspiel um die echten und die erfundenen Bestandteile der Aktion selbst drückt dabei jene allgemeine Verwirrung in moralischen wie ästhetischen Fragen aus, in die das ZpS selbst verwickelt ist. Am heutigen Freitag verschickte das ZpS eine Pressemitteilung, aus der hervorgehen soll, dass bei der behaupteten zehnmonatigen Überwachung Höckes "auf die Präsentation von billigstem Überwachungsspielzeug und lächerlichen Kostümen gesetzt wurde", diese also inszeniert gewesen sei. Aber gerade das hat reale Konsequenzen gehabt, wenn Höcke wiederum von Überwachungstechniken sprach, "die man als professionell bezeichnen muss" und er (auch) deshalb das ZpS als "terroristische Vereinigung" bezeichnete.

Offenbar war es dem ZpS wichtig, hier für Klarheit zu sorgen, also jene klare Linie zwischen Fiktion und Realität, Versteck- und Aufklärungsspiel zu ziehen, die die gesamte Aktion selbst gerade verwischt. Während Björn Höcke in die Fiktionalität flüchtet, um als "Landolf Ladig" rechtsextreme Texte zu publizieren, im Namen einer erfundenen Figur also ungefiltert seine echten politischen Überzeugungen zu formulieren, verlässt das ZpS die Bereiche des Ästhetischen, um ihre Absichten zu kennzeichnen, nämlich "mit Nazimethoden Nazis" zu bekämpfen.

Ein Leben "zerkrachen lassen"

Bloch hat einst geschrieben, es sei an der Zeit, "der Reaktion die Waffen aus der Hand zu schlagen", sprich die Bereiche der "Irratio" etwa ihr nicht zu überlassen. Und es scheint, als versuchten jetzt sowohl das ZpS wie die Höcke-Faschisten sich gegenseitig die Waffen streitig zu machen. Ist es so, leuchtet auch ein, dass Philipp Ruch die ZpS-Arbeit als "Handlungen mit moralischer Lichtintensität" bezeichnet hat, die am stärksten im Kontrast zur "Finsternis und Abgründigkeit der größten Verbrechen" zur Geltung kämen, weshalb Genozide das wichtigste Sujet darstellten. Und dass diese Arbeit unter dem Leitbegriff der Schönheit steht, die er in seinem Manifest Wenn nicht wir, wer dann? als das "Erdbeben unserer Existenz" beschrieben hat: Die Schönheit, mithin jede ZpS-Aktion soll "ein ganzes Leben zerkrachen lassen", solle als "ein Wagnis" für "risikobereite Seelen" begriffen werden, indem sie "elementar erschrecken" und moralisch wie ästhetisch "verzaubern". Die Aktionskunst im Dienst der Läuterung für die Ideale eines "aggressiven Humanismus".

An diesem Punkt treffen sich das Schönheits-, wie das Kunst- und Politikverständnis des ZpS irritierenderweise mit jenem der Identitären, wie es namentlich Martin Sellner in seinem kürzlich erschienenen Buch "Identitär! Geschichte eines Aufbruchs" geschildert hat. Auf diesen Zusammenhang hat Wolfgang Ullrich in einem bedeutenden Aufsatz hingewiesen und treffend von "unangenehmen Begegnungen" gesprochen.  "Mir graut es", schreibt Ullrich, "vor dem Moment, in dem sich die immersive Ästhetik, die bisher nur Gruppen wie das ZpS praktizieren, mit den essentialistisch-völkischen Angstszenarien der Identitären Bewegung verbindet. Mir graut es auch davor, dass das Schöne dann noch enger und selbstverständlicher zugleich das Gute sein soll und entsprechend alles, was nicht als schön und also auch nicht als gut empfunden wird, in seiner Existenz gefährdet ist." Und es ist in der Tat beunruhigend, wenn ein Rechtsextremer wie Sellner das ZpS als "Inspirationsquelle" bezeichnet. Das Grauen rührt aus der Furcht vor einem "lupenreinen Faschismus", vor einer Ununterscheidbarkeit, die Worte wie Faschismus selbst leer werden lassen.

Wechselwirkungen

Ist diese Furcht berechtigt? Hier lohnt womöglich ein Blick in die kürzlich erschienene, von Herfried Münkler betreute Dissertationsschrift Philipp Ruchs (Ehre und Rache. Eine Gefühlsgeschichte des antiken Rechts. Campus Verlag, Frankfurt/New York 2017, 437 S., 39,95 Euro). Es ist dies kein Buch über das ZpS, auch nicht über Schönheit und Politik, sondern über eine "Gefühlsgeschichte des antiken Rechts". Ruch untersucht dabei in aller wünschenswerten Detailliertheit einen zentralen Aspekt des antiken Rechtsverständnisses. Denn anders als das Gros der Forschung meint, sind Ehre und Rache für ihn keine Gefühle, die durch die Schaffung von Rechten und Rechtsinstituten überwunden wurden, sondern Produkte der Rechte selbst. Das gängige Bild will, dass Ehr- und Rachegefühle in "barbarischen", anarchischen Zeiten herrschten und von den (griechischen) Rechtsordnungen eingehegt wurden. Die Quellen sprechen allerdings (auch) eine andere Sprache. Wie Ruch verdeutlichen kann, sind Ehre und Rache in der Antike "tragende und tragfähige Fundamente des Politischen" selbst, eben weil es damit um Gefühle geht, die politisch, sprich rechtlich erst ermöglicht wurden.

zentrum fuer pol sch 3 560 ruben neugebauer uPhilipp Ruch mit der markanten Farbe im Gesicht bei einer älteren ZpS-Aktion © Ruben Neugebauer

Es spricht einiges für diese starke These. Irritierend (und irreführend) ist jedoch, dass Ruch der "alten" Kausalität (das Recht bändigt die Gefühle) schlicht eine "neue" entgegensetzt (das Recht schafft die Gefühle). Vielmehr ist hier wohl mit Wechselwirkungen zu rechnen: Recht und Gefühl sind gleichursprünglich, also dialektisch verschränkt. Dialektisch aber argumentiert er nicht.

Und was ist mit der Würde?

Vorschnelle Querverbindungen zum ZpS sollte man nicht ziehen. Wenn Ruch aber selbst davon spricht, dass er mit seinem Buch nicht nur die alte, sondern auch die eigene Zeit begreifbar machen will, wenn er sich zudem dem Rechtshistoriker Hermann Conrad – ab 1941 Professor in Marburg – anschließt, demzufolge die Vergangenheit "wertvolle Kräfte zum Aufbau der Gegenwart und Zukunft" berge – dann darf man durchaus Eckpunkte des geistigen Selbstverständnisses des ZpS erkennen. Denn unverkennbar geht es diesem auch darum, die Ehr- und Rachegefühle als wertvolle Kräfte zu mobilisieren, wovor man sich mit guten Gründen fürchten muss.

Während nämlich die Würde – als Nachfolgerin der antiken Ehre – als unveräußerliches Gut gelte, so Ruch, habe man die Ehre einst durchaus verlieren können, rächend allerdings auch wiedererlangen. Womöglich ist das Treiben des ZpS tatsächlich als Versuch zu verstehen, die Ehre gegen jene Würde zu setzen, deren Unantastbarkeit oft genug nur abstrakt gilt. Aber die Ehre als politischen Begriff wiederzubeleben, bedeutet eben auch auf Rache zu setzen, auf Kampf, am Ende immer auf Krieg.

Es scheint jedenfalls kein Zufall, wenn Ruch in der Einleitung behauptet, "die Visualisierung und Vermarktung der Ehre ist die zentrale Aufgabe der Künste". In sie wird entsprechend alles einbezogen, was visualisierbar und vermarktbar ist: vom Schnee bis zum Pressestatement.