Glaube, Liebe, Laber

von Frauke Adrians

Berlin, 2. Dezember 2017. Hoffnung? Für die, die Anne Habermehls Episodenstück "Outland" bevölkern, gibt es so etwas nicht, so sehr sie sich auch mit Glaube, Liebe etcetera abmühen. "Ich habe gegoogelt", ruft die Ethik-Expertin, deren Sohn vor Wochen spurlos verschwunden ist, "Männlichkeitsbilder, anale Phase, Suizidgedanken", ihre Hände greifen hilflos in die Luft. Wer heute Trost sucht und Sinn, der betet nicht, der googelt. Und erhält zu viel Antwort, was so viel heißt wie: gar keine.

Die Sprache ist Sound 

Obwohl kein Smartphone auf der Bühne auftaucht: "Outland", das die Autorin selbst in den Berliner Sophiensaelen zur Uraufführung bringt, ist ein Stück für die Google- und Facebook-Gesellschaft. Es beginnt mit einer Ich-Satz- und Phrasen-Kaskade, Bekenntnisse über Geständnisse wie in den Social Media: "Ich bin individuell." – "Ich bin ein globaler Mensch." – "Ich kann meine Familie ernähren." – "Das Leben ist kein Zuckerschlecken." Die Autorin inszeniert das wie eine Fuge, die vier Schauspieler variieren die Sätze in Tonfall und Tempo, fallen einander ins Wort, plappern hintereinander her, die Sprache ist nur noch Sound, inhaltsleerer Laber. "Ich mag Hunde und Kinder." – "Ich trinke Alkohol zur Entspannung." Und, giftig, gehässig: "Ich interessiere mich für bildende Kunst." – "Ich interessiere mich für andere Menschen." Ich texte, was Punkte bringt in meinem Persönlichkeitsprofil, ich lüge mir ein Ich zusammen. Alle senden. Keiner hört zu.

Sinfonie des Elends

Mit diesem Präludium setzt Anne Habermehl den Ton für ihre viersätzige Sinfonie des menschlichen und kommunikativen Elends. Ihre Figuren sind beklagenswert: die junge Frau (Anne Haug), vermutlich Autistin und zwangskrank, die nach vier Monaten gefeuert wird, weil sie nicht mehr zur Arbeit kam, "das Licht hat sie gestört", lamentiert der Chef (Ingo Tomi) höhnisch. Die Sechzehnjährige, die sich eine Zukunft mit ihrem holden Knaben im lockigen Haar ausmalt – Bühnenbildner Christoph Rufer bestreut den kahlen Boden mit Federn, in denen die beiden unschuldigen Engel sich wälzen wie nach einer Kissenschlacht -, nur, dass der Liebste dann von einem Hochhaus springt: schizophrene Psychose, die Stimmen haben es ihm befohlen. Dabei wollten sie doch zusammen gegen das System rebellieren und gegen die Pharmaindustrie, von deren Produkten der Junge jetzt abhängig ist in seinem Pflegebett. Das Leben schreibt schon miese Geschichten.

Outland2 560 Detlev Schneider xAnne Haug, Manfred Andrae, Sabine Waibel und Ingo Tomi. Vierstimmige Symphonie im Daunenfedernbühnenbild von Christoph Rufer  © Detlev Schneider
Und Anne Habermehl schreibt durchaus auch Klischees, aber man verzeiht sie ihr wegen ihrer schön lakonischen Sprache und ihrer hohen Kunst, den eigenen Text nicht bloß zu inszenieren, sondern unter Strom und in Musik zu setzen, unterstützt von ganz dezenten Einwürfen des Keyboards. Dritter Satz, hier wäre ein Scherzo fällig: die Ethik-Professorin (Sabine Waibel), die ein Gutachten zu der Frage erstellen und vortragen muss, wann ein Leben wirklich zu Ende ist, aber dieses grundstürzende Thema ist ihr null, nichtig und lebensfern, weil ihr Sohn nicht mehr da ist. "Keiner kennt die Grenze zwischen Leben und Tod", schreit die Mutter, und: "Es gibt keine Erlösung", weder bei Gott noch bei Google. Und dann steht der Sohn vor ihr, war halt irgendwie mal ein bisschen weg und sagt so Sachen wie "reg dich ab". Ein Scherzo, tatsächlich, für Sarkasten.

Stimmenglück

Die Sinfonie wäre stärker, wenn Anne Habermehl auf die Intermezzi verzichtet hätte; zwischen den vier Episoden greift sie die Phrasendrescherei des Präludiums immer wieder auf. Das dehnt das Stück unnötig aus; das Prinzip hat das Publikum gewiss schon beim ersten Mal verstanden. Andererseits ist es eine Freude, den Schauspielern zuzuhören, denn sie sind so gut aufeinander eingespielt wie ein Streichquartett, wenn sie einander die Statements zuwerfen und sich in den höheren Lagen bis zur Fortissimo-Schreierei steigern, untermalt von gelegentlichen, bedachten Einwürfen des Stimm-Cellisten Manfred Andrae.

Ihm gehört auch das melancholische Finale: ein alter Mann, der nicht begreift, warum seine Kinder und Enkel ihn in dieses Heim stecken konnten, der aber genau weiß, wie es dazu kam. "Keiner stellt eine Frage, keiner will eine Antwort in diesem Land." Solche Sätze zu sagen, ohne dass es larmoyant klingt, ist auch eine Kunst. Oder die wiederkehrende liebevolle Erinnerung an das kleine Mädchen, das die Tochter einst war. "Und hätte ich der Liebe nicht, so hätte ich nichts", sagt der Alte, während das Pflegepersonal die Federn – und damit die letzte Erinnerung an Engel und Kissenschlachten – zur Seite fegt. Wie Manfred Andrae das spricht, klingt das nicht kitschig, nicht frömmelnd und nicht wie hundertmal zitiert. Es klingt nach letzter Hoffnung.

 

Outland
von Anne Habermehl
Uraufführung
Regie: Anne Habermehl, Bühne: Christoph Rufer, Musik: Philipp Weber, Kostüme: Bettina Werner, Dramaturgie: Juliane Hendes, Licht und Technik: Joscha Eckert, Regie- und Produktionsassistenz: Sophie Krause.
Mit: Manfred Andrae, Anne Haug, Ingo Tomi, Sabine Waibel.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.sophiensaele.com

 


Kritikenrundschau

Nach der Stuttgarter Premiere dieser Koproduktion mit dem Theater Rampe schreibt Sabine Fischer in den Stuttgarter Nachrichten (4.11.2017). Das Stück werde "zum subtilen Mahnmal: Habermehls Figuren sind die Ungeliebten, die Zaudernden. Die, die es nicht geschafft haben. Auf der Bühne ist das teils clever umgesetzt: So dehnt 'Outland' seine oft performativ geprägten Szenen beispielsweise so lange aus, bis die bedrückenden Bilder zu einer so unangenehmen Dauerbelastung werden, dass man als Zuschauer am liebsten wegschauen und sich die Ohren zuhalten würde. Macht man ja schließlich so in dieser Gesellschaft. Oder?"

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