Ich frag doch nur

von Andrea Heinz

Wien, 5. Dezember 2017. Die Rollen fallen vom Himmel in Sara Ostertags Inszenierung von "Muttersprache Mameloschn" – oder zumindest vom Schnürboden des Wiener Kosmostheater. Ein Packen Papiere, auf denen etwa geschrieben steht: "Die Tochter". Oder: "Die Tochter der Tochter". Oder auch: "Das Kind des Kindes". Sasha Marianna Salzmanns Stück, 2013 mit dem Mülheimer Publikumspreis ausgezeichnet, erzählt von drei Frauen, und es erzählt vor allem davon, wie schwierig, wie kompliziert, wie schön es ist, eine Mutter zu haben, Mutter zu sein: Da ist die Großmutter Lin, KZ-Überlebende und überzeugte Kommunistin, die in die DDR ging, um dort einen sozialistischen Staat aufzubauen. Clara, ihre Tochter, die mit dem Kommunismus, dem Judentum, mit ihrer Mutter hadert. Rahel, die Tochter der Tochter, die nach New York gehen möchte und sich eher mit ihrer ganz privaten, nämlich ihrer sexuellen Identität beschäftigt als mit Ideologie oder Religion. Außerdem gibt es Davie, Rahels Zwillingsbruder, den die Familie an einen Kibbuz verloren hat. Und dann wären da noch: Wut, Schuld, Verletzungen und Vorwürfe, zu viel Reden, wo Schweigen angebracht wäre, und Schweigen, wo ein Wort helfen würde, außerdem eine ganze Menge Liebe und (Über-)Fürsorge – was es in Familien eben so gibt.

Muttersprache Mameloschn2 560 Bettina Frenzel uVier Müttertöchter: Suse Lichtenberger, Jelena Popržan, Michèle Rohrbach, Martina Rösler
© Bettina Frenzel

Vier Frauen stehen in Sara Ostertags Inszenierung auf der Bühne: Suse Lichtenberger, Jelena Popržan, Michèle Rohrbach und Martina Rösler, wobei die Bratischstin und Sängerin Jelena Popržan auch für die Musik zuständig ist. Die Frauen teilen sich, wie bei einer Familienaufstellung, in die drei Rollen, manche Passagen sprechen sie auch im Chor. Ein kluger, schlüssiger Regiezugriff, der auch auf der Bühne aufgeht. Schließlich steckt in jeder Mutter auch eine Tochter, jede Tochter ist zumindest eine potenzielle Mutter. Und jede gute Mutter- oder Tochterrolle hat ihre Formeln: "Ich frage doch nur." "Wenn ich reden wollen würde, würde ich reden." (An den Lachern im Publikum kann man sehr schön erkennen, welches die am weitesten verbreiteten Standardsätze sind.) Der Text erzählt auch davon, wie sich Sprach- und Denkmuster in Familien weitervererben, von den Müttern zu den Töchtern, auch wenn es keine sehen möchte.

Mutter-Tochter-Machtkämpfe

Genau, wie die Frauen ihre Rollen an- und ablegen, wechseln sie die Kostüme, die auf der Bühne herumliegen. Warum sie sich dann aber abwechselnd in das Maul eines Wales setzen, dessen riesiger Kopf einen großen Teil des Bühnenbildes bildet, bleibt rätselhaft. Gefilter Fisch? Oder Jona und der Wal? Überhaupt zerfasert der Abend mit zunehmender Länge. Immer wieder gibt es Tanzeinlagen, mal von allen Frauen, mal nur von Martina Rösler, die teilweise auch während der Dialoge der anderen Frauen tanzt. Man versteht den Gedanken dahinter, bei Mutter-Tochter-Beziehungen geht es schließlich immer auch, wenn nicht zuallererst um den Körper.

Muttersprache Mameloschn 560 Bettina Frenzel uAuf der Suche nach Schlagwörtern © Bettina Frenzel

Eindrücklich gezeigt wird das, wenn die Frauen plötzlich aufeinander losgehen und zu catchen beginnen – ein Kampf um Abgrenzung, um Macht, um Liebe. Aber insgesamt überfrachten die Choreografien den Abend. Statt die manchmal parallel dazu geführten Dialoge zu verstärken, lenken sie eher ab, nehmen ihnen ihre Energie. Eindringliche Passagen (von denen der Text einige hat) gehen beinahe unter im unruhigen Bühnengeschehen. Dort wird auch noch ein Vorhang mit einem "Wir" bestickt, werden riesige, mit Glühbirnen bestückte Lettern, die das Wort "Mutter" bilden, herumgeschoben, so dass sie mal das Wort "Mut" und mal das Wort "Me" bilden.

Bissiges Konversationsstück

Und so großartig und mitreißend die Musik von Jelena Popržan, so charismatisch sie als retro-schicke Sängerin ist, auch ihre immer wieder eingeschobenen Lieder nehmen dem Abend (gerade deswegen) ein Stück von der Kraft und Stringenz, die er hätte entwickeln können; auch sie lenken ab. Dass die Frauen schließlich Fetzen, auf denen etwa "Klassenkampf" oder "Nicht koscher" aufgedruckt ist, in einem Trog voller roter Farbe auswaschen und dabei einen jüdischen Witz singen, ist dann nicht nur etwas rätselhaft – es ist auch unnötig.

Muttersprache Mameloschn3 560 Bettina Frenzel uBlutige Katharsis? © Bettina Frenzel

Am besten ist der Abend, wenn die wunderbaren Schauspielerinnen ganz einfach nur spielen. Wenn etwa Michèle Rohrbach als melodramatische Großmutter und Suse Lichtenberger als nüchtern-praktische Mutter sich in Wortgefechten verkeilen, dann sieht man, was für ein furioses, bissiges Konversationsstück dieser Text sein kann. Diese Passagen bleiben hängen, sie machen den Abend aus. Alle weiteren Erklärungen und Ausdeutungen hätte man dann besser den Zuschauer/innen überlassen.

Muttersprache Mameloschn
von Sasha Marianna Salzmann
Regie: Sara Ostertag, Ausstattung: Nanna Neudeck, Musik: Jelena Popržan, Produktionsleitung: Daniela-Katrin Strobl.
Mit: Suse Lichtenberger, Jelena Popržan, Michèle Rohrbach, Martina Rösler.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.kosmostheater.at

 

Kritikenrundschau

"90 Minuten geballte Mutter-Tochter-Konfrontation, ohne Kitsch und Pathos", beschreibt Petra Paterno den Abend in der Wiener Zeitung (8.12.2017). "Die Sprechchorpassagen und der mehrstimmige Gesang stechen besonders hervor."

Michael Wurmitzer, er schreibt auf standard.at, der Online-Plattform des Wiener Standard (8.12.207), hat einen "bemerkenswerten Abend" gesehen. Zur Handlung baue Regisseurin Sara Ostertag "szenische Rätselbilder". Suse Lichtenberger, Michèle Rohrbach und Martina Rösler liefen "auf allen vieren über den Boden oder waschen Papierbögen in einem Trog blutrot". Mit den "Oberkleidern" wechselten sie "permanent" die Rollen. Lob für Schauspierlerinnen, Regisseurin und die charismatische Jelena Poprzan, die die Musik anführe, in die das Stück "eingesponnen" sei.

Heinz Wagner schreibt auf kurier.at, der Online-Plattform des Wiener Kurier (9.12.2017): "Humorvoll", "teils bitterbös", "sehr assoziativ und vor allem höchst musikalisch" sei "Muttersprache – Mameloschn" am Kosmostheater, eine "zeit- und ortlose Suche nach der eigenen – auch sexuell orientierten - Identität einer jungen Frau". Jelena Popržan erzeugt mit Spezialbratsche und Geige die "passenden klanglichen Atmosphären der Stimmungen zwischen den handelnden Frauen".

 

 

Kommentar schreiben