Postfaktische Textparade

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 7. Dezember 2017. Kein Verschwörungstheoretiker hätte sich das besser ausdenken können. Dass US-Präsident Donald Trump ausgerechnet am Premierentag von "Gog/Magog 3: Israel" Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkennt, also einen Brandbeschleuniger ins Feuer des Nahostkonflikts schmeißt – denn genau darum geht es der Performance-Gruppe Internil im Berliner Theaterdiscounter im dritten Teil ihrer vierteiligen Serie "Gog/Magog".

Das Kriegs-Feuer ist hier zunächst als Lagerfeuer verkleidet, an dem klampfend der Singer-Songwriter Brandon Miller sitzt; auf einem Rollpodest wird die idyllische Szenerie in den Raum gefahren, in dem sich das Publikum auf weißen Papphockern verstreut hat, die zum Mitnehmen sind, damit die Blickrichtung sich am Zickzack des Geschehens immer wieder neu ausrichten kann, was schwindlig machen soll und macht.

GogMagog 560a NilsBroeer uPropaganda-Performance mit Papphockern: "GogMagog 3: Israel" © Nils Bröer

"Gog/Magog", der Titel der von einer Doppelpass-Förderung finanzierten Serie, die mit dem Kriegsschauplatz Ukraine startete und über Syrien nach Israel reiste, bis sie nächstes Frühjahr in Europa enden wird, bezieht sich auf einen Mythos, der sich sowohl im jüdischen Tanach als auch im christlichen Alten Testament und später im Koran findet, allerdings in unterschiedlichen Ausformungen. Im Tanach ist Gog ein in Magog lebender Fürst; im Alten Testament sind Gog und Magog zwei Völker; und im Koran zwei Kämpfer. Gemeinsam haben sie, dass sie Agenten der Apokalypse sind, die Schöpfung auslöschen und, erst nachdem sie ihre Mission vollendet haben, selbst vom Schöpfer vernichtet werden.

Politische Propaganda, physisch geprüft

Internil haben sich apokalyptisch anstecken lassen und suchen in aktuellen Kriegen und Konflikten nach Agenten von Gog/Magog, die durch rätselhafte Leichenteile mensch-tierischer Mischwesen auf im Raum verteilten Leuchttischen symbolisiert werden, die sich die drei Performer*innen zum Schluss an ihre blütenweißen Kostüme schnallen. "Desinformationskampagne" nennen Internil ihr Genre und hauen dem Publikum die Narrative der Konflikt-Parteien um die Ohren, dass ihm Hören und Sehen vergeht – auf dass es anfange zu denken.

Allein wer die Konflikt-Parteien überhaupt sind, ist ja in der globalisierten Welt immer schwerer auszumachen, und zum Thema Israel hätten Internil noch viel mehr Perspektiven ausbreiten können, belassen es aber dabei, neben Israelis und Palästinensern nur Deutsche zu Worte kommen zu lassen, also den Bogen nach Berlin zu schlagen. Im dortigen Theaterdiscounter wettert nun also Arne Vogelgesang als Reichsbürger: "Wir sind keine Nazis, wir sind Deutsche!" Ziel seines akuten Hasses sind "die Muslime", aber die ahistorische Willkür seiner Begrifflichkeiten lässt die hässliche Fratze des Antisemitismus schon hinter seinen Äußerungen hervorlugen.

Internil bedienen sich für ihre Performances aus einem riesigen, selbst aufgebauten Archiv politischer Propaganda, die sie im Internet aufspüren. Sie übersetzen die politischen Erzählungen, die vom Vortrag des ehemaligen israelischen Außenministers bis zur wirren Verschwörungstheorie reichen, ins Theater, indem sie sie verkörpern. Die Performer*innen Marina Miller Dessau, Hori Izhaki und Arne Vogelgesang synchronisieren stumm ablaufende Videobilder, überprüfen ihre Texte also sozusagen physisch, verfremden sie gleichzeitig zur besseren Analysierbarkeit, indem sie sie neu kontextualisieren.

Postfaktische Allianzen, performativ herauspräpariert

So entstehen erhellende Momente, etwa wenn Hori Izhaki als rassistischer Rabbi jüdische Mädchen davor warnt, sich mit muslimischen Männern einzulassen, weil die die missionarische Absicht hätten, Israel zu islamisieren und es außerdem naiv sei, nicht zu denken, dass jeder von ihnen ein Terrorist sein könnte. Kurz fällt Izhaki aus der Rolle und merkt privatim – als Israeli – an, dass solche Ansichten in Israel keineswegs ungewöhnlich seien. Schon hat sich Marina Miller Dessau gegenüber in Positur geschmissen, sie tritt mit einer Hassrede von der jährlichen Al Quds-Demo in Berlin für den Antisemitismus an ("Israel ist ein Krebsgeschwür, die Zionisten werden uns alle vernichten!"). Selten sieht man die Fronten und ihre ideologische Energieversorgung so klar und so direkt nebeneinander – wie die Positionen ästhetisch weitergetragen werden, demonstriert im Folgenden ein wildes Mash-Up politischer Musikvideos, in denen israelische und Rapper aus arabischen Ländern sich vom Beat zu Mission Statements antreiben lassen.

GogMagog 560 NilsBroeer u Hass und Idylle im Kontrast © Nils Bröer

Postfaktische Allianzen werden offengelegt, die Selbstinszenierung als Opfer auf allen Seiten in Wort und Bild präsentiert, und bevor der Zuschauer ein Kontextschleudertrauma hat, tritt wieder Brandon Miller mit seiner Gitarre auf und schwingt sich in seinen Liedern auf beruhigend metaphorische Ebenen. Seine Poesie ist weise-tröstend, was als ästhetische Aussage ja auch schon wieder seine Untiefen hat.

Positionen, die auf eine kollektive Identität zurückfallen

In der ersten Folge, "Gog/Magog 1: Ukraine", bestand ein Hauptreiz darin, dass man als Zuschauer gebeten war, sich frei zwischen mehreren Stationen, also Erzählweisen zu entscheiden – und schnell auf sich selbst zurückgeworfen wurde, gezwungen war, seine eigenen Voreinstellungen zu reflektieren. Schon in der zweiten Folge (Syrien) begannen Internil die Anarchie abzuschaffen, indem sie die Zuschauer geordnet von Station zu Station rotieren ließen. Jetzt suchen sie in Folge 3 mit immer nur einem Handlungsschauplatz den großen Bogen, was dramaturgisch nur bedingt funktioniert, weil es ja dann doch gebrochen wird durch den ständigen Perspektivwechsel der Performer*innen und des Publikums, das sich immer wieder umsetzen muss, um sie zu sehen.

Aber zum Schluss rutschen Internil den Bogen elegant runter, wenn Marina Miller Dessau als "Breaking the silence"-Aktivist eine sehr lange, emotionale Rede hält über die Erfahrungen im israelischen Wehrdienst und die Entscheidung, über die Verbrechen der Armee an den Palästinensern zu sprechen. Beinahe vermutet man schon, Internil hätten sich entschieden, am Tag #Jerusalem doch selbst Position zu beziehen und sich vom apokalyptischen Gedankenspiel zu verabschieden. Doch dann unterbricht Arne Vogelgesang Marina Miller Dessau und sagt, als er selbst, "als Deutscher": Selbst wenn diese Geschichte wahr ist, sie funktioniert vor allem deshalb so gut, weil der Erzähler die Leidensschreie seiner (Holocaust-Überlebenden) Großmutter mit den Leidensschreien der palästinensischen Mutter gleichsetzt, deren Sohn von israelischen Soldaten erschossen worden ist. Das, so sagt Vogelgesang und so endet der Abend, ist ein Holocaust-Vergleich, und das geht für ihn gar nicht. Luzide wird damit das Grundmuster des Abends, der sämtliche Positionen, die er präsentiert, im Endeffekt zurückfallen lässt auf eine kollektive Identität – deren Natur zu erforschen einem hier Werkzeug an die Hand gegeben wird.

 

Gog/Magog 3: Israel
Musik: Brandon Miller, Multimedia: Christopher Hotti Böhm, Ausstattung: Moran Sanderovich, Licht: Robert Wolf
Mit: Hori Izhaki, Marina Miller Dessau, Arne Vogelgesang.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.internil.net
www.theaterdiscounter.de

 

 
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