Wolkenwechsel

von Christian Rakow

Potsdam, 9. Dezember 2017. So schön sahen die in den 80ern aber nicht aus! Wie diese Männer hier, die in ihren Anthrazitanzügen lässig auf das Bühnenpodest gleiten, auf eine Discofläche aus Walnussholz mit eingelassenen Leuchtplatten. In den 80ern kamen Anzugträger ja eher steif und schultergepolstert daher, wie die werten Herrn von Spandau Ballet oder wie Bryan Ferry.

Das wäre es dann aber auch schon mit der Kritik an diesem Abend. Denn was hier in der Reithalle des Potsdamer Hans Otto Theaters läuft, hat Hitpotenzial, mindestens für ein junges Publikum. "Skizze eines Sommers" nach dem Coming-of-Age-Roman von André Kubiczek erzählt mit großer Schauspielpräzision von Ferien 1985 und von den immergrünen und immer wahren Irrungen und Wirrungen der ersten Liebe.

Dekadentes Zeug

Es ist das Heimspiel schlechthin. Kubiczek, selbst gebürtiger Potsdamer, hat seine Geschichte hier vor Ort angesiedelt. Der Held und Ich-Erzähler René hat sieben Wochen sturmfrei, weil sein Vater in außenpolitischer Mission nach Genf unterwegs ist. Eigentlich fühlen sich René und seine Freunde von Melancholie befallen, sie schwärmen für "Baudelaire, Sartre und Konsorten", also das ganze "dekadente" Zeug, das man in der DDR nur unter dem Ladentisch bekam. Aber dann kitzelt es sie doch, und René bändelt mit Mädels an, dass man mit dem Zählen kaum hinterher kommt.

Ein Hauch von J.D. Salingers "Fänger im Roggen" weht durch Kubiczek Prosastil, ein bisschen von Nick Hornbys Mix-Tape-Poesie ist auch dabei. DDR-Zeitgeschichte kommt eher als Hintergrundrauschen rein; dass René am Ende des Sommers ins DDR-Kadetteninternat eingezogen wird, liegt wie eine leise Moll-Note unter dem Finale. Auch die literarische Beschäftigung der Helden wird nicht unbedingt in großen Gesprächen ausgearbeitet, sondern genügt als angedeutetes Attribut. Macht alles nix. Man liest trotzdem gern über diesen René in Schwarz, mit dem Kajalstrich und den versteckten Tränen in den Augen und The Cure & Co. im Sharp GF-555-Kassettenrecorder.

skizze eines sommers2 560 HL Boehme uSie brauchen Platz zum Dancen: Steven Sowah (Mario), Frederik F. Günther (René), Sarah Schulze Tenberge (Bianca), Clara Mariella Sonntag (Connie), Dominik Matuschek (Michael), Tom Böttcher (Dirk) © HL Boehme

Regisseur Niklas Ritter versucht in der Potsdamer Reithalle denn auch gar nicht, die 80er Jahre umständlich zu rekonstruieren. Er schneidet schnell und punktgenau. Seine Spieler – allesamt Studierende der Filmhochschule "Konrad Wolf" aus Potsdam-Babelsberg – sind Typen von heute. Ihr Sprechen geht frontal nach vorn oder locker über die Schulter. Frederik F. Günther legt seinen René deutlich abgeklärter und selbstsicherer als in der Buchvorlage an; mit Pumuckl-Wuschelkopf statt Existenzialisten-Tolle. An seiner Seite brilliert Steven Sowah als Womanizer Mario, der mit beiläufigen, oft nur angedeuteten Gesten ganze Szenen aufreißt und ausbalanciert.

Nichts verschenkt

Überhaupt steckt in dem Studierenden-Ensemble eine geballte Ladung Schauspielversprechen. Keine Nebenrolle ist verschenkt, nirgends wird chargiert oder überzuckert. Renés Sidekicks Michael und Dirk, die man sich gut als Flaneur-Version von Pat und Patachon vorstellen könnte, kriegen bei Dominik Matuschek und Tom Böttcher in aller Verspanntheit ihre eigene Würde.

In den Frauenentwürfen gönnen sich Ritter und sein Ausstatter Bernd Schneider dann doch ein wenig Zeitreise in die Welt der Cindy-Lauper-Frisuren und -Kleider. Darstellerisch bleibt’s reine Gegenwart. Da trifft René auf die angehende Friseuse Bianca alias "die Arbeiterklasse", die bei Sarah Schulze Tenberge herrlich pragmatisch den Snobismus von Renés Freunden kontert. Clara Mariella Sonntag weiß ihrer tendenziell gemütsfrohen Schneiderin Connie eine leise Trauer unterzumischen, wenn sich Lover Mario von ihr abwendet. "Ah, is bitter", kommentiert eine namenlose Tänzerin (Amina Merai) in der Disco Marios Seitensprung. Quasi: Schluck‘s runter, stirbst nicht. Humor ist, wenn man trotzdem datet.

skizze eines sommers1 560 HL Boehme uJunge Liebe: Frederik F. Günther (René), Lilly Menke (Victoria) © HL Boehme

Und dann die beiden, um die Renés Sinnen vor allem kreist: die weltschönste Victoria, der er so wundervoll seine Liebe gesteht: "Du bist die Frau, die niemals zur falschen Musik tanzt." Und Lilly Menke als Victoria nimmt’s mit Fassung, schenkt ihre Zuneigung nicht in rauen Mengen, sondern in feiner Dosis. Ihr Gegenpart ist die Künstlertochter Rebecca, ein Fan der Einstürzenden Neubauten, in zerrissener Strumpfhose und Lederjacke. Die reifste Figur, bei Amina Merai so geheimnisvoll wie zielstrebig, erfüllt von einer Schwermut, die wachsen wird.

"Ich liebe die Wolken", sagt Der Fremdling im gleichnamigen Gedicht von Baudelaire, das sich René für sein Credo auserkoren hat. Sein Sommer, überhaupt das Leben, ist Wolkenwechsel. "Ich könnte ewig hier so sitzen", sagt Victoria, und René erwidert: "Und in ein paar Minuten ist alles schon wieder vorbei ..., wie ein Stück Zucker, das sich in Wasser aufgelöst hat. Und nichts kann uns diesen Moment wieder zurück bringen ...". Ein Satz wie fürs Theater gemacht, für die vergänglichste Kunst von allen. Geht also hin, greift den Moment, lasst ihn vergehen! Keine Tränen. Boys don’t cry von The Cure läuft zum Finale. Und alle tanzen – in den Applaus hinein, der nicht länger lebt als eine Wolke. Aber auch nicht kürzer.

 

Skizze eines Sommers
nach dem Roman von André Kubiczek
Regie: Niklas Ritter, Bühne und Kostüme: Bernd Schneider, Musik: Jan Kersjes, Dramaturgie: Nadja Hess.
Mit: Frederik F. Günther, Steven Sowah, Dominik Matuschek, Tom Böttcher, Clara Mariella Sonntag, Lilly Menke, Sarah Schulze Tenberge / Annalena Thielemann, Amina Merai.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.hansottotheater.de

 

Kritikenrundschau

Die pointierte Bühnenfassung folge dem Ansatz des Romans: "Sie bleibt nah, ganz nah bei den Jugendlichen, die sie beschreibt" so Lena Schneider in den Potsdamer Neuesten Nachrichten (11.12.2017). Einen Tick zu gut verdaulich schnurre diese 'Skizze eines Sommers' vorbei. Was dennoch über die jugendlichen Verliebtheiten, die Posen der Coolness und Intellektualität hinausweise und hängen bleibe: "Wie schnell, unwiederholbar die Zeit, in der das Leben noch skizzenhaft vor einem liegt, vorbeigeht – egal, wo man diese Zeit erlebte."

"Das Flirren des Sommers, das geht etwas unter in dieser trotzdem sehenswerten Coming-of-Age-Geschichte mit Happy End", schreibt Stefan Kirschner in der Berliner Morgenpost (11.12.2017). "Erzählt wird die Geschichte konsequent aus der Perspektive der Jugendlichen, die Erwachsenen bleiben Karikaturen."

Den Schauspieler*innen unterliefen leider so viele Unschärfen, Schludrigkeiten und Patzer, dass die Vergegenwärtigung der 80er Jahre in ästhetischer Hinsicht gescheitert sei, so Karim Saab in der Märkischen Allgemeinen Zeitung (11.12.2017) "Das beginnt damit, wie die Jugendlichen tanzen. Auf der Bühne geben sie sich meist ekstatisch wie Rocker, nicht wie Automaten, die ruhig, elegant und nach Innen gekehrt ihre Runde ziehen. Nur die Choreographie im Schlussbild orientiert sich hier an einem Original." Jugendlichen von heute sei das dergleichen aber sicher herzlich egal. "Sie erleben eine Aufführung, in der es vor allem darum geht, an welchen Typen von Menschen man gerät, wenn man zum ersten Mal küsst, sich verliebt oder sogar eine Beziehung eingeht." Dank einiger Regieeinfälle von Niklas Ritter bleibe bei der Umsetzung des Romans das Theater nicht auf der Strecke.

"Angenehm nah am literarischen Text bewegt sich die Szenenfolge, ganz ohne Videokamera-Nahaufnahmen, Gezappel und Geschrei", schreibt Frederik Hanssen im Tagesspiegel (12.12.2017). "Quatschen, diskutieren, flirten, viel mehr passiert nicht." Viel mehr müsse auch nicht passieren, um diesen Sommer der emotionalen Aufbrüche für alle Beteiligten unvergesslich zu machen. "Ob diese szenische 'Skizze eines Sommers' Jugendlichen- oder Erwachsenentheater ist? Beides natürlich: Zuschauern, die noch in der Selbstfindungsphase stecken, bieten sich hier jede Menge Identifikationsmöglichkeiten."

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