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Schokomänner und andere braune Hohlkörper

von Esther Slevogt

12. Dezember 2017. Wahrscheinlich haben sie längst davon gehört. Ich bin in diesem Jahr zum erstem Mal darauf gestoßen: auf den Kampf gegen die Islamisierung des Schokoladenweihnachtsmanns. Und zwar vor einigen Wochen, als ich plötzlich durch die sozialen Netzwerke das immer gleiche Foto geistern sah, das Tausende besorgter Bürger*innen in ihren jeweiligen Supermärkten aufgenommen haben wollten, um einen Skandal zu dokumentieren. Auf dem Foto ausschnitthaft zu sehen: Weihnachtsmänner aus Schokolade in einem Supermarktregal, die aber auf dem Preisschild nicht mehr als Weihnachtsmänner ausgewiesen sind. Sondern als "Jahresendfiguren", zweineununddreißig das Stück.

Ein "unverschämtes Beispiel der Islamisierung"?

"Klasse, Lindt feiert einen sensationellen Bruch mit westlicher Tradition! Die erste 'Jahresendzeitfigur' ist auf dem Markt. Wenn Lindt Traditionen mit Füßen tritt, dann sollten wir das auch tun: Kaufen wir doch einfach keine Produkte mehr von dieser Traditionsfirma!“, tobten also bald en masse besorgte Verbraucher*innen. "Das ist ein unverschämtes Beispiel der Islamisierung! Da wird die 2000 Jahre alte Geschichte des Weihnachtsmannes, der mit den Heiligen Königen nach Bethlehem kam um dem Herodes († im März 4 v. Chr. in Jericho) zu huldigen doch in den Dreck gezogen. Wo ist da die Gewerbeaufsicht?", postet da beispielsweise ein gewisser Hans B. auf der REWE-Facebook-Seite, wo das Foto auch geteilt worden war. Der Weihnachtsmann in Bethlehem?

kolumne 2p slevogt"Sollte das stimmen können die sich ihre Jahresendfigur sonstwohin stecken", zeterte Susha F. über den vermeidlich islamisierten Schokoladenmann. "Naja ... So weit hergeholt ist das nicht ...", so die Einlassung einer weiteren Schokoladenweihnachtsmannsliebhaberin. "Wir haben auf der Firma auch keine Weihnachtsfeier mehr sondern eine Jahresabschlußfeier (Kein Witz!) Aber vllt hat das auch keinen muslimischen Hintergrund (oder was auch immer), sondern es bezieht sich auf das Gewicht des Menschen ... Wenn man zuviel davon isst hat man dann das Gegenteil von der Sommerfigur... also die Jahresendfigur. :-)" "Ich tippe eher auf Photoshop. Erstens ist die Schriftgrösse im Vergleich anders und auch die Schriftart. 'Jahresendfigur' ist deutlich größer geschrieben und die Linienstärke ist dicker", wusste wiederum ein anderer kluger User. "Damit hat es jemand gemacht und lacht sich nun halbtot über die Deppen, die da Amok laufen." Und tatsächlich: das Foto wurde am Ende als Fälschung entlarvt.

Der Kampf ums Zipfelmännchen

Keine Fälschung ist der Schokoladenmann, der bereits seit einigen Jahren zu Beginn der einschlägigen Jahresszeit im Angebot des Discounters Penny erscheint: eine in Glitzerpapier verpackte gartenzwergartige "Schokohohlfigur" (so der Branchenbegriff), die als "Zipfelmännchen" ausgewiesen ist. "Ich fühle mich als Christ von Euch diskriminiert!", postete ein Kunde empört auf der Facebook-Seite von Penny und forderte seinen Nikolaus zurück. "Ich verstehe gar nicht, was die Besorgtis gegen den Zipfelmann haben. Es ist nur ein brauner Hohlkörper, wie sie selbst", postete ein anderer zurück. Und so geht das jetzt schon seit Jahren.

"Das Zipfelmännchen ist eine Schokohohlfigur ohne jede politische und / oder religiöse Aussage", erklärt das Social Media Team von Penny immer wieder stoisch, um der aufgebrachten Kundschaft nichtsdestotrotz zu versichern: "Der Weihnachtsmann bleibt weiterhin unangetastet an seinem prominenten Platz in unseren Märkten. Im Zeitalter von Schoko-Bären, Schoko-Autos oder sogar Ü18-Artikeln aus Schokolade ist jeder Versuch einer politischen Vereinnahmung völlig absurd und mindestens genauso hohl wie eine Schokoladenfigur." Gegen die immer wieder aufbrausenden Shitstürme in den sozialen Medien hilft das wenig. Im Übrigen möchte ich allen, die sich immer noch über das Kommentarwesen auf nachtkritik.de echauffieren, einmal empfehlen, in den Kommentaren auf den Facebook-Seiten unserer Handelsketten zu stöbern.

Der Kritiker als Troll

Mitten in den Volkszorn hinein präsentiert Penny in diesem Jahr zum Fest der Liebe lauter zwinkernde Regenbogenzipfelmänner, Stückpreis Ein Euro Neunzehn: "Unser neues Design steht für Vielfalt, Toleranz und Liebe! Ab Montag und nur für kurze Zeit findet ihr die neuen Zipfelmänner in eurem PENNY Markt! #RegenbogenLiebe #Zipfelmann #erstmalzuPENNY #seidliebzueinander", spülte das Social Media Team von Penny dazu als begleitendes Statement in die sozialen Netzwerke. Das überhaupt in der Rolle des Trolls im rechten Diskurs sich immer wieder in die Debatten einmischt, rechte Posts schlagfertig und oft sehr komisch pariert, und insgesamt eine ziemliche virtuose Subversivität bei der Unterwanderung fauler Diskurse an den Tag legt, die auch für die Zukunft der Kritik wegweisend werden könnte: der Kritiker als Troll. Ein Troll, der Wahnsysteme zum Implodieren und Meinungsblasen zum Platzen bringt. Damit nicht weiter braune Hohlkörper wie Schokoladenweihnachtsmänner aus dem Boden wachsen und den Zuckerspiegel unserer Bevölkerung in immer ungesundere Höhe treiben. Frohe Weihnachten.

 

Esther Slevogt ist Redakteurin und Mitgründerin von nachtkritik.de und außerdem Miterfinderin und Kuratorin der Konferenz Theater & Netz. In ihrer Kolumne Aus dem bürgerlichen Heldenleben untersucht sie: Was ist eigentlich mit der bürgerlichen Öffentlichkeit und ihren Repräsentationspraktiken passiert?

 

Zuletzt schrieb Esther Slevogt in ihrer Kolumne über die Kampagne zur Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in der Schweiz.