Porno auf Distanz

von Elisabeth Nehring

Berlin, 13. Dezember 2017. Allein steht sie im großen Saal der Volksbühne. Die strenge schwarze Hose und das weiße Hemd hat Mette Ingvartsen längst abgelegt; ihre Stimme, eine Weile im abgedunkelten Bühnenraum das einzige Präsente, hat nun einen Körper bekommen. Nur durch ihre Erzählungen lässt die Performerin in unseren Köpfen Bilder und Geschichten erstehen: Es geht eine marmorne Treppe hinauf, hinein in ein prächtiges Herrenhaus, in dem sich eben jene Szenen abspielen, mit denen dieses Solo als Teil der Serie "Red Pieces" betitelt ist: "21 pornographies".

Zugleich Subjekt und Objekt des Begehrens

In ihrer kühl kontrollierten Art zitiert Mette Ingvartsen, die vom Team Dercon von Anfang an als eine der zentralen Künstler*innen-Positionen benannt wurde, aus Marquis de Sades "Die 120 Tage von Sodom", v.a. aus den sogenannten "einfachen Passionen", in denen junge Frauen und Männer benutzt und gequält werden, sich ausziehen und einer Gesellschaft Libertins präsentieren müssen, Fäkalien auf einem Löffel serviert bekommen oder Urin trinken müssen. Stets mit klarer Stimme, ohne Emotionalisierung, sachlich, distanziert, aber auch ein bisschen delikat fasst Ingvartsen als Conférencière des Abends de Sades Phantasien zusammen, manövriert sich wie eine Stewardess gestisch durch den Raum, wobei sich verbale und physische Darstellung zunehmend verschränken, etwa wenn es heißt, eine Frau solle "ihr bestes Stück" zeigen und Ingvartsen kurz die Hose herunterzieht.

RedPieces2 21pornographies 560 Jens Sethzman uSieht auf den ersten Blick aus wie Striptease, seziert dabei aber denkbar kühl pornografische
Mechanismen: Mette Ingvartsen in ihrem Solo "21 pornographies"  © Jens Sethzman

In diesen Momenten verkörpert die Performerin zugleich Subjekt und Objekt dieses befremdlichen Greisenbegehrens – und hält sich doch das alles durch die diversen Meta-Ebenen der vielfachen Erzählperspektiven – im wahrsten Sinne des Wortes – vom Leib. Auch im weiteren Verlauf des 70-minütigen Solos wahrt sie stets Distanz zum Gegenstand ihres Stücks: gänzlich ohne Requisiten spielt und erzählt sie Porno- und Kriegsfilmdrehs nach und führt schlechte Animationstänze auf, wobei die eingenommenen sexualisierten Posen ausschließlich der körperlichen Illustration dienen.

Mette Ingvartsen bleibt mit ihrem im November auf Pact Zollverein in Essen herausgekommenen Solo auf der Ebene der Lecture Demo, wobei sich, trotz aller Souveränität, ihre Präsenz im herausfordernden Bühnenraum der Volksbühne zunehmend verliert. Ihre kühl manipulierende Inszenierung, die nichts mit Emotionalität oder Sinnlichkeit zu tun hat, spiegelt und illustriert pornografische Mechanismen. Einzig am Schluss verlässt Ingvartsen ihre strategische Distanzierung: zu wummernden Bässen und quälend hell flackernden Lichtern dreht sie sich scheinbar endlos um die eigene Achse – über den Kopf eine Kapuze gezogen, in den hoch erhobenen Händen eine Leuchtstoffröhre. Die grausamen Folterbilder aus Abu Graib werden in dieser sinnlich donnernden Szene aufgerufen, in der pornografische Sex- und Gewaltphantasien ins eins fallen. Doch dass Ingvartsen dazu keinen Abstand einnimmt, sondern im Gegenteil die Wirkung dieser Bildlichkeit bis zur visuellen und akustischen Überwältigung steigert, befremdet.

Kein Fitzelchen Haut

Im zweiten Teil dieses langen, dreiteiligen Abends zeigt die dänische Choreografin "to come (extended)" – eine zuerst beim diesjährigen Steirischen Herbst präsentierte Gruppenarbeit, mit der sie an ein eigenes Stück von 2005 anknüpft. 15 Performer in türkisfarbenen Ganzkörperanzügen räkeln sich auf der Bühne – eine lebende Skulptur vor knallig weißem Hintergrund. Kein Fitzelchen Haut ist zu sehen, denn nicht allein die Körper, sondern auch die Köpfe sind vom Stoff maskiert. Hervorstehende Hüftknochen und Brüste, spitze Rippen und runde Pobacken sind die einzigen individuellen Merkmale dieser ansonsten völlig anonymisierten Figuren.

Mal langsam, dann wieder abrupt, aber immer geräuschlos wechseln sie Konstellationen und Posen; ekstatisch und zärtlich, ruppig und kuschlig schmiegen und halten sie sich, spreizen die Beine, bringen Köpfe vor Hüften oder knien erwartungsvoll vor- und hintereinander. Ein ständig wechselndes, skulpturales Bild menschlicher Sexualität, das in seiner eigenartigen, befremdlichen Schönheit gerne im Gedächtnis geblieben wäre, hätte es nicht zwei weitere Szenen gegeben. Wenn sich die Tänzerinnen und Tänzer aus ihren Anzügen schälen, um nackt und im Kollektiv einen Orgasmus zu simulieren (oder besser: zu exerzieren) und anschließend eine Weile gekonnt und launig Lindy Hop tanzen, blitzt die sehnsüchtige Erinnerung an Herbert Fritschs herrliche Tanztheater-Veralberungen auf. Doch im Gegensatz zu Fritschs genialen Sinnfreiheiten will einen bei "to come (extended)" weder Sinn noch Unsinn so richtig anspringen.

RedPieces3 to come 560 Jens Sethzman uVon befremdlicher Schönheit: Völlig anonymisierte Figuren bilden Skulpturen menschlicher Sexualität © Jens Sethzman

Im Anschluss an die beiden Aufführungen hielt – korrespondierend zum Filmprogramm – auf der von Mette Ingvartsen eingerichteten "Permeable Stage" die Theoretikerin Petra von Branbandt einen Vortrag über "Wet Aesthetics" und den Unterschied zwischen feministischer und Mainstream-Pornografie – auf jeden Fall interessant, aber leider viel zu spät für einen Großteil des Publikums, das auch zuvor den großen Saal nur zu zwei Dritteln füllte. Mette Ingvartsens Lust an kombinierter Sinnlichkeit und Intellektualität hat an diesem Abend nicht wirklich gegriffen – und wird die Volksbühne nicht aus jenem tiefen Brunnen ziehen, in den sie vor mehr als zwei Jahren gefallen ist.

 

Red Pieces
von Mette Ingvartsen

21 pornographies
Solo Performance von und mit Mette Ingvartsen
Konzept / Choreografie / Performance: Mette Ingvartsen, Licht Design: Minna Tiikkainen, Sound Design: Peter Lenaerts, Set: Mette Ingvartsen & Minna Tiikkainen, Dramaturgie: Bojana Cvejic
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten

to come (extended)
Konzept / Choreografie: Mette Ingvartsen. Licht Design: Jens Sethzman, Musikalisches Arrangement: Adrien Gentizon, Set: Mette Ingvartsen & Jens Sethzman, Kostüme: Jennifer Defays, Dramaturgie: Tom Engels, Lindihop Lehrer: Jill De Muelenaere & Clinton Stringer.
Mit: Johanna Chemnitz, Katja Dreyer, Bruno Freire, Bambam Frost, Ghyslaine Gau, Elias Girod, Gemma Higginbotham, Dolores Hulan, Jacob Ingram-Dodd, Anni Koskinen, Olivier Muller, Calixto Neto, Danny Neyman, Norbert Pape, Hagar Tenenbaum ; Ersatz-Performer*innen: Alberto Franceschini & Manon Santkin
Dauer: 1 Stunde

The Permeable Stage
Late-Night-Vortrag / Filmprogramm
(Lecture am Tag der Premiere:) von Petra Van Brabandt: Wet Aesthetics: To Heat By Melting
Konzept: Mette Ingvartsen, Vorträge: Petra Van Brabant, Melanie Richter-Montpetit, Austin Gross and Marie-Luise Angerer, Dramaturgische Beratung / Moderation: Bettina Knaup, Filmkuration: Giulio Bursi and Mette Ingvartsen, Filme: Barbara Hammer, Peggy Ahwesh, Paolo Gioli, Kerstin Cmelka, Carolee Schneemann, VALIE EXPORT, Paul Sharits, Takahiko Iimura, Anja Czioska, MM Serra, Matthias Müller, Jerry Tartaglia, Natalie Harran, Mara Mattuschka, Tony Wu, Making Maps, Karel Quinstrebert, Naomi Uman, Kurt Kren, Anita Thacher, Dietmar Brehm, Maurice Lemaitre

www.volksbuehne.berlin

Kritikenrundschau

Verstörend sei Ingvartsens Stück nicht, schreibt Sandra Luzina im Tagesspiegel (14.12.2017). "Ärgerlich dafür der Schluss, wenn sie sich mit schwarzer Kapuze um die eigene Achse dreht und dabei eine Neonröhre in die Höhe hält: eine Anspielung auf das Foltergefängnis Abu Ghraib. Doch hier findet nur eine Ästhetisierung von Gewalt statt. Infernalische Musik und Lichtblitze machen die Szene fürs Publikum zu einer Tortur." Auch 'To Come (Extended)' kommt bei Luzina nicht gut weg: "Zu sehen ist eine gut geschmierte Körpermaschine. Sinnlich ist die kombinatorische Fantasie nicht."

"Nach anfänglichen, bewusst dürftigen Illus­trationen verselbständigen sich Klang und Bewegung. Nicht nur eine Neonröhre wird anal eingeführt, sondern damit auch ein anderes Referenzsystem", schreibt Astrid Kaminski in der taz (14.12.2017). Deutlich werde damit dennoch nicht wie die Verschränkung der Ästhetiken funktionieren solle. "Ist das De-Sade-Setting das Imperium, das es durch queer-feministische Empowerment-Praktiken zu erobern gilt? Die sich verselbstständigende Illustrationsebene der Anfang eines neuen Verflüssigungsprozesses? Oder wird gerade dieser Versuch von Ingvartsen zynisch belächelt?" Vielleicht wolle sie genau diese Ambivalenz nicht auflösen. "Wenn sie am Ende in Abu-Ghraib-artiger Maske einen Spiraltanz in virtuosester Derwischtanz-Technik hinlegt, wird noch einmal alles ineinandergewirbelt. Dass dabei doch noch ein Sog entsteht, eine Energie, die anstachelt, die nach Mehr schreit, könnte Teil des Problems sein."

"Ingvartsens Solo '21 pornographies' findet an keiner Stelle zu einer überzeugenden Haltung", bemängelt Dorion Weickmann in der Süddeutschen Zeitung (14.12.2017). Ihre Verrichtungen blieben Verlegenheitslösungen, "bohren sich nie unter die Oberfläche des Geschehens und gehen deshalb nie unter die Haut". Die Performance 'to come (extended)' habe immerhin Witz. "Trotzdem kann derlei Kunstgewese kaum die Zukunft des Tanzes sein. Und auch nicht die der Volksbühne."

"'21 ponographies' spiegelt die verlogene grausame Geilheit der Mächtigen und des Militärs und den Missbrauch einer Prostituierten." Ironisch illustriere Ingvartsen das von ihr Erzählte, so Ute Büsing vom RBB (14.12.2017). "Immer düsterer und gegenwärtiger werden Erzählung und tänzerische Umsetzung über den Zusammenhang von Pornoposen, Macht und Marktmechanismen." Büsing schließt: "Das Problem: Die Volksbühne wirkt viel zu groß für Ingvartsens intime Kunst."

 
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