Wedekinderparty

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 15. Dezember 2017. Fangen wir anders an. Nicht mit dem Naheliegenden wie am Düsseldorfer Schauspielhaus, wo man Frank Wedekinds "Frühlings Erwachen" das Pubertier aufbindet. Dabei liegt ein anderer Gedankensprung nicht fern: zwischen der Friedhofsrede des sich selbst aus der Welt schießenden Moritz Stiefel und der namenlosen Künstlerfigur in Rainald Goetz’ "Jeff Koons", die von der Clubnacht müde und im Herzen wund, zeigt, dass Irre-Sein und Ekstase nur ein anderer Ausdruck sind für die Verführung zur Verneinung. Beide schürfen im "Bergwerk der Seele" (Goetz). Beide sind Untote eines Nachtgesangs. Nahezu ein Jahrhundert trennt die jeweils zeitdiagnostischen Stücke, die wiederum ihr erbitterter Humor eint. Eine Woche trennt die Inszenierungen beider Stücke am Düsseldorfer Schauspielhaus. So funktionieren dramaturgische Dialoge.

Lebenskummer

Verbindung könnte die Verzweiflung stiften. Ein junges Team um das Ensemble-Mitglied André Kaczmarczyk hat "Jeff Koons" in einem privaten Museum als Parcours durch dessen Gegenwartskunstsammlung inszeniert, ahnungsvoll aber ein romantisches Künstlerdrama entdeckt und in erkenntnisklaren Momenten eine Liturgie der Melancholie zelebriert.

In "Frühlings Erwachen" – Produktion der "Bürgerbühne" am Schauspielhaus, also dem partizipativen Modell mit Laien unter Profi-Anleitung – lässt sich die rührende wie beklemmende sexuelle Unbedarftheit der wilhelminischen Epoche kaum zu uns hinüberretten. Oder doch? Denn die Gruppe der 11- bis 18-Jährigen kommt eigentlich überhaupt nicht klar mit dem Anforderungskatalog und Anspruch an sexuelle Kompetenz und dem Widerstreit von Maß und Maßlosigkeit, Grenze und Entgrenzung, like and dislike.

FruhlingsErwachen2 560 Sandra Then u"Frühlings Erwachen": Im Widerstreit von "like" und "dislike" Jonas Neubauer, Jakob Schiefer
©  Sandra Then

Etwas anderes aber lässt sich transponieren: der bei Wedekind beinahe unsagbare, mit einem "Golgatha"-Vergleichsbild prägnant gefasste Lebenskummer. So absolut leidet nur Jugend. Moritz Stiefels Gemütsverdunkelung führt ihn, mit einem schmerzempfindlichen Monolog, in die endgültige "Loslösung". Das Gefühls-Resultat gleicht sich: im Überfluss oder Mangel. Dem 'zu viel' an Energie und Entladung bei Rainald Goetz; dem 'zu wenig' an Erfüllung und Entlastung bei Wedekinds Jugend ohne Gott.

Mit Reclam und Smartphone in der Zwischenzone

In den Spalt zwischen diesem 'zu viel' und 'zu wenig' klemmt sich Joanna Pramls Inszenierung. Sie wendet dabei einen abgenutzten Konstruktions-Kniff an: Während der Geburtstagsparty für Jakob (mit elf jetzt in der Zwischenzone, denn mit dem ersten Smartphone ist das reine Kind-Sein vorbei, doch was danach passiert, noch nicht klar) zieht Jonas das Reclamheft hervor. Er, der andere Moritz Stiefel in seinen Versagensängsten, der statt sich die Rübe wegzuschießen, letztlich lieber zum Schokokuss greift, braucht Hausaufgabenhilfe bei der Lektüre ("nein, kein Gartenbuch – es geht ums Ficken") und den Lehrstoff-Fragen zu Wendla, Melchior und überhaupt – was soll das ganze Drama? "Fuck you, Wedekind". Lieber will die Clique – "krass" und "fett" soll’s schon auch sein – nachts ins Freibad einbrechen.

Im letztjährigen "Sommernachtstraum" der jungen Bürgerbühne, der dem 'erwachsenen' Düsseldorfer Intendanz-Start etwas die Show gestohlen hatte, wurden schon Irrläufe der "Scheiß-Liebe" verfolgt und wurde die Fremdsprache des eigenen Körpers ausbuchstabiert. Verwandtes ist bei dem antibürgerlichen Sitten-Richter Wedekind zu finden, der Emphase für die Katastrophen des Fühlens aufbringt und moralische Zwänge grell ahndet.

Auf Umwegen balancierend

Zunächst werden hier die Pubertiere von der Leine gelassen, die als "Generation Null" zahmer ist, als unsereins meint, und wild vor allem bei Aktivitäten in den sozialen Netzwerken. Dass sie alle, selbstverordnet, ihre Handys abgeben, ist fast die größte Malaise. Der Rand des Nervenzusammenbruchs, auf dem der Untertitel balanciert, erweist sich als Tellerrand des Selbstreferentiellen, über den zu Wedekind herüber seltener geschaut wird. Aber dieses Defizit ist ihnen bewusst und bringt die selbstkritische Einsicht: "Kann es sein, dass in einem Stück aus dem 19. Jahrhundert mehr passiert, als in meinem Leben?"

FruhlingsErwachen3 560 Sandra Then uViel Diskurs, weniger Drama mit Ahmed Shmouki, Lilli Reents, Jonas Neubauer  © Sandra Then

So wie die Kids dem Stück aus dem Weg gehen, um über Umwege wieder drauf zu stoßen, tut es auch die Aufführung. Mehr Rahmen, weniger Motiv. Viel Diskursebene, weniger Drama, das immer nur punktuell in die konkrete Situation zurückfindet, um sich gegen Ende nahezu postdramatisch aufzulösen und Identifikationen dran zu geben. Gelegentlich überblenden die Personen, Konstellationen und Konflikte aus "Frühlings Erwachen" und erreichen dann – freimütig und unverstellt dank der Akteure – die Stoff-Nähe. Michael will einfach nur raus aus der Sache, Ahmed malt sich einen schwulen Kussmund, Rosa träumt sich ins Abseits, Jonas’ Sterben scheint echt. Dann stehen plötzlich vier besorgte Mütter auf der Matte, mehr oder minder verständnisvolle Vertreterinnen des Realitätsprinzips und kundig psychologischer Terminologie, die es sich gemütlich machen in ihren Jugenderinnerungen und mit einiger pädagogisierender Absicht ins Spiel gebracht sind.
Der Grundton der Inszenierung ist lange zu aufgekratzt, um an die Substanz zu gehen. Dass sie im Finale charmant den Dreh in die Selbstironie findet und das "vermummte" Ja zum Leben mit Pop und Flitter feiert, soll sein. Dass dafür Wendla, Moritz, Melchior und Hänschen Rilow dran glauben mussten, will dennoch nicht unbedingt einleuchten.

 

Frühlings Erwachen – Ein Abend mit Jugendlichen und Eltern am Rande des Nervenzusammenbruchs
nach Frank Wedekind
Regie: Joanna Praml, Bühne und Kostüm: Jana Denhoven / Inga Timm, Musik: Hajo Wiesemann, Dramaturgie: Dorle Trachternach.
Mit: Michael Bayen, Eftalya Aylin Cinkilinc, Marie Eick-Kerssenbrock, Pauline Encke, Nathalie Heiligtag, Pavel Kovalenko, Jonas Neubauer, Ruth Neuhaus, Lukas Pitz, Lilli Reents, Jakob Schiefer, Rosa Schulz, Özden Senarslan, Ahmed Shmouki, Fynn Steiner, Ute Katharina Tillmanns, Alana Lu Wendsche, Chen Ya.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten ohne Pause

www.dhaus.de

 

Kritikenrundschau

Das eigene Erleben der Spielerinnen und Spieler spiele die Hauptrolle auf der Bühne, so Peter Claus in Fazit auf Deutschlandfunk Kultur (15.12.2017): Die Spielerinnen schlüpften momentweise in die Wedekindkindfiguren und brächten ihre "eigenen Erfahrungen, ihre eigenen Fragen" ein. Vor allem die Frage: "Wie kann ich mir meinen persönlichen Stellenwert in dieser mehr und mehr von sozialen Medien dominierten Gesellschaft erobern?" Formal handele es sich um Monologe und Dialoge, auch "sehr verrückte, schnelle, laute Szene", überwiegend aber handele es sich um leise Szenen, die an manchen Stellen "zutiefst anrühren". Die jungen Leute rissen sich scheinbar das Herz aus beim Spielen und weil es auch um den Dialog zwischen den Generationen gehe, bestünde für den älteren Zuschauer ganz schnell die Möglichkeit, sich "einzubringen" und über sich selbst nachzudenken. Und das sei ja "das Tolle", wenn Theater dies schaffe.

Marion Troja schreibt in der Westdeutschen Zeitung (18.12.2017, online 5:05 h): Regisseurin Joanna Praml lasse die Jugendlichen, die "vor Energie und Spiellust zu platzen scheinen", in ihren Alltagsrollen auftreten. Alle mit Handy. "Voll krass" hätten sich die Jugendlichen benommen "und das voll krass genossen", das spüre man. Es sei eine Stärke der Bürgerbühnen-Produktionen, "Menschen mit ihren Lebens-Geschichten in den Mittelpunkt zu stellen". Näher ran gehe kaum, auch wenn Shakespeares Sommernachtstraum besser funktioniert habe als Wedekinds Kindertragödie.

Regina Goldlücke schreibt auf RP-online (18.12 2017, online 00.00 Uhr): Auch für ihre zweite Inszenierung für die Bürgerbühne habe Joanna Praml ein Stück gewählt, dass "die Lebenswelten junger Laien-Darsteller mit einem Klassiker" verwebe. Die Inszenierung greife Zitate aus Wedekinds Skandal-Stück auf, verweigere sich aber seiner "bitteren Konsequenz". Kein Selbstmord, "kein Mädchen ist schwanger und kommt bei einer Abtreibung ums Leben". "Glaubhaft" dargestellt jedoch: "Jugendliche zwischen 13 und 18 befinden sich in einem Niemandsland und sind zutiefst verunsichert". Es mache Freude, die "14 frisch und munter aufspielenden Jugendlichen mit ihren Ängsten, Träumen und Sehnsüchten" zu erleben.

 

 

 

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