Odyssee der Gefühle

von Dieter Stoll

Nürnberg, 16. Dezember 2017. Die Drehbühne führt bei diesem kleinteilig großspurigen Stück mit jeder Runde vorbei an der beschworenen Patenschaft von Schnitzlers "Reigen", dem Sittenbild von vorgestern. Schlaue Dramaturgen haben auch Ingmar Bergman und seine "Szenen einer Ehe" zum näher liegenden Zweit-Gutachter für "Die Wiedervereinigung der beiden Koreas" erklärt, Joël Pommerats Zwischenbilanz von heute. In der Nürnberger Inszenierung, der vierzigsten und letzten von Klaus Kusenberg als Schauspieldirektor von 18 Spielzeiten, mag man es jenseits solcher Behauptungen etwas rätselhafter.

Da sieht das Publikum auf Ayse Özels rotierender Szene ein rundum verpacktes Klettergerüst, den kleinen Christo für alle Fälle, und einen aufleuchtenden Kubus wie in Kubricks "Odyssee im Weltraum". Um ihn versammeln sich am Ende die Schauspieler, ganz wie die Zuschauer, eher staunend als wissend.

Kunst-Verpackung

Auf den Metaphern-Witz des Titels, der als Anleihe aus einem Dialog-Nebensatz die Reparaturfähigkeit von Liebesdefekten schlichtweg bestreitet, mag man zu Zeiten weltpolitischer Großmaul-Duelle selbst bei gerafftem Humor gar nicht mehr aufspringen. Egal, für den Erfolg dieser 2013 in Paris uraufgeführten und sich seither durch Europas Spielpläne windenden Dramoletten-Girlande vom längst mit "La Révolution #1 - Wir schaffen das schon" in der nächsten Runde bestsellernden Joël Pommerat, braucht es die gequälte Irritation sowieso nicht.

WiedervereinigungKoreas1 560 Marion Buehrle uBühne verpackt, Humor gerafft: Adeline Schebesch, Mareile Blendl in "Die Wiedervereinigung der
beiden Koreas" © Marion Bührle

Das Miniaturen-Mobile bietet in seinen ständig auf Schock-Temperierung achtenden Stimmungs-Wechselbädern mit 19 gehobenen Sketch-Formaten für 51 Rollen (in Nürnberg gerecht auf zehn starke Akteure verteilt) handwerklich geschickt konstruierte Anlässe zwischen Gelächter und Grübelei.

Melancholisch oder philosophisch?

Man sieht, und das bleibt die einzige stabile Verbindung untereinander, Episoden des Scheiterns und Liebes-Beziehungen beim Absturz. Die lamentierende Putzfrau, deren Lover über ihrem Kopf baumelt, neben zickenkriegerischem Hochzeits-Jux und seltsam anrührender Skizzierung von Demenz im Beziehungsstress (großartig: Adeline Schebesch und Michael Hochstrasser). Abrupte Wendungen wie die bemerkenswert frontal getroffene Hysterie um einen Lehrer, der seinen Beruf liebt und schon deshalb der Pädophilie bezichtigt wird (ein gelungener Drahtseilakt von Heimo Essl) oder die naive Liebesbereitschaft einer Behinderten, der ein Arzt den Traum ausreden will (die beste von mehreren punktgenauen Auftritten von Josephine Köhler).

WiedervereinigungKoreas2 560 Marion Buehrle uBeziehungen auf Hausschuh-Stimmung gedimmt © Marion Bührle

Manches davon wirkt wie ein Dramen-Entwurf, und wäre es bloß Anschauungsmaterial für Yasmina Reza, anderes wie Raubkunst aus dem Fundus bekannterer Titel, wenn Albees kinderloses Ehepaar aus "Virginia Woolf" einer Ehrenrunde als Lachnummer ausgesetzt wird.  Die Frage, ob es sich bei Pommerts Stück um entfesselte Melancholie oder gedeckelte Philosophie handelt, schwebt über diesem Universum, wo man zur Odyssee dann doch bloß im Stauraum der Gefühle kreist. Der Autor als Schöpfer hat hier weniger mit der Erschaffung als mit der Portionierung der Welt zu tun.

Komödiantische Energie

Die Schlusspunkt-Inszenierung von Klaus Kusenberg ist typisch für seine langjährig solide Arbeit vor Ort, die von der Hollywood-Adaption des "Urteil von Nürnberg" über den "Fränkischen Jedermann" des Fitzgerald Kusz und die "Rocky Horror Show" bis zum "König Lear" nichts fürchtete. Ein Abenteurer war er auch diesmal nicht. Einerseits ist seine Regie ganz auf die komödiantische Energie des erstklassigen Ensembles gebaut, andererseits aber arg vorsichtig bei der Umsetzung ausgereizter Absurditäten, weil er die aktuelle Bestandsaufnahme des Utopie-Projekts "Liebe" weder dem Drama noch der Groteske billig verkaufen will.

Zwar nimmt er, wenn Pommerat den Clown macht, auch Klamauk-Rutschpartien lustvoll in Kauf, aber die Hingabe gehört dem Schatten hinter dem Irrwitz - selbst dort, wo der Autor nur Nebel produzierte. Aber auf der Bühne konkurrieren die Spuren von Christo und Kubrick prächtig, die verpackten Gerüste bewahren als verschnürter Kletterparcours mit Untergrund ihr Geheimnis fast so gut wie der leuchtende Kubus, dem bloß der überwölbende Walzer fehlt. Es gab langen Beifall, sogar Bravo-Rufe. Jetzt ist Kusenberg in Nürnberg nur noch Direktor.

 

Die Wiedervereinigung der beiden Koreas
von Joël Pommerat
Regie: Klaus Kusenberg, Bühne: Ayse Özel, Kostüme: Bettina Marx, Musik: Bettina Ostermeier, Licht: Tobias Krauß, Dramaturgie: Jascha Fendel.
Mit: Mareile Blendl, Josephine Köhler, Bettina Langehein, Nicola Lembach, Adeline Schebesch, Heimo Essl, Michael Hochstrasser, Janco Lamprecht, Stefan Lorch, Marco Steeger.
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.staatstheater.nuernberg.de

Kritikenrundschau

Das Stück sei vielleicht kein Stück, aber haarsträubend komisch, schreibt Wolf Ebersberger in der Nürnberger Zeitung (18.12.2017). Es gehe ironisch und flott mit den traurigen Fakten des Lebens und der Liebe um. Auch die Macht des Theaters werde hier noch einmal von Klaus Kusenberg beschworen, "ganz ohne Anstrengung: zauberhaft leicht, gestochen klar, fast jugendlich".

Mal tragisch, mal komisch – Liebe im Labor, fasst Steffen Radlmaier das Stück in den Nürnberger Nachrichten (18.12.2017) zusammen. Alle Schauspieler seien auf ihre Weise großartig, schreibt er. Kusenberg beweise als Regisseur sein psychologisches Fingerspitzengefühl. Radlmaier schließt mit einem generellen Lob: "Das wahre Verdienst seiner fast zwei Jahrzehnte währenden Tätigkeit als Schauspiel-Chef ist der Aufbau und die Führung eines ausgezeichneten, vielseitigen Ensembles."

"Das Schauspiel war unter Kusenberg ästhetisch viel zu brav, viel zu rechtschaffen korrekt. Und das Ensemble, Kusenbergs Ensemble, in seiner Gesamtheit viel zu wenig faszinierend", blickt Egbert Tholl von der Süddeutschen Zeitung (19.12.2017) auf die Ära Kusenberg in Nürnberg zurück. Dieser könne zwar tolle Spielpläne machen, "aber er ist kein Künstler". Konkret über den Abend schreibt Tholl: "Je nach Lage der Aufführungsrechte sollte man einfach manche Szenen rausschmeißen, die völlig nutzlos sind, und sich anderen ausführlicher widmen. Aber Kusenberg, dessen beste inszenatorische Ergebnisse im Bereich des Well-made-plays liegen, inszeniert die Szenensammlung einfach runter wie sie ist, einige schöne Momente entstehen, weil sie sich nicht verhindern lassen." Von den Schauspieler*innen lobt Tholl ausdrücklich Mareile Blendl, Heimo Essl und besonders Josephine Köhler.

 

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