Lang lebe Babylon Berlin

von Elena Philipp

Berlin, 17. Dezember 2017. Alles Fake: Die Möbel aus Pappe und Sperrholz, perspektivisch verzerrt oder zweidimensional wie im Comic. Wenn Türen knarren oder Korken ploppen, kommt der Sound vom Band. Kaffeekannen können singen, Bäume zwitschern wie Vögel. Und die Schauspieler*innen mit den schwarz umrandeten Stummfilmaugen chargieren, dass es eine Freude ist. Reines Als-Ob und dick ausgestellter Theaterzauber – "Alles Schwindel" ist ein Weihnachtsmärchen nach Hauptstadt-Art. Eine 86 Jahre alte Berliner Revue, die der Regisseur Christian Weise und sein Musikalischer Leiter Jens Dohle mit den Mitteln der Komödie im Gorki Theater neu auf die Bühne bringen. Die These: Ähnlich flimmernd-fragil wie damals ist Berlin auch heute.

Komponiert hat die Berlin-Burleske Mischa Spoliansky, eine der prägenden Figuren der Theater-, Revue- und Kabarettszene in den 1920er und 30er Jahren: Neben Max Reinhardt und Friedrich Hollaender gehörte er zum Kabarett Schall und Rauch; Marlene Dietrich wurde in einer Spoliansky-Revue für den "Blauen Engel" entdeckt; er schrieb Lieder für die bisexuelle Anita Berber und komponierte "Das lila Lied" als eine Hymne für Homosexuelle. "Alles Schwindel" war 1931 seine dritte Zusammenarbeit mit dem Autor Marcellus Schiffer, und obgleich die musikalisch verbrämte Geschichte denkbar simpel ist – Junge trifft Mädchen, einige Verwicklungen, mögliches Happy End –, ist sie nicht einfach zu erzählen: Das Doppel- bis Dreifachbödige ist einer Schwindelstory eingeschrieben.

Schauspieler spielen Schauspieler, die Bäume spielen

Er und Sie lernen sich per Anzeige kennen. Annonciert wird singend, vor einer 360-Grad-Montage historischer Berlin-Bilder: Als perfektes Match trifft der Unternehmenserbe Tonio Hendricks (Jonas Dassler) die Unternehmertochter Evelyne Hill (Vidina Popov). Doch halt, Lüge! Er ist Chauffeur und heißt Artur Henschke, sie ist ein Mannequin namens Erna Schmidt. Bei einer kessen Autopartie mit Unfall kommt's heraus. Auf der Leinwand im Bühnenhintergrund zieht eine gemalte Landstraßenszenerie vorbei, Evelynes Haare sind ein horizontal festgespraytes Wehen, die vier Reifen des sperrhölzernen Rolls-Royce werden bei jeder quietschenden Kurve manuell in Schräglage gebracht – und als der Wagen den Baum (Aram Tafreshian) trifft, drehen sich die Farben auf der Leinwand in einen bunten Strudel, es knallt und pengt, das Auto fällt auseinander, und die Reifen fliegen, fest in Schauspieler*innenhand, bis zur Rampe. Dort wippt bei Tonios verzweifelten Reparaturversuchen der ramponierte Kühlergrill als DIY-Requisit auf Federn – "Eigentlich gehört mir der Wagen gar nicht – ich bin nur mehr so der Chauffeur von dem Wagen!" –, und Evelyne, die Tonio leider keine 30.000 Mark leihen kann, weil sie nur Erna Schmidt ist, steckt sich statt der blonden Locken verwuscheltes Haar ans Haupt und beklagt die Risse im heimlich aus dem Warenhaus geborgten Abendkleid.

allesschwindel2 560 ute langkafel maifoto uSchnell weg hier! Im Vordergrund das Paar Hochstapler, Vidina Popov und Jonas Dassler.
© Ute Langkafel/Maifoto

Druckvoll auf Komödie gebürstet schreitet die Handlung voran. Running Gags etablieren sich, wie Oscar Olivos pointierte Publikumsadressen – "My name is Oscar. I'm gay. And single. I'm really happy to play a tree in Berlin". In der Röhre im Bühnenhintergrund, die wie ein Kameraobjektiv gestaltet ist, rutscht, stolpert, stürzt das Ensemble in schönster Herbert Fritsch-Manier durch den fast dreistündigen Abend. Outrieren und Slapstick sind ein Muss. Manches Mal ist das brüllend komisch, auf die Dauer hat es seine Längen. "Leicht zu sein, das ist gradezu furchtbar schwer!" – mit dieser Zeile hat Marcellus Schiffer einen Wahlspruch fürs komische Fach getextet.

Musik schmiegt sich an Plot

Immerhin sorgt die Musik für Kurzweil. Drei Männer mit melancholischer Miene und Melone beziehungsweise Zylinder bedienen in den beiden Orchesterversenkungen auf der Bühne Bass, Schlagzeug, Vibraphon und Piano – Jens Dohle und seine Musikerkollegen Falk Effenberger und Steffen Illner. Da Spolianskys Partitur im Krieg zerstört wurde, haben sie sich seine Songs auf Grundlage des Klavierauszugs zu eigen gemacht. Ein Hauch Cool Jazz weht durch die Arrangements, dann wieder schmelzt der Synthesizer schmerzhaft süßlich. Die Instrumentierung sorgt für Komik oder Illustration: Blockflöten begleiten den ulkigen Tanz der Chausseebäume ums Unfallpaar; im "grausig bürgerlichen" Pinke-Keller mit Halbweltpersonal wird ein rauchig-wildes Saxophon-Solo eingespielt; die Orgel dröhnt zur piekfein-verlogenen Verlobungsfeier, bei der Evelyne und Tonio eine "zufällig" in ihre Hände gelangte Perlenkette verhökern wollen.

allesschwindel1 560 ute langkafel maifoto uBerlin als Sündenpfuhl mit Amüsemanggarantie © Ute Langkafel/Maifoto

Mit dem Titelsong, der Gassenhauer-Qualitäten hat, endet das Experiment Revue am Gorki. Belohnt wird es mit Jubel an Applaus. Aber was ist mit der behaupteten Aktualität? Evelyns Wutrede, in der sie den exaliert entsetzen Verlobungsgästen falsches Getue vorwirft, wirkt so zeitlos wie unspezifisch. Wenn durch das Verwirrspiel um Schein und Sein der Ministerialrat Steffenstädt (Johann Jürgens) marschiert, mit Hitlerbart und Herrenmenschen-Gebrüll – "Schließt euch an, / Unsrer Gemeinschaft an" –, ist das eine übliche Lesart der 30er, die auf eine diffuse heutige Furcht rekurriert: Schwindelt allen, liegt Extremismus nahe. Das wirkt etwas kurz gesprungen. Warum nicht einfach eine Revue rekonstruieren? Der Behauptung aktueller Relevanz hätte es nicht bedurft.

Alles Schwindel
von Mischa Spoliansky und Marcellus Schiffer
Regie: Christian Weise, Musikalische Leitung und Arrangements: Jens Dohle, Text: Marcellus Schiffer, Musik: Jens Dohle, Falk Effenberger, Steffen Illner, Bühne & Video: Julia Oschatz, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Frank Schönwald, Choreografie: Alan Barnes, Dramaturgie: Ludwig Haugk, Musikalische Einstudierung & Korrepetition: Mark Scheibe, Licht: Jens Krüger, Ton: Hannes Zieger, Video: Jesse Jonas Kracht.
Mit: Mareike Beykirch, Alexander Darkow, Johann Jürgens, Jonathan Kempf, Jonas Dassler, Svenja Liesau, Oscar Olivo, Vidina Popov, Catherine Stoyan, Aram Tafreshian, Mehmet Yilmaz.
Dauer: 2 Stunden, 45 Minuten, eine Pause

www.gorki.de

 

Kritikenrundschau

"Ein enormes Vergnügen" bereitete der Abend Patrick Wildermann vom Tagesspiegel (19.12.2017). Im tollen expressionistischen Bühnenbild von Julia Oschatz lasse Weise das Ensemble nach Herzenslust überagieren, kalauern, Augenrollen. "Der Stil ist Herbert-Fritsch-mäßig, ohne ihn zu kopieren. Christian Weise schafft seinen durchaus eigenen Irrsinn." Dazu passten aufs Beste die Kostüme, die zwischen Smoking-Fatsuit und knalliger Travestie changierten: "Sehr lustig, sehr gay."

"Eine lustige Revue, ein lustiges Stück, auch toll für die Schauspieler", lautet Tobi Müllers Urteil auf Deutschlandfunk Kultur (17.12.2017). "Die historischen Bezüge seien hingegen etwas überzogen. "Ich würde dem nicht diese politische Tiefe zuschreiben." Als Spiegel für das heutige Berlin tauge die Inszenierung nur teilweise.

Eine "verrückte Welt aus Kopie, Parodie, Slapstik und heißer Luft", einen "gnadenlos auf Unterhaltsamkeit getrimmten Theaterstile-Zirkus" besuchte Doris Meierhenrich von der Berliner Zeitung (18.12.2017). Weise nehme den 'Schwindel' nicht zuerst als Ausdruck der Undurchschaubarkeit von Wahr und Falsch, deren wüster werdende Instrumentalisierung die Weimarer Republik mittlerweile wieder ans Heute anschließe, sondern eher kinetisch: "als Verlust des Gleichgewichts, 'Vertigo'". Heraus komme ein "beschwipstes Silvester-Spektakel, das am besten rutscht mit zwei Sekt intus".

Weise habe leider die Angewohnheit, keine Blödel-Idee auslassen zu können. "Schiffers und Spolianskys Revue besitzt eine elegante Leichtigkeit, einen heiteren Wortwitz. Weises Humor dagegen hat so viel Leichtigkeit wie der Schlag eines Holzhammers", so Barbara Behrendt im Kulturradio (18.12.2017). "Der Abend ist mehr als Comic denn als Revue angelegt." Man habe viel zu gucken, swinge mit der Musik und werde zumeist gut unterhalten. "Nicht mehr, aber auch nicht weniger."

Mit "hoher Gewinnwahrscheinlichkeit" sei die Revue am Gorki inszeniert, aber es fehle ein wenig an Leichtigkeit und Geschmeidigkeit, befindet Roland H. Dippel in der neuen musikzeitung (20.12.2017). Im Vergleich der Gorki-Version und der Semperoper-Inszenierung bemerkt er, dass man in Dresden an den langen Dialogszenen zwischen den Musikstücken gescheitert sei. "Dank der Vielfalt seiner Spieltechniken hat das 'Gorki'-Ensemble keinerlei Schwierigkeiten damit." Christian Weise interessiere sich "für die Automatismen des gesellschaftlichen und intimen Verkehrs": für Glaubwilligkeit und Glaubwürdigkeit im Spiel der (erschwindelten) Identitäten. Anfangs sei der "Amüsierfaktor" hoch, doch die "kantige Choreographie von Posen und Requisiten" werde irgendwann "zur bleischweren Bürde". Jonas Dassler jedoch wachse in der Rolle des Artur/Tonio "über sich hinaus und in eine fast chaplinesk anmutende Musicalsouveränität hinein".

"'Ein Wun­der – Wun­der – Wun­der – Wun­der / Wun­der­voll', schwär­men sich ein­mal Eve­ly­ne und To­nio an, und das trifft die­se Auf­füh­rung ge­nau", ist Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (23.12.2017) beschwingt. In sei­ner "hin­rei­ßend ko­mi­schen In­sze­nie­rung" nutze Christian Weise den Schwin­del als Stil­prin­zip und mache die Zu­schau­er zu Kom­pli­zen für einen "akus­tisch kom­plett durch­ge­dreh­ten Abend".

 

Kommentar schreiben