Herr Müller kneift

von Anne Peter und Christian Rakow

Berlin, 21. Dezember 2017. Es ist ein bewegter Dezember für Michael Müller, den Regierenden Bürgermeister von Berlin. Er hat mit seinem Kabinett gerade den Doppelhaushalt für 2018/2019 verabschiedet, in dem die Investitionen um 4,5 Milliarden Euro steigen (der Kulturetat um rund 175 Millionen Euro für beide Jahre). Prima! Und er trägt weiter schwer an der Bürde des BER, der Flughafenruine Berlin-Brandenburg, deren Eröffnung sich nach neuesten Schätzungen auf 2020 verschiebt. Betrüblich. So liegen Jubel, Schimpf und Schande oft nahe beieinander in der Politik.

Quereinsteiger für das modernste Stadttheater der Welt

Es gibt noch eine weitere Bürde, die Michael Müller (SPD) zu tragen hat, die allerdings, anders als die Dauerbaustelle BER, Folge seiner eigenen Entscheidung ist. Sie datiert aus dem Jahr 2015, als Müller Bürgermeister und Kultursenator war (eine Ämterverschmelzung, die er von seinem Vorgänger Klaus Wowereit übernahm, als er ihn mitten in der Legislaturperiode beerbte).

Im April 2015 berief Müller den namhaften Museumsleiter Chris Dercon in die Intendanz der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Mutig. Das Haus galt unter Langzeit-Intendant Frank Castorf als Beispiel für "das modernste Stadttheaterkonzept der Welt mit einem riesigen Ensemble frei assoziierter Künstler, das von einem Hochleistungs-KBB gemanagt wurde" (O-Ton Thomas Oberender, Chef der Berliner Festspiele). Die Leitung eines solchen Highend-Apparats einem Quereinsteiger zu übertragen, war kühn, womöglich tollkühn. Zumal Dercon als Programmdirektorin Marietta Piekenbrock engagierte, die sich ihre Meriten in temporären Festivals wie der Ruhrtriennale erworben hatte. Mit Stadttheatern, also Ensemble- und Repertoirehäusern, war sie bis dato so wenig wie ihr Chef betraut.

100 Jahre Volksbuehne Bankett 560 Thomas Aurin hAuf unser Wohl! Tim Renner und Chris Dercon prosten Intendant Frank Castorf im Januar 2015 zu: Auf der Feier "100 Jahre Volksbühne"  © Thomas Aurin

Müller verband seine Intendantenkür 2015 mit den hoffnungsfrohen Worten: "Ich bin überzeugt, dass Chris Dercon die Erfolgsgeschichte der Volksbühne auch als Ensemble- und Repertoire-Theater fortschreiben wird." Seither wird öffentlich um die Struktur des Ensemble- und Repertoiretheaters an der Volksbühne gestritten, nicht nur in den Feuilletons. Die Volksbühnen-Belegschaft beschwerte sich im Juni 2016 in einem Offenen Brief, eine Online-Petition von Wissenschaftler*innen, Künstler*innen und Akteur*innen des Kulturbetriebs aus dem Juni 2017 rief über 40.000 Unterstützer auf den Plan.

Der Umbau der Volksbühne

Was die Kritiker*innen monieren: Im Auftaktprogramm der Dercon-Volksbühne gibt es – nach zwei Jahren auskömmlich finanzierter Vorbereitungszeit – zuhauf Gastspiele bewährter internationaler Produktionen, wenige vor Ort erarbeitete Eigenproduktionen, kein stehendes Ensemble, stattdessen ein jedwede Begrifflichkeit vernebelndes Reden über punktuell zusammentretende "Stück-Ensembles" bzw. "Haut-Couture-Ensembles". Es gibt En-suite-Blöcke von Vorstellungen statt eines Repertoires aus regelmäßig wechselnden Inszenierungen. Im Stellenplan sind die einstmals 27 dem Schauspiel zugeschlagenen Stellen (von denen unter Castorf zuletzt 11 fest besetzt waren) auf 12 reduziert (davon sind vier nach letztem Stand besetzt), Dramaturgie- und Regiestellen (ehemals 10,75 Stellen) wurden abgeschafft, dafür der Bereich Programm mit 8 Stellen aufgebaut sowie Marketing, Presse und Produktion/KBB um insgesamt 14 Stellen aufgestockt. Das ist eine Umschichtung von Stellen aus dem produzierenden Ensemblebetrieb in jene sekundären Bereiche, die mit der Kommunikation und Adaption bestehender Produktionen befasst sind.

In der Akademie der Künste (AdK) wetterte DT-Intendant und Bühnenvereins-Chef Ulrich Khuon Anfang Dezember bei einer Podiumsdiskussion mit sämtlichen Berliner Theaterleiter*innen gegen die "Lüge am Start": "Man hätte ab der ersten Sekunde sagen müssen, Chris Dercon kommt mit einem neuen System. Und das wird diese ganze Volksbühne, diese Leute, die da gewohnt sind, Kostüme den Schauspielern hinterherzutragen, diese Bühnenbildner, die gewohnt sind, jeden Tag ein neues Bühnenbild aufzubauen, das braucht man alles nimmer – das wurde verschleiert von allen Seiten." Schwere Vorwürfe. Wie ein Fanal dieses Systemwechsels nimmt es sich aus, dass Volksbühnen-Koryphäe und Eysoldt-Ringträgerin Sophie Rois, die auch nach Castorfs Weggang im Ensemble verblieben war, jetzt nach 25 Jahren ihre Kündigung einreicht.

Wer hat betrogen?

"Mit einem festen Ensemble und all den Vorabsprachen, die daraus erwachsen, könnten wir einen international ausgerichteten Mehrsparten-Spielplan, nicht gestalten", gab Marietta Piekenbrock jüngst in der Berliner Zeitung zu Protokoll. Schon in der AdK hatte sie eingeräumt, dass die Ensemblebildung für die neue Leitung keine Priorität besitze. Die Frage nach dem Ensemble- und Repertoirebetrieb habe als Vorgabe in den Antrittsverhandlungen 2014/2015 auch keine Rolle gespielt.

Mueller Dercon PopArt Berlin 560 berlin deBerlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD, links) und Volksbühnen-Chef Chris Dercon bei der Eröffnung des 2. Pop-Kultur Festivals 2016 in Berlin  © dpa / picture-alliance

Stimmt das? Was waren 2015 die Absprachen? Ein Verdacht steht im Raum. "Hat Dercon bei seiner Bestellung geschummelt und so getan, als würde er das Ensemble- und Repertoiretheater im Prinzip fortführen, um den bis dato existierenden Unternehmenszweck scheinbar zu erfüllen", fragte Hamburgs Thalia-Intendant Joachim Lux in der nachtkritik.de-Kommentarspalte im September 2017 und ergänzte: "Dann wäre die Politik betrogen worden. ODER: hat die Politik den Unternehmenszweck schon bei der Bestellung Dercons geändert. Da würde sich dann die Frage stellen, ob jeder Senator, der gerade mal im Amt ist, das administrativ einfach so tun kann. Dann wäre eine Debatte über die Kulturpolitik der SPD die Folge."

Der Regent ist nicht zu sprechen

Es ist also höchste Zeit, nachzufragen. Bei dem Verantwortlichen von 2015, bei Michael Müller, der das Amt des Kultursenators in seiner neuen Rot-Rot-Grünen-Regierung inzwischen an Klaus Lederer (Linke) abgegeben hat. Es gilt, Vorwürfe und Spekulationen auszuräumen und, ja, auch eine Stimmung zu befrieden, die sich um das Haus herum zusammengebraut hat – mit andauernder ätzender Häme in den sozialen Medien, mit einer aktivistischen Besetzung der Volksbühne im September 2017, mit teils scharfer Schelte in den regionalen und überregionalen Medien.

Unsere Anfrage dringt bis ins Vorzimmer von Herrn Müller. Für ein Interview steht der Regent nicht zur Verfügung. Fragen nach der Volksbühne, nach der Doppelung von Produktionsstrukturen an HAU und Volksbühne und mithin nach der Grundordnung der Berliner Theaterszene sieht er nicht in seinem Zuständigkeitsbereich. Schon richtig. Aber die Absprachen von 2015, immerhin dazu müsste er doch Auskunft geben können? Wenigstens in einem schriftlichen Statement, wenn denn der Terminplan für Interviews zu voll ist.

"Sollte eine Aussage von Marietta Piekenbrock vorhandenen vertraglichen Vereinbarungen mit dem Land Berlin widersprechen, obliegt die Bewertung dessen der Senatsverwaltung für Kultur und Europa. Ebenso ist die Senatsverwaltung für Kultur und Europa der Ansprechpartner zu den Inhalten dieser Vereinbarungen. Es besteht keine Notwendigkeit einer zusätzlichen Auskunft oder eines Statements durch Michael Müller", lässt Müllers Sprecher wissen.

Tim Renners Blockadepolitik

Zweiter Anlauf. Womöglich kann Tim Renner, der 2014/15 unter Müller als Staatssekretär für Kultur amtierte und an den Dercon-Verhandlungen maßgeblich beteiligt war, für Aufklärung sorgen. Wir versuchen es mit der Kontaktaufnahme über die SPD Charlottenburg-Wilmersdorf, als deren Direktkandidat Renner bei der Bundestagswahl antrat (und nicht gewählt wurde), auf Facebook und in einer Direktnachricht auf Twitter. Wir schreiben: "Sehr geehrter Tim Renner, wie Sie wissen, gibt es aktuell verschiedene offene Fragen bezüglich des Systemwechsels, der sich an der Volksbühne abzeichnet: von einem Ensemble- und Repertoirebetrieb hin zu einem Produktionshaus (ähnlich dem HAU). War dieser Systemwechsel geplant? Was war diesbezüglich Gegenstand der Verabredungen mit Chris Dercon zum Amtsantritt?". Prompte Reaktion: Binnen einer Minute wird der Twitter-Account @nachtkritik von Tim Renner geblockt.

Tim Renner Twitter blockiertScreenshot von Twitter, wo Tim Renner als @rennersen aktiv ist.
Geblockt werden auf Twitter in der Regel Trolle, Extremisten und Stalker. Und – wie wir jetzt erfahren – auch Journalist*innen, die unliebsame Fragen an Politiker stellen, von einem Medium, bei dem Renner im Mai 2015 noch gern auf dem Podium saß (bei der Konferenz "Theater und Netz", die nachtkritik.de und die Heinrich Böll Stiftung gemeinsam veranstalten). Das war die Zeit, als er den Eindruck erwecken wollte, zur digitalen Avantgarde zu gehören, zu den Fortschrittsanschiebern bei den Sozialdemokraten.

So geht die Berliner SPD um Michael Müller mit ihrer Verantwortung um. Sie duckt sich weg, sie will alte Entscheidungen fliehen, sie reicht den Schwarzen Peter weiter. Wie in der Kindergarten-Versteckspielecke steht sie: Ich halt meine Augen zu, du siehst mich nicht.

"Ein zweites HAU braucht Berlin nicht."

Aus der Kultur-Senatsverwaltung flattern derweil unmissverständliche Aussagen zur Kontroverse ums Ensemble- und Repertoiretheater an der Volksbühne und zu den Verhandlungen 2015 ein: "Dass die von Chris Dercon vorgeschlagenen Veränderungen im Rahmen eines Ensemble- und Repertoiretheaters erfolgen würden, war unstreitig – und musste daher nicht verhandelt werden.“ Und zu der Doppelung von Strukturen an der Volksbühne und am HAU lässt Kulturstaatssekretär Torsten Wöhlert durchgeben: "Wir gehen nach wie vor davon aus, dass die Volksbühne als Ensemble- und Repertoiretheater geführt wird. Es kann – und soll – keine Doppelung der Strukturen geben. Ein zweites HAU braucht Berlin nicht."

Kurzum: Die Widersprüche bleiben bestehen, die Volksbühne ist weiter auf dem Prüfstand. Durch den Kultursenat, dem Rückendeckung verwehrt wird, von den eigentlich Verantwortlichen. Michael Müller, der oberste Regierende, wird sich den Vorwurf gefallen lassen müssen, nur geschwiegen zu haben – als sich die Stimmung um die Volksbühne ins Unerträgliche hochkochte, als in halbinformierten Kreisen der Eindruck entstand, Berlin hätte Probleme mit auswärtigem Leitungspersonal, nur weil Chris Dercon zufällig Belgier ist (wie ebenso zufällig auch die unumstrittene HAU-Leiterin Annemie Vanackere). Er trat den Behauptungen nicht entgegen, die Berliner Kulturszene würde sich irgendwie "identitär" gegen eine Internationalisierung der Kunst wehren, wo tatsächlich handfeste Strukturfragen den Unmut auslösten. Er hat geschwiegen, als Chris Dercon die Nachfragen der neuen Berliner Kulturpolitik mit autokratischen Eingriffen in Ungarn verglich. Er hat nichts für die Ausräumung des Verdachts getan, die SPD habe 2015 mit voller Absicht ein künstlerisch und produktionstechnisch bestens aufgestelltes Stadttheater geopfert – ein Vorzeigetheater der deutschsprachigen Kulturwelt. Die Volksbühne droht, Michael Müllers kulturpolitischer BER zu werden.

 

a.peter kleinc.rakow kleinAnne Peter und Christian Rakow sind Theaterkritiker*innen und leiten gemeinsam die Redaktion von nachtkritik.de. (Fotos: Thomas Aurin)


 

 

 

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