Nur ein Pausenbrot?

30. Dezember 2017. Die Zeitungen und Rundfunkanstalten ziehen nach einem halben Jahr Dercon-Volksbühne Zwischenbilanz. Hier eine Auswahl an Stimmen kurz zusammengefasst.

Auf Rüdiger Schaper wirkt das erste halbe Jahr Dercon-Intendanz "wie die Übergangsbeziehung, die nach einer langen Ehe, nach der ewigen Liebe kommt. Es könnte, wenn sich nicht bis zum Sommer etwas Entscheidendes tut, die Affäre dazwischen sein, die zuweilen gebraucht wird, um etwas zu beenden, das man allein nicht beenden kann, weil es so intensiv war und so lange hielt", so Schaper im Tagesspiegel (30.12.2017). "Danach findet sich im richtigen Leben manchmal der neue, ernsthafte Partner. Und ein neues Glück."

In der taz (30.12.2017) ist Katrin Bettina Müller eher leise kritisch, bildet die Debatte ab und schreibt zum Verhältnis Erwartung/Erfahrung: "So wie sie jetzt agieren können, ist ein Luxus unter den Berliner Theatern. Vielleicht auch eine Verschwendung, weil bisher nicht ersichtlich wird, mit was der große Apparat der Gewerke, Bühnenbauer, Techniker, Kostümbildner, dessen Erhaltung hoch und heilig versprochen wurde, jetzt eigentlich beschäftigt ist, bei der oft minimalistischen Ausstattung der Bühne."

Der MDR (29.12.2017) befragt den Theaterkritiker Thomas Irmer, der "das ganze Problem" so benennt: "Man hat kein Programm, man hat kein Ensemble, man hat keinen Spielplan und man hat letztlich auch keine Idee für dieses sehr große Theater." Wenn es so bleibe, wie es jetzt ist, "dann könnte man eigentlich bilanzieren: Dercons Zeit wäre jetzt schon fast abgelaufen."

In der Berliner Zeitung und der Frankfurter Rundschau (30.12.2017) imaginiert und analysiert Ulrich Seidler den "Volksbühnen-Streit" als epische interaktive Serie und schreibt: "Wenn die neue Volksbühnenleitung Handlungsträger sein oder werden soll, muss sie tatsächlich auch selbst agieren. Zumal die Gegenspieler inzwischen woanders ihre Marken setzen und so die Gefahr besteht, dass die Volksbühne vor ihrer endgültigen Vernichtung aus dem Zentrum des Interesses rutscht." So oder so werde es nicht möglich sein, "den endgültigen Untergang des Theaters über eine weitere Staffel hinaus zu verzögern", so Seidler mit Blick in die Zukunft. "Eine Revolution (oder Konterrevolution) als Pointe wäre zu abwegig und ist mit der Besetzungsepisode als Möglichkeit erzählerisch schon ausgeräumt." Glaubhaft wäre nach der bereits weit fortgeschrittenen Abwicklung allein die Schließung des Theaters. "Aber wer will nach dem Klassiker 'Das kurze Ende des Schillertheaters' so etwas Abgelutschtes noch sehen?"

(sd)

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