Frühstück mit Muttermord

von Martin Pesl

Wien, 31. Dezember 2017. Am Schauspielhaus Wien umfasst die Dramaturgie auch Fachkräfte aus Bereichen wie Kostüm und Musik. Wie ein freies Kollektiv, wo alle alles entscheiden, schafft die Theaterfamilie von Tomas Schweigen seit 2015 verspielte Ereignisse, die manchmal glücken und immer besonders sind. Die diesjährige Silvesterpremiere verantwortet Jacob Suske, der Komponist unter den Dramaturgen. Sein in Luzern entwickeltes Format der "elektronischen Kammeroper" legt er in Koautorschaft mit der Lyrikerin Ann Cotten auf eine Elektro-"Elektra" um und führt selbst Regie. "Pathos ist ein legitimes Mittel", steht im Ankündigungstext des Theaters, doch dieses Mittel nutzt Suske nie. Im Gegenteil regiert zwei Stunden lang, wie der flye Untertitel "Was ist das für 1 Morgen?" ahnen lässt, überspitzte ironische Distanz.

Frau mit Fake-Koteletten

Die Worte balancieren zwischen hippem Alltagssprech und lyrischer Abgehobenheit, der Soundtrack wirkt, als hätte jemand mit diversem Musikgeschmack von sperrig bis schmissig einfach auf "Shuffle" gedrückt, und die vier Spielenden, wiewohl geradezu klassisch auf vier Rollen verteilt, erregen den Verdacht, man käme hier zum Familienfest zusammen und die Cousins und Kusinen hätten wieder mal eine Revue vorbereitet. Dieses Jahr haben sie sich ja echt was angetan: mit Choreografin und Lichtinstallation und selbstgeschriebenen Liedern und Kostümen.

Elektra 1 560 MatthiasHeschl uKlytämestra ( Sebastian Schindegger) und Ägisth (Vassilissa Reznikoff) © Matthias Heschl 

Da ist das Herrscherpaar Ägisth und Klytämnestra: er lebemännisch vom Whiskey süffelnd und das Ritual des Frühstückens hochhaltend, sie stets ums Volk besorgt und apart die Minidrehbühne zum Transport einen Meter weiter nutzend. Vassilissa Reznikoff spielt ihn, Sebastian Schindegger sie. Wieso auch nicht, möchte man sagen, aber die beiden haben zu viel Spaß am Travestie-Slapstick, wenn der große Mann in Frauenkleidern die kleine Frau mit Fake-Koteletten herumwirbelt, um behaupten zu können, es spiele keine Rolle, wer welche Rolle spielt.

Schmerzliches Zutagetreten

Dann Elektra. Seit die Mutter Klytämnestra den Vater Agamemnon ermordete, fährt die Tochter als Landwirtin voll auf der Ökoschiene. Am Regierungsstil der Mutter stört sie am meisten, dass das Volk zu faulen Kulturschmarotzer*innen erzogen wird. Sophia Löffler schafft es, die Titelrolle selbst beim Singen der höchsten Töne gelangweilt anzulegen. Ihr ins (hier: amerikanische) Exil verbannter Bruder Orest taucht bei Jesse Inman (ebenfalls mit Koteletten) als Mischung aus Showman und Staubsaugervertreter auf, als Überdrüber-Ami aus den Sechzigern, der Ayn Rand gelesen hat und seiner Schwester Konzepte zur effizienteren Hühnerhaltung anbietet.

Mirella Kassowitz, DJ, die zudem in antiker Anlehnung ein paar Erzählstellen spricht, wurde aus dem "Orchestergraben" (Ankündigungstext) in ein Kämmerlein links oben in der Hinterwand verbannt, wo sie vermutlich den Sound regelt. Die kruden Songtexte, die sich nach Belieben mal reimen, mal nicht, werden nicht attraktiver dadurch, dass jeweils zu Gesangsbeginn der gesamte Strophentext auf die Bühne projiziert wird. Vielmehr tritt schmerzlich zutage, warum Leute, die keine Opern mögen, keine Opern mögen: weil alles dauert und dauert, wo man's eh schon kapiert hat.

Elektra 560 MatthiasHeschl uWaffe muss Elektra tragen: Sophia Löffler © Matthias Heschl

Diese hier birgt dann doch noch eine Überraschung: Als umständlich die vier Figuren mit allen technischen Details ihrer modernen Überschreibung eingeführt, mythologische Bezüge zur Opferung der Iphigenie durch Agamemnon und zum Fluch der Tantaliden erklärt sind, entfaltet sich – eine Handlung: Die Geschwister planen den Muttermord, doch Ägisth erwischt Orest, als der sich mit der Axt anschleicht. Dass daraufhin erst einmal gemeinsam gefrühstückt wird, liefert den bei weitem witzigsten Moment dieses Abends, weil Cousin Jesse und Cousin Sebastian halt so komische Talente sind.

Keine Chance vong Regie her

Elektra muss sich schließlich selbst bewaffnen. In Suske/Cottens Version erschießt sie Mutter und Bruder in der Badewanne (bekanntlich dem Tatort des ursprünglichen Agamemnon-Mordes). Sie übernimmt die Herrschaft im Staat und wird dank ihrer Agrarkompetenz vom Volk bejubelt, wie Ägisth resignativ berichtet. "Am Anfang blieb natürlich vieles gleich", erzählt er. Allmählich habe sie dann aber das ganze Sozialsystem abgewickelt.

Spätestens dieser deutliche Hinweis auf die Stimmung rund ums auf den ersten Blick überraschend harmlos wirkende Programm der neuen ÖVP/FPÖ-Regierung zeigt, dass das Team hier durchaus etwas Politisches erzählen wollte, etwas über Ideologien, sozialpolitische Selbstgefälligkeit und dass alles nicht so einfach ist. Im Eifer des Silvesterstadels aber: keine Chance vong Regie her.

 

Elektra – Was ist das für 1 Morgen?
Eine elektronische Kammeroper von Jacob Suske und Ann Cotten
Uraufführung
Regie: Jacob Suske; Choreografie: Mirjam Klebel, Bühne & Kostüme: Patricia Ghijsens, Musik: Jacob Suske, Korrepetition: Ryan Carpenter, Video: Tim Hupfauer, Lichtinstallation: Samuel Schaab, Maske: Anna Dornhofer, Dramaturgie: Anna Laner
Mit: Jesse Inman, Sophia Löffler, Vassilissa Reznikoff, Sebastian Schindegger und Mirella Kassowitz
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.at

 


Kritikenrundschau

Thomas Kramar von der Presse (1.1.2017) fand sich "im post-fortschrittlichen Kabarett" wieder, "freilich opulent arrangiert und aufwendig inszeniert". Der Musik kann der Kritiker noch was abgewinnen, dem "banal" anmutenden Gehalt eher weniger. "Bei der Premiere quittierte ein gut gelauntes Silvesterpublikum all das haltlose Geblödel mit Lachen und Applaus, ein längeres Leben ist diesem Stück weder vorherzusagen noch zu wünschen."

"Apollinische Klarheit durchströmt das heitere Machwerk", freut sich Ronald Pohl vom Standard (3.1.2017), meint's allerdings ironisch, denn seine Besprechung steuert auf einen Verriss zu. "Cottens absurder Text häckselt Wirtschaftstheorien klein und mengt sie dem Mythenstoff unter." Im Mykene dieses Theaterabends "hat buchstäblich jede Schnapsidee Platz. Man sehnt sich heftig nach einem zünftigen Massaker, nach einer geschwungenen Axt, nach dem Ende dieses fruchtlosen Palavers. So gesehen befördert diese erstaunlich misslungene Produktion die finstersten Regungen im Menschen."

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