Hallo Haribo

von Christian Rakow

Berlin, 10. Januar 2018. Es muss an die drei Jahre her sein, dass ich bei dem Bremer Talente-Festival "Outnow" zwei Männer in einem außergewöhnlichen Kleinkunstabend erleben durfte. Anarchisch, unterhaltungsversiert und zugleich meta-meta-raffiniert feierten und verballhornten sie Kabarett- und Varietétraditionen. Und es wollte mir scheinen, als treffe dabei eine politische Theaterkunst in der Nachfolge Bertolt Brechts auf den Nihilismus von Samuel Beckett, nur heiterer.

Seither, seit "Die kleine Freiheit – vielleicht", gelten mir die Macher dieses Abends – das an der Uni Gießen gegründete Kollektiv FUX – als Versprechen. Ist ja auch höchste Zeit, dass den alten Gießener Freie-Szene-Leuchttürmen Rimini Protokoll und She She Pop ein paar frische Leuchtfeuer hinzutreten.

Ein fulminanter Bluff

Inzwischen sind FUX, also Nele Stuhler, Stephan Dorn und Falk Rößler, an Matthias Lilienthals Münchner Kammerspielen angekommen und touren durch die ersten Häuser der Off-Szene. Und mindestens ihr Konzept wirkt noch wie von der Muse geküsst. "Die Wiederentdeckung der Granteloper", die FUX am Berliner HAU herausbringen, kommt als fulminanter Bluff daher und verspricht eine Recherche in das fiktive, vorgeblich versunkene Genre einer volkstümlichen Musikform, die sich am Vorabend der französischen Revolution anschickte, die Beschwerden der Plebs zu Gehör zu bringen. Eine Recherche, die natürlich zur Reanimation führen soll, angepasst an unsere Zeit der Shitstorms, Online-Petitionen und Wutbürger-Entäußerungen.

granteloper 3412 560 dorothea tuch uSingen heißt Nörgeln: Hannah Müller im Lautsprecher © Dorothea Tuch

Aber was ist das, was uns dann da am kleinen HAU 3 in einem kaminroten Jahrmarktsetting mit Kostümen wie aus dem "Freischütz"-Fundus begegnet? Die Spieler Léonard Bertholet, Tino Kühn und Hannah Müller geben sich als die drei Macher der "enthierarchisiert arbeitenden Theatergruppe" FUX aus und witzeln sich umständlich ans Sujet heran. "Wir mögen keine Intros", bieten sie aber trotzdem.

Superironisch konsumkritisch

Danach geht's zu Melodien, die munter zwischen Barockoper und Schlagerparade schunkeln, ans Eingemachte des Granteltheaters: "Man beschwert sich… über Ossi-Witze… über Privatfernsehen… über Großkonzerne", singen die Wackeren in endlosen Folgen. "Hallo Haribo… hallo Hohes C … hallo Nestlé", grüßen sie superironisch konsumkritisch. Wie im Brainstorming der ersten Konzeptproben purzeln ihre kataloghaften Texte. Keine Pointe nirgends.

Aus den "Recherchen" werden Beschwerdebriefe des FUXers Falk Rößler an die Bundestagsparteien "re-enacted", also zur Arie vertont. Die monieren in blassester Allgemeinplatzhaftigkeit die "ungleiche Verteilung der Einkommen" und die "soziale Spaltung". Damit uns auch nicht entgeht, dass die banalen Anschreiben von einem Regierungsbeamten noch um einiges konservenförmiger beantwortet werden, krümmt sich Tino Kühn beim Vortrag der Replik, als sei der Glöckner von Notre-Dame in ihn gefahren, während er über Kindergelderhöhungen trällert. Verdeutlichungskunst aus der Mottenkiste.

Röschen um Röschen um Röschen

Bitte Leute, kann man nicht wenigstens ein paar Piketty-Statistiken einsingen, um dem Lamento zur Vermögensverteilung zumindest einen Hauch des Eigentümlichen zu verleihen? Man will ja gar nicht die große poetische Formulierung einfordern. Man will auch nicht an meisterliche Grantler erinnern, Thomas Bernhard zuvorderst, an dem sich Librettisten der Granteloper durchaus schulen könnten. Aber so ganz unbedarft mit erwartbarsten Aufzählungen geht's nun nicht.

Von fernher weht uns die Moral von der Geschicht' an, auf die FUX offenbar hinauswollen: dass in unserer Zeit belanglose biedermeierliche Nörgelei an die Stelle der echten revolutionären Beschwerde getreten ist. Schade nur, dass ihr Abend wirkt, als hätten sie selbst nur Blümchenmuster gestickt. Röschen um Röschen um Röschen. Und keine Dornen.

 

Die Wiederentdeckung der Granteloper
von FUX
Konzept, Regie, Texte, Musik: FUX (Nele Stuhler, Falk Rößler), Mitarbeit Konzept, Texte, Musik: Stephan Dorn, Musik: Paul Peuker, Nils Weishaupt, Bühne: Annatina Huwiler, Kostüme: Katharina Sendfeld, Lichtdesign und Video: Jost von Harleßem, Sounddesign: Rupert Jaud, Samuel Schwenk, Dramaturgie: Michaela Stolte, Produktionsleitung: Jasna Witkoski, Regie- und Ausstattungsassistenz: Robert Zeigermann, Bühnenbildassistenz: Friederike Rost, Bühnenbau: Jan Hoffmann, Julie Speck.
Mit: Léonard Bertholet, Tino Kühn, Hannah Müller.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.hebbel-am-ufer.de

Kritikenrundschau

"Schade, hier wird ein gutes Thema verschenkt", schreibt Patrick Wildermann im Tagesspiegel (11.1.2018). "Musikalisch bewegt sich das Ganze irgendwo zwischen Barock und 'Somewhere over the Rainbow'-Schmelz, was ein paar schöne Momente hat." Dennoch: "So lustig das Fake-Konzept ist – man hat es schnell kapiert und sieht danach überwiegend einer zähen Schleife von Wiederholungen zu."

"Das Beleidigtsein wird in charmant akzentuierten Sprechgesang transformiert", schreibt Tom Mustroph in der taz (12.1.2017) über das "aparte Format". "Die eigentliche Mission, das Animieren des Publikums zum Mitsingen – klassisches Element des vorrevolutionären Jahrmarkttheaters an der Seine wie auch der revolutionären Arbeiterbewegung – geht am Premierenabend fehl. Die Berliner singen nicht mit." 

"Die Ironie ist meterdick, die Relevanz meistens dünn", nörgelt Tobi Müller auf Deutschlandfunk Kultur (10.1.2018). "Sowohl die Bühne von Annatina Huwiler wie auch die Kostüme von Katharina Sendfeld spielen schön mit der historischen Fakefabel. Aber der Abend hat bei aller Kunstfertigkeit und trotz munteren Spiels der drei Schauspieler vergessen, bei der Gegenwart anzuklopfen." Nach einer gut gelaunten Eröffnung, trete die gute Idee unübersehbar auf der Stelle.

"Gewitzt und ideenreich ist das in seinen formalen und inhaltlichen Verknüpfungen", und doch vermisst Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (12.1.2018) etwas "tiefere Irritation im Laufe der mindestens sechs Akte". Dennoch entstehen aus Sicht der Kritikerin viele "wunderbar ausgefranste, gleich wieder verdichtete Momente".

"Die Idee ist, die Geschichte einer Form des Musiktheaters wiederzuentdecken, die so sehr verschwunden ist, dass man sie erst einmal erfinden muss", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (8.2.2018). Das machten FUX "mit viel Fleiß", und die Perfomer "auf der Bühne erzählen recht viel, in dem Duktus, in dem man das halt so macht, wenn man auf einer sanften Diskurswelle surft und das, was man erzählt, im Moment des Erzählens zart ironisiert." Fazit: "Es wäre sterbenslangweilig, wären die Drei nicht reizend."

"Es ist eine agile junge Dreiergruppe, der es gelingt, eine Ausstrahlung von Unmittelbarkeit und Frische auf die Bühne zu bringen", schreibt Stefan Michalzik in der Frankfurter Rundschau (19.2.2018). "Von ein paar unnützen Albereien am Rand abgesehen ist das ausgesprochen gewitzt und gleichzeitig formal punktgenau gearbeitet – und es hat einen einnehmenden Charme."

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