Im Oval der Mächtigen

von Valeria Heintges

Zürich, 12. Januar 2018. Ich bin Igor Tulchinsky, CEO der WorldQuant LLC. Meine Firma verwaltet Hedgefonds im Wert von fünf Milliarden US-Dollar. Neben mir sitzt Matthias Müller, CEO der Volkswagen AG. Auch Investor George Soros ist da und der Chef der Ölfirma Aramco aus Saudi-Arabien, die mit 510 Milliarden Dollar Umsatz als finanzstärkste Firma der Welt gilt. Wir, das sind die Chefs von 14 Millionen Mitarbeitern. Wir, das sind die Wirtschaftsvertreter des 48. World Economic Forum, das von 23. bis 26. Januar 2018 im schweizerischen Davos stattfinden wird. Wir, das sind die Theaterbesucher von "Weltzustand Davos" von Helgard Haug und Stefan Kaegi vom Theaterkollektiv Rimini Protokoll. Im Zürcher Schiffbau zeigen sie den vierten Teil der "Staat 1-4"-Serie, die Phänomene der Postdemokratie untersucht und sich bereits in München den Geheimdiensten, in Düsseldorf dem Phänomen der Grossbaustellen und in Dresden technologiebasierten Abstimmungen widmete.

Unterm Schnee: Davos

Die Zuschauer sind also Kongressteilnehmer, inklusive Unterlagen im Ringbuchblock unterm Sitz und Badge am Band. Sie sitzen um ein verschneites Oval in der Mitte, in dem fünf Rimini-Protokoll-Experten erklären, wer sich in Davos trifft und wie das WEF abläuft. Per Rundumfilm an der Bühnenrückwand erleben die Teilnehmer die Ankunft am Flughafen und den Helikopterflug über die verschneiten Bergriesen nach Davos. Mit Schneeschaufeln legen die fünf unterm (Theater-)Schnee den Stadtplan von Davos frei: Hier der Bahnhof, da das Krankenhaus, da das Hotel Pöstli für den Schweizer Bundesrat, da das Hotel Belvedere. Sie erzählen, dass Geschäfte leergeräumt und so teuer vermietet werden, dass sich die Inhaber für den Rest des Jahres über Wasser halten können. Und sie rechnen vor, dass ein Aufenthalt am WEF pro Person mindestens 90.000 Dollar kostet.

WeltzustandDavos1 560 TanjaDorendorf TTFotografie uHockeyspielen für die Weltwirtschaft © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Wo Donald Trump absteigen wird, der sich zur Überraschung aller in diesem Jahr angesagt hat, kann der ehemalige Landammann Hans Peter Michel nicht sagen, das ist geheim. Dafür bekennt er freimütig, in einem "Kuhhandel" mit WEF-Gründer Klaus Schwab eine Erweiterung des Kongresshauses durchgesetzt zu haben. Also noch mehr Teilnehmer, noch mehr Gespräche, noch mehr Namen. Und noch mehr Programm. 100 Sessions laufen gleichzeitig, erzählt Sofia Sharkova. Die 31-jährige ist Vizepräsidentin des Zürcher Verbandes "Global Shapers", so etwas wie der Jugendorganisation des WEF. Begeistert rühmt sie die Rede von Alibaba-Erfinder John Ma und führt dann den Chef der chinesischen Amazon-Variante glücksstrahlend zum "Backstage-Meeting" ab.

 Beeindruckend: die Tuberkulosefakten

Davos ist "der wichtigste Stammtisch der Welt", wie Journalist Jürgen Dunsch im Recherche-Logbuch im Programmheft erzählt. Der Aufwand ist gigantisch, das erfährt man überdeutlich – falls man es vorher noch nicht wusste. Hier wird geredet, geredet, geredet. Im Filmzeitraffer eine Zeitreise von den Anfängen 1971 bis heute, dazu Ausschnitte aus Reden wie der Eröffnungsrede 2017 von Chinas Präsident Xi Jinping oder der von US-Präsident Bill Clinton 2000. Dazwischen wird vorgespult – man hat nicht das Gefühl, als ob man Wesentliches verpassen würde. Vielmehr wird das alles ein wenig übererklärt wie im Volkshochschulkurs "Weltwirtschaft für fortgeschrittene Anfänger". Die Zuschauer müssen mitmachen, La-Ola-Welle spielen, Details ihrer Firma preisgeben, sich mit dem Nachbarn verkungeln. Matthias Müller von VW wird angegangen wegen der Dieselaffäre – auch das nicht überraschend.

WeltzustandDavos3 560 TanjaDorendorf TTFotografie uSchneerund und Weltbühne: Davos im Schiffbau © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Sein Ankläger ist Otto Brändli. Der 76-Jährige ist Tuberkulosespezialist und war im "Zauberberg"-Ort Davos Chefarzt einer Höhenklinik. So wenig überraschend und ermüdend der WEF-Strang des Abends, so beeindruckend die Fakten, die Brändli präsentiert: Bis heute ist Tuberkulose die häufigste ansteckende Krankheit, die zum Tode führt, 600.000 Menschen leiden an einer antibiotikaresistenten Form – Tendenz steigend. Aber in den letzten 50 Jahren hat lediglich eine Pharmafirma ein neues Mittel auf den Markt gebracht.

 Wer wird es richten: die Staaten oder die Konzerne?

Einer von Brändlis Patienten ist Ganga Jey Aratnam, Sozialmediziner und Soziologe an der Universität Basel. Er hat sich bei Recherchen zum Rohstoffmulti Glencore in Sambia mit Tuberkulose angesteckt. Von Aratnam kommt vorsichtig formulierte Glencore-Kritik, auch nicht neu.

Cécile Molinier arbeitet seit 35 Jahren für die UNO, davon 20 Jahre für das Entwicklungshilfeprogramm UNDP. Die resolute, aber freundliche Französin zeigt den anderen Weg: Nicht Treffen der großen Mächtigen, die ihre Geschäfte hinter geschlossenen Türen abwickeln und mit zwölf Prozent Frauen und sechs Afrika-Vertretern so gar nicht die Welt repräsentieren. Dafür multinationale Bewegungen wie die UNO, die sich im Schneckentempo durch die Mühen der Ebene bewegen. Werden es die Staaten richten oder die Konzerne? Das Publikum ist deutlich auf Seiten der Staaten. Das finale Hockeyspiel, Lokalsport in Davos, das die Experten austragen, scheint ebenfalls für die Staaten auszugehen. Aber klar ist auch das nicht.

 

Weltzustand Davos (Staat 4)
von Rimini Protokoll
Uraufführung
Regie: Rimini Protokoll (Helgard Haug, Stefan Kaegi), Bühne: Dominic Huber, Musik: Tomek Kolczynski, Video: Mikko Gaestel.
Mit: Hans Peter Michel, Ganga Jey Aratnam, Sofia Sharkova, Cécile Molinier, Otto Brändli.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspielhaus.ch
www.rimini-protokoll.de

 

Kritikenrundschau

Haug/Kaegi träfen durchaus ins "Herz der Sache", so Katja Baigger auf nzz.ch, der Online-Plattform der Neuen Zürcher Zeitung (14.1.2018): Während der "Leistungsausweis" des Chefs des "schweizweit umsatzstärksten Unternehmens" gelobt werde, stehe der "verdattert nickende 'Zuschauer-CEO' " im Rampenlicht, so entstehe "immer wieder Komik". Dominic Hubers Bühnenbild in der Box sei famos, als an ein berühmtes Eishockey-Turnier erinnernde "Metapher für den Auftritt der globalen Player". Geschickt verbinde die Regie das "alte" Lungenheilstätten-Davos Thomas Manns mit dem neuen, wenn berichtet würde, dass die Pharmabranche davor zurückschrecke neue Tuberkulose-Medikamente herzustellen, weil Geld dafür fehle. So stürben "noch heute jede Minute drei Personen an der Lungenkrankeit".

Rimini Protokoll präsentierten eine Unmenge Material und ließen die Experten nicht bloß die persönliche Story schildern, sondern die globalen Verwerfungen. "Was für ein wuchtiges Ding dieser 'Weltzustand' ist! Wie eine Seminararbeit voll aufregender Wissens-Bitcoins und vielversprechender Dramenbytes – die in den zwei Stunden aber nicht zum dokdramatischen Mitgeh-Theater fusionieren", so Alexandra Kedves im Tagesanzeiger (15.1.2018). "Bei den Proben, heißt es, sei die Interaktion zwischen Publikum und ­Experten sehr lebhaft verlaufen. An der Premiere freilich wird vor allem in den Mappen geblättert."

"Es ist das Prinzip von Rimini Protokoll und der grosse Vorzug dieses Abends, dass er Meinungen nebeneinander stellt, Ansichten konfrontiert und Fakten gegeneinander aufrechnet", so Andreas Klaeui vom SRF (14.1.2018) "Es ist beeindruckend, die Riminis haben wieder viel recherchiert, sortiert, und mit der Bühne, einem Eisfeld im Bergeskranz, auch eine prägnante Theatersituation für ihre Verhandlungen gefunden." Sie hätten des Guten aber eher zu viel getan. Stellenweise mute der Abend arg didaktisch an. "Wenn man am Ende trotzdem das Gefühl, man weiss nicht mehr als vorher und vor allem nicht, wie weiter, hat das indes wohl weniger mit dem Theater zu tun, als mit dem allgemeinen Zustand des Patienten: dem Zustand der Welt."

"Gutes altes, aber neugierig machendes Mitspieltheater, das aber durch viel Recherche, durch Daten und Informationen aufgemischt wird" erlebte Christian Gampert von Deutschlandfunk Kultur (12.1.2018). Jedoch: "Im Laufe des Abends tritt beim anfangs doch sehr eifrigen Publikum (wie auch beim Kritiker) eine gewisse Ernüchterung ein – so ist das in der Politik: am Ende eines langen Verhandlungstages sind alle eher müde." Aber immerhin habe 'Rimini Protokoll' bis dahin bereits gezeigt, wo eigentlich Politik gemacht werde: "nicht im Parlament, sondern beim Kontakteknüpfen in Davos".

Vieles in der Inszenierung sei banal, so Cornelia Fiedler in der Süddeutschen Zeitung (16.1.2018). "Aufgefangen wird die Banalität, indem das Weltwirtschaftstheater selbstironisch in einem Eishockey-Spiel um die Verteilungsmacht gipfelt."

 

Kommentar schreiben