Die Logik der verletzten Seelen

von Elisabeth Maier

St. Gallen, 12. Januar 2018. Am frühen Morgen reißt das Klingeln des gigantischen Telefons den behäbigen Wachtmeister Studer aus dem Schlaf. Der Stumpenraucher wird zu einem Kriminalfall in die psychiatrische Heilanstalt nach Randlingen bestellt. Der Direktor ist verschwunden, ein Patient ausgebüxt. "Matto regiert" ist ein Schlüsselwerk des psychisch kranken Autors Friedrich Glauser. Mit seinem Wachtmeister Jakob Studer, Hauptfigur in einer Reihe von Fällen, ebnete der Autor dem Schweizer Kriminalroman in den 1930er-Jahren den Weg. Regisseurin Christina Rast hat am Theater St. Gallen mit ihrer Schwester Franziska als Bühnen- und Kostümbildnerin das psychedelische Universum in Szene gesetzt.

Pflegebetten mit Alpenpanorama

"Matto" heißt auf Italienisch Wahnsinn. Im Roman, der 1936 entstand, ist Matto ein Geist mit langen, grünen Fingernägeln. Er spinnt den Patienten Schül mit bunten Fäden in eine irrsinnige Welt ein. Bruno Riedl zeigt den schizophrenen Soldaten, dem eine Handgranate im Krieg das Gesicht zerschoss, anrührend. Respektvoll taucht Christina Rast in Glausers rauschhafte Sprache ein – dabei dampft sie die detailverliebte Handlung ein. In der Reduktion liegt eine Stärke des Abends.

Mattoregiert1 560 Iko Freese uDampfende Badewannen, höllischer Sound: Wachtmeister Studer ermittelt in der Anstalt
© Iko Freese

2014 hat Sebastian Nübling am Schauspielhaus Zürich den Roman des ungeliebten Schweizer Dichters auf die Bühne gebracht – seine Fassung war ebenso umstritten wie die Verfilmung Leopold Lindtbergs von 1947. In St. Gallen beflügelt nun die Logik verletzter Seelen den Plot. Schön übertragen die Rast-Schwestern die sprachlichen wie die visuellen Bilder des Romans auf die Bühne. Alpenpanoramen in Ölfarben schaffen ein künstliches Ambiente, Pflegebetten flitzen durch den Raum. Weiß geschminkt sind die Akteure, dicht und gespenstisch ist die Atmosphäre.

Dramaturgische Trance

Glauser, der sich zu den Dadaisten hingezogen fühlte, verbrachte zwölfeinhalb Jahre in Erziehungsheimen und Heilanstalten. In Münsingen bei Bern nahm ihn der Reformpsychiater Max Müller unter seine Fittiche, bewegte ihn zum Schreiben. Der fortschrittliche Arzt integrierte ihn in die eigene Familie. Auch davon spricht der Text, jedoch in verschlüsselten Bildern. Besonnen lässt sich Regisseurin Rast auf die dramaturgische Trance ein, in die Glauser seinen Wachtmeister stürzt. Zunehmend verwischen in Franziska Rasts Bühnenbild die Symbole der Wirklichkeit. Sacht überführt sie die Handlung in Studers schrecklichen Alptraum vom Irrenhaus.

Den Spielern verlangt das einen Spagat ab. Mit tiefenentspanntem Schwyzerdütsch liefert HansJürg Müller einen wunderbaren Wachtmeister ab. Dass er von der nahen Pension träumt und das Tempo der Wahnsinnigen nicht mithalten kann, nimmt man dem Grantler ab. Wie die Unruhigen der Abteilung "U" lässt sich der Kriminalist in die Badewanne verbannen und wird selbst zum willenlosen Versuchskaninchen des Doktor Laduner.

Mattoregiert 560 Iko Freese uAlbtraum einer Anstalt: Alles Patienten oder was? @ Iko Freese

Merkwürdig nostalgisch

Den arroganten Nervenarzt umgibt Marcus Schäfer mit einer geheimnisvollen Aura. Anfangs steht er auf dem Balkon, kanzelt Studer subtil ab. Der Mann mit dem "zurückgestrichenen Haar, bei dem am Hinterkopf eine Strähne absteht wie die Feder eines Reihers" ist ein Machtmensch. Birgit Bücker als seine Frau teilt sein Kalkül. Als sie vom Tod des Direktors erfährt, streicht sie liebevoll über den verwaisten Chefsessel. Der steht ihrem Gatten zu, findet "Frau Doktor", die wunderbare Chansons über die Einsamkeit beisteuert. Tobias Graupner als sensibler Pfleger Gilgen überzeugt mit seinen Schwächen. Die kennt sein kämpferischen Kollege Jutzeler nicht – klug kommentiert Oliver Losehand den Notstand in der Pflege.

Dampfende Badewannen mit ruhig gestellten Kranken, das höllische Sounddesign Martin Hofstetters und die hässlich geschminkten Fratzen der Kriegsopfer lenken den Blick auch auf Glausers Gesellschaftskritik. Diese politische Dimension, die den Text von 1936 für ein heutiges Publikum besonders interessant macht, denken Rast und ihr Regieteam nicht zu Ende. So bleibt ihr "Matto" trotz Video und Lichtdesign einem merkwürdig nostalgischen Zugriff verhaftet.

 

Matto regiert
nach dem Roman von Friedrich Glauser
Theaterfassung von Armin Breidenbach und Christina Rast
Regie: Christina Rast, Bühne und Kostüme: Franziska Rast, Sounddesign: Martin Hofstetter, Musik: Patrik Zeller, Dramaturgie: Armin Breidenbach, Licht: Andreas Enzler, Video: Kristian Breidenbach
Mit: HansJürg Müller, Marcus Schäfer, Birgit Bücker, Jessica Cuna, Matthias Albold, Tobias Graupner, Oliver Losehand, Anna Blumer, Diana Denger, Bruno Riedl , Dorothea Gilgen, Hans-Peter Müller.
Dauer: Eine Stunde 50 Minuten, keine Pause.

www.theatersg.ch

 

Kritikenrundschau

Hansruedi Kugler schreibt in der Ostschweiz am Sonntag (online 14.1.2018, 9:25 Uhr) im Gegensatz zum klassischen "Schwarz-Weiss-Film mit Heinrich Gretler als Wachtmeister Studer" werde man in St. Gallen "mit einer schrillen Revue in leicht nostalgischem Ambiente beglückt". Sie schleudere den Zuschauer "tief hinein in die Wahrheiten und in die Brisanz des Romans". Christina Rasts Inszenierung bringe den Roman mit "starken Tableaus", einer "dichten, psychedelischen Atmosphäre" und "mit Schwung" auf die Bühne. Alles mit einer "vergnüglichen und bewundernswerten Klarheit". Studers Verwirrung sei "stimmiges Seelenbild wie beissender Zeitkommentar".

"Bei Christina Rast sind frühere Zusammenarbeiten als Regieassistentin von Christoph Marthaler und Christoph Schlingensief unverkennbar", so ein*e sda kürzelnde*r Kritiker*in in der Aargauer Zeitung (15.1.2018) von diesem Abend auch sonst überzeugt. "Trotz der Ausweglosigkeit der Insassen der Irrenanstalt bleibt viel Platz für urkomische Momente."

 
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