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Hallo Mittelmeer

von Willibald Spatz

Augsburg, 13. Januar 2018. Der 1999 verstorbene Dramatiker Hanoch Levin war in Israel ein bedeutender Theatermacher, hierzulande ist er erst kürzlich entdeckt worden. Ihm mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen, ist eine Herzensangelegenheit des Augsburger Dramaturgen Lutz Keßler und seines Kollegen Matthias Naumann, der "Das Kind träumt" aus dem Hebräischen übersetzt hat. Naumann bezeichnet das 1993 uraufgeführte Stück sogar als Levins wichtigstes Werk. Und auch als jemand, der Hanoch Levin erst kennenlernt, muss man zugeben, dass es eine geradezu frappante Aktualität besitzt.

Im Zentrum stehen eine Mutter und ihr Kind. Aus dem Nichts bricht Krieg aus, der Vater wird vor den Augen seiner Familie erschossen, und Mutter und Kind befinden sich plötzlich auf der Flucht. Sie muss sich von einem widerlichen Kapitän vergewaltigen lassen, um auf ein Flüchtlingsschiff zu gelangen. Auf einer Insel, die zunächst Rettung verheißt, dürfen die Fliehenden nicht an Land gehen. Erst als der dubiose "Herrscher der Insel" das Kind entdeckt und die Chance wittert, der Presse ein paar sensationelle Fotomotive zu liefern, wäre er bereit, es aufzunehmen. Doch es will nicht ohne Mutter. Die Reise geht weiter – in den Tod.

DasKindTraumt3 560 JanPieterFuhr uBühne (Lea Dietrich) mit Bühnen-Bild von Andrea Huyoff © Jan Pieter Fuhr

Levin hatte beim Schreiben die Fahrt der "St. Louis" im Kopf. Das war ein Passagierschiff, das 1939 in Hamburg jüdische Flüchtlinge aufnahm, dann weder in Kuba noch in Florida anlanden durfte und deshalb nach Europa zurückkehren musste. Einen Teil der ursprünglich Geretteten erwartete dort das Konzentrationslager.

Bühnen-Bild als Motiv-Fahrplan

"Das Kind träumt" spielt allerdings nicht in einer konkreten Zeit oder einem bestimmten Land, es erzählt seine Geschichte allegorisch, indem Figuren wie eine "zur Liebe geborene Frau" oder ein "auf die Lebenden Neidischer" auftreten, ist aber weit davon entfernt nur eine postmoderne Textfläche zu sein. Es gibt auch greifbare Figuren und bewegende Momente, die man hervorragend ausspielen kann.

Die Inszenierung von Antje Thoms lässt durchaus ein gewisses Maß an Pathos zu, obwohl man zu Beginn auf eine ziemlich provisorische und werkstatthafte Bühne blickt. Da stehen noch Acryl-Farben rum und ein Gerüst, ein einfacher Holztisch mit Holzstiften, auf den sich das Kind zum Schlafen legt. Die Rückwand der Bühne füllt ein Gemälde von Andrea Huyoff. Sie hat es extra, parallel zu den Proben, für die Inszenierung angefertigt. Ein Assoziationsteppich, in dem man während des Stücks immer mehr Motive wiedererkennt: eine mangahafte Tänzerin mit einer Maschinenpistole, ein Tierschädel, eine Person in einem Boot, eine Mutter und ihr Kind an einem Tisch.

"Das passiert ja wirklich"

Man befindet sich hier in einem Versuchslabor für menschliche Verhaltensweisen in Extremsituationen. Hier wird alles in Gedanken durchgespielt und ausprobiert, alles bleibt virtuell. Auch die Männer, die aus dem Publikum kommen mit Pistolen in der Hand. Die Mutter sagt, dass man das Kind nicht wecken darf, und alle halten sich dran. Sie schmieren sich weiße Farbe ins Gesicht und starten eine Clowns-Polonäse, damit das Kind nicht erschrickt, wenn es erwacht. Was es schließlich doch tut und sich freut über den Menschenauflauf.

Die eigenartige "zur Liebe geborene Frau" herzt das Kind. Mit demselben debilen Lachen, mit dem sie (Katharina Rehn) eben noch "diese militärische Grausamkeit" bewundert hat. Als die Pistole in ihrer Hand dann aus Versehen losgeht und dem Vater ein Loch in den Kopf schießt, nachdem das Kind gerade noch ein Lied zu seiner Rettung gesungen hat, sagt sie nur: "Das passiert ja wirklich." Und der Abend bekommt zum ersten Mal eine berührende Intensität, die die Traumhaftigkeit der Spielanordnung durchbricht.

Die Träne als einzige natürliche Ressource

Der nächste Gänsehautmoment gehört Sebastian Baumgart als "auf die Lebenden Neidischer", der dem Kind, das auf den Schultern anderer Todgeweihter sitzt, immer wieder sein Weiterleben vorwirft. Bitter auch die Szenen, in denen Andrej Kaminsky als Kapitän die Mutter fragt, warum ihr Kind leben sollte, wo doch seines gestorben sei, und er als Inselherrscher ein Gebet für die Fliehenden spricht, wenn er sie schon nicht retten will. Seine Frau bemerkt dazu: "Unsere einzige natürliche Ressource: die Träne."

das kind traeumt 560a c jan pieter fuhr uSie dürfen nicht stranden: Sebastian Baumgart, Stefanie von Mende, Daniel Schmidt, Zakaria Ünlü, Marlene Hoffmann © Jan Pieter Fuhr

Im Zentrum stehen immer Natalie Hünig als Mutter und (bei der Premiere) Zakaria Ünlü als Kind. Mit erstaunlicher Gelassenheit erträgt der Kleine die Katastrophen, er erdet die Mutter und macht ihr den Schmerz ertragbar.

Mehr Stücke von Hanoch Levin auf der Bühne wären gewiss kein Schaden, das hier ist auf jeden Fall eine Entdeckung, gerade weil es so zeitlos auf unsere Gegenwart passt.

Das Kind träumt
von Hanoch Levin
deutschsprachige Erstaufführung, Übersetzung: Matthias Naumann
Inszenierung: Antje Thoms, Bühne und Kostüme: Lea Dietrich, Musik: Alex Stoltze, Malerei: Andrea Huyoff, Dramaturgie: Lutz Keßler.
Mit: Sebastian Baumgart, Marlene Hoffmann, Natalie Hünig, Andrej Kaminsky, Patrick Rupar, Katharina Rehn, Daniel Schmidt, Zakaria Ünlü / Amelie Rettenbacher, Statisten: Osée Bulisi, Gabriel Gebele, Anna Hahn, Andreas Hobmeier, Carl E. Ricé, Giuseppe Valentino, Stefanie von Mende.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

theater-augsburg.de

 

Kritikenrundschau

"Diese Produktion besitzt Eindringlichkeit," schreibt Rüdiger Heinze Augsburger Allgemeinen (15.1.2018), "auch wenn man sich die Inszenierung von Antje Thoms im kargen Bühnenbild von Lea Dietrich noch stärker an die Nieren gehend vorstellen könnte, weil es gar nicht so viel (illustrierendes) Spiel bräuchte, wenn das Wort an sich schon packt." Denn bereits die Lektüre des "1993 geschriebenen Werks, das im hebräischen Original sogar die Mittel des scheinbar überkommenen Reims nutzt", beeindruckt den Kritiker "über die Maßen". Es liegt aus seiner Sicht " auf Niveau und Wellenlänge des deutschen Apokalyptikers Heiner Müller; und wenn Luigi Nono 1993 noch gelebt hätte, dann hätte man ihm diese archetypische Tragödie zusenden müssen, weil sie für ihn zweifellos infrage gekommen wäre zur Vertonung."

Die Inszenierung bewirke, was Theater und Literatur bewirken sollten: "Das, was man eigentlich weiß, aber so gerne und bequem zur Seiten schiebt, bewusst zu machen. Eindringlich, schonungslos, auch brutal und für manche womöglich schockierend, jenseits platter, reflexhafter gar moralisierender Aktualisierung", so Berndt Herrmann im Donaukurier (17.1.2018). Antje Thoms inszeniere eine zeit- und ortlose Allegorie, die das Thema abstrahiere und doch konkret genug lasse.