Na los!

von Sophie Diesselhorst

16. Januar 2018. #MeToo ist im deutschen Showgeschäft angekommen. Mit den Vorwürfen, die drei Schauspielerinnen in einer Reportage des Zeit Magazins gegen den Bad-Hersfelder-Festspiele-Intendanten Dieter Wedel erhoben, rückt die Debatte, zu der man sich bisher in lässiger Distanz möglichst schlau bzw. slacktivistisch positionieren konnte – wenn man wollte – in unbequeme Nähe.

Die Büchse der Pandora

Ein*e Kommentator*in fragt, warum "hier auf nachtkritik in diesem Zusammenhang keine Grundsatzdebatte geführt wird". Vielleicht genau deshalb? Weil wir es uns bequem gemacht haben und jetzt davon überrumpelt werden, dass auch hier die Einzelfälle groß rauskommen, bevor wir sattelfest sind im Debattieren über strukturellen Sexismus – was man übrigens nur kann, wenn man erst einmal anerkennt, dass es ihn gibt und Begriffe wie "Hexenjagd" in diesem Zusammenhang auslässt. Sich aber auch nicht an Einzelfällen aufhängt bzw. in ein diffuses Unrechtsgefühl flüchtet, wie es uns letztes Jahr – sowohl auf der beschuldigenden als auch auf der beschuldigten Seite – die "Sexismus-Debatte UdK" vorgeführt hat.

Kolumne 2p diesselhorstWas die Erfahrung allerdings lehrt, ist, dass aktivistische Vorstöße ohne saftige Beispiele in aller Regel als unsexy (!) wahrgenommen werden und aufmerksamkeitsökonomisch baden gehen. Wir sind Voyeure – einerseits. Andererseits wollen wir nicht über Dieter Wedel reden. Denn wir sind doch keine Voyeure (wir gucken Dschungelcamp mit soziologischem Interesse). Und vielleicht haben wir auch Angst, die Büchse der Pandora zu öffnen? Es ist ja nicht ganz unwahrscheinlich, dass sich auch noch andere mächtige Männer des deutschsprachigen Kulturbetriebs "schlecht benommen" haben.

Vielleicht hilft ein Blick nach Irland aus der Zwickmühle. Da hat der reine Aktivismus nämlich wundersamerweise doch funktioniert: 2016 formierten sich unter dem Hashtag #WakingTheFeminists 2016 Feminist*innen, um gegen die fast ausschließlich männliche Besetzung von Schlüsselpositionen im Kulturbetrieb zu protestieren. Es folgte eine Studie, die mit Zahlen belegte, was eigentlich alle schon wussten: An allen Häusern sind weniger Frauen wichtig, an den größten die wenigsten.

Alles beim Alten – noch?

Die Studie führte konkret dazu, dass mit Selina Cartmell eine Intendantin an die Spitze des Dubliner Gate Theatre berufen wurde – die sich jetzt vorgenommen hat "den Kanon neu zu definieren, indem ich ihm großartige Regisseurinnen, Dramatikerinnen und Schauspielerinnen hinzufüge". Wenn man dem Guardian glauben schenken darf, ist das bisher alles andere als eine ästhetische Katastrophe.

Zurück nach Deutschland, stellvertretend: Berlin. Hier gibt es mit dem Berliner Ensemble, dem Deutschen Theater, der Schaubühne, dem Maxim Gorki Theater und der Volksbühne fünf große Theater, von denen genau eines, und zwar das kleinste, von einer Frau geleitet wird. Dementsprechend fällt die Bilanz der Spielzeitauftaktinszenierungen weiblicher Prägung aus: eine. Und raten Sie mal wo. Richtig. Yael Ronen mit Roma Armee an Shermin Langhoffs Maxim Gorki Theater. Da ist eigentlich alles beim Alten seit der jüngsten Prüfung durch den Kollegen Georg Kasch.

Eine Studie, die diese über Berlin hinausreichende Misere mit Zahlen belegt, gibt es auch schon – Frauen in Medien und Kultur, von Kulturstaatsministerin Monika Grütters in Auftrag gegeben, belegt einerseits einen skandalös niedrigen Anteil von Frauen in Führungspositionen des Kulturbetriebs (nur 22 Prozent aller Theaterchef*innen sind weiblich), andererseits, dass sich das seit der letzten Erhebung vor zwanzig Jahren nur unerheblich verändert hat. Man würde es ja gern als mutmachendes Signal nehmen, dass das Zürcher Neumarkt-Theater jetzt gleich drei (!) Frauen in die Intendanz berufen hat, aber die zuletzt größtmöglichen Neubesetzungen im deutschsprachigen Metropolentheaterbetrieb gingen dann doch wieder an Männer (Burgtheater Wien, Schauspielhaus Zürich und Residenztheater München).

Warum müssen sich eigentlich immer die Frauen erklären?

Immerhin: Die Frauen bewegen sich. Seit Kurzem gibt es den Verein Pro Quote Bühne, der #MeToo offensiv versteht als: Ich will auch mehr zu sagen haben. Oder auch: Ich will auch mehr Verantwortung tragen. Und am 11. März findet im Theater Bonn das 1. Treffen der Theatermacherinnen statt.

Also: Schaffen wir – und zwar idealerweise nicht die Frauen alleine, sondern mit den Männern als tätigen Mitstreitern – nach irischem Vorbild einen Theaterbetrieb mit gleichen Aufstiegschancen, ein Theater, das sich (mehr) progressive Rollenbilder traut statt in populistischer Manier mehr oder weniger kodiert alteingesessene Sexismen zu präsentieren.

Nein, dies ist keine Schleichwerbung für die (großstädtischen und/oder eher kleinen, Freie Szene-)Häuser, die sich das schon trauen, sich allerdings auch darauf verlassen können, dass ihr Publikum progressive Rollenbilder bereits verinnerlicht hat und ein Feminismusdiskurs-Update macht statt die Abendrobe anzulegen, bevor es ins Theater geht.

Dies ist auch keine Schleichwerbung für die "reine Machtübernahme": Angst, dass das Matriarchat das Patriarchat nur ablösen will, gildet nicht. Und beruht auf einem alten Vorurteil, das Männermacht sichert und mit dem die Psychologin Sandra Konrad in einem sehr lesenswerten Interview mit dem Schweizer Tagesanzeiger aufräumt. Auf die Frage, warum Feminismus als Schimpfwort gelte, sagt Konrad: "Weil Feminismus immer noch häufig mit Männerhass gleichgesetzt wird. Die Frau gerät damit in die Defensive und muss sich erklären: Ich bin Feministin, aber ich habe trotzdem gerne Sex, und Männer mag ich auch. Und schon sind wir weg vom eigentlichen Thema." Und: "Solange Feminismus ein Schimpfwort ist, kann es keine Gleichberechtigung geben. Denn solange Frauen sich davor fürchten, Feministin zu sein, haben Männer die Deutungshoheit darüber, was eine gute Frau ausmacht."

#Feminismus #MeToo Na los!

 

Sophie Diesselhorst ist Redakteurin bei nachtkritik.de. Vorher hat sie mal drei Wochen in einem Call Center gearbeitet, wo sie dazu angehalten wurde, möglichst schnell "Ich aktiviere Sie jetzt!" zu nuscheln, um krumme Deals zu besiegeln, ohne dass der arme Mensch am anderen Ende der Leitung es merkt. In ihrer Kolumne versucht sie deutlich zu sprechen.

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