In den Gebirgsregionen der Existenz

von Andreas Klaeui

Sils-Maria, 12. Juni 2008. Das "Waldhaus" in Sils im Engadin ist ja so etwas wie eine Marthaler-Figur unter den Hotels. So ähnlich, wie sich jene schwarze Witwe in Marthalers "Theater mit dem Waldhaus" selbst beschreibt: ein wenig abgelebt, aber nicht welk, manchmal ein bisschen wunderlich und schrullenhaft, aber auf keinen Fall nervös. Abseits von St. Moritzer Mainstream und Hektik liegt es – thront es! – auf einem Felsvorsprung zwischen zwei Engadiner Seen, und in diesem Jahr wird es hundert. Seit Anfang an gehört es einer Familie, zu der auch der Musiker Jürg Kienberger gehört, welcher aber auch noch in eine andere Familie gehört: die Marthalersche nämlich.

"Ich sag so gerne du zu dir..."

Voilà – so kommt es, dass die Marthaler-Familie und die Waldhaus-Familie über Kreuz vernetzt sind und seit langem miteinander Umgang pflegen. Und so kommt es, dass Christoph Marthaler und Ensemble zum Jubiläum des Hotels ein Theater erfunden haben, das jetzt hier, und nur hier zu sehen ist (mit weiteren Vorstellungen im September und im März). Es ist die nochmalige Verzauberung eines zauberhaften Orts.

Es fängt ganz harmlos an. Teezeit in der großen Halle, die Marthalergäste mischen sich ganz unauffällig unter die Hotelgäste, vielleicht ein wenig angestaubter, das ja, und dann fangen sie sehr leise an zu summen, zu singen: ein altes Engadinerlied, eine Volksweise, man braucht die Worte nicht zu verstehen, um zu begreifen, was da ist: ein ziehendes Sehnen, eine Melodie von Enge und Aufbruch. Eine Marthaler-Melodie, wie wir sie aus seinen helvetischen Liederabenden kennen, und von denen wir doch immer wieder überrascht sind.

Es ist ja in der Tat verwundernswert: Wo haben sie bloß all die musikalischen Trouvaillen her? Wie jenes flotte französische Liedchen von der Glace de Vanille au pays de Castille (Vanilien in Kastilien, müsste man übersetzen), oder das deutsche Chanson von kostbarem Blödsinn: "Ich sag so gerne du zu dir, mein Herz schlägt nur für dich."

Sind sie am Leben oder anderswo?

Da sitzen sie nun in den plüschigen Waldhaus-Fauteuils, und hingerissen hören wir zu, wie sie a cappella das Schweizerlied "Là haut sur la montagne" singen, auch so eine Melodie in Sehnsuchtssexten, schauen gebannt, wie Josef Ostendorf sofort einschläft und schnaubt und schnarcht, wie Raphael Clamèr und Nicolas Rosat synchron die gleiche Zeitung lesen, wie Rosemary Hardy Schokoladentabletten zerstückelt und zerstückelt, wie Graham F. Valentine Notizen in ein exquisites Heftchen schreibt, ein Poem Byron’scher Machart, ist zu vermuten; er sieht jedenfalls aus wie dessen Wiedergänger.

Der Tenor Christoph Homberger wiederum tritt als Wiedergänger seiner selbst in einem früheren Marthaler-Abend auf und will "Freunde, das Leben ist lehebenswert" schmettern, dies wird aber vom Ensemble gleich abgeschmettert. Dafür singt Ueli Jaeggi als gespenstische Inkarnation eines anderen Hundertjährigen, Johannes Heesters, die Erkennungsmelodie "Ich werde hundert Jahre, drauf ein Gläs’sche Wein". Es ist ja nicht immer ganz klar, ob die Figuren hier am Leben oder sonstwo sind, einer erzählt jedenfalls ganz unberührt von seinem tödlichen Absturz im Gebirge.

Vielleicht sind sie aber auch ganz einfach der Welt ein wenig abhanden gekommen, wie es Rosemary Hardy viel später, am Ende des Abends, im Mahlerlied singen wird, und wie es im Waldhaus leicht vorstellbar ist. Zumindest in der Zwischensaison, wenn die Teppiche aufgerollt und die Fauteuils mit Tüchern verhüllt sind und die Zeit irgendwo anders weiterläuft, jedenfalls nicht an diesem Ort – und wie es die verwandelte Hotelhalle kurze Zeit später vor Augen führt.

Das Ewig-Scheiternde zieht uns hinan

Denn in der Zwischenzeit gab es Table d’hôte im Speisesaal, beim Verlassen en passant den Blick in die eingemottete Halle, und wer dann zum Beispiel die Toilette aufsucht, wird auch da noch von Johannes Heesters eingeholt. Dann der Gang in die Innereien des Hotels: zum Personalhaus, in die unterirdische Garage, zum Indoor-Tennis-Saal.

Überall Gesang, überall die einsamen Vorstöße der Marthaler-Figuren in Gebirgsregionen der Existenz, in denen die Luft dünn wird, und endlich sagt Josef Ostendorf inmitten von Tennisbällen den Satz, den man für das Marthaler-Programm schlechthin nehmen könnte: Das Ewig-Scheiternde zieht uns hinan. Oder, wie es jene schwarze Witwe, Olivia Grigolli, am Anfang postulierte: Wer noch lacht, ist noch nicht ganz nervös.

 

Das Theater mit dem Waldhaus
Ein Projekt von Christoph Marthaler und Ensemble
Regie: Christoph Marthaler, Bühne: Frieda Schneider, Kostüme: Sarah Schittek, musikalische Leitung und Arrangements: Christoph Homberger, Jan Czajkowski, Bendix Dethleffsen, Dramaturgie: Malte Ubenauf.
Mit: Claudia Carigiet, Olivia Grigolli, Rosemary Hardy, Sasha Rau, Bettina Stucky, Raphael Clamèr, Jan Czajkowski, Bendix Dethleffsen, Christoph Homberger, Ueli Jäggi, Jürg Kienberger (ab September), Josef Ostendorf, Nicolas Rosat, Graham F. Valentine, Trio Farkas

www.waldhaus-sils.ch


Mehr über die Marthaler-Familie erfahren Sie in der Kritik zu Platz Mangel, der auch zum Berliner Theatertreffen eingeladenen Produktion, die letzten Dezember in der Roten Fabrik in Zürich Premiere hatte.

 

Kritikenrundschau

Für die Neue Zürcher Zeitung (16.6.2008) hat die Schriftstellerein Judith Kuckart einen langen, langen und sehr schönen Text über das Geburtstagsgastspiel der Marthaler-Familie im Hotel Waldhaus in Sils geschrieben. Auch von den Proben kann sie berichten: "Die Zeit blieb stehen, von April bis Juni. Zwischenzeit eben. So entsteht gutes Theater." Und vom ersten Durchlauf: "Jaja, hatte Marthaler seine ersten richtigen Zuschauer gewarnt, manche finden meine Stücke langweilig. An jenem Sonntagabend hatte er ein ehrfürchtiges, etwas ratloses Publikum, das Hotelpersonal. Sie sind die Ersten, die den ganzen Abend sehen." Und schließlich von der Aufführung: "Manche Zuschauer lachen, denn dieser Abend, der versprach ein lustiger zu sein, soll ja jetzt nach dem Premierenpausendinner und Premierenpausenwein kein trauriger werden. Doch ist es keine schlimme, sondern eine tröstliche Traurigkeit, die einen beim Zuschauen befällt." Nicht zuletzt porträtiert aber Judith Kuckart auch das Hotel, das schon lange ein Sehnsuchtsort für Marthaler-Fans ist – und nicht nur für die: "Manche unserer Gäste könnten den ganzen Ort Sils aufkaufen, sagt Felix Dietrich, manche sparen ein ganzes Jahr darauf, wieder herzukommen. Wir müssen für jeden das Richtige finden."

Majestätisch throne das 5-Sterne-Hotel Waldhaus Sils über Sils Maria und lege seinen Gästen den Silser- und den Silvaplanersee zu Füßen, schreibt Thomas Bodmer im Tagesanzeiger (online seit 11.6.2008, 21:10). "Dem gemeinen Wanderer hingegen signalisiert der wie eine Burg angelegte Bau: Du musst hier draußen bleiben." Dass Christoph Marthaler seinen Whiskey schon in den 80er Jahren in diesem Ambiente getrunken habe, liege daran, dass sein Freund und Kollege, der Musiker Jürg Kienberger, ein Mitglied der Direktorenfamilie und Aktionär des Hotels sei. Und da die Dividende so gering sei, weil alle Gewinne in die "Renovationen" des Gebäudes flössen, dürften, hatte der Autor vom Mit-Direktor Felix Dietrich erfahren, zum Ausgleich auch die Freunde der Aktionäre zum "Selbstkostenpreis" hier Urlaub machen. So also ist es gekommen, dass Marthaler sich dem Waldhaus verbunden und zum 100-jährigen Jubiläum hier "ein Feuerwerk" inszeniert hat – "ein rein akustisches, aber so schön, dass man schier heulen möchte, wenn es vorbei ist." Jürg Kienberger selbst allerdings werde erst bei den Vorstellungen im September dabeisein, denn er habe sich ausgerechnet jetzt einer Knieoperation unterziehen müssen.

Fast acht Minuten lang berichtet Dagmar Walser auf DRS 2 (14.6.2008) von der Marthaleriade im Waldhaus. Sie lässt den Meister selber sprechen, gibt Szenen aus der Halle und kleine Statements von Raphael Clamer, Christoph Homberger und der Bühnenbildnerin Frieda Schneider. Auch Walser fragt rhetorisch: "Wo könnten Marthaler-Figuren heimischer sein als in dieser groß angelegten Halle des Hotels Waldhaus?" [Die Antwort ist: nirgendwo - jnm] Die Marthaler-Menschen präsentierten sich als "Wiedergänger von Gästen" mit "Sätzen und Liedern, die sie den ehrwürdigen Wänden abgelauschr haben könnten".

 

 
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