Rest of Europe - Nina Gühlstorff bringt Nicoleta Esinencus Stück über die schartigen Ränder unseres Kontinents in Graz zur Uraufführung
Jenseits von Brüssel
von Hermann Götz
Graz, 17. Januar 2018. Es ist ganz offensichtlich: Ausstatterin Prisca Baumann hat sich besonders von den ersten Sätzen inspirieren lassen. "All they require is access to high-speed internet", heißt es da. Und auf der Bühne häufen sich Meter von europa-blauem Kabelschlauch. Darunter ein käse-gelbes Plastiketwas (gut: der Käse kommt erst später im Text), das bestimmt noch nie Hüpfburg war – aber atmet.
"Europa zu verlassen heißt, gemeinsamen Träumen den Rücken zu kehren", heißt es da auch und so werden die drei Darsteller, nach dem sie sich Laokoon-mäßig aus den Schläuchen geschält haben, in drei grauze Anzüge gezwängt, deren Rückenteile vernäht sind. Schon ist Regisseurin Nina Gühlstorff ein schönes Bild für das politische Europa gelungen: linkisch gestikulierende Gestalten, die sich gegenseitig ins Wort und in den Rücken fallen, aneinander gekettet und doch nicht richtig verbunden.
Besuchen Sie Europa solange es noch steht. Mathias Lodd, Traian Tamara Semzov, Mercy Dorcas Otieno © Lupi Spuma
Das Schauspielhaus Graz bringt in seinem aktuell der dramatischen Gegenwartsliteratur gewidmeten "Haus 2" eine Art Anti-Europa-Stück der 1978 geborenen moldawische Autorin Nicoleta Esinencu zur Uraufführung: "Rest of Europe" erzählt als dichte Textcollage von jenen geografischen und gesellschaftlichen Regionen Europas, die von der Zentrifugalkraft der EU-Weltwirtschaftsmachtpolitik an die Ränder gedrängt werden, nicht in die zweite, sondern die letzte Reihe. Das Stück wurde eigens für das Schauspielhaus in Graz geschrieben. Und für sein Ensemble.
Den ersten Satz hat Tamara Semzov, geboren in Charkow in der Ukraine, zur Schauspielerin ausgebildet in Graz: "Europa wird derzeit im Norden durch den Populismus bestimmt, im Süden durch im Mittelmeer ertrunkene Flüchtlinge." Die durchwühlten Kabelschläuche werden in diesem Augenblick zum Massengrab Mittelmeer, das käsegelbe Etwas zum Strand. Außerdem auf der Bühne: Mercy Dorcas Otieno, geboren in Kenia, Absolventin des Wiener Max-Reinhardt-Seminars sowie Mathias Lodd aus Hennigsdorf und dazu Rapper Traian, dem Vernehmen nach aus Weißrussland.
Ausgegrenzt und zerbrochen
Sie lassen jene zu Wort kommen, die hier – in Westeuropa – sonst wenig zu sagen haben: Den "ausländischen" Problemschulschüler, der noch nie im Ausland war, aber jetzt schon weiß, dass er für Polizei, Politik und Statistik lebenslang vor allem ein Problem darstellen wird; den Kebab-Austräger, der sich vom Krieg in Syrien nach London retten konnte, aber an der dortigen Borniertheit zerbricht; den Moldawier, der im EU-Parlament kellnert; russische Propaganda-Blogger, die im Auftrag Putins über das amerikanische Waffengesetz herziehen und andere Opfer pervers gezeichneter Auswüchse von Freihandel und neuer Mediokratie. Zum Angelpunkt des Abends wird schließlich der verheerende Hochhausbrand von Juli 2017 in London.
Verschlungenes Spiel: Mathias Lodd, Mercy Dorcas Otieno, Tamara Semzov © Lupi Spuma
Die teils aus Interviews und Zitaten zusammengenähten Texte sind ausnahmslos erzählerischer Natur. Stets tritt einer an die Rampe und berichtet. Nur dass es in dieser Inszenierung, diesem Raum, keine Rampe gibt. Vielmehr sind Vielsprachigkeit und Übersetzung Prinzip. Alles wird zumindest deutsch-englisch oder moldawisch-deutsch gesagt. Gühlstorff greift das auf und macht es zum gestalterischen Prinzip. Text wird zwischen Darstellern, Sprachen, Medien verteilt, wird hin- und hergeworfen, taucht als Laufschrift auf oder als Rap. Dabei ist Jugendkultur keine Attitüde, sondern ein locker hingeworfenes Element neben anderen. Esinencus Text verweigert dem Ideal einer europäischen Idee die Gefolgschaft, die Inszenierung verweigert sich der theatralen Illusion. Nichts läuft hier glatt, Kabelschläuche und vernähte Jacken machen jeden Versuch einer kontrollierten Bewegung unmöglich, Musik übertönt den Text, das Mikrophon hilft nicht – es ist nur ein weiterer Spielgegenstand.
Verweigerung trifft stets auch den Zuseher, überhaupt, wenn sie die ureigensten Mittel und Maßstäbe des Theaters betrifft. Doch Gühlstorffs Inszenierung verhindert so, dass Esinencus Szenen-Montage zu plakativ gerät. Eine spannende Unternehmung jedenfalls, deren Fortsetzung in Moldawien zu erleben sein wird.
Rest of Europe
von Nicoleta Esinencu
Regie: Nina Gühlstorff, Bühne und Kostüme: Prisca Baumann, Musik: Traian, Dramaturgie: Elisabeth Geyer.
Mit: Mathias Lodd. Mercy Dorcas Otieno, Tamara Semzov.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause
www.schauspielhaus-graz.com
Nicoleta Esinencu zeichne ein düsternes, zuweilen verworrenes Bild der EU, schreibt Daniel Hadler in der Kleinen Zeitung (19.1.2018). Regisseurin Nina Gühlstorff ziehe "mit reichlich Sprachwitz" einen weiteren thematischen Bogen auf, der inhaltlich jedoch wenig Tiefe zulasse. "In politisch hochspannenden Zeiten mag das enttäuschen."
Als "lockeren Reigen der Unschönheiten" beschreibt M. Reichart Esinencus Stück in der Kronen Zeitung (19.1.2018). Nina Gühlstorff mache in ihrer Uraufführung aus dem "prallen Konvolut einen so klugen wie unterhaltsamen Abend", finde eine Sprache, die quer durch die Generationen alle, "vor allem aber die Jungen" erreiche. Das gut eingespielte Ensemble bringe die Themen auf den Punkt. "Sehenswert!"
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