Jesus im American Diner

von Shirin Sojitrawalla

Stuttgart, 19. Januar 2018. Im Anfang ist es wow! Weihrauch und Bachs Matthäus-Passion schwängern die Luft. Ringsherum rot strahlende Lichter tauchen alles in Feierlichkeit. Kathedralenstimmung, halb ehrfürchtig, halb ungläubig. Nicht viel später sehen wir Maria, wie sie Jesus unter Schmerzen gebiert, ganz so, wie es die Bibel den Frauen weissagt. Währenddessen zählt sie den Stammbaum Jesu auf, ganz so, wie es das Matthäus-Evangelium will: "Abraham zeugte Isaak, und Isaak zeugte Jakob, und Jakob zeugte Juda (...)". Und schon bald presst sie ein blutig schleimiges Etwas hervor: Der Heiland ist geboren. So grandios unverblümt hat man das noch nie gesehen, und als es Zeit ist, die Nabelschnur durchzuschneiden, ruft der Regisseur einfach "Cut!“.

Erlöser, Psychotiker, Superman

Kay Voges knöpft sich das 1. Evangelium vor, frei nach Matthäus und nach vielen anderen, natürlich auch nach Pier Paolo Pasolini, der, wie der Fotograf Fred Holland Day, als Pate des Abends fungiert. Dabei erzählt Voges die Passionsgeschichte in Form eines B-Movies. Das bietet ihm die Möglichkeit, die Bibelgeschichte mit den Mythen des amerikanischen Kinos zu verschneiden. Die unablässig kreiselnde Drehbühne von Michael Sieberock-Serafimowitsch gleicht einem Bilderstock-Rondell. Eine Kammer dient als Andachtsraum für Heiligenskulpturen, zu denen die Schauspieler sich immer wieder neu arrangieren. Ikonische Ansichten, die Beweinung Christi etwa oder die Pietà. Eindringlich plakative Bilder. Daneben wartet ein American Diner, das der Schriftzug "Paradise" ziert, daneben ein Wohnwagen, in dem Jesus das Neonlicht der Welt erblickt, darüber funkelt verheißungsvoll die Leuchtschrift "Theatre". Links und rechts verdorren ein paar Palmen, hier und dort steht ein Auto.

Evangelium1 560 JU uZwischen Andacht und Reizüberflutung: die Passionsgeschichte auf der Split-Stage @ JU

Zu gucken gibt's wie immer genug bei Kay Voges, vorne und hinten flackern große Leinwände, rechts und links kleine, zentral eine runde. Wie schon in der Borderline Prozession flutet Voges unterschiedliche Reize über die Bühne und stiftet mit Zitaten von Alain Badiou, Deleuze und anderen Sinn. Dazu Budenzauber, Sampling, Live-Kamera, Split Stage. Dabei rückt er Jesus mit vielfältigen Assoziationen und Filmzitaten und -gesten auf die Pelle. Jesus tritt unter anderem als Erlöser, Drogenrasender, Psychotiker, Superman, Regisseur, Liebender, Revoluzzer und Mensch in Erscheinung.

Selbstironische Einschübe

Gottlob ist er aber hauptsächlich Julischka Eichel, die den Wahnsinn der Figur voll ausspielt, indem sie ihm mit genau der schattierungsreichen Derb- und Zartheit ausstattet, von der sein Nachruf lebt. Alles einsichtig und gut bis stark gemacht. Dazu kommen hübsche selbstironische Einschübe, in denen der Regisseur Fred (Paul Grill) und sein Produzent (Holger Stockhaus) pointiert am Telefon konferieren und Voges sich selbst und sein sich an den Oberflächen abarbeitendes Theater auf die Schippe nimmt. Später steht eben dieser Produzent als Pontius Pilatus an der Rampe und versucht sich als Stand-up-Comedian, zur Erheiterung einiger und zum Gähnen der meisten. Da nutzt auch Mona Ulrichs für ihn als Hommage an Pasolini erdachte schöne hohe Kopfbedeckung nichts.

Schutzlos über dem Häusermeer

Der Abend dreht im zweiten Teil leider zu oft leer. Dann wieder gibt es ein herrliches Saufspiel, bei dem die Trinkkumpane in schnellem Wechsel sagen müssen, wen sie wieder auferstehen lassen würden. Wem prompt niemand einfällt, muss den Schnaps auf Ex kippen. Oder Jesus steht als eine Art King Kong hilf- und schutzlos auf einem Dach über einem Häusermeer. Der ganze Abend ein Versuch, Jesus zu fassen, Jesus-Bilder zu zelebrieren, ihn wieder auferstehen zu lassen, wo er sich heute am ehesten zeigt: im Kino. Oder im Theater? Womöglich ist es ja kein Zufall, dass Bühne und Gestus der Inszenierung der alten Volksbühne huldigen. Frank Castorf als Heiliger oder besser: als Theater-Jesus. Göttlich dann auch die Frau neben mir, wie sie begeistert "Dortmund!" statt "Bravo!" in den Schlussapplaus posaunt.

 

Das 1. Evangelium
frei nach dem Matthäus-Evangelium
Uraufführung
Regie: Kay Voges, Bühne: Michael Sieberock-Serafimowitsch, Director of Photography: Voxi Bärenklau, Kostüme: Mona Ulrich, Musik: Paul Wallfisch, Video: Robi Voigt, Live Kamera: Tobias Dusche, Daniel Keller Ton-Angler: Max Brunner, Eva Dörr, Live-Ton-Sampling: Philipp Roscher, Dramaturgie: Anna Haas, Jan Hein.
Mit: Manolo Bertling, Christian Czeremnych, Julischka Eichel, Paul Grill, Berit Jentzsch, Ferdinand Lehmann, Marietta Meguid, Peer Oscar Musinowski, Abak Safaei-Rad, Holger Stockhaus, Rahel Ohm, Inga Behring, Kim Vanessa Földing, Milan Gather, Nurettin Kalfa, Philippe Thelen, Christopher Vantis.
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause

www.schauspiel-stuttgart.de

 

Kritikenrundschau

Rainer Zerbst sagte in Fazit auf Deutschlandfunk Kultur (19.1.2018) er habe alles aus dem Evangelium gesehen "und noch viel mehr". Voges interessiere sich für alles, was wir mit dem Evangelium und der Geschichte on Jesus verbinden. Er frage, welche Bilder, wir da eigentlich im Kopf hätten. Immer wieder käme man auf die Frage: "Was weiß ich von der Matthäus-Passion? Was will mir der Regisseur sagen?" Und: "was könnte sie heute noch bedeuten?" Natürlich würden die Zuschauer "überrannt von den Bildern und Tönen", aber insgesamt habe er, der Kritiker "seit Jahren nicht einen solchen so fulminanten, so durchdachten sinnlichen und auch ästhetisch-sinnlich faszinierenden Theaterabend" mehr erlebt.

Mirko Weber schreibt in der Stuttgarter Zeitung (online 20.1.2018, 13:30 Uhr) vom "Theater als B-Movie" und Voges' Stilprinzip "Reizüberflutung durch Sampling". Der Zuschauer werde zum "eigentlichen Regisseur des Abends". In "leicht horrorhaftem Kunterbuntheitsrahmen" erzähle Voges "ernsthaft große Teile des Matthäus-Evangeliums", dabei schaffe er es, "ein paar dringende Fragen" zu stellen: Zum Wert und der Stellung des Textes oder zum "Transport von Botschaften via Bühne". Trotz "überbordender Assoziationsangebote" finde die "vom Ensemble bewundernswürdig kompromisslos mitgetragene Materialschlacht" ihren Mittelpunkt in einer Art Solistin: Julischka Eichel spiele Jesus als "Wahrheitssucherin" und verleihe der Rolle eine "Aura", die "hier" gar nicht mehr "vorgesehen sei. Das Ende verläppere den Abend unnötig.

Nicole Golombek schreibt in den Stuttgarter Nachrichten (20.1. 2018, online 14:30 Uhr)
Voges lasse "keine Eindeutigkeiten aufkommen". Das "Rhizomatische"sei Teil seines Regiestils. Man sei mitten in einem Filmdreh zu einem "Jesus-B-Movie". "Idyllisch schöne und erschreckende Stand- und Bewegtbilder", dazu Zitate von "Walter Benjamin bis Heiner Müller. Passionsspiele Oberammergau treffen auf Hollywood." Man spüre, "bei aller Ironie ist es dem bibel- und philosophiefesten Voges ernst". Es sei schwer möglich, sich dem "Wirbel voller Leid, Blut, Schweiß und Tränen" zu entziehen. So "schief unpassend" das Stockhaus-Solo am Ende im Abend stehe: Voges gestatte nicht, in "einem Bilderstrudel zu versinken. Kein Konsum! Auch nicht der Kunst." Keine Heilsbotschaft, aber eine "Geschichte vom Glauben an die Kunst, vom Wahn, vom Zweifel". Sehenswert.

Wolfgang Höbel fragt auf Spiegel Online (20.1.2018, online 16:10 Uhr): "grandioses Bildertheater" ja, aber was habe der "eigensinnige Bilderträumer" Voges zu erzählen? Man staune über den "fantastischen Bilderrausch". Weil sich aber auch nach einer Stunde noch keine Handlung einstelle, denke man sich auch: "Jesus, Maria und Josef, was für ein Kitsch!"- "Irgendwann" lasse Voges den Pontius-Pilatus-Darsteller eine "schwache Kabarettnummer" über die Eitelkeiten des Filmgeschäfts aufführen, weil er offenbar gemerkt habe, dass seine "erlösungssüchtige Inszenierung im lärmenden Leerlaufmodus angekommen" sei. So "überladen die Bilder", so unterwentwickelt die "Dramaturgie". Von der angekündigten "Geschichte des Leidens und der Leidenschaft" sei nichts zu sehen.

"Geboten wird ein technisch opulenter, optisch spektakulärer, musikalisch von Paul Wallfisch hoch emotional untermalter Bilderfluss, ja, geradezu eine Bildersturzflut, ein theatralisches Wimmelbild", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (22.1.2018). "'Das 1. Evangelium' ist Theater von hohem Schauwert, das bei aller Coolness aber nicht vordergründig bleibt oder ironisch, sondern es inhaltlich durchaus ernst meint mit seinem Angebot an den Zuschauer, sich ein paar Fragen zu stellen. Woran glaubst du? Wie betest du? Wofür stehst du ein?" Nach diesem Abend müsse man (mal wieder) befinden: "Was für eine grandiose Erzählung diese Jesus-Geschichte doch ist, wie viel Radikalität darin steckt, wie viel Potenzial!"

"Diese Inszenierung ist nicht nur Film im Film, sondern ein Theaterstück über die Pro­duktion eines Filmes, der als Evangeliumsadaption selbst ­Erzählung über die Fleischwerdung einer religiösen Idee ist, also gewissermaßen Ur-Mythos der Bildwerdung." Es gebe kein Außerhalb des Bildes, sondern nur weiteres Bild im Bild, schreibt Judith Engel in der taz (22.1.2018). "Wäre das wirklich eine Predigt, würde sie vielleicht so enden: Bilder sind Welt. Nicht an Bilder zu glauben heißt, nicht an die Welt zu glauben. Glaubt an Bilder statt an eine Wahrheit hinter dem Bild, aber glaubt zweifelnd mit dem Wissen, dass jedes Bild ein gemachtes ist."

"Das Problem des Abends besteht in seiner Überwältigungs-Strategie. So wie die katholische Kirche uns das menschliche Leiden als etwas Unvermeidliches und sogar Stärkendes verkauft, den Gläubigen aber immer klein macht, so macht auch Voges den Zuschauer klein", argumentiert Christian Gampert von SWR2 (20.1.2018). "Er ist ein armer Wurm, der vor dem riesigen Theater-Apparat quasi kniet und von oben mit ästhetischen Gaben bedacht wird." Man schaue all dem zum Teil durchaus sympathisierend zu, fühle sich aber auch als Objekt einer aggressiven Bilderflut.

Einen "Volle-Kanne-Bilder-Rausch. Schillernd, exuberant, wahnwitzig", erlebte Otto Paul Burkhardt von der Südwest Presse (22.1.2018). Voges splittere das Matthäus-Evangelium auf in unzählige Blickwinkel, erkunde seine Faszination, hinterfrage den kriegerischen Furor, gehe auf Distanz, jongliere mit Bruchstücken. "Das Ergebnis ist streitbar und sehenswert: Es gibt keine Wahrheit, sondern nur Perspektiven. Kein Erklärtheater, sondern ein verwirrendes, animierendes Angebot an Sichtweisen."

 

 

mehr nachtkritiken

Kommentare

Kommentare  
#1 1. Evangelium, Stuttgart: EmpfehlungThomas Rothschild 2018-01-20 10:04
Zu den projizierten Zitaten gehört, gleichsam als Gebrauchsanweisung für die Inszenierung, eins von Jean-Luc Godard: "Wenn zwei Bilder aufeinandertreffen, entsteht ein Drittes. Eine andere Art des Sehens." Wer sich davon überzeugen will, was auf der Bühne daraus gemacht werden kann, dem sei Herbert Wernickes "Actus tragicus" aus dem Jahr 2000 (!) empfohlen, der Ende März nebenan in der Oper, allerdings ohne Drehbühne, wiederaufgenommen wird.
#2 1. Evangelium, Stuttgart: großes KinoWilky 2018-01-20 11:31
Ja, es erinnert an Castorf, der kleine "Faust" in Stuttgart, äußerst bildgewaltig - ich fand's niemals ermüdend, sondern sehr spannend. Großes Kino und lebendiges Theater, aber natürlich auch überfordernd, wenn man sich nicht drauf einlassen kann. Und da hat der Regisseur einiges dafür getan, dass das schwierig wird. Es ist bunt, es ist ab und zu sehr sehr laut, 22 Personen wimmeln auf der Bühne, who is who, schau ich nach rechts unten oder nach rechts oben? Überall passiert was. Und Text gibt's natürlich auch, mal tragisch, mal lustig, mal biblisch, mal albern. Ich denke, man kann diese Inszenierung zwei-, dreimal sehen und sieht immer wieder was Neues. Man kann aber auch sagen: "So ein Scheiß!" und geht verärgert nach Hause.
#4 Das 1. Evangelium, Stuttgart: ParadoxSascha Krieger 2018-04-23 14:19
Die Sezierung der Bildproduktion führt nicht zu einem Kern sondern zu neuen Bildern. Denn die Offenlegung ihrer Erschaffung ist selbst Bild, theatral gebannte Momentaufnahme, immer und immer wieder reproduziert. Am Ende bevölkern zahlreiche Jesusse die Bühne, für jeden Geschmack einen: revolutionäre, schmerzensreiche, traditionelle, rebellische, atheistische. Das Jesus-Narrativ ist immer Machtmittel, die Rolle des Gottessohns stets Mittel zum Zweck. Ob tröstlich oder strafend: Die Geschichte der Menschwerdung und Selbstopferung des Schöpfer-Sprosses steht nie im luftleeren Raum. Und so reflektiert sein Kurzschluss mit anderen, jüngeren, unterhaltenden Bildern auf seine Funktion als Ware, als Diener des Konsums, als Verkaufsargument, kapitalistisch, intellektuell, politisch – aufladbar mit so ziemlich jeder inhaltlichen Zielsetzung. Fred ist irgendwann außen vor, will immer weiter drehen, wie sich die Bildmaschine weiter dreht, denn sie Geschichte ist nie zu Ende erzählt, weil sie irgendjemand immer braucht. Verzweifelt rennt Fred an, gegen die Vereinnahmung des von ihm als offen Konziperten, als zur Interpretation Einladenden, ein Zauberlehrling, der seine Besen nicht mehr kontrollieren kann. Er rennt, schreit, wütet, auf offener Bühne und in ihrem verborgenen Inneren. Viel an diesem Abend – die eklektische Ikonografie mit ihren Amerikanismen und Neonschriften, wie der zunehmend rastlose Tonfall – erinnern an das Theater Frank Castorfs, die filmische Zitatschleuder an René Pollesch.

Auch die theatrale Ebene ist voller Zitate – auch Selbstzitate, denn natürlich hat der Vogeskenner auch die Borderline Prozession im Kopf und vor Augen. das Bildermachen ist ein Perpetuum Mobile, das sich nicht nur selbst antreibt, sondern auch noch multipliziert, immer neue ebenen schafft. Eine finale Bilderflut weist denn auch ganz ins Heute, auf unsere Notwendigkeit wie Unmöglichkeit, uns ein eigenes Bild zu machen. Der Traum, aus dem Fred schöpfen wollte, ist Albtraum geworden, die unsere Kultur erst schaffende Ikonografie wendet sich in ihrem gezielten Zuviel zur Waffe. Sie erschafft ihre eigenen, immer neuen Zerrbilder, Spiegelungen, Gegenbilder, manipulierte und manipulative Neuinterpretationen. Die sich weiterdrehen, auch wenn es längst schwarz ist auf der Bühne. Denn auf der, die wir aus dem Saal kommend betreten, bleibt es hell, dreht sich das Bilderkarussel weiter, bleiben wir in der Verantwortung, uns ihren zu stellen, unsere eigenen zu finden. Und wissen darum, dass dies nicht möglich ist. Ein ebenso konstruktives wie destruktives Paradox, das Kay Voges mal eben in gut zwei Stunden zu Theater macht. Nicht weniger.

Komplette Rezension: stagescreen.wordpress.com/2018/04/18/bilder-von-ihm/
#5 Das 1. Evangelium, Berlin: schalKonrad Kögler 2018-11-02 18:19
Während knapp 500 km weiter der ehemalige Hausherr Frank Castorf wieder mal eine sechsstündige Dostojewski-Roman-Adaption in die Hirne des Publikums schreien lässt, wabert am Rosa-Luxemburg-Platz an diesem Allerheiligen-Premueren-Abend Weihrauch durch den endlich wieder voll besetzten Saal der Volksbühne. Jedem guten Katholiken muss es das Herz wärmen, wie Kay Voges mit den Klängen von Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion und dem markant-herben Geruch eine sakrale Atmosphäre heraufbeschwört.

Die feierliche Stimmung weicht schnell der Reizüberflutung.
Das Kamera-Team hat alle Hände voll zu tun, durch das verwinkelte Bühnenbild zu jagen und die Szenen live auf die Leinwände zu projizieren. Alles passiert gleichzeitig, Überforderung ist hier wie schon in der „Borderline-Prozession“ von Kay Voges Programm. Zwischen all den Schnipseln aus Philosophie und Popkultur, von Derrida bis Tocotronic, die als kurze Schnipsel in dem Bildergewitter auftauchen, leuchtet auch programmatisch ein Leitsatz des Cineasten-Idols und Nouvelle Vague-Gurus Jean-Luc Godard auf: „Wenn zwei Bilder aufeinandertreffen, entsteht ein Drittes. Eine andere Art des Sehens.“

Die Zitate sind fleißig zusammengetragen, die aufwändige Logistik des Livedrehs auf der Bühne klappt reibungslos. Dennoch hinterlässt dieser Abend einen unbefriedigenden, schalen Eindruck. Shirin Sojitrawalla brachte es in ihrer Nachtkritik auf den Punkt, dass der Abend vor allem in der zweiten Hälfte leer dreht: in bester Castorf-Tradition sehr hochtourig, aber leider auf der Stelle tretend.

Komplette Kritik: daskulturblog.com/2018/11/02/das-1-evangelium-kay-voges-volksbuehne-theater-kritik/
#6 1. Evangelium, Stuttgart: Missbrauch des TheatersPeter Ibrik 2018-11-05 19:18
Ich sah die Vorstellung am 4. November in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.
Es scheint unter den großstädtischen Theatern einen Wettbewerb zu geben, wer wohl am auffälligsten die Inszenierung produzieren läßt, die am deutlichsten mitteilt, sie wolle gar nicht verstanden werden.
Wenn das Unverständliche mit Bombast vorgetragen wird, so ist das ein gutes Mittel zur Verblödung der Zuschauer. Ein großer Teil des Publikums scheint seiner Verblödung mit Vergnügen beizuwohnen, denn es applaudiert heftig und johlt. Das ist Missbrauch des Theaters.
Der Regisseur lässt im Programmheft mitteilen, er ist der Meinung "Das Theater ist die Kirche der Zweifler". Ich lobe mir den Zweifel, so wie ihn Brecht gelobt hat.
Ich weigere mich anzuerkennen, ich müsse meine Haltung in einem Bollwerk aufbewahren lassen, das ebenso wie eine Kirche der Behütung von Dogmen des Glaubens dient nun zur Speicherung beliebiger Behauptungen annektiert wird, wo also das freie Urteil des betrachtenden Mitspielers über sich und die Welt, in der er lebt, über Festschreibungen unterdrückt wird.
Das ist Mißbrauch des Theaters, es ist dumm und reaktionär.
Vielleicht sollte ernstlich darüber nachgedacht werden - und die politische Wende in der deutschen Demokratie, die mir vielerorts prophetisch angeboten wird, scheint mir eine günstige Voraussetzung dafür - die Theater zu schließen. Das Verbot von erprobten Fähigkeiten hat oftmals zu ihrer Bewahrung geführt. Vielleicht erinnern wir uns in einigen Jahrzehnten daran, daß Schauspieler nicht nur dazu da sind, lebende Bilder zu stellen, schweißgebadet auf der Bühne herum zu rennen und unbewiesene Behauptungen gegen die Zuschauer zu brüllen oder ein bißchen "Ulk" zu machen.
Peter Ibrik
#7 Das 1. Evangelium, Berlin: TrittbrettfahrerRichter Lotte 2018-11-06 11:32
Ich kann Peter Ibrik nur beipflichten. Habe den Abend ebenfalls als Missbrauch des Theaters erlebt, insofern das Theater benutzt wird, um Vereinfachung multimedial als Komplexität zu verkaufen. Natürlich kann das jede/r im Zuschauerraum merken - oder eben grölen wie im Stadion, wo man schon vor dem Spiel weiß, für wen man ist. Bei Castorf wurde auch gegrölt, bei ihm aber trotz der Komplexität seiner Inszenierungen. Den Trittbrettfahrern, die an Türen wackeln, gelingt das nicht im mindesten. Das sollte allerdings der Maßstab für die Nachfolge sein. Ob Klaus Doerr dafür das richtige Händchen hat, scheint mir wie im Falle Voges zu sehen doch zweifelhaft.
#8 Das 1. Evangelium, Berlin: Pferdeoperjohn 2018-11-07 21:38
Ich war auch in der Volksbühne und mir kam es vor, als würde sich die Inszenierung Inhaltlich nur selten über das der Appasionata Pferdeoper erheben. Manchmal ja, aber größtenteils einfach ein Teueres Bühnenbild/Kamera-Gedödel, "poetische Tableaus". Viel Effekt, dieser auch richtig gut, bloß dahinter nicht so viel.

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