Todesschatten der Blankverse

von Kornelius Friz

Dresden, 19. Januar 2018. Maria steigt aus dem Dunkel des Unterbodens auf die Bühne. Auf halber Höhe bleibt sie stehen und schaut ins Parkett. Lange tut sie keinen Schritt weiter, steht unbeweglich einfach da. Hinter Maria Stuart liegt der Kerker, vor ihr die Rampe, von der aus sie in den nächsten Abgrund sieht: ins Publikum. Um sie herum kreisen die Männer wie ferne Planeten. Sie alle versuchen, an die unglückselig Gefangene heranzukommen. Doch kaum einmal schaut sie einen von ihnen wirklich an: nicht Paulet, ihren Wächter, nicht dessen Neffen Mortimer, den jugendlichen Eiferer und später auch nicht den Grafen von Leicester (Ahmad Mesgarha), von dem man nie weiß, ob er seine Intrigen zu ihren Gunsten spinnt oder ob er zu seiner Liebhaberin Elisabeth hält und wie alle anderen sehen will, dass Marias Kopf rollt.

MariaStuart4 560 SebastianHoppe uFanny Staffa (Elisabeth) und Anja Laïs (Maria Stuart) © Sebastian Hoppe

Schreie und Tränen

Maria Stuart, gespielt von Anja Laïs, trägt einen unprätentiös orangefarbenen Ganzkörperanzug, wie man ihn von den inhaftierten Frauen aus der Serie Orange is the new Black kennt, doch im Gegensatz zu ihnen ist sie alleine einsam und nicht einsam unter Vielen. Seit neunzehn Jahren ist die schottische Königin bereits eingekerkert, als Friedrich Schillers Drama einsetzt. Gebrochen müsste sie also vor uns stehen oder zumindest wütend über die Verfrorenheit der Königin Elisabeth von England, die Maria einfach wegsperrte, als sie des Mordes an ihrem Gatten beschuldigt wurde und zu ihrer Verwandten nach London geflohen war. Doch nichts davon. Mit laufender Nase und verwaschener Sprache wackelt sie von einem Bein auf das andere. Zu keinem Zeitpunkt jedoch bekommt Laïs in dieser Inszenierung von Thomas Dannemann die Möglichkeit, ihrer Figur Tiefe zu verleihen. Ihre Tränen, ihre Steifheit, ihre Schreie kommen aus dem Nichts und bleiben leer, unmotiviert.

Doch fangen wir von vorne an: Bald schon klappt der Aufstieg nach oben, aus dem Maria anfangs aus dem Kerker zu Fotheringhay stieg. Zugleich senkt sich von oben eine hölzerne Wand herab, als würde sich das Maul eines enormen Tieres schließen, in dessen Bauch das Publikum sitzt und versucht, durch dieses Meer an Intrigen nach draußen zu schauen. Mal liegt die Unterkiefer-Wand da wie eine flache leere Bühne, mal zeigt sie gen Himmel. Dort steht dann auf einmal Fanny Staffa als Königin Elisabeth, als hätte sie seit Beginn des Stücks auf ihren Auftritt gewartet.

MariaStuart3 560 SebastianHoppe uDie Königin als Eisprinzessin (Fanny Staffa) © Sebastian Hoppe

Für Elisabeth wird das Licht von Michael Gööck, das mit "50 Shades of Gray" am besten beschrieben ist, einen Hauch freundlicher. In Abgrenzung zu ihrer orange und später trauerschwarz gekleideten Gegenspielerin hört Elisabeth gar nicht mehr auf, farbenfroh zu schimmern. Es scheint, Regine Standfuss hätte Elisabeths Paillettenkleid nach dem Vorbild von Disneys Eisprinzessin Elsa gestaltet.

Scharwenzelnde Männer

Ansonsten haben die zwei Herrscherinnen jedoch einiges gemeinsam: Wenn sie einmal einen Schritt tun, dann langsam und stets in der Längsachse der Bühne, während die Grafen, Wärter und Barone wie Heulbojen um sie herumscharwenzeln und dabei auch mal ganze Monologe im Schatten ausharren müssen, bis sie wieder dran sind.

Beide Frauen tragen weiße Halskrausen, die so steif sind wie die Inszenierung selbst. Und als Elisabeth vor Verzweiflung doch einmal die Krause abwirft (Soll ich das Todesurteil tatsächlich unterschreiben?), findet sie ihre Fassung und Krause schneller wieder als sie einen Blankvers Schillers aufsagen könnte. Überhaupt hetzen sich die acht Darstellenden durch Schillers Sprache, als könnten sie dem tragischen Finale entfliehen, wenn sie ihre Jamben und Daktylen nur schnell genug in den hohlen Raum hinauspressten.

Doppelte Kippe

Dieser krasse Gegensatz zur gen null tendierenden Bewegung und Interaktion der Darstellenden macht die Figuren nicht glaubwürdiger. Auf dieser offenen Bühne, in einer Inszenierung, die sich eher auf Schillers Sprache verlässt als auf das Ensemble oder ästhetische Kniffe, schadet diese Hektik nicht nur dem Verständnis, sondern insbesondere der moralischen und politischen Tiefe des Dramas, das im Jahr 1800 uraufgeführt wurde, doch schon allein aufgrund der Kritik an der Zerrissenheit des Individuums und der Abhängigkeit von vielfältigen Rollenerwartungen noch immer höchst gegenwärtig gezeigt werden könnte.

Die auf die Visualisierung von dichotomen Machtverhältnissen ausgelegte Bühne – oben und unten, hell und dunkel, nah und fern –, die Olaf Altmann in das Dresdner Staatsschauspiel gezimmert hat, ist herausragend. Leider wurden die zahllosen Möglichkeiten der doppelten Kippe kaum bespielt: Mal stehen die Schauspieler auf der Schräge, mal nicht. Folgt man Thomas Dannemann, muss es ganz schön ernst und statisch zugegangen sein, im höfischen England des 16. Jahrhunderts.

 

Maria Stuart
von Friedrich Schiller
Regie: Thomas Dannemann, Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Regine Standfuss.
Mit: Fanny Staffa, Anja Laïs, Ahmad Mesgarha, Hans-Werner Leupelt, Torsten Ranft, Viktor Tremmel, Raiko Küster, Lukas Rüppel.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Kritikenrundschau

"Ein Abend, den man getrost einer Netflix-Serie vorziehen kann oder einem Thrillerabend: Gefesselt bleibt man bis zum Schluss", schreibt Johanna Lemke in der Sächsischen Zeitung (22.1.2018). Schiller zeige sich hier in einer fiebrigen, hochpolitischen Version. Der Abend sei die Showtreppe für zwei großartige Darstellerinnen. Offenbar brauchte der Regisseur noch einen dritten Star: die Bühne. "Deutschlands umtriebigster Bühnenbildner Olaf Altmann hat zwei extreme Flächen entworfen, eine lässt sich in den Boden abkippen, die andere senkt sich drückend von oben auf die Spieler hinab." Zusammen mit dem ausgeklügelten Lichtdesign von Michael Göök führt das zu atemberaubenden Effekten. Dennoch lasse Dannemann die Bühne kaum aktiv nutzen. "Nur ein einziges Mal fällt es Elisabeth schwer, die schiefe Ebene noch erhaben zu beschreiten. Ansonsten dient die Bühne dramatischen Auf- und Abgängen." Wer gern das Spiel von Raum und Licht genießt, werde sich nicht beschweren.

Zum Auspielen des Duetts und Duells komme es nicht, schreibt Michael Bartsch in den Dresdner Neueste Nachrichten (22.1.2018). Denn "die beiden Protagonistinnen begegnen sich nicht auf Augenhöhe." Textkürzung und straffe Zweistundenfassung bringe einen klaren Handlungsfaden, "auf der Strecke bleiben dabei innere Prozesse und Reflexionen". Die optische Kargheit werde kompensiert durch akustische Dauerbeschallung. Fazit: Eine Schiller-Inszenierung, die keine nachhaltige Wirkung hinterlassen werde.

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