Auf der Suche nach Zugehörigkeit

von Veronika Krenn

St. Pölten, 20. Januar 2018. Die Welt ist für Franz Tunda ein Haufen Transportkisten, in denen er liebt und lebt. Der Zufall treibt ihn wie abgefallenes Laub im Wind zuerst durch Russland, wo er während des Ersten Weltkrieges als österreichischer Oberstleutnant 1916 in Kriegsgefangenschaft gerät. Er flieht und landet im Nirgendwo am Rande der Taiga bei dem sibirischen Polen Baranowicz, der nur einmal im Jahr in die Stadt geht und Zeitungen mitbringt. Mit Verspätung erfährt Tunda so vom Ende des Kriegs, vom Zerfall der K.-u.-k.-Monarchie, dem Ende des Vielvölkerstaates und macht sich auf den Weg zurück in eine Heimat, die nicht mehr existiert.

Durch die Länder galoppieren

Joseph Roth schrieb "Die Flucht ohne Ende" 1927 auf einer Albanienreise, seinen eigenen Angaben zufolge eine Autobiografie. Der Schriftsteller und Journalist – 1894 in Österreich-Ungarn geboren und 1939 in Paris verstorben – hat sich darin selbst als Erzähler verewigt, der die Geschichte seines Freundes Franz Tunda aufzeichnet. Im Verrinnen der Zeit sei es die Pflicht des Schriftstellers, die privaten Schicksale aufzuklauben, welche die Geschichte fallen lässt. "Ich zeichne lediglich das Gesicht der Zeit", schreibt er, "Die Völker vergehn, die Reiche verwehn."

FluchtohneEnde1 560 AlexiPelekanos uZwischen Kisten: Michael Scherff, Tobias Artner, Stanislaus Dick © Alexi Pelekanos

Bei Felix Hafner ist die Figur des Erzählers Roth dreifach aufgesplittet auf Josephine Bloéb, Stanislaus Dick und Michael Scherff, die in Mehrfachrollen auch alle anderen auftretenden Figuren spielen. Der Regie-Nachwuchs-Nestroypreisträger 2017 hat eine flotte Theater-Fassung erstellt, die in eineinhalb Stunden von Russland, nach Österreich, Deutschland und Paris galoppiert, Länder die Franz Tunda auf seiner Suche nach Zugehörigkeit durchstreift. Das funktioniert über weite Strecken gut, obwohl manches Detail des von Joseph Roth mit "Ein Bericht" untertitelten Romans dabei auf der Strecke bleibt und vereinzelte Handlungssprünge nicht immer leicht nachzuvollziehen sind.

Verlorene Heimat

Auf der Bühne stapeln sich sowohl lebensgroße als auch handliche Holzkisten, die Camilla Hägebarth (Bühne und Kostüm) zu verschiedenen Schauplätzen arrangieren lässt. Lässige Soundübermalungen von Bernhard Eder umrahmen diese zuweilen allzu unökonomischen Szenenwechsel, die die Schauspieler*innen ins Spiel einbauen müssen. Mit einem Knall klappt eine Kiste geräuschvoll auf, Franz Tunda (Tobias Artner) fällt vornüber heraus. Auf seiner Flucht aus der Kriegsgefangenschaft hat es ihn ins Niemandsland Sibiriens verschlagen, zu Baranowicz, den Michael Scherff mit groteskem blauen Bartwildwuchs verkörpert.

FluchtohneEnde3 560 AlexiPelekanos uWohin der Wind sie trägt: Stanislaus Dick, Tobias Artner, Michael Scherff, Josephine Bloéb
© Alexi Pelekanos

Über drei Overhead-Projektoren werden Lichtstimmungen an die Wände geworfen: Blätter, die der Wind verweht, alte Karten und die vergilbte Fotografie von Irene, Tundas Braut, die zum Bild einer unwiederbringlich verlorenen Heimat wird. Ein Ziel, das ihn antreibt, aber das er auf der Reise wieder und wieder aus den Augen verliert. Wenn er etwa, auf dem Weg nach Österreich von den Bolschewiki gekidnappt, aus Liebe zu deren Anführerin Natascha, zum Revolutionär wird. Auf Propagandareise in den Kaukasus wiederum fasziniert ihn die taubstumme Alja, die er heiratet und wieder verlässt, als er einer Pariserin begegnet, die ihn an seine verlassene Braut erinnert. Josephine Bloéb verwandelt sich in alle Frauen – Natascha, die Weiblichkeit für einen Rückfall in die bourgeoise Weltanschauung hält, die stille Alja und die mondäne Frau von Welt aus Paris.

Europas Kultur: ein Friedhof

"In den Seelen mancher Menschen richtet die Trauer einen größeren Jubel an als die Freude", so Roth. Tobias Artners heimatlos versprengten Kriegsrückkehrer Tunda treibt der Zufall durchs Weltgeschehen, seine Melancholie ist voll heiterer Ausweglosigkeit. Der Weltgeschichte verweigert er sich, in dem er der Liebe nachjagt, die sich in einem vergilbten Bild versteckt. Europas Kultur zeichnet er, während er die Länder durchstreift als Friedhof von aus allen Teilen der Welt zusammengetragenen Reliquien, die man verarmten Familien abgeluchst hat. Die Kultur habe tausend Löcher bekommen, sagt er, sie sei zur Attrappe einer alten Kultur verkommen. Läuterung erfährt der Protagonist keine mehr und das ist gut so, denn Joseph Roths Text als Kleinod der Erinnerungskultur zum Zerfall des Habsburgerreichs und dem Ende des Ersten Weltkriegs braucht keine Beschönigung.

 

Die Flucht ohne Ende
von Joseph Roth in einer Fassung von Felix Hafner
Uraufführung
Regie: Felix Hafner, Bühne & Kostüme: Camilla Hägebarth, Musik: Bernhard Eder, Dramaturgie: Julia Engelmayer, Licht: Karl Apfelbeck, Natalie Reisner
Mit: Tobias Artner, Josephine Bloéb, Stanislaus Dick, Michael Scherff
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.landestheater.net

 

Kritikenrundschau

Die Quadratur des Kreises gelinge Felix Hafner, schreibt Peter Jarolin im Kurier (23.1.2018): "Eine kompakte, klare Umsetzung" des Romans,  "bei der man trotz aller Kürzungen nichts Wesentliches vermisst". Schnörkellos und "fast in Short-Cuts-Manier" entfalte hier ein "sehr talentierter Regisseur" Tundas Weg durch diverse Länder und Betten. Erfahrbar werde dieser Weg anhand weniger Requisiten, so Jarolin. Besonderes Verdienst: Hafner "lamentiert nicht über den Untergang der Habsburgermonarchie; er holt diese Flucht, dieses Entwurzelt-Sein in die Gegenwart, ins heutige Europa."

Eine "stringent-packende und politisch-diskursive Bühnensprache" biete Felix Hafner in seiner Adaption, befindet "pk" in der "Woche" der Niederösterreichischen Nachrichten (04/2018). "Häufiger und schlüssiger Perspektivenwechsel, schauspielerische Verwandlungskunst und eine witzige Requisiten-Choreographie sorgen für anspruchsvolle Spannung." Fazit von "pk": "Eine Bühnenfassung, die für sich steht und überdies Lust auf Roths Roman(e) macht."

 

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