"Ich warte darauf, dass ich sterbe"

30. Januar 2018. In einem ausführlichen Interview mit Andreas Tobler im Zürcher Tages-Anzeiger spricht Regie- und Intendantenlegende Peter Stein u.a. darüber, warum Mitbestimmungsmodelle an Theatern wie seiner Berliner Schaubühne so oft scheitern: "Weil eine solche Kollektivtheatergeschichte vollen Einsatz, also letztlich die Abschaffung des Privatlebens verlangt. Deswegen können das nur jüngere Leute." Je mehr Eigenheiten man entwickele, desto schwieriger werde es.

Eine Frauenquote für Leitungspositionen, wie Nina Hoss sie fordere, findet Stein unnötig: "Ich glaube, dass sich die Weiblichkeit im Männlichen vorgearbeitet hat. Auch Multikulti ist schon sehr weit. Die Regisseure von heute heissen alle ganz merkwürdig. Ganz persisch. Es wird also automatisch, ganz ohne Quoten, gehen."

Dass man sich als Schauspielerin dauernd Rollenklischees oder anderen Zwängen zu beugen habe, liegt Stein zufolge an der Regieentwicklung in Deutschland: "Die Regisseure von heute sind selbst ernannte Autoren, die Texte als Material benutzen. Und damit wird das Verhältnis zu den Schauspielern problematisch: Sie werden entmündigt." Im Theater vor seiner Generation mussten sich auch die berühmten Regisseure "auf Diskussionen einlassen, weil es die dritte Sache gab: das Stück". Heute müsse sich der Regisseur nicht mehr rechtfertigen.

Überhaupt ist er auf das heutige Theater nicht gut zu sprechen. "Wenn man subventioniert ist, dann muss man Verantwortung übernehmen, etwas riskieren, indem man sich mit Dingen beschäftigt, die einen übersteigen. Nur das geschieht heute nicht mehr." Die Bequemlichkeit sei der größte Feind der Kunst. Dass er selbst ein Mobiltelefon nutzt, auf das er so schimpft, begründet er so: "Ich bin ja auch ein alter Sack. Ich brauch mich nicht mehr anzustrengen. Ich mache auch nichts mehr. Ich warte darauf, dass ich sterbe."

(geka)

 

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