Hitler, das Naturtalent

von Petra Hallmayer

München, 25. Januar 2018. "A great love story – Hitler and his Jew" hat George Tabori sein Stück "Mein Kampf" einmal genannt. Sie sind zweifellos das bizarrste Paar der Literaturgeschichte: der junge Möchtegernkünstler aus Braunau am Inn und der Buchhändler Schlomo Herzl, der diesen in einem Wiener Männerasyl unter seine Fittiche nimmt.

Bühnenbildner Stefan Hageneier hat ihnen im Münchner Volkstheater ein düsteres Kellerloch mit einer Holzpritsche und einem großen Ofen eingerichtet, in das durch eine Luke der Schnee hereinfällt. Dort sind Schlomo und sein Freund Lobkowitz gerade in ein rhetorisches Streitspiel verwickelt, in dem der arbeitslose Koscher-Koch den Part Gottes übernimmt, als Hitler herabsteigt, ein tumber Provinzler in Lederhose, Wollstrümpfen und Janker, aus dem eine Sturzflut von Phrasen hervorsprudelt.

Zur Liebe gezwungen

Schlomo, ein Bilderbuchjude mit Brille und Schäfchenlocken, versucht ihm erst einmal Manieren beizubringen. Bald schon bemuttert er den emotionalen Krüppel, wird sein Mentor und Lehrer. Er stutzt ihm den Schnurrbart, zieht ihm einen Scheitel. Er baut ihn auf, als er mit seinen Künstlerambitionen kläglich scheitert, rät ihm Politiker zu werden und lässt sich von ihm schließlich sogar den Titel seines Buches klauen: "Mein Kampf". Der gläubige Jude, in dessen Kopf "ein heidnisches Kichern" nistet, will Gutes tun und erschafft ein Monster. In schönen chaplinesken Szenen umschwänzelt Schlomo Hitler, frisiert und rasiert ihn, bringt ihm ballerinahaft tänzelnd bei, wie man Schuhe richtig wichst. Solche Momente aber sind eher selten in Christian Stückls Inszenierung.

Pascal Fliggs Schlomo Herzl ist ein Mensch, der sich zur Erfüllung des Liebesgebotes zwingt, sich die Freundlichkeit gegenüber dem Widerling mühsam abringt, den er beständig anschreit. Ein Zweifler und Verzweifelter, voll des Zorns. Jakob Immervoll zeigt einen zeigefingernden, dauerechauffierten Hitler, ein maßlos eitles Kerlchen, das das Kinn emporreckend seine Werke namens "Mein Hund im Zwielicht" und "Meine Mutter beim Erbsenpulen im Zwielicht" präsentiert, und einen hyperventilierenden Choleriker. Wie Kampfhähne stehen sich die Beiden gegenüber.

mein kampf1 560 arno declair uIm Keller der Geschichte. Vorne: Pascal Fligg (Herzl) und Jakob Immervoll (Adolf Hitler); hinten: Carolin Hartmann (Frau Tod), Julia Richter (Gretchen), Timocin Ziegler (Lobkowitz) © Arno Declair

Zwischen ihnen trumpft Lobkowitz (Timocin Ziegler) mit spielerischer Leichtigkeit auf, ein gewitzter hellsichtiger Schlawiner. Immer wieder kann man herzlich lachen im ersten Teil des Abends, wenn etwa Schlomo Hitler herrlich wortgewandt seine jüdische Herkunft beweisen will. Nach der Pause aber beginnt sich eine drückende Schwere herabzusenken.

Als "Mein Kampf" 1987 unter Taboris Regie seine Uraufführung feierte, empfand man das Stück als Tabubruch. Mittlerweile gehört der große Diktator als Lachnummer zum Standardrepertoire auf deutschen Bühnen. Stückl, der einige Figuren gestrichen hat, verzichtet weitgehend auf allzu grellen Klamauk. Er wollte sichtlich die Verharmlosung von Taboris makabrer Farce vermeiden, die mit ungeheuerlicher Chuzpe auf ein Lachen abzielt, das im Halse stecken bleibt. Dafür allerdings muss man es erst einmal hervorlocken. Stattdessen versucht Stückl zunehmend, die tragischen Züge des Textes und Schlomos Ringen mit seinem Glauben hervorzuheben. So dämpft er die Komik und lässt seine Inszenierung schließlich etwas hilflos zwischen Ernsthaftigkeit und überdrehter Groteske hin und her pendeln.

Frau Tods Gehilfe

Im strengen Uniformkostüm kommt kettenrauchend Frau Tod herein, um Hitler zu holen, deren Auftritt die permanent in ein dreckiges Gelächter ausbrechende Carolin Hartmann verkrampft verpoltert. Noch einmal möchte Schlomo seinen Schützling retten und verwickelt sie in ein wunderbar absurdes Zwiegespräch. Dabei trachtet sie Hitler gar nicht nach dem Leben. Als Leiche taugt er nicht viel, erklärt sie, als ihr Gehilfe, "als Täter", "als Würgeengel" aber sei er "ein Naturtalent".

mein kampf2 560 arno declair uHier lebt das Huhn noch. © Arno Declair

Bevor er das demonstrieren darf, muss das Huhn von Schlomos Freundin Gretchen (Julia Richter) dran glauben. In einer langen Passage wird es von Ziegler in der Rolle des Heinrich Himmlisch geschlachtet (dass er nun diesen mimt, erfährt man allerdings nur aus der Besetzungsliste). Zu einem TV-Show-Koch mutierend wühlt er in den tierischen Innereien, während sich Schlomo schluchzend auf dem Boden windet und Gretchen mit blutverschmiertem Gesicht zuckend den Arm zum Führergruß emporstreckt, ehe sie mit Hitler Frau Tod nachfolgt. Man sieht, dass diese Bilder gespenstisch wirken sollen, tatsächlich jedoch berühren sie einen kaum.

Die besten Szenen gelingen der Inszenierung immer dann, wenn sie sich ganz auf Taboris Dialogwitz konzentriert. Der diffizile Balanceakt zwischen Farce und erschütterndem Ernst aber, den Stückl zu meistern versucht, glückt ihm leider nicht wirklich überzeugend.

 

Mein Kampf
von George Tabori
Regie: Christian Stückl, Bühne und Kostüme: Stefan Hageneier, Musik: Tom Wörndl, Dramaturgie: Dima Schneider.
Mit: Pascal Fligg, Timocin Ziegler, Jakob Immervoll, Julia Richter, Carolin Hartmann.
Dauer: 2 Stunden und 40 Minuten, eine Pause

www.muenchner-volkstheater.de

 

Kritikenrundschau

Eva-Elisabeth Fischer schreibt in der Süddeutschen Zeitung (26.1.2018, online 18:49 Uhr): Im ersten Teil müssten die Schauspieler die "delikate Balance zwischen platter Sottise und beißendem Witz" erst einmal "austesten". Das höre und sehe sich "unbeholfen" an, markiere "die Fallhöhe zwischen Vorstadtbrettl und Charlie Chaplin". Man sehne sich nach "George Taboris schläfrigem Singsang" statt dieser "teutonischen Überartikuliertheit". Erst nach der Pause fänden die Schauspieler in die Figuren hinein. Dann erblühe das Chaplineske als "Reverenz Stückls an Tabori". Jakob Immervoll als Hitler habe "Tonfall, Gestik und Mimik des GröFaZ studiert", statte alles aber mit jener "minimalen Distanz" aus, die "das kluge Zitat von der wohlfeilen Imitation absetzt". Die beiden Frauen Julia Richter und Carolin Hartmann fänden leichter "in ihre Rollen" und sich in diesem "abgründigen Kammerspiel" zurecht.

Simone Dattenberger schreibt im Oberbayrischen Volksblatt (online 27.1.2018): Das Bühnenbild erinnere "unweigerlich an die KZ-Krematorien". Ausstatter Stefan Hageneier verschaffe jeder Figur außer Herzl "einen so komplizierten wie charakteristischen Auftritt und der Inszenierung die nötige Dauerbedrohung". Auch die Kostüme sorgten bei den Figuren für "klare Verhältnisse". Wie Tabori selbst wolle Christian Stückl "mit den Klischees, Witzen, Pingpong-Dialogen, Vorurteilen nur spielen". Beide Theatermacher nähmen "die Menschen, ihre Schuld und Not, das Böse und die Güte, ihre Beziehung zu Gott und den Menschen, ihren Lebensweg ernst". Stückl allerdings "bisweilen zu vorsichtig", dann wirke "das Komödiantische zu pomadig". Die "Dezenz und Sensibilität der Regie" machten aus "Mein Kampf" auf alle Fälle eine "wunderbare Parallel-Aufführung zu "Nathan der Weise" am Volkstheater".

Rüdiger Heinze schreibt in der Augsburger Allgemeinen (27.1.2018, online 0:30 Uhr): Nach "etlichen spastisch-grotesken Farcen-Verrenkungen" werde die Inszenierung von Christian Stückl "dichter und dichter". Eine "letztlich eindringliche Produktion".

 

 

 
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