Bromantic Love

von Jan Fischer

Braunschweig, 27. Januar 2018. Anfangs liegt da eine Frau im Wasser, sie trägt ein weißes Kleid und Kunstnebel umwallt sie. Die Frau patscht aus dem Wasser heraus – eine sturmgebeutelte Viola kann noch nicht ganz glauben, dass sie das Schiffsunglück überlebt hat.

WasIhrwollt 1 560 ThomasMJauk uErst Meer, dann Pool. Viola wird an den Strand von Illyrien gespült, und wird sich dort als Cesario
um Ordnung im Chaos bemühen. © Thomas M. Jauk

Auftritt Ritter Bleichenwang und Tobias Rülps. Die Wasserfläche auf der Bühne, die eben noch das wilde Meer war, ist jetzt ein Pool. Rülps zieht sich eine Dose Bier aus der Boxershorts, mit der er bekleidet ist, reicht eines an den bepornoschnurrbarteten Bleichenwang, und die beiden beginnen, ihre Bromance mit kompetitivem Borderline-Alkoholismus und reichlich Fistbumps zu feiern.

Party People mit Pooltieren

Es ist ein eigenartiges Illyrien, in das Regisseur Dariusch Yazdkhasti sein "Was ihr wollt" am Staatstheater Braunschweig verlegt. Eines, in dem ständig die Sprachebenen verrutschen. Bleichenwang sagt einmal von sich, er hätte "Style und Swag", dann wieder kippt der Text ohne Vorwarnung in Angela Schanelecs Übersetzung des Shakespeare-Dramentextes. In dieses Illyrien werden Viola und ihr Zwillingsbruder Sebastian geworfen, ohne so recht zu verstehen, warum dort die ganze Zeit so obsessiv begehrt, gefeiert und gesoffen wird. Um sie herum tobt die Dekadenz, die beiden Fremdlinge stehen bis zum Happy End – wenn beide quasi in die Dekadenz einheiraten – meist eher reserviert herum. Während die restlichen unglücklichen Party People im Wasser plantschen, falsch verliebt sind, aus Geldgier Duelle anzetteln, aus Langeweile Intrigen spinnen, aufblasbare Pooltiere dekorativ aufstellen oder "Who let the Dogs out" singen, versucht Viola als ihr männliches Alter Ego Cesario in hellbraunem Anzug Ordnung zumindest in den Teil des Chaos zu bringen, den sie zu verantworten hat.

Die Bühne hat – neben dem in den Bühnenboden eingelassenen Wasserbecken – noch ein weiteres Gimmick, eine absenkbare Decke, die mal hoch oben über den Wasser schwebt, mal gerade oder in einem schiefen Winkel knapp darüber, während die Darsteller*innen aus dem einen oder anderen Grund darauf herumturnen. Hin und wieder setzt sich Viola / Cesario auch ans Schlagzeug im Orchestergraben, Orsino spielt dazu E-Gitarre, einmal begleitet Malvolio beide am Klavier.

Es ploppen die Pointen

"Was ihr wollt" bietet, als Stücktext, eine Menge an interessanten Themen. Der Abfall in die Dekadenz ist eines, die durch das Crossdressing (zu Shakespeares Zeiten sogar doppelt) vertauschten Geschlechterrollen ein anderes. Man kann sich auch um die Tragik des Komödientextes kümmern, die zwei Narren des Schicksals der Geschichte, Malvolio und der Narr, kommen beide im Verlauf des Stückes unter die Räder.

Yazdkhasti prescht an dem allen in voller Geschwindigkeit vorbei. Ja, es gibt ein paar Lacher, als am Ende Orsino und Olivia nicht so recht wissen, welche der beiden Zwillinge sie nun küssen sollen und einfach beide nehmen. Ja, Malvolio sieht reichlich gebeutelt aus, als er am Ende aus seiner dunklen Kiste wieder auftaucht. Ja, die beiden Bros Bleichwang und Rülps zieht es immer tiefer in ihre drogen- und alholholvernebelte Dekadenz. Aber das alles ist in der Braunschweiger Inszenierung einfach nur da, es ist nicht ihr Kern. Im Grunde stecken die Figuren hier noch nicht einmal in einer Handlung, jedenfalls in keiner, die irgendwo hinführen würde. Sie stolpern eher als Karikaturen von Karikaturen durch grobe Narrative, künstliche Konstruktionen, die nichts im Blick haben, als den nächsten Witz, die nächste Pointe. Und die sich dann eben auch in dieser Pointe erschöpfen.

WasIhrwollt 2 560 ThomasMJauk uBierdosen-Bromance am Pool © Thomas M. Jauk

Klar ist es lustig, wenn Malvolio in grüner Strumpfhose und mit Pfauenfedern geschmückt auftaucht. Es ist auch lustig, als alle sich zu einer Mischung aus "Backdoor Man" von den Doors und "Whole Lotta Love" von Led Zeppelin (beides übrigens Songs, die ihre sexuellen Anspielungen so gut wie gar nicht verschlüsseln) mit Poolnudeln zusammenklatschen. Es ist lustig, wenn der Narr mit einer akustischen Gitarre einen Kanon mit dem Text "Halt's Maul, du Sau" zusammenbastelt und alle betrunken miteinstimmen. Es macht Spaß, den Schauspielern dabei zuzusehen, wie sie als gnadenlos überspitzte Witzfiguren Spaß an der Sache haben – allen voran Cino Djavid als Malviolo und Isabell Giebler als ordinäre Maria. Aber alles das ist nur bunte Oberfläche, die Yazdkhasti in Braunschweig um einen hohlen Kern legt. Er bürstet Shakespeares doch eigentlich so nah am Abgrund angesiedelte Komödie vollständig auf Klamauk, kein Krümelchen Tragik bleibt. Im Grunde ist daran nichts auszusetzen – am allerwenigsten vom Publikum, das den dreistündigen Abend reichlich beklatscht. Aber ein wenig schade ist es doch, wenn in Illyrien außer Style und Swag dann nix gewesen ist.

 

Was ihr wollt
von William Shakespeare
Deutsch von Angela Schanelec
Regie: Dariusch Yazdkhasti, Bühne: Anna Bergemann, Kostüme: Rahwa Oreyon, Dramaturgie: Franziska Betz.
Mit: Valentin Erb, Vanessa Czapla, Joshua Seelenbinder, Andreas Bißmeier, Yevgenia Korolov, Isabell Giebeler, Cino Djavid, Johannes Kienast, Georg Mitterstieler, Tobias Beyer.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

staatstheater-braunschweig.de

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