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Der Körper in Zeiten seiner technischen Modifizierbarkeit

von Andrea Heinz

Wien, 27. Januar 2018. Manchmal braucht man auch einen Parka in der Wüste. Zumindest in dieser Wüste "des Öls, des Staubs, der Information", in dieser "Wüste des Kapitalismus", in der Mehdi Moradpours "Ein Körper für Jetzt und Heute", im Wiener Schauspielhaus uraufgeführt in der Regie von Zino Wey, spielt. Zwar wird die Bühne beherrscht von einem großen, mit Graffiti verunzierten Brunnen, wie es ihn in jeder x-beliebigen Stadt gibt – aber die Bananenstauden dahinter geben schon den Hinweis: Man befindet sich hier eher nicht im christlichen Abendland.

Es dröhnt, als vier Gestalten in Parkas auf die Bühne kommen. Es dröhnt, so wie es wahrscheinlich dröhnt im Kopf, wenn man in der endlosen Hitze der Wüste steht und keinen klaren Gedanken fassen kann. Die vier Figuren fangen dann auch alsbald an, an ihren Parkas zu nesteln. Sie drehen ihre Köpfe zur Seite und verbergen sie in der Kapuze, sie schieben den Stoff nach oben, verdrehen ihn, winden sich in ihren Jacken. Aber das ist kein Unbehagen in der falschen Kleidung. Es ist ein Unbehagen in der falschen Haut, die doch die eigene ist.

KoerperJetztHeute 2 560 MatthiasHeschl uGefangen in Körpern: Vera von Gunten, Steffen Link, Simon Bauer, Martina Spitzer
© Matthias Heschl

Erzählt wird also von Körpern. Von Körpern und Sex. Von Sex und vielleicht Liebe. Von Körpern und Leben. Elija ist homosexuell, vielleicht auch bisexuell. Und er lebt im Iran. Dort steht auf Homosexualität die Todesstrafe. Die einzig legale Weise, um im Iran eine homosexuelle Beziehung führen zu können, ist eine Geschlechtsumwandlung – die wiederum nicht nur offiziell gestattet ist, sondern oft sogar vom Staat bezahlt wird. Elija hat sich, auf Drängen seines Partners, zu einer Operation entschieden, oder besser: durchgerungen. Nun ist der Partner weg und Elija möchte raus aus dem Körper, in dem er nun steckt. Er möchte aber auch nicht einfach nur wieder zurück – er möchte einen ganz neuen, anderen, noch nie dagewesenen, einen unerhörten Körper. Sein Begehren, es ist ein formvollendetes Bild des neuen, spätmodernen Kapitalismus, der aus allem eine Ware machen kann, sogar aus den schönsten, in tiefster Seele empfundenen Idealen.

Wut auf das Reale

Elija will aus seinem Körper die Manifestation einer gesellschaftspolitischen Utopie formen: Ein Sein jenseits des Binären, jenseits der Zuschreibungen, Begrenzungen und Schubladen. Und er will, dass die moderne Technik ihm diesen neuen Traum-Körper liefert. Simon Bauer spielt ihn sehr wütend, meistens schreit er seine Sätze heraus – beinahe wie ein unzufriedener Konsument wirkt er so manchmal. Immer wieder kippt der Abend in surreale Traumsequenzen, und das ergibt Sinn: Was sich Elija da wünscht, das ist ein psychoanalytischer Vorzeigetraum. Er träumt vom Sieg des Imaginären über das symbolische Reich der Eltern und Gesetzgeber, über das Reale der menschlichen Existenz.

KoerperJetztHeute 1 560 MatthiasHeschl uIm Kampf gegen ein Regime aus Zuschreibungen: Simon Bauer als Elija © Matthias Heschl

Das alleine wäre schon mehr als genug, doch der Abend hat in knapp 80 Minuten noch einiges mehr zu erzählen: Fanis möchte Eva, die er gerade erst kennengelernt hat, eine Niere spenden. Flo, der sich prostituiert, möchte seinen Marktwert durch technische Erweiterungen steigern. Es geht um die Sehnsüchte, Begierden, Ängste der Körper in Zeiten ihrer technischen Modifizierbarkeit, um die Versprechungen und Zumutungen der Moderne irgendwo zwischen medizinischen Möglichkeiten und Optimierungszwängen, zwischen Sterblichkeit und Cyborgs. Nur leider verliert dieser Abend, während er über den Körper spricht, zunehmend an Sinnlichkeit. Zu Beginn wurde noch an den Parkas und später an den (viel zu langen) Pullis herumgezogen und gezupft, sich gewunden und verknotet im Hader mit der eigenen Existenz. Es wurde noch spritzend und plätschernd im Wasser des Brunnen herumspaziert, immer ein wenig gegen den Wasserdruck ankämpfend, immer ein wenig unsicher auf diesem Grund, wie ja auch im eigenen Leben. Doch die Inszenierung wird zunehmend unkörperlich, statisch.

Hier kommt die Kälte

Immer häufiger kommt eine Kamera zum Einsatz, von den Spieler/innen selbst bedient, und überträgt das Geschehen auf die hintere Bühnenwand. Die Distanz soll wohl das Surreale, Traumhafte einzelner Szenen hervorheben, am Ende vermittelt sie aber vor allem: Distanz. Schade ist es schließlich auch um die Schauspieler/innen, die den sehr poetischen Text Mehdi Moradpours rezitieren müssen, teilweise mit wechselnden Rollen und oft ans Publikum gewandt, als wäre es ein Manifest oder ein Gerichtsplädoyer, gleichförmig und beinah ohne jede Regung. Auch Simon Bauers Wut, sein Schreien wird irgendwann gleichförmig. Was an Kritischem, an Denkwürdigem in diesem Stück steht, über diskursive Zugriffe auf den Körper, über fragwürdige Optimierungs- und Kontrollwünsche, das wird in dieser Inszenierung vielleicht abgebildet und verhandelt. Nur spürbar, nachvollziehbar wird es so nicht, es bleibt einem fern. Es lässt einen kalt.

 

Ein Körper für jetzt und heute
von Mehdi Moradpour
Regie: Zino Wey, Bühne und Kostüme: Davy van Gerven, Musik: Lukas Huber, Dramaturgie: Anna Laner.
Mit: Simon Bauer, Vera von Gunten, Steffen Link, Martina Spitzer.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause.

www.schauspielhaus.at

 

Kritikenrundschau

Der anspruchsvolle Text setze viel vor­aus. Weys Re­gie trage lei­der zu we­nig bei, die­se Vor­aus­set­zun­gen ei­nem un­be­fan­ge­nen Pu­bli­kum zu über­set­zen. Das schreibt Martin Lhotzky in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (29.1.2018). Die "ziem­lich ver­klau­su­lier­te Ge­schich­te" bleibe meist An­deu­tung. Durch plötzliche Rollenwechsel ent­stehe der Ein­druck ei­nes sehr be­müh­ten Ver­suchs. "Scha­de."

"So einfach die Ausgangslage ist, so kühl wird sie inszeniert. Auf ein empathisches Spiel legt es die Regie nicht an", schreibt ein*e Autor*in mit dem Kürzel wurm in Der Standard (29.1.2018). "Vieles soll mit hinein, Technokapitalismus etwa. (…) Zu viel gewollt."

"Obwohl inhaltlich einiges los ist, ereignet sich auf der Bühne erstaunlich wenig", schreibt Petra Paterno in der Wiener Zeitung (29.1.2018). Die Darsteller stünden "die meiste Zeit stocksteif herum, waten ein wenig im Wasser, zeigen bestenfalls minimalistische Gesten". Regisseur Zino Wey gelinge es "bedauerlicherweise nicht, diesen Text, in dem man leicht die Orientierung verliert, szenisch zu verorten", so Paterno: "Es herrscht rasender Stillstand."