Ich hatte mal ein Leben

von Hartmut Krug

Magdeburg, 13. Juni 2008. George F. Walker ist mit seinen über 25 Stücken, in denen er sich mit dem meist hoffnungslosen Überlebenskampf des modernen Großstadtmenschen auseinander setzt, der wohl erfolgreichste kanadische Dramatiker. Bekannt geworden in Deutschland ist er durch die Schaubühne, die im Jahr 2003 seine sechsteilige Einakter-Folge "Suburban Motel" von mehreren Regisseuren im Küchenstudio gegenüber dem Theatergebäude als eine schnelle und grelle, trashig-überdrehte szenische Lesungsfolge präsentierte.

Seitdem haben sich einige Theater (in München und Frankfurt), mit nicht allzu großem Erfolg an einzelnen Teilen der Folge versucht. Denn die Milieugeschichten, in denen die Menschen in einem schäbigen Motel aufeinander treffen, spielen einerseits mit allerlei medialen Genres und schrecken vor keinem Klischee zurück, wollen aber andererseits auch Sozialstudien sein. Dabei werden die Figuren kaum psychologisch entwickelt, sondern wirken so konstruiert, als seien sie  Soap- und B-Picture-Figuren nachempfunden.

Arbeitslos im Hotel

Dem Einakter "Das Ende der Zivilisation" suchte die Schaubühne beizukommen, indem sie den existentiellen Ernst der Figuren durch heftige Übersteigerung und wilden Klamauk konterte, und damit unpathetisch deutlich werden ließ. Regisseur Markus Dietz versucht in Magdeburg einen anderen Weg und inszeniert das Stück als ernsthafte Sozialstudie. Damit läuft er von der ersten Szene an in die Falle eines veräußerlichenden Realismus, der die Figuren völlig eindimensional erscheinen lässt.

Im von allen Seiten einsehbaren Hotelzimmer sitzt Christoph Hohmann zu Beginn als der arbeitslose Henry in Unterwäsche da. Er mosert prollig, genervt und aggressiv mit der Whiskeyflasche in der Hand gegen den ihn routiniert verhörenden Detektiv Max (angenehm zurückhaltend: Axel Strothmann). Wenn Hohmann nun mit viel Gestaltungswillen schnieft und schwitzt, wenn er uns voratmet und das Gesicht verknautscht, wenn er so seine Figur mit allerlei abgenutzten Gesten als realistische vorzuführen versucht, dann sehnt man sich schier nach "falschem", groteskem Spiel. Denn auch René Schwittay, Darsteller von Donny, dem zweiten Detektiv, verliert seine Figur an allerlei äußerliche Bedeutungsmimik und in ihrer Überdeutlichkeit ungenaue Gesten.

Der Magdeburger Inszenierung geraten bei ihrer Auseinandersetzung mit dem Thema des Stückes (die Auswirkung von Arbeitslosigkeit auf den Menschen) dessen formale Mittel völlig aus dem Blick. Seit zwei Jahren schon ist Henry, der sich mit seiner Frau Lily im Motel der fremden Stadt einquartiert hat, um auf Arbeitssuche zu gehen, arbeitslos. Die Kinder hat das Paar bei Verwandten gelassen, schließlich stehen das Eigenheim und das gewohnte Leben auf dem Spiel. Doch schließlich wird Lily (kräftig und konzentriert: Nicole Lippold) von ihrer Nachbarin (die Tabea Scholz auf Stiletto-Stiefeln als Kaugummi kauend taffe Person durchs Geschehen stöckelt) angeleitet und zur Gelegenheitsprostituierten.

Scheiß auf alles!

Mit der Arbeitslosigkeit scheinen alle Spielregeln außer Kraft und die Zivilisation ist am Ende. "Ich hatte mal ein Leben", trauert Henry, und der ebenfalls mit seinem Leben unzufriedene Donny erkennt "Wir waren mal vollständige Menschen."  "Let me in to your soul" und "No fun, my babe, no fun", heißt es im Song, der durch die Inszenierung tönt. "Scheiß auf alles", tobt Henry, der sich über unverschämte Arbeitgeber ebenso aufregt wie über unterwürfige Arbeitssuchende. Etwas tun will er und seine Selbstachtung behalten, – weshalb er von den Detektiven zu Recht als Bombenleger und Mörder verdächtigt wird. Da Donny Sehnsucht hat (nach Lily, aber auch nach dem alten, nach dem wahren Leben), gibt es allerlei Verwicklungen. Sie werden vom Autor wie Versatzstücke eingesetzt und von der Inszenierung eher brav aufgesagt. Spannend ist das alles nicht, und lebendig oder lebhaft macht es die Inszenierung ebenso wenig.

Wenn schließlich nach Henrys Tod die Handlung mit der letzten Szene wieder an den Anfang des Geschehens springt und Henry und Lily sich nach der Ankunft im Motel über ihre Rollen und Haltungen streiten, wenn Geschlechterrollen benannt und die Auswirkungen von Arbeitslosigkeit auf das Bewusstsein der Menschen erzählt werden, dann verliert die Inszenierung vollends jedes Tempo und wird endgültig zum zäh ausstellenden Bedeutungsspiel. So demonstriert uns die Magdeburger Inszenierung unfreiwillig, dass  Walkers Stück "Das Ende der Zivilisation" mit sozialem Realismus und Als-Ob-Rollenspiel kaum beizukommen ist.

Das Ende der Zivilisation
von George F. Walker
Regie: Markus Dietz, Bühne und Kostüme: Ines Nadler. Mit Nicole Lippold, Tabea Scholz, Christoph Hohmann, René Schwittay, Axel Strothmann.

www.theater-magdeburg.de

 

Kritikenrundschau

"'Das Ende der Zivilisation' beleuchtet beängstigend grell die Situation von Menschen am Ende der Arbeitsgesellschaft", schreibt Frank Memmler in der Magdeburger Volksstimme (16.6.). Das hier gezeigte Abstiegsszenario träfe die real existierenden Abstiegsängste der deutschen Mittelschicht genau. Weswegen die "dichte und packende Inszenierung" von Markus Dietz keineswegs immer nur "vergnüglich" sei. "Henry könnte schon längst Hans und Lily schon längst Liliane heißen und in der Nachbarschaft wohnen. Doch das möchte man eigentlich gar nicht so genau wissen und da möchte man gar nicht so genau hinschauen."

 

 
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