Manuskripte brennen nicht – nur Menschen

von Henryk Goldberg

Rudolstadt, 27. Januar 2018. Zwei Menschen, ein Mann, eine Frau, umfließen einander, verfließen miteinander, wortlos, selbstlos. Dann kommt der dritte – er trägt eine Pelzmütze und spricht Russisch. Herzlos, mitleidlos. Und dann sagt, dann fragt, dann barmt die Frau: "Wird der Roman erscheinen?" Es erscheint aber eine Bank, es erklingt die Internationale, sie treibt die Massen zum Menschenrecht und zu Paaren. Es ist jene Bank, auf der gleich ein Mann einem anderen Mann erklären wird, dass Annuschka bereits das Öl gekauft hat.

Die Magie 

Annuscka und das Öl, Behemoth und die Wohnung Nr. 50, die Bank und die Patriarchenteiche. Dieses Buch, in dem der Teufel den Moskauern zeigt, wo Gott wohnt, darf das verhurte Wort vom Kult für sich in Anspruch nehmen. Michail Bulgakows "Der Meister und Margarita" wurde, wenigstens im deutschen Osten, genossen wie eine Kostbarkeit, die es ja tatsächlich ist. Diese Lust galt zu Teilen der Satire auf die noch immer sakrosankten Verhältnisse der Sowjetunion, zu Teilen auch dem wunderbaren Figurenensemble, angeführt, ohne jeden Zweifel, von dem Kater Behemoth.

Meister und Margarita 1 560 Lisa Stern uWahnwitz auf beinahe Normaltemperatur – "Meister und Margarita" in Rudolstadt  © Lisa Stern

Den hatte sich der Teufel wohl geschaffen, weil er keine Lust hatte, immer wieder als des Pudels Kern heraus zu kriechen. Und weil ihm der Faust ein gar zu dröger Geselle schien, wünschte er sich eine Frau als Partner eines Paktes. Kann sich ein Theater behaupten gegen die Macht, die Magie eines solchen Buches?

Moskau wie es singt und lacht

Alejandro Quintana hat die Bearbeitung von Niklas Radström in Rudolstadt inszeniert, dem Schweden, mit dessen Bibel Rudolstadt schon heftig reüssierte. Henrike Engel hat eine Bühne gebaut mit viel Gold und Rot. Gold die Kachelwände, rot die Fahnen, die von oben fließen, ein Bühneneingang, schön garniert mit kleinen Lämpchen. "Moskau wie es singt und lacht". Hinten ein kleines Theater auf dem Theater, dort werden die Visionen des Meisters von Jerusalem Bild. Und vorne die unseren von Bulgakow?

Bulgakows Trauer

Alejandro Quintana dimmt die überbordende Überdrehtheit, den schrillen Wahnwitz des Buches gleichsam auf beinahe Normaltemperatur. So gewinnt er nicht Bulgakows Magie, nicht seinen Witz, was aber wohl ohnehin als unangemessene Erwartung gelten muss. Dafür insistiert der Regisseur auf Bulgakows Trauer, der Trauer, was die brachiale Menschheitsbeglückung macht mit fragilem Menschenglück.

Und das wird getragen von zwei Figuren und Schauspielern, Anne Kies und Benjamin Petschke, der Dichter und Margarita. Im Eigentlichen ist hier nicht der Meister, Marcus Ostberg, die Spiegelfigur des Autors, dazu ist er schon zu jenseitig, schon zu kaputt, es ist der Dichter Besdomny, der nun Unbehauste und Befreite. Der Teufel lässt ihn vom Glauben abfallen und also von den Lügen, das bringt ihn in die Irrenanstalt und also zu Verstand. Petschke entwickelt die Figur sehr überzeugend, er führt den ängstlich-bemühten Verseverfertiger in die Verzweiflung, die Einsamkeit, er drängt ihn, schmal und verloren, aus dem Leben, aber dann lässt er ihn etwas finden, was nicht vorkam bisher in seinem Leben: sich selbst.

Anne Kies hält ihre Margarita in leiser Ernsthaftigkeit, beinahe stilisiert, das gibt ihr Kraft und Würde. Diese Frau hat in der Tat die Kraft, den Mann zu retten, und den Zorn, den Furor hat sie auch. Sie cremt sich mit Lust die Zaubersalbe auf den Leib, sie vernichtet mit Wut die Wohnung des Mannes, der den Dichter vernichtete – und fliegt. Licht und Farbe übergießen die Wände, Moskau von oben, das hat dann doch ein wenig Magie.

Humorlos das Maß anlegen

Kein Magier ist Matthias Windes Voland, und gleich gar nicht, wenn er die Vorstellung in Schwarzer Magie gibt, moderiert von einem wunderbar schweineblöden Markus Seidensticker. Die Späße treiben seine Spaßmacher, er ist der Ernstmacher. Und legt den Menschen, die das Volk sind und vorn "Wir wollen Geld!" skandieren, das Maß an, vollkommen humorlos. Müde, resigniert, es hat sich nichts geändert mit ihnen. Das hat, natürlich, nicht die Magie von Bulgakows Varieté, nicht seinen Witz – aber es verströmt seine Trauer. Später, wenn Moskau brennt, zertanzt die Teufelsbrut die letzte Romantik der Revolution, aus den Lautsprechern dröhnt das "Bella ciao".

Meister und Margarita 2 560 Lisa Stern uMarkus Seidensticker, Benjamin Petschke, Matthias Winde  © Lisa Stern

Der lustige Teil dieser Brut ist Johannes Geißer, der geschmeidig tänzelnde Korowjew, Satans Spielmeister, der den Job genießt. Und unser geliebter Behemoth, seine schnöselige Arroganz? Ach, lassen wir das, es ist zu traurig. Das Kätzchen (Marie Luise Stahl) taugte fürs Weihnachtsmärchen.

Verkleinerungen

Nicht die Weihnachtsgeschichte, die Geschichte von Pontius Pilatus (Johannes Arpe) und Jeschua (Andreas Mittermeier), die Hoffnung also, es könnte ein Diktator berührbar sein von Menschlichkeit, erzählen sie hinten, auf der kleinen Bühne wie vom Rummelplatz, das gibt schöne, fließende Übergänge. Allerdings, die Verkürzungen des Textes verkleinern diese Geschichte beträchtlich.

"Manuskripte brennen nicht" – das war die Hoffnung, die sich Michail Bulgakow gab. Sie hat ihn nicht getrogen. Aber sie hat ihm auch nicht geholfen, denn er hat nie erfahren, dass das Buch seiner Leiden einmal als Weltliteratur gelten würde. Manuskripte verbrennen nicht, nur Menschen, die sie schreiben.

 

Der Meister und Margarita
nach Michail Bulgakow von Niklas Rådström
Deutsch von Steffen Mensching (Deutschsprachige Erstaufführung)
Regie: Alejandro Quintana, Bühne und Kostüme: Henrike Engel, Dramaturgie: Michael Kliefert und Johannes Frohnsdorf, Choreografische Mitarbeit: Julieta Figueroa, Musikalische Einstudierung: Thomas Voigt.
Mit: Marcus Ostberg, Anne Kies, Matthias Winde, Johannes Geißer, Marie Luise Stahl, Benjamin Petschke, Johannes Arpe, Andreas Mittermeier, Jakob Köhn, Oliver Baesler, Ute Schmidt, Jochen Ganser, Markus Seidensticker, Manuela Stüßer, Verena Blankenburg, Rayk Gaida Ulrike Gronow, Laura Bettinger, Katrin Stocka.
Dauer: 3 Stunden 15 Minuten, eine Pause

www.theater-rudolstadt.de

 

Kritikenrundschau

So vielschichtig, unterhaltsam und ernst zugleich sei die Inszenierung, dass sie nicht nur den Rudolstädter Spielplan schmücke, sondern auch an großen Bühnen bestehen könnte, findet Matthias Schmidt auf MDR Kultur (27.1.2018). Man erlebe Theater alter Schule und sei erstaunt, wie gut das funktioniere. "Hier wird nicht oppulent dekonstruiert, hier wird realitisch rekonstruiert." Schmidt lobt ausdrücklich das Ensemble. "Im Grunde müsste man sie alle namtlich erwähnen." Besonders gefallen habe ihm auch, wie souverän sich Quintana auf dem Grad zwischen Komik und Tragik bewege.

"Im raffiniert verkastelten Spiegel- Bühnenbild, das abwechselnd Moskauer Boulevard, Wohnkommune, Theater und Irrenanstalt bedeutet (Ausstattung: Henrike Engel), entfaltet Quintana eine tolldreiste Tragikomödie par excellence", lobt Frank Quilitzsch in der Ostthüringer Zeitung (29.1.2018) einen "besonderen" Abend. Stilsicher setze die Regie im kleinen russischen Welttheater die Pointen. "Dreieinhalb Stunden Vollblut-Theater! "Dreieinhalb Stunden Tollhaus, das auch die heutige Welt meinen könnte. Doch selbst das witzigste Feuerwerk kann ermüden ..."

"Drei Stunden zirzensisch aufgeladenes Theater, bei dem ein neunzehnköpfiges Ensemble in zahlreichen Rollen zwischen Gut und Böse und Blöd wechselt und zu gelenkig spielerischer Hochform aufläuft", hat Hans-Dieter Schütt vom Neuen Deutschland (05.02.2018) gesehen. "Theater, das sich ins aufgekratzt Komödiantische steigert, um plötzlich in tiefes Schmerzempfinden zu stürzen." Für Voland, "diesen rächenden Räsoneur aus den Werkstätten des Chaos", sei Quintana "ein bereitwilliger Expressionist – die Regie spielt präzise mit Farben, forciert mit stampfendem Schritt, federt in wiegendem Tanz, lässt pathetische Bewegungen in Starre ausglühen". Schütts Fazit: "Ein Bravo für Rudolstadt!"

 

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