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Der gute Nachbar und die Zombies

von Friederike Felbeck

Bonn, 27. Januar 2018. Die Paarung funktioniert: junge preisgekrönte Regisseurin (Jahrgang 1984), Absolventin der Theaterakademie Hamburg, geübt in Entwicklungszusammenarbeit und Politikwissenschaft, 2016 in der Kategorie "Herausragende Inszenierung" mit dem Rolf Mares Preis in Hamburg ausgezeichnet, trifft auf ebenso jungen Schweizer Dramatiker (Jahrgang 1984), ausgezeichnet mit dem Kleist-Förderpreis 2015. Gemeinsam hecken sie ein Stück aus, das die Unsicherheit der Menschen und ihre geheime Sehnsucht nach modernen Superhelden offenlegt und das nun als Auftragswerk des Theater Bonn in der Werkstatt uraufgeführt wurde.

Und nach dem Aufstehen: zum Zimmerspringbrunnen

Fünf Kabinen sind im Halbrund mit nummerierten Türen angeordnet, durch deren Milchglasfenster nach innen und außen spioniert werden kann. Eine Mischung aus Umkleidekabine, Psychiatriezelle und Wohnklo, kann es sich aber auch um ein ernstgemeintes Konzept für großstädtische Singlewohnungen in der nahen Zukunft handeln. Dahinter verborgen eine Nachbarschaft, die alles voneinander weiß und sich einander angeglichen hat wie Herr und Hund nach Jahren des Zusammenlebens. Nach dem Aufstehen pilgern sie zu einem kleinen Zimmerbrunnen in einer Glasvitrine auf dem Vorplatz, der von einer Alarmglocke geschützt wird – die allzeit kokett-aufreizende Frau Zuber (Johanna Falckner) ist sogar noch so gelenkig, dass sie sich die nackten Füße im tröpfelnden Wasser kühlen kann. Man tauscht Informationen, Stabmixer, Know-How und Crème brulée.

Vorzeigenachbar

Parzival Pech ist die "gute Seele" des Blocks – fürsorglich, verständnisvoll und allzeit bereit –, wenn abends die Champions League heraufzieht, kann er sogar das Internet reparieren. Er ist ein Gut-mann – der Autor Lukas Linder umgeht so vorsichtig das abwertende "Gutmensch". Und in Zeiten von Nachbarschaftsapps und Tauschplattformen ist er der Vorzeigetypus für ein urbanes Zusammenleben als Zweckgemeinschaft.

Supergutman 3 560 ThiloBeu hMorgen-Thing am Zimmerspringbrunnen: Johanna Falckner (Frau Zuber); Bernd Braun (Frau Werner), Wilhelm Eilers (Herr Werner). Matthias Breitenbach (Parzival Pech) © Thilo Beu

Allein, nichts bleibt seinen unausgefüllten Nächsten verborgen: "Sie waren gerade bei der Nachbarin!" Das mündet bald in ein: "Insgeheim habe ich es schon immer gewusst!" Denn die Nachbarin Irma in Nr. 25 ist die ungeliebte Außenseiterin – das "Kinderschutzamt" hat ihr ihre kleine Tochter weggenommen. Da hat Parzivals Aktivisten-Stündchen geschlagen und der Ex-Zivildienstleister und EDVler der Uni, der sich gerne die Aura gibt, zu Höherem bestimmt zu sein, schwingt sich auf in die Sphäre von Petitionen und ehrenamtlichem Engagement. Seine Nachbarn, die bisher von seinen selbstverständlichen Dienstleistungen gut gelebt haben, sehen es gar nicht gerne – ihre Frage: "Sind Sie ein Wutbürger?" ist kein Kompliment.

Die Mechanik des Helfens

Die Regisseurin Clara Weyde inszeniert dieses Panoptikum als archaische Konstellation. Linders Texte erinnern dabei an Ödön von Horváths kraftvoll knappe Dialoge. Seine Figuren sprechen gerade so, wie sie es vermögen. Die fünf ausgezeichnet agierenden Schauspieler des Bonner Ensembles verschaffen ihnen den notwendigen Raum, um sich zu entwickeln und wahren eine schöne Portion ironische Distanz. Roy (Wilhelm Eilers), der Leiter des Kinderschutzamts, belehrt in einem gestelzt tönenden Bildungsjargon, während die Stimme von Parzival Pech (Matthias Breitenbach) immer sanfter und leiser, fast lasziv wird, wenn er seine Hilfe anbieten kann.

Clara Weyde interpretiert mutig und mit dem Vertrauensvorschuss einer Quasi-Co-Autorin die Uraufführung. Sie deckt eine Mechanik des Helfens auf, die erstaunlich deutlich auch die eigennützigen Schattenseiten von Parzivals Hilfsbereitschaft zeigt, die im Übrigen schamlos ausgenutzt wird.

Flatterhemden und Potpourri

Wie verwöhnt wir als Zuschauer durch Originalkompositionen und Live-Bühnenmusik inzwischen sind, zeigt das irritierende Potpourri aus zeitgenössischen wie klassischen Musikzuspielungen, die nicht mehr als einen atmosphärischen Teppich ausbreiten und teilweise gehörig aufeinander krachen. Aber wenn die Inszenierung manches Mal ein wenig träge wird, dann liegt das letztlich an der zutiefst unspektakulären und sich ewig im Kreis drehenden Umgebung, von der Linders Stück erzählt.

Die Kostüme sind surreal-futuristisch und so home made wie das Brot, aus dem sich Parzival seinen Heldenhut à la Napoleon Bonaparte knabbert: Flatterhemden und graue Kittel mit Bordüren, darunter Strumpfhosen, die in schwarz-weißen Budapestern landen.

Supermann in der Talkshow

Umso mehr Parzival und die Dame aus Nr. 25 unter gesellschaftlichen Druck geraten, umso mehr finden sie einander und entgehen so ihrer eigenen Einsamkeit. Dann lüften sie die überlangen Ärmel ihres Wohnkittels, der eben noch wie eine historische Zwangsjacke wirkte, über der Wäscheleine, mit der sich Irma (Lydia Stäubli) eigentlich aufhängen wollte. Als die Nachbarn sich gegen die beiden wie ein Tross von Zombies formieren, wird Gutman zum Superhelden: das brave Alltagskleid reißt er sich zum fluggerecht glitzernden Umhang zurecht. In einer furiosen Talkshow-Parodie wird öffentlich Gericht gehalten über die als Mutter verunglückte Irma, die alles pink streicht, damit ihr Kind aufhören kann zu weinen.

Am Ende kann Parzival nur vornehm lügen und trösten, denn seine buchstäblich selbstgebackenen Petitionen (aus Brot) sind leicht zu unterzeichnen, wenn sie nach Afrika schielen, aber das Einzelschicksal vor unserer Haustür ist eine Zumutung und eine Belästigung. "Supergutman" von Lukas Linder ist eine gelungene kurzweilige Parodie und lupenreine Miniatur, die oft auch ohne Worte Klarheit schafft. Die letzte Waffe gegen selbstgerechte und sich abschottende Institutionen sind sowieso Guglhupf und Sprühsahne.

 

Supergutman
von Lukas Linder
Regie: Clara Weyde, Bühne: Hanna Lenz, Kostüm: Clemens Leander, Licht: Lothar Krüger, Dramaturgie: Elisa Hempel.
Mit: Matthias Breitenbach, Lydia Stäubli, Wilhelm Eilers, Bernd Braun, Johanna Falckner.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause 

www.theater-bonn.de

 

Kritikenrundschau

Das Stück sei "eine gesellschaftskritische Groteske, die mit gnadenlos überzeichneten Bildern von Superhelden in Satin-Morgenmänteln und Brot-Rüstungen die Frage nach der Subjektivität des Gerechtigkeitsempfindens stellt", so Thomas Kölsch im General-Anzeiger (29.1.2018). "Gleichzeitig gelingt es dem Stück, eine dystopische Spannung zu kreieren, die Mechanismen einer Gesellschaft zu zeigen, die sich in erster Linie um sich selbst schert und die einzig dem persönlichen Urteil traut." Zugegeben sei der inszenatorische Wahnsinn nicht immer leicht zu verkraften. Dem herausragenden Ensemble gelinge es jedoch zum Glück immer, die Spannung zu bewahren.