Die Mainphilharmonie

von Alexander Jürgs

Frankfurt / Main, 1. Februar 2018. Was für Zahlen. 868 Millionen Euro. 848 Millionen Euro. 888 Millionen Euro. So teuer wird es laut einer im vergangenen Sommer präsentierten Machbarkeitsstudie, die Städtischen Bühnen in Frankfurt am Main zu sanieren oder neu zu bauen. Drei Varianten haben die Architekten vom Planungsbüro PFP für das Gebäude durchgerechnet, in dem sowohl das Frankfurter Schauspiel wie auch die Oper ihren Platz haben: eine Sanierung, die etwa elf Jahre dauern wird, eine acht Jahre dauernde Sanierung, einen Neubau. Dass das Kostenergebnis dabei kaum variierte, hat sie verblüfft. Wie teuer das Vorhaben insgesamt werden wird, hat einen Schock ausgelöst.

Wofür das ganze Geld?

Wie kann es sein, dass die Generalüberholung eines in den 1960er-Jahren erbauten Theaters so viel Geld verschlingt wie die Elbphilharmonie? Wofür das ganze Geld? Das wird nicht nur in Frankfurt, sondern auch anderswo in Deutschland seitdem heftig diskutiert. Denn der Frankfurter Sanierungsfall dürfte nicht einzigartig bleiben: Mit schlechter Bausubstanz aus der Nachkriegszeit oder der allgemeinen Verteuerung des Bauens haben auch andere Städte zu kämpfen, deren Kulturhäuser in die Jahre gekommen sind. In Köln etwa wurde lange heftig über die Sanierung der Theaterbauten am Offenbachplatz gestritten. Seit 2013 laufen die Bauarbeiten an den denkmalgeschützten Gebäuden des Architekten Wilhelm Riphahn, frühestens Ende 2022 werden Schauspiel und Oper wiedereröffnet. Bis zu 570 Millionen Euro wird der Umbau kosten. Dabei zählt man in Köln (anders als in der Frankfurter Machbarkeitsstudie) die nicht unerheblichen Kosten für Interimspielstätten noch nicht mit.

schauspielhausFFM BirgitHupfeld uDie Frankfurter Doppelanlage mit ihrer endlosen Glasfassade, im Vordergrund das Schauspiel
© Birgit Hupfeld

120 Meter Glasfassade, der Blick geht raus in die Stadt, auf die Banken, die Türme, das Grün der Gallusanlage. Die Offenheit des Gebäudes, diese Transparenz, steht für den Fortschrittsglauben der Moderne, für ein demokratisches Bauen, für den "International Style". ABB Architekten hieß das Büro, das den Neubau der sogenannten Theaterdoppelanlage verantwortete. Otto Apel war der Kopf des Unternehmens, ein kluger Planer, der Bauprojekte so effizient, groß und modern umsetzen wollte wie die Amerikaner, ein Geschäftsmann, der schon mit Skidmore, Owings and Merrill zusammengearbeitet hatte, dem damals wohl größten Architekturbetrieb der Welt. 1963 wurde das Gebäude eingeweiht. Man gab Goethes "Faust", die Stadtgesellschaft flanierte durch die weitläufigen Gänge, es herrschte Aufbruchsstimmung.

Von seinem Flair hat das Haus nichts eingebüßt. Im Foyer staunt man über das metallene Wolkenmeer, das der ungarische Künstler Zoltán Kemény als Deckenschmuck entworfen hat. Für den Saal, der Opern- und Schauspielfoyer voneinander trennt, hat Marc Chagall ein bezauberndes Wandgemälde angefertigt. Größter Schauspielsaal des Landes, moderne Werkstätten, eine neue, ja: hollywood-taugliche Drehbühne: Jahrelang wurde den Frankfurtern eingeflüstert, was für ein besonderes Schauspielhaus sie besitzen. Und nun soll dieses Gebäude auf einmal eine marode Kiste sein? Jetzt wird darüber spekuliert, ob es wegen fehlendem Brandschutz vielleicht schon in fünf Jahren dichtgemacht werden muss? Das ist schwer zu begreifen. Lokaljournalisten wurden in jüngster Vergangenheit massenweise durch das Haus geführt. Sie konnten brüchige Wände und enge, fensterlose Räume in Augenschein nehmen. Weg ist der Glanz, ganz plötzlich.

Kein Stein bleibt auf dem anderen

Keine 20 Prozent des Hauses sind es, die der normale Besucher der Städtischen Bühnen überhaupt zu Gesicht bekommt, hat Jörg Friedrich, der die Machbarkeitsstudie verantwortete, bei der Pressekonferenz zum Sanierungsvorhaben vorgerechnet. Dort, wo das Publikum sich aufhält, ist das Gebäude in Schuss. Marode ist es dahinter: In den Werkstätten, da, wo geprobt wird, wo die Requisiten lagern, wo gearbeitet wird. Hier müsse, so der aus Hamburg stammende Planer, radikal saniert werden: Bis zu 80 Prozent der Substanz muss dabei erst einmal abgetragen werden, bevor überhaupt etwas Neues entstehen könne, "kein Stein bleibt auf dem anderen". Was Sanierung heißen würde, wäre im Grunde also kaum etwas anderes als ein Neubau, nur dass das Gebäude seine Form größtenteils behalten würde.

schauspielhausFFM innen AlexanderPaulEnglert uDer größte Schauspielsaal des Landes © Alexander Paul Englert

Dazu kommt, dass die Theaterbetriebe mehr Platz bekommen sollen. Probebühnen, die heute teilweise an anderen Orten in der Stadt liegen, sollen in dem sanierten oder neuen Gebäude ihren Raum finden, auch einen Betriebskindergarten gibt es bislang nicht. Von 10.000 Quadratmetern zusätzlich benötigtem Platz gehen die Planer aus – und schlagen den Bau eines Hochhauses als Teil der Anlage vor.

Die erschreckende Höhe der geschätzten Baukosten hat aber auch damit zu tun, dass das Bauen in Deutschland seit Jahren von immer mehr Vorschriften und Verordnungen reglementiert wird. Das Lamento unter den Architekten darüber ist seit langem groß. So sinnvoll vieles erscheinen mag (die strengen Vorgaben zur Barrierefreiheit, die Teilhabe ermöglichen; die hohen Anforderungen im Bereich Energieeffizienz, die dem Klimaschutz zu Gute kommen), so klar ist auch, dass diese Gesetze die Bauherren viel kosten. Ein Frankfurter Beispiel: die riesige Glasfassade des Theaterhauses, bislang einfach verglast. Ersetzt man sie nach heutigen Energieeinsparstandards, kommen dabei schnell Unsummen zusammen.

Im Frankfurter Kulturdezernat will man nun nach Einsparpotentialen forschen: Eine "Gegenprüfung" zu der Machbarkeitsstudie von PFP (die übrigens auch schon 6,6 Millionen Euro gekostet hat) wurde von der zuständigen Dezernentin Ina Hartwig, einer Sozialdemokratin, angekündigt. Wie viel günstiger könnte die Sanierung sein, wenn Teile der Arbeitsstätten – genannt werden die Probebühnen und die Werkstätten – doch an andere Orte in der Stadt verlagert werden? Auf welche Ausstattungswünsche der Theatermacher ließe sich notfalls verzichten, um die Kosten zu senken? Dass Frankfurt das Projekt nicht allein schultern können wird, ist kein Geheimnis: Ohne Unterstützung aus der hessischen Landeskasse ist eine Sanierung nicht zu machen.

Gehört ein Theater in das Zentrum der Stadt?

Die erste Stimme, die den Standort des Theaters in Frage stellte, wurde schon in der Pressekonferenz zur Machbarkeitsstudie laut. Tatsächlich belegen die Städtischen Bühnen zwischen Banken- und Bahnhofsviertel, zwischen Hochhaustürmen und Mainufer "ein Filet-Grundstück", wie es in der von Bauinvestoren hart umkämpften Frankfurter Innenstadt nur noch selten zu finden ist. Nichts wäre leichter, als es zu Gold zu machen. So war es Jan Schneider, Frankfurter Baudezernat und CDU-Chef (regiert wird die Stadt zurzeit von einem schwarz-rot-grünen Bündnis), der die Frage ins Spiel brachte, ob eine Verlegung des Standorts die enormen Kosten der Sanierung nicht maßgeblich senken könnte.

schauspielhausFFM aussen AlexanderPaulEnglert u(Noch) Mitten im Zentrum der Stadt, zwischen Banken und Grünanlage: das Schauspiel Frankfurt
© Alexander Paul Englert

Soll das Theater aus der Innenstadt vertrieben werden? Wird hier an einer Selbstverständlichkeit – dass ein Stadttheater in die Mitte der Stadt gehört – gerüttelt? Die Ängste unter den Kulturschaffenden sind da, doch noch ist die Debatte seltsam ruhig – obwohl in Frankfurt gerade Oberbürgermeisterwahlkampf herrscht. Das Kulturdezernat bezieht bislang klar Stellung: "Der Standort ist sowohl für den Oberbürgermeister Peter Feldmann als auch für die Kulturdezernentin nicht verhandelbar", erklärt Jana Kremin, die Pressesprecherin von Ina Hartwig.

Diskutiert wurden diese Fragen auch bereits im Oktober bei den Frankfurter Römerberg-Gesprächen. Peter Iden, der langjährige Feuilletonchef der "Frankfurter Rundschau", hielt dort ein flammendes Plädoyer für den Standort des Theaterbaus in der Mitte der Stadt, die sonst "ihr Herz verlöre". nachtkritik.de-Redakteur Dirk Pilz konterte, indem er – durchaus ketzerisch – die Frage nach der Aufgabe eines Stadttheaters und seinem Verhältnis zu Stadt und Stadtbevölkerung viel grundsätzlicher – und eben nicht zuerst an einen Ort gebunden – stellte. Gerhard Preußer hat auf nachtkritik.de jüngst für eine "Flexibilisierung der Raumstruktur bei der Renovierung der zentralen Häuser" geworben, um den veränderten Anforderungen an ein modernes Stadttheater Rechnung zu tragen.

Warum halten die Intendanten so still?

Auf dem Römerberg-Podium saß auch Anselm Weber. Erst im vergangenem Herbst folgte er als Intendant des Frankfurter Schauspiels auf Oliver Reese, der das Berliner Ensemble übernommen hat. Seinen Vertrag hat Weber unterschrieben, bevor die Kosten für die Sanierung der Städtischen Bühnen auf dem Tisch lagen. Seine Intendanz hatte noch nicht einmal begonnen, da wurde schon diskutiert, ob sein Haus kurz vor der Schließung steht, ob sein Ensemble bald Ausweichquartiere beziehen muss.

schauspielFFM panorama bar AlexanderPaulEnglert uDie Panoramabar unter Zoltán Keménys Wolkenmeer, im Hintergrund die Bankentürme der Stadt
© Alexander Paul Englert

Man würde sich nicht wundern, wenn dieser Intendant nun erbost wäre, wenn er laut zürnen würde: Kaum berufen steht sein Haus vor einer der größten Herausforderungen seiner Geschichte. Doch Anselm Weber schweigt weitgehend. Mehr als einige – sehr diplomatische – Äußerungen zum Themenkomplex gibt es von ihm nicht. Bei den Römerberg-Gesprächen sprach er sich für den Erhalt des jetzigen Standorts aus. Für diesen Artikel wollte er kein Interview geben.

Wortkarg tritt bislang auch Bernd Loebe auf, der Intendant der Oper, Webers Nachbar in der Doppelanlage am Willy-Brandt-Platz. In der Pressekonferenz zur Machbarkeitsstudie hat er zwar dafür plädiert, dass man Oper und Schauspiel nicht voneinander trennen dürfe, ansonsten aber hält er sich in der Diskussion zurück. Eine Vermutung liegt nahe: Die Intendanten spielen auf Zeit, wollen alles andere als eine Beschleunigung des Prozesses. Weber hat einen Fünfjahreskontrakt in Frankfurt, Loebe steht bis 2023 unter Vertrag. Je später die Bauarbeiten beginnen, umso besser für sie.

Träumt Frankfurt vom "Bilbao-Effekt"?

186 Millionen Euro Netto-Baukosten, Eröffnung 2010: So war es einmal für die Hamburger Elbphilharmonie geplant. Dass alles ganz anders kam, inklusive einem anderthalb Jahre dauernden Baustopp und Kosten von über 866 Millionen Euro (wovon aus öffentlicher Hand 789 Millionen Euro gezahlt werden mussten), ist bekannt. Trotzdem feiern die Hamburger ihr neues Wahrzeichen bis zum Exzess. In Erinnerung wird die Erfolgsgeschichte bleiben, nicht das finanzielle Fiasko.

Man nennt das auch den "Bilbao-Effekt". Seit einigen Jahren schon steht der Begriff für eine Verheißung: Ein spektakuläres Gebäude bringt einer Stadt ganz neuen Glanz, Stadtmarketing wird mittels Architektur umgesetzt. In der nordspanischen Metropole war es Frank O. Gehrys Neubau einer Filiale des Guggenheim-Museums, der den Boom entfachte. Zu glauben, dass angesichts der Diskussion über die Bühnen-Sanierung in Frankfurt nicht auch dort bald ein ausgiebiges Träumen vom "Bilbao-Effekt" einsetzen wird, wäre wohl naiv. Und tatsächlich fiel der Begriff vereinzelt bereits in der Debatte.

Das ist ein Risiko – und kein kleines. In Frankfurt baut man gerade sehr darauf, schon bald vom "Brexit" profitieren zu können. Äußerst offensiv buhlt die Stadt am Main um die internationalen Banken, die ihre Mitarbeiter demnächst aus London abziehen wollen; kürzlich erst präsentierte man sich auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Kultur wird in der Stadt deshalb immer auch – und allzu häufig: zuerst – als Standortfaktor gesehen. Ein neuer Kultur-Prunkbau, ein Leuchtturm wie das Hamburger oder das nordspanische Vorbild, würde, wenn man ihn denn irgendwie finanziert bekommt, natürlich perfekt in dieses Konzept, im Investorendeutsch: Portfolio, passen. Der Kunst, die in solchen Häusern entsteht, tut das nicht unbedingt gut. Ihr könnte so auch eine Herabstufung zum Füllmaterial für eine glitzernde Event-Arena drohen.

 

Alexander Jürgs, Jahrgang 1972, studierte in Frankfurt am Main Kunstgeschichte, Kunstpädagogik und Kulturanthropologie sowie Buch- und Medienpraxis. Als freier Autor arbeitet er für die WELT, FAZ, Der Freitag, Merian und nachtkritik.de.

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