Die Revolte in den Seilen

von Gerhard Preußer

Köln, 2. Februar 2018. Fäden, Garne, Seile – das Ausgangsmaterial der Weberei. Seile, quer über die breite Bühne gespannt in senkrechter Reihe wie ein vertikaler Webstuhl, eine durchsichtige Wand zwischen Publikum und Bühne, das ist das Ausgangsmaterial für Armin Petras’ Inszenierung von Hauptmanns "Die Weber" im Depot 1 des Kölner Schauspiels. So eindeutig die Fäden mit der Thematik des Stückes verbunden sind, so vieldeutig werden sie in der Inszenierung eingesetzt: als Trennwand zwischen Bürgertum und pauperisierten Webern, als Klettergerüst, als verstrickendes Sozialgewebe, als Leichentuch der geschlagenen Revolutionäre. Seile, Garne, Fäden – die Zentralmetapher (Bühnenbild: Olaf Altmann).

DieWeber2 560 Krafft Angerer uDas Bühnenbild von Olaf Altmann. Vordergrund: Nikolaus Benda © Krafft Angerer
Aufstand, Angriff, Vormarsch – eine Revolte ist Bewegung einer Gruppe. Ensemblechoreographie ist das andere Mittel, um Hauptmanns naturalistisches Bühnengemälde auf eine Bühne der Gegenwart zu bringen. Immer wieder grundieren Tänze im Hintergrund die Szenen, immer wieder bricht sich die Energie der ausgebeuteten Masse in gedämpften bis eruptiven Bewegungskaskaden Bahn (Choreographie: Denis Kooné Kuhnert).

Zu Beginn überfällt das Publikum ohrenzerreißendes Flugzeuggedonner aus den Lautsprechern: technische Klanggewalt. So abstrakt bleibt auch weiterhin der Bezug zur Gegenwart. Die Weber, die zu Beginn ihre Produkte dem Unternehmer anbieten müssen, tragen moderne T-Shirts, sprechen aber Hauptmanns Text mit angedeutetem Kunstschlesisch. Immer wieder werden ihre unterwürfigen Bitten und ihre demütigende Abfertigung unterbrochen durch eingefrorene Bewegungen und Standbilder der anderen Weber im Hintergrund.

Ricotta-Krapfen und Revolution

Improvisationen sind ein weiteres Mittel, den hermetischen Text aufzubrechen, ihn zu durchschießen mit aktuellen Assoziationen, ohne ihn zu zerstören. Als der Soldat Moritz Jäger zurückkehrt ins Dorf, berichtet er von seiner Karriere beim Militär. Aus der Erzählung vom Aufstieg des armen Weberjungen wird eine fantastische Schauspielerkarriere, die bis nach Hollywood führt, wo er einen Superman-Nazi gespielt haben will. Und wenn Mutter Baumert beklagt, was ihnen alles fehlt, gerät sie in den Vortrag von Rezepten für Ricotta-Krapfen hinein und Tochter Emma beklagt sich plötzlich über ihre Pubertät.

Das originale Weberlied vom "Blutgericht" ist hier nur ein Sprechchor, stattdessen wird schnell mal Tracy Chapmans "Talking about a revolution" angesungen: "Poor people gonna rise up and get their share." Diese Hoffnung wird zunächst manifest in einem wilden, akrobatischen Gruppentanz in der Kneipe. Die große, metallene Hinterwand der Bühne leuchtet dann farbenprächtig bedrohlich und wird zum überdimensionalen Trommelblech. Der eigentliche Angriff, die Stürmung der Fabrikantenvilla, dagegen entwickelt sich aus einer zunächst minimalen Gruppenaktion, die sich zum rhythmisierten Angriff in linearer Schlachtordnung steigert.

DieWeber3 560 Krafft Angerer uKönigliche Weber © Krafft Angerer

Die revolutionäre Ekstase wird zum rasenden Bilderrätsel. In Windeseile werden bekannte Bilder nachgestellt: französische Revolution, Pussy Riots, Hippie-Sleep-In, Kommune-1-Nacktärsche, Berliner Mauerspringer. So fotogen, so bilderstiftend können Revolutionen sein. Die Fabrikantenfamilie samt verdoppeltem Geistlichen wird natürlich als dümmliche Karikatur scharfgezeichnet, während das bühnenbreite Gewebe schon bedrohlich schräg über ihr hängt. Dazu wird Georg Büchners Rechtfertigung der Gewalt von unten und seine resignative Einsicht in die Unmöglichkeit einer deutschen Revolution rezitiert.

Sieg über Leichen

Im letzten Akt dann liegt das Gewebe flach über dem Bühnenboden. Zwar haben die aufständischen Weber nun alle goldene Kronen auf, als Sieger über ihre Ausbeuter. Dem alten Hilse bieten sie auch eine an. Doch der bleibt stur. Er bleibt bei seiner Jenseitshoffnung und dem Glauben an die gottgewollte Ordnung. Dann fällt er von verirrter Kugel. Kein Märtyrer der gewaltfreien Revolution. Nur ein sturer alter Mann. Emma, das Kind, erzählt vom Tod der vielen Weber, vom Rückzug des Militärs und stellt sich dann neben die Fahne der Revolte. Schlussbild: Sieg über Leichen.

Petras‘ Inszenierung tappt nicht in die Falle der Aktualisierung. Mit Hauptmanns Stück von 1893 lässt sich nichts über den steigenden Gini-Index der Ungleichheit in Deutschland heute sagen. Die Inszenierung zielt dennoch mit wirkungsvollen Mitteln auf die Gesellschaft von heute. Und was bleibt uns da von Hauptmann? Revolutionsromantik? Revolutionsangst? Schon bei ihm ist der Weberaufstand sowohl rauschhafte Ekstase als auch ein pathologischer Anfall. Armin Petras zeigt uns, wie schön und wild die Phantasien von einer deutschen Revolution sein können.

 

Die Weber
von Gerhart Hauptmann
Regie: Armin Petras, Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Patricia Talacko, Musik: Kornelius Heidebrecht, Choreografie: Denis Kooné Kuhnert, Dramaturgie: Sibylle Dudek.
Mit: Nikolaus Benda, Johannes Benecke, Thomas Brandt, Sophia Burtscher, Nicolas-Frederick Djuren, Stefko Hanushevsky, Benjamin Höppner, Yvon Jansen, Ronald Kukulies, Guido Lambrecht, Robin Meisner, Peter Miklusz, Miguel Abrantes Ostrowski, Katharina Schmalenberg, Kristin Steffen, Jonas Relitzki, Marlene Tanczik, Ursula Werner, Manjusha Hirschberg / Anna Lucia Gualano
Dauer: 3 Stunden 20 Minuten mit einer Pause

www.schauspiel.koeln

 

 

Kritikenrundschau

"Eine Schande, wie wenig Petras hier aktualisieren muss", schreibt Christian Bos im Kölner Stadt-Anzeiger (5.2.2018). Die "Ein-Euro-Klamotten, die Petras seinem großen Ensemble übergeworfen hat", zeigten: "Die Armut ist längst outgesourct." Von Hauptmanns Elenden trenne uns bei Petras "ein gigantischer Webrahmen, dessen Kettfäden anfangs wie Gitterstäbe wirken (…). Metaphern, platt genug, um eine Inszenierung unter sich zu begraben. Doch dieser Webrahmen erweist sich als äußerst vieldeutig. Er ist das soziale Netz, in dem sich die Figuren verstricken, eine Hürde, die es zu überwinden gilt, die Slackline, auf der die Revolutionäre balancieren, die Seile, in denen sie hängen, ein Leichentuch." Der "Rausch der Revolution" schwappe "auf die Zuschauer über, es ist schon erstaunlich, wie viel Energie Petras und sein Ensemble (…) aufbauen und halten". Der Kritiker ist begeistert: "Wie mitreißend, wie dringlich so eine ungeliebte Schullektüre sein kann!" Petras habe "der Stadt eine der besten Arbeiten der vergangenen Jahre geschenkt."

"Immer wieder beschleicht einen der Verdacht, dass hier vordergründiger, überdrehter Aktionismus betrieben wird," so Axel Hill im Kölner Generalanzeiger (5.2.2018). "Wie etwa die 'lebenden Bilder', in denen Delacroix' 'Die Freiheit führt das Volk', das Bed-In von John Lennon und Yoko Ono oder Pussy Riot-Proteste nachgestellt werden. Das Elend der Weber geht trotz allen Blutvergießens nicht unter die Haut. Und der Bezug zur in Deutschland immer weiter aufgehenden Schere zwischen Arm und Reich, die Petras im Vorfeld angeführt hatte, will sich nicht herstellen."

Zwar findet Simon Strauß in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (5.2.2018) Olaf Altmanns Bühne ziemlich spektakulär. Doch ist für Strauß deren sym­bo­li­sche Be­haup­tungs­kraft zu stark, "als dass die In­sze­nie­rung von Ar­min Pe­tras da­ge­gen ei­nen ei­ge­nen Wil­len be­haup­ten könn­te. Al­les, was hier an Re­gie­ein­fäl­len auf­ge­fah­ren wird, stört den Bil­der­sog ei­gent­lich nur". Am Ende bleiben für diesen Kritiker die wesentlichen Fragen des Stückes unberührt.

"Es war schon immer Petras' Schwäche, dass er szenische Vorgänge in Solonummern auflöste, statt ein Ensemble zu formen," schreibt Martin Krumbholz in der Süddeutschen Zeitung (5.2.2018). "Gleichwohl ärgert der Eklektizismus, oder einfacher gesagt, der Stilmix. Wild türmen sich die Einfälle, man spürt: Geplant ist ein Geniestreich. Sobald sich etwas Ähnliches wie ein Stil einzustellen droht, wird der Ansatz flugs gebrochen."

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