Lebe lieber unwahrscheinlich

von Tim Schomacker

Bremen, 2. Februar 2018. Das war nicht so richtig abzusehen, damals, im Jahr 2000. Als die Kleinfamilie – nicht zuletzt um identifikatorische Komplikationen zu klären, eigentlich – das Feriendomizil nahe der Airbase zum dauerhaften Heim machte. Sehr zum Leidwesen der Tochter, die diese irgendwie schlafwandlerische Familienerzählung beginnt. Aber warum hierbleiben statt zurück nach Deutschland? So richtig, wird auch Papa später zugeben, gibt es auf diese Frage keine Antwort. Ebenso wenig wie auf die Frage, ob sich Mutter Vater Kind denn nun als türkischstämmige Deutsche, deutschstämmige Türken, übersehnsüchtige Heimattouristen oder überhaupt mal in erster Linie als Europäer im heißen wie historisch beladenen Süden der Türkei ansiedeln. Es versuchen zumindest. Klappt, ganz programmatisch, nicht wirklich. Darf auch nicht. Sonst wären sie kaum hineingeraten in dieses Gegenwartsstück Akın Emanuel Şipals.

Repräsentanten der Gegenwart

Denn das lebt von Konflikten und Zerrissenheit. Inneren und äußeren, türkischen und deutschen, männlichen und weiblichen. Und es lebt davon, dass die Airbase aus dem Titel der NATO-Standort Incirlik ist, womit schonmal diverse Nachrichten-Glocken Alarm schrillen. Und womit das gegenwärtige Weltgeschehen mächtig nah heranrückt an die Kleinfamilie. Aber das, wie gesagt, war nicht in Gänze abzusehen, damals, im Jahr 2000. "Ein Haus in der Nähe einer Airbase" ist derart eingebettet in Aktualität, dass zwangsläufig mit jedem Aufführungstag neue Neuigkeiten aus der Region herangespült werden. Einerseits tut diese Gegenwärtigkeit ganz gut. Andererseits müssen Şipals Figuren dadurch schon auch ganz schön viel repräsentieren, Modell stehen für: einen bestimmten Typ Mann, einen bestimmter Typ Frau, eine aktuelle Mädchenbiographie.

EinHausinderNaehe3 560 Joerg Landsberg uGestrandete: Siegfried W. Maschek, Fania Sorel, Irene Kleinschmidt © Joerg Landsberg

Indem er Dialoge oder Gespräche oft in der Stimme einer Figur zusammenzieht, unterstreicht Regisseur Frank Abt den essayistischen (manchmal auch ein wenig leitartikelnden) Hang von Şipals Text. Den Anfang macht die Tochter. Beginnt in dem Moment zu erzählen, da das Familien-Haus in Flammen aufgeht. Gänzlich. Einen Mangel an Konsequenz könne man dem Feuer nicht gerade vorwerfen, wird Mama später sagen. Das Haus, das mindestens ebenso aus Hoffnungen und Wünschen gezimmert ist wie aus Steinen und Ziegeln. Hübsch illustrieren in die Livekamera gehaltene und über die Szene gebeamte Urlaubsfotos aus dem vermeintlichen Ankunftsort das neue Heimat-Thema.

Fania Sorel balanciert jugendliches Gefühl, Überempfindlichkeit, Druckverhältnisse geschickt mit der Präsenz einer erwachsenen Schauspielerin aus. So, dass es gerade eben nicht blöd wirkt. Vor Susanne Schuboths großem Gebilde aus verschieden großen Pappkartons (Flüchtigkeit, klar, vorläufiges Einrichten) mischt Sorel direkte und indirekte Rede, eigene und Fremd-Worte. Bis sich jemand anders sich einklinkt.

Mit einem Monolog wie der sonnenüberreizten Erzählung des Vaters, der sich mit seinem geliebten Peugeot auf den Landstraßen verheddert, am Straßenrand einen Mann sieht – Stuhl, Tisch, Rakiflasche –, der ihm mit vorgehaltener Pistole den Wagen nimmt, die Sonnenpaneele, die er existenzgründermäßig verkaufen will, und der ihn auch um seinen Rest Würde ärmer macht. Oder wenn plötzlich, Mamas Bruder kommt, Schriftsteller ohne Werk, das Sprechen Gemeinschaftstempo aufnimmt. Im Streit um politische Verantwortung und familiäre Beziehungskisten gleichermaßen.

EinHausinderNaehe1 560 Joerg Landsberg uProjektionen und Träume. Siegfried W. Maschek, Irene Kleinschmidt © Joerg Landsberg

Parallel zu Siegfried W. Mascheks wohlkalkuliert gutmütig ausgelaugten Vater (über Minuten monologisiert er auf einem Trimm-Rad, dessen Dynamo, Licht-Energie, eine Scheinwerferbatterie bedient) schleppt Irene Kleinschmidts Mutter ein hinreißend erschöpftes Selbst über die abstrahierte Bühne. Schöne Pointe, dass ihre Therapeutinnentätigkeit nicht etwa am Unverständnis anatolischer Dorfmuttis scheitert, sondern an der Ignoranz der weiblichen Gated-Community Society nahe der Airbase. Die kommt gern zum Tee, lässt sich noch lieber zuhörend helfen, trägt das Geld ("Sie sagen alle: Therapie: Ich liebe Woody Allen!") aber dann doch lieber in die nächste Mall. Anders modernisiert, dieser alte Landstrich.

Ein Soldat erzählt

Plötzlich sitzt ein Soldat auf dem Sofa, sagt nichts. Fängt später eine Liebelei mit der Tochter an. Entpuppt sich schließlich aber als die Idee des Soldaten an sich. Oder eine Art Geschichtsschreiber des Soldatischen. Verschneidet uraltes assyrisches imperiales Schlachtgebaren mit Desert Storm-Berichten und gegenwärtiger Stationierungs-Nonchalance. Baseball mit Nachsichtgeräten in den Flugpausen aktueller Kriege.

"Ein Haus in der Nähe einer Airbase" steht sich schlussendlich ebenso selbst im Weg wie Abts Lesart im Road Movie-artigen Erzählmodus. Klug kalkuliert, schlau ins Bild gesetzt, fehlen diesem Uraufführungsabend aber doch einige Ecken und manche Kanten. Zu poetisch löst sich das alles auf – ohne einen tatsächlich zu (be)rühren.

 

Ein Haus in der Nähe einer Airbase
Uraufführung
Von Akın Emanuel Şipal
Regie: Frank Abt, Ausstattung: Susanne Schuboth, Musik: Nihan Devecioǧlu, Video: Rebecca Riedel, Elisa Gómez Alvarez, Licht: Joachim Grindel, Dramaturgie: Viktorie Knotková.
Mit: Irene Kleinschmidt, Siegfried W. Maschek, Marco Massafra, Fania Sorel.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.theaterbremen.de

 

Kritikenrundschau

"Ein Vater-Haus ist in Şipals Perspektive auch ein mythisch aufgeladener Ort, der Zugehörigkeit und Identität verheißt, diese zumindest suggeriert", schreibt Hendrik Werner im Weser Kurier (3.2.2018). Sein Text sei poetisch eindringlich. Jedoch: "Etwas weniger an Xenophon geschulte Chronistenpflicht wäre der Sache von Şipal womöglich dienlicher." Ins Mythische erweitert werde die "Spätheimkehrer-Versuchsanordnung" mit ihrem von Frank Abt gut herausgearbeiteten Entfremdungspotenzial durch die Figur des Soldaten. "Die gegenwartspolitische Aufladung wie auch die kulturhistorischen Anspielungen auf das assyrische Reich sind stimmig – und doch dürfte ihre hohe Dosierung die Aufnahmefähigkeit der Zuschauer strapazieren (…)."

"Das Stück hat einige schöne Ansätze, poetisch, bissig, humorvoll. Aber insgesamt ist es überfrachtet, und das lastet natürlich auf der Inszenierung von Regisseur Frank Abt, der durchaus originelle Ideen entwickelt", so Christine Gorny von Radio Bremen Zwei (5.2.2018). Akin Emanuel Şipal wolle mit seinem Stück in die aktuelle Breite und die historische Tiefe gehen. Leider wirke das oft grob aneinander gehängt und werde nur dank der großartigen schauspielerischen Leistung der Akteure miteinander verbunden.

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