Alles Müller oder was weiterhin zu sagen bleibt

von Michael Bartsch

Plauen, 2. Februar 2018. Für den Premieren-Prolog sorgte unabgesprochen draußen die national-sozialistische Partei "Der dritte Weg". Die Demo der Isolationisten hätte auf die Kleine Bühne des Theaters Plauen durchmarschieren können, so nahtlos schloss sie sich an diesen Deutschland-Abend mit Heiner-Müller-Texten an. Da ließen die Mädchen des Theaterjugendclubs in zünftigen BDM-Uniformen die Fahne voranflattern, während auf der Leinwand im Hintergrund die schwarzweißen Originalszenen liefen.

Dramatischer Essay

Der Schoß ist also fruchtbar noch? Es ging nicht um Brecht, klar, aber entfernte Verwandte sind der Brecht und der Müller schon. Es ging letztlich nicht einmal um eine Hommage an Heiner Müller, so stark auch Intendant und Regisseur Roland May in seiner Ostberliner Theaterjugendzeit vom Meister persönlich geprägt worden war. May ist ein belesener Anhänger des sperrigen und geradezu erkenntnisgepeinigten großen Dichters und einer der wenigen Theaterleiter, die ihn nach wie vor lebendig in Erinnerung rufen. Zuletzt im Oktober 2014 mit dem "Auftrag".

GermanHistory1 560 Peter Awtukowitsch uDie Spielerinnen des theaterjugendclub 14+ besingen das schöne deutsche Müller-Land 
© Peter Awtukowitsch

Aber eigentlich ist dieser Eineinhalbstundenabend ein dramatischer Essay über die Deutschen und ihr Deutschland im 20. Jahrhundert. Ein Deutschland "über alles" und doch so gewöhnlich und erbärmlich und austauschbar. "Man hat die Deutschen entweder an der Gurgel oder zu Füßen", wird Churchill zitiert.

Deutsche Wandlungen und Kontinuitäten

Der Brecht-Epilog aus dem "Arturo Ui" schwebt unausgesprochen über dieser Folge von 13 Szenen am Theater Plauen-Zwickau. Sind wir wirklich weiter als 1933 oder 1945? Heiner Müller erlebte und überblickte drei Systeme, die sich jeweils selbst verabsolutierten. So chronologisch ist "German History" auch aufgebaut. Die ersten vier Szenen sind dem Faschismus-Spiegel "Die Schlacht" entlehnt. Später wird das Führerporträt durch ein Bild des ersten DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck ersetzt und das Hakenkreuz durch Schwarz-Rot-Gold mit Emblem. Schließlich lächelt nach Kohl sogar die unvermeidliche Angela von der Wand, und aus der Deutschlandfahne ist das Emblem verschwunden. Wir sind in der "Kanakenrepublik" angekommen.

Neben vier Profis agieren elf junge Frauen des Theaterjugendclubs vor allem chorisch, und perfekt synchron. Sie zählen noch keine 18 Jahre, und mit ihnen über die Einstudierung zu sprechen, dürfte auch den Schlüssel für die Rezeption der kommenden Vorstellungen liefern, darunter eine im Mai beim Sächsischen Theatertreffen in Dresden. So militant marschieren sie im Braunhemd, leiden im Schnee an der Front, schmettern im Blauhemd der FDJ das "Bau auf, bau auf", dass man sie für Zeitzeugen halten könnte. Für einige ist das nur die empathische Umsetzung des Geschichtsunterrichts. Andere sehen schon ein Menetekel und zweifeln zwar nicht an sich, aber am Glauben an die Unwiederholbarkeit solcher Gräuel.

Unverdauliches fürs Klo der Geschichte

Denn es wird viel gestorben auf der Bühne, und wo gespottet wird, ist niemandem nach Lachen zumute. Angefangen vom Mord unter feindlichen Brüdern, einer SA, einer KPD, über Kannibalismus an der Ostfront bis zu jenen "Hochverrätern", die 1945 eine Minute zu früh die Seiten wechselten. Else Hennig hat einen eindringlichen Monolog als die Fleischerswitwe aus der "Schlacht", die junge Anna Striesow in ihrer ersten größeren Rolle bringt ein starkes Prometheus-Solo aus "Zement".

GermanHistory2 560 Peter Awtukowitsch uEine Szene aus Heiner Müllers "Die Schlacht" mit fast-kollektivem Selbstmord, weil der gute Führer tot ist  © Peter Awtukowitsch

Ohne den großen Diktator persönlich kommt auch Roland May nicht aus und man will schon abwinken. Aber Björn-Ole Blunck imitiert, nicht parodiert Hitler so gekonnt, dass es einen schaudert. Selbstironisch entspannen darf man später, wenn er mit Theo Plakoudakis gemeinsam den deutschen Spießer in Ballermann-Umgebung gibt.

Wandlungsfähigkeit ist gefragt, die Kleiderständer rechts und links werden stark frequentiert. Die entstehenden Pausen aber bewirken keinen Spannungsabfall, weil Philipp Wiechert an der Gitarre mit Hilfe umfangreicher Elektronik die Stimmungen aktiv gestaltet und weiterträgt. Optisch erzeugt Roland May etwas plakativ die Bühnenstimmung eines Ab-Ortes, als gehörten diese Jahrzehnte in die Kloake der Geschichte. Hitler tritt meist aus der Klosetttür, und die hinterlassene "braune Scheiße" soll dann mit Würfen an die Kachelwand des Pissoirs entsorgt werden.

Vergeblich. Sie verschwindet ebenso wenig wie die Texte Heiner Müllers. Geschickt extrapoliert "German History" dessen scharfsinnig-poetische Analysen, indem sie Gegenwartszitate etwa des Israeli Yuval Noah Harari wie eine Fortführung erscheinen lässt. Man darf gespannt auf die Publikumsgespräche nach den bereits ausverkauften nächsten Vorstellungen sein.

 

German History
ein Deutschland-Abend mit Texten von Heiner Müller
Regie, Bühne und Kostüme: Roland May, Dramaturgie und Video: Maxi Ratzkowski, Musik: Philipp Wiechert.
Mit: Else Hennig, Anna Striesow, Björn-Ole Blunck und Theo Plakoudakis a-G. sowie Maria Blei, Elisabeht Buhler, Leonie Daßler, Kristin Franke, Lene Hennig, Wilhelmine Melitzki, Anne Oertel, Julia Petzold, Noemi Vieweg, Jelena Wardetzki und Elli Ziegner vom "theaterjugendclub 14+ Plauen".
Dauer 1 Stunde 30 Minuten

www.theater-plauen-zwickau.com

 

Kritikenrundschau

"Die Bühne: eine Bedürfnisanstalt", an den Wänden "die braune Scheiße": "Zartbesaitet durfte der Premierenbesucher nicht sein", schreibt Lutz Behrens im Vogtland-Anzeiger (5.2.2018). Heiner Müller-Texte habe Roland May in "collageartige Spielszenen mit Agitprop-Charakter verwandelt". Drei Ensemblemitglieder – eindrücklich und präzise: Anna Striesow mit einem "Zement"-Monolog – und elf Spielerinnen aus dem theaterjugendclub 14+Plauen machten "ihre Sache sehr gut", so Behrens. Erbaulich sei es nicht, dass der Abend mit markanten Episoden aus dem Jahrhundert der Katastrophen konfrontiere. Aber er stelle wichtige Fragen. "Beantworten musste sie sich jeder selbst."

Als "Theater von ungeheurer Intensität, hochaktuell und mit Relevanz", als "Geisterbahn deutscher Geschichte" beschreibt Lutz Kirchner von der Freien Presse (7.2.2018) den Abend. Der Blick zurück habe zugleich geschmerzt und erhellt. "Bis zur Groteske verzerrte Satire wechselte zur schlichten Innigkeit und zum stark Körperlichen."

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