logo_nachtkritik_klein.png
Drucken

"Präpotenter, chauvinistischer Macho" zur Entschuldigung bereit

3. Februar 2018. Der Wiener Standard (2.2.2018, online 18 Uhr) und die Süddeutsche Zeitung (2.2.2018, online, 18:04 Uhr) berichten über den Offenen Brief der Burgtheater-Mitarbeiter und haben Matthias Hartmann zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen befragt.

Kein Einzelfall

Ausgelöst durch die #MeToo-Bewegung hätten sich "Ensemblemitglieder, Techniker, Mitarbeiter des kaufmännischen Personals und anderer Abteilungen" der Burg gemeinsam über "Gleichstellung, sexuelle Belästigung, Grenzüberschreitungen und Machtmissbrauch in Arbeitsverhältnissen" ausgetauscht, schreibt der Standard. Im Mittelpunkt habe dabei das "Klima" am Haus unter der Direktion von Matthias Hartmann gestanden. Hartmann war von 2009 bis 2014 Direktor des Burgtheaters, bis er im Zuge des Finanzskandals an der Burg vom damaligen Kulturminister Josef Ostermayer entlassen worden war.

Den Verfasser*innen gehe es mit ihrem Offenen Brief, der zuerst auf einer Ensembleversammlung (und nach Bekunden der Süddeutschen Zeitung mit Vertretern der SZ) diskutiert und bis Freitag von 60 Mitarbeiter*innen unterzeichnet worden sei, nicht um die persönliche Anklage ihres Ex-Chefs. Hartmann sei "kein Einzelfall". Viele Regisseure sähen "Machtmissbrauch, Demütigung und Herabwürdigung" als "probates Mittel" an, das sie mit dem "eigenen künstlerischen Genie" entschuldigten.

Hartmanns Antworten

Hartmann selber, der bei der Probenarbeit zu "Lazarus" am Düsseldorfer Schauspielhaus von den Journalisten des Standard und der Süddeutschen Zeitung zu den konkreten Vorwürfen befragt wurde, streitet in seinen Antwort-Mails nicht ab, seinen Choreographen als "Tanzneger" bezeichnet zu haben oder seine Frauen-Besetzung bei einer Elfriede Jelinek-Inszenierung mit der Frage konfrontiert zu haben, ob sie das Sperma beim Oralverkehr schlucken würden und ob das einer "kalorienbewussten Ernährung" widerspräche. Für den Regisseur seien das nur Witze gewesen, nicht etwa Ausdrücke einer rassistischen oder sexistischen Haltung. Auch der Behauptung, er habe homosexuelle Kollegen durch den Vortrag von Homosexuellen-Witze in Verlegenheit gebracht oder Techniker auf Proben wüst beschimpft, widerspricht er nicht. Im Theater gehe es nun einmal gelegentlich "ruppig" zu, falls aber Missverständnisse vorgekommen seien, werde er sich persönlich entschuldigen.

Die im Offenen Brief besonders akzentuiert vorgetragene Kritik richtet sich gegen den Missbrauch der Doppelfunktion Hartmanns. Einerseits habe man es mit dem Regisseur der Inszenierung zu tun gehabt, andererseits aber auch mit dem Burgtheaterdirektor, also dem Arbeitgeber, der über die Verlängerung oder Beendigung von Verträgen entscheidet. Hartmann habe diese Macht ausgenutzt, Kollegen, die widersprachen, gemobbt, Nichtverlängerungen von Verträgen angedroht und später als Gnadenakt zurückgenommen, was die Künstler in "extreme Unsicherheit" versetzt habe.

"Alltägliche Vorgänge"

Diese Behauptungen wolle Hartmann nicht auf sich sitzen lassen, schreibt Der Standard weiter. Es handele sich hier um eine "völlig verzerrte Darstellung". Im Interesse des Hauses habe er Schauspielern rechtzeitig die Nichtverlängerung ihres Vertrages mitgeteilt, "um sie nicht weiterbeschäftigen zu müssen, ohne eine Rolle für sie zu haben". Er habe aber versprochen, sich zu bemühen eine Rolle für die nächste Spielzeit zu finden. "Damit ich fristgerecht handeln konnte, sollten sie akzeptieren, dass die Nicht-Verlängerung von mir zwar ausgesprochen würde, ich diese aber, sobald eine Rolle zur Verfügung stünde, wieder zurückzöge." Das seien "alltägliche Vorgänge in der Theaterwelt".

Der Standard versucht auch, die Frage zu klären, warum sich diese konkrete Kritik an Hartmann erst jetzt, vier Jahre nach seinem Abgang am Burgtheater erhebe. Es klafften, so heißt es, auch heute noch "offene Wunden". Frühere Mitarbeiter von Hartmann bezeichneten ihren ehemaligen Chef als "narzisstisch", eine Schauspielerin, die viel bei Hartmann gespielt habe, sage, er sei "ein präpotenter, chauvinistischer Macho in einer Machtposition gewesen". Allerdings hätten sich eben nach eigenem Bekunden auch die Unterzeichner des Offenen Briefes und selbst die "ganz Großen an der Burg" seiner Art und Weise des Umgangs gefügt.

Der Offene Brief selbst stoße auch auf Kritik. Aktuelle und frühere Mitarbeiter des Burgtheaters argwöhnten, dass die #MeToo-Debatte nur zum Vorwand diene, den "Ruf des Unbequemen weiter zu beschädigen" oder dazu, "die rechtliche Position des Regisseurs in seinem Kampf gegen die Entlassung und um Geld" zu schwächen.

(Süddeutsche Zeitung / Standard / jnm)

 

Mehr dazu:

+ Offener Brief gegen Machtmissbrauch am Burgtheater

+ Chronik der Krise des Burgtheaters