Engel und Außerirdische

von Sascha Westphal

Düsseldorf, 3. Februar 2018. Der kaum enden wollende Schlussapplaus hat sich früh abgezeichnet. Schließlich wurde auch schon ein Großteil der Songs mit Szenenapplaus bedacht. Auf dieser Ebene ist die Gratwanderung perfekt gelungen. Das Düsseldorfer Ensemble und die Band fangen den Geist von David Bowies Songs aus mehr als vier Jahrzehnten so perfekt ein, dass Erinnerungen an die Originale immer mitschwingen. Aber zugleich gelingt es vor allem den drei Hauptakteuren Hans Petter Melø Dahl, Lieke Hoppe und André Kaczmarczyk den Liedern eine eigene Färbung zu geben. Anders als die Sängerinnen und Sänger der New Yorker Aufführung bemühen sie sich nicht, Bowies Interpretationen möglichst nahezukommen. Sie machen sie sich konsequent zu eigen und legen andere Schichten frei. Gleich der erste Song, Hans Petter Melø Dahls Version des Titelstücks "Lazarus", klingt etwa weit melancholischer und seelenwunder als David Bowies Aufnahme.

Unsterblicher ratlos

Für Dahls Thomas Jerome Newton ist das Leben eine einzige Last. Er mag, wie er singt, im Himmel sein. Aber die unsichtbaren Narben, die er im Innern trägt, lassen ihm einfach keine Ruhe. Nicht sterben können, ist eher ein Fluch als ein Geschenk. Doch so sehr einen der Schmerz dieses auf die Erde gefallenen Lazarus anrührt, wenn am Ende die letzten Töne von Dahls und Lieke Hoppes "Heroes"-Duett verklungen sind und auch der Applaus ein Ende gefunden hat, weicht die tiefe Ergriffenheit einer nicht minder mächtigen Ratlosigkeit. Die Songs und ihre Darbietung sind eben nur ein Aspekt dieses Musicals. Ein anderer sind die von Walter Tevis' Roman "Der Mann, der vom Himmel fiel" und der Verfilmung durch Nicolas Roeg inspirierten Szenen und Dialoge, die Enda Walsh gemeinsam mit David Bowie erarbeitet hat.

lazarus2 560 lucie jansch uWe want to entertain you - vorne: Hans Petter Melø Dahl, dahinter André Kaczmarczyk links und Rosa Enskat rechts  ©  Lucie Jansch

"Lazarus" erzählt keine Geschichte im eigentlichen Sinne. Wie die Songs sind auch die Szenen eher atmosphärische Bestandsaufnahmen. Teils höchst rätselhafte Splitter, in denen sich die existentielle Einsamkeit und die geistige Verwirrung des auf der Erde festsitzenden Aliens Thomas Jerome Newton offenbaren. Nicht nur das von Lieke Hoppe als reine Lichtgestalt gespielte Mädchen, das Newton helfen will, zurück zu den Sternen zu fliegen, ist eine Ausgeburt seiner fiebrigen Phantasie. Auch sein junger Doppelgänger Valentine, der allem Anschein nach die Liebe selbst ermorden will, könnte eine Manifestation von Newtons zerrissenem Geist sein. So brechen Bowie und Walsh mit den Konventionen des Musicals, die sie mit den Songs zugleich bedienen. Aber gerade diese Brüche glättet und überspielt Matthias Hartmann in seiner Inszenierung immer wieder.

Die Nase des Zuschauers und der Hang zum Überdeutlichen

Wo das Stück enigmatisch bleibt, setzt Hartmann auf eindeutige Lesarten. Das beginnt schon bei Volker Hintermeiers Bühnenbild. Mit seiner großen geschwungenen, von zwei Seiten hoch zu einer Art Raumkapsel führenden Metalltreppen-Konstruktion zitiert es die Showtreppen-Tradition des Musicals. Selbst einen Steg in den Saal des mitten in einer Baustelle sich behauptenden Düsseldorfer Schauspielhauses gibt es. Auf ihm liegt Hans Petter Melø Dahl für lange Zeit, während sich hinter ihm Szenen zwischen den anderen Figuren abspielen. Wer zuvor noch nicht auf die Idee gekommen ist, das ganze Treiben könnte sich alleine in Newtons Kopf abspielen, wird so regelrecht mit der Nase draufgestoßen.

lazarus 560 lucie jansch u"Fly me up to the moon, let me play among the stars ...", Hans Petter Melø Dahl, Florentine Kühne, Eva Löser, Rosa Enskat, Inga Krischke, Lieke Hoppe  © Lucie Jansch Dieser Hang zum Überdeutlichen prägt auch die Auftritte der drei Mädchen, die meist den mörderischen Valentine umschwärmen und als Background-Sängerinnen fungieren. Ihre schwarzweißgestreiften Ganzkörperanzüge und ihre tiefschwarz geränderten Augen weisen sie unzweifelhaft als Harlekine des Todes aus. Und ihre Tanzchoreographien schlagen nicht nur eine Brücke zu typischen Musicalmomenten. Sie wecken gleich noch Erinnerungen an Videoclips aus den 1980er und 90er Jahren. So viel Show muss sein.

Glamour, erst am Ende Fiebertraum 

Wenn sich schließlich die eine Raumkapsel zitierende Metallkonstruktion gen Himmel erhebt und der Außerirdische gemeinsam mit Lieke Hoppes Geistermädchen dem irdischen Jammertal entschwebt, ist der Effekt ebenso kalkuliert wie die vielen (Live-)Videobilder, mit denen Matthias Hartmann Kino-Phantasien nacheifert und den Anschluss an Nicolas Roegs wild-romantische Visionen von sich verlierenden Aliens und Menschen sucht. Nur ist all dieser Zauber gar nicht nötig. Er verstellt vielmehr den Blick auf die faszinierende Ambivalenz des Stückes, in der sich das Schillernde wie auch das Chamäleonhafte von David Bowies Kunst-Persona kongenial spiegeln.

Dabei hat Hartmann mit Hans Petter Melø Dahl und André Kaczmarczyk gleich zwei Darsteller, die ganz nah an Bowie dran sind. Dahl ähnelt dem älteren Bowie nicht nur äußerlich. In seinem meist reduzierten Spiel, das er nur gelegentlich durch exaltierte Gesten aufbricht, erkennt man sogleich dessen kühle Unnahbarkeit wieder. Kaczmarczyk beschwört indessen den jungen Sänger und Schauspieler herauf, der 1976 Newton in Roegs Film gespielt hat. Er ist der "Thin White Duke" als düsterer Todesengel, der einen verführt und zugleich in Angst und Schrecken versetzt. Die Nähe von Eros und Thanatos zu betonen, mag ein Klischee sein. Aber Kaczmarczyk tänzelt mit einer solchen Eleganz zwischen ihnen hin und her, dass man das vergisst. In seinen Szenen wird "Lazarus" tatsächlich zu dem "Fiebertraum", der Enda Walsh bei der Arbeit an dem Musical vorschwebte.

 

Lazarus
Deutschsprachige Erstaufführung
Musical von David Bowie und Enda Walsh
nach dem Roman "The Man Who Fell to Earth" von Walter Tevis, Deutsch von Peter Torberg
Regie: Matthias Hartmann, Bühne: Volker Hintermeier, Kostüm: Su Bühler, Musikalische Leitung: Heinz Hox, Videodesign: Stephan Komitsch, Roman Kuskowski, Choreographie: Bridget Petzold, Licht: Jean-Mario Bessière, Dramaturgie: Janine Ortiz, Live-Kamera: Stephan Komitsch.
Mit: Hans Petter Melø Dahl, Lieke Hoppe, André Kaczmarczyk, Rosa Enskat, Inga Krischke, Eva Löser, Florentine Kühne, (alternierend: Vera Marhold), Christian Erdmann, Stefan Gorski, Marie Jensen, Thomas Wittmann.
Band: Marcus Bartelt, Hanno Busch, Peter Engelhardt, Heinz Hox, Karsten Riedel, Christian Samosny, Wolf Schenk, Stephan Schott.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.dhaus.de

 

Kritikenrundschau

Der Kurzbericht von tagesschau.de zur Premiere von "Lazarus" ist hier zu besichtigen.

Stefan Keims nächtliches Fazit-Gespräch mit Eckhard Roelcke auf Deutschlandfunk Kultur (3.2.2018). wird auf der Website kurz zusammengefasst: Hartmann versuche dem Stück "in allen seinen Facetten" gerecht zu werden. "Das ist zuerst einmal gut, führt hier aber nicht zu einem glücklichen Ergebnis". Statt wie ein "Fiebertraum", wie von Bowie gewünscht, fühle sich das Stück wie eine "perfekte Kunstinstallation" an. Es fehle der Flow, manche Dialoge seien "durchaus witzig", aber leider werde die Aufführung "immer wieder in Richtung Boulevardkomödie heruntergeholt".

Andreas Wilink schreibt auf Spiegel Online (4.2.2018, online 11:10 Uhr): Enda Walshs "traumverrätseltes Libretto" und Matthias Hartmanns Regie verschwänden hinter der "opulenten Video-Artistik", den Kostümen und den "soft arrangierten Bowie-Songs". Dieses "melancholisch gleißende Künstler-Requiem" hätte "einiges mehr an Fluidum vertragen". Das Theater "verbleibt sehr am Boden, der Gesang hingegen hebt ab". Einen "Höhepunkt" aber habe die "leicht versteifte Inszenierung". André Kaczmarczyk als "mörderisch romantischer Luzifer und Verführer". Wilink schwämt: "A Star is born: funkelnd-frivol, zärtlich-sarkastisch und von abgründig ambivalenter Erotik". Seit Ute Lemper als Sally Bowles in "Cabaret" hätte es das in Düsseldorf nicht gegeben.

Die Düsseldorfer Inszenierung wirkt auf Jan Kedves von der Süddeutschen Zeitung (5.2.2018), der den Offenen Brief der Burgtheater-Mitarbeiter*innen während der Vorstellung nicht aus dem Kopf bekommt, "wie auf Drogen". Der Hauptdarsteller singe "nicht wie Bowie, sondern mit viel zu viel Pathos". Eigentlich schreie er "immerzu 'Nein!', während um ihn herum, in einer (…) Raumkapsel-Schlafzimmer-Landschaft Morde geschehen und drei 'Teenage Girls' sexy tanzen. Es ist die Hölle." Die Songs seien "trotzdem wunderbar, vor allem, wenn sie nicht von Hans Petter Melø Dahl gesungen werden, sondern von André Kaczmarczyk." Für den Kritiker fühlt sich das nach "Nummernrevue" an, "vor allem, wenn dann wieder die drei erotischen Teenagerinnen, von denen man nie weiß, was für eine Funktion sie eigentlich haben, in ihren engen Streifen-Bodys und hohen Glitzer-Plateau-Stiefeln tanzen."

Simon Strauss von der Frankfurter Allgemeinen (5.2.2018) hingegen findet Dahl und Bo­wie "er­staun­lich ähn­lich". Sei­ne Stim­me sei allerdings "ei­gen­stän­dig stark, die schwie­ri­gen Text­zei­len klin­gen von ihm ge­sun­gen mit­un­ter so­gar hand­fes­ter und ein­fa­cher als sie ge­meint sein könn­ten." Hart­manns Inszenierung beschreibt der Kritiker als "sorg­los-hei­te­r". "Vom an­ge­kün­dig­ten 'Re­qui­em' ist der Abend über­haupt weit ent­fernt", statt­des­sen "ei­ne un­ter­halt­sa­me, manch­mal so­gar mit­rei­ßen­de Num­mern­re­vue", in der die Hand­lung "weit in den Hin­ter­grund" gerate und die "plat­ten Dia­lo­ge" nur als Lückenfüller dienten. Die drei "mit glit­zern­den Pla­teau-Pumps ge­stie­fel­te Vo­cal-Girls sor­gen für ei­ne an­rü­chig-schwüls­ti­ge (oder schon se­xis­ti­sche?) Stim­mung". "Wirk­lich pro­fes­sio­nell wirkt das al­les al­ler­dings nicht, in je­der Se­kun­de merkt man, dass hier Thea­ter­leu­te, kei­ne Mu­si­cal-Pro­fis am Werk sind. Aber was dem Abend wo­mög­lich an Kön­nen und Am­bi­ti­on fehlt, wird durch die gro­ße Spiel- und Sin­glau­ne der Be­tei­lig­ten und die kaltro­man­ti­sche Mu­sik von Bo­wie wett­ge­macht."

Ein "echter Coup" sei Schauspielintendant Wilfried Schulz mit der deutschsprachigen Erstaufführung des Bowie-Musicals gelungen, schreibt Christian Bos im Kölner Stadt-Anzeiger (4.2.2018). Mit Matthias Hartmann habe er auch den richtigen Regisseur an der Hand – "einen, der souverän das Publikum zu bedienen weiß, ohne sich anzubiedern". Auf der Showbühne liefere Hartmann: "eine Show", er "glamt" das Stück "gewaltig auf", so Bos, und rätseln müsse man auch nicht mehr, ob die fantastischen Geschehnisse nur in Newtons Kopf stattfänden. Lob für die Schauspieler*innen: Rosa Enskat mache "das Bestmögliche" aus ihrer Nicht-Rolle und André Kaczmarczyk "schlängelt sich derart genüsslich in der Wohfühlzone zwischen Thanatos und Eros, dass er dem Publikum Freudenjauchzer entlockt".

"Kalt und künstlich" sei Matthias Hartmanns Produktion, "die über weite Strecken wenig berührt", bemerkt Annette Bosetti von der Rheinischen Post (5.2.2018). Ein "potentes Staatsschauspiel" ziehe hier "alle Register", zu erleben sei "eine aufwendige Show mit erzählerischen Schwächen". Doch "der Sound stimmt" und Bowie-Fans würden diesen "Lazarus" vermutlich lieben: "Weil sie ihrem Idol noch einmal nahe sein können." Bowies Musical sei "die moderne Passionsgeschichte eines weltberühmten Mannes ..., der auf dieser Welt nicht zurechtkam". Bei Hartmann seien "Shalalala-Girls, eine stalkende Assistentin (stimmgewaltig: Rosa Enskat), ein engelsgleiches Zauberwesen (anrührend: Lieke Hoppe)", kurz: das "kirre Personal" zuständig für die Sehnsüchte und Phantasmen der Titelfigur. Deren Besetzung ist Bosetti zufolge ein "Knackpunkt" der Inszenierung: Hans Petter Dahl – ein Performer, kein Schauspieler – sondere sich aus dem Ensemble aus, so Bosetti; der von André Kaczmarczyk gespielte Dämon stehle ihm "die Show mit seiner Präsenz".

Mit "Ovations-Stürmen für Regieteam und Darsteller" gefeiert worden sei "das poetische Rätsel über das Sterben", schreibt Max Kirschner in der Westdeutschen Zeitung (5.2.2018). In den Jubel hätten sich "keine „Missfallensbekundungen über Regisseur Matthias Hartmann wegen der Vorwürfe gegen ihn" gemischt. Ob der krebskranke Bowie mit "Lazarus" ein Musical oder sein Requiem geschrieben habe? "Egal. Jedenfalls ist die Show mit Raumschiff, Sonnensegeln, Matrazengruft und Hollywood-Treppen … ein inszeniertes Musik-Spektakel – mit Welthits". Kirschners Fazit: "Große Show", auf Broadway-Niveau; "Story schwach, Musik stark". Allen die Schau stehle André Kaczmarczyk als Valentine, im Original ein langweiliger Serienkiller: "Hartmann zaubert daraus eine Mischung aus Dämon und Diva, eine Transgenderfigur, die Frauen und Männer betört. Lasziv, frivol, mit funkelndem Mephisto-Lächeln und einer Stimme, die sich in das Gedächtnis eingräbt."

 

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